VSA: eine Power-Point-Geschichte

In einer Power-Point-Präsentation auf der Linken Medienakademie [LiMA] im März 2010 in Berlin hat das Team-Mitglied Gerd Siebecke versucht zu vermitteln, was VSA: macht, wer VSA: macht, wie VSA: gemacht wird, was VSA: früher gemacht hat und was VSA: in Zukunft machen will. Zu sehen sind auch Irr- und Umwege, frühe Medienprojekte und Umschlaggestaltung im Wechsel der Zeiten. Die Präsentation kann als pdf-Datei heruntergeladen werden.

VSA: 42 Jahre Links – die Verlagsgeschichte?

Die »Knotenpunkte« der Verlagsentwicklung anhand veröffentlichter Buchprojekte und anderer Ereignisse der Verlagsarbeit nachzuzeichnen, ist ein aufwändiges Unterfangen. Da dies nur neben der Bewältigung der laufenden Verlagsprogramme geschehen kann, müssen vorerst zwei Interviews reichen, in denen die Verlagsgeschichte eine Rolle spielt – eines aus dem März 2012 und eines anlässlich von 30 Jahren VSA: Büchern.

Foto: Johannes Schulten

40 Jahre VSA: Gespräch mit der Tageszeitung junge Welt

»Linke Verlage werden immer in der Nische bleiben«

Der VSA: Verlag wird 40. Über »verwirrende« Titel zum Eurokommunismus, enge Beziehungen zur Gewerkschaftslinken und den Kampf, in Buchläden zu kommen. Ein Gespräch von Johannes Schulten mit Gerd Siebecke und Marion Fisch in der Tageszeitung junge Welt vom 17./18. März 2012, Nr. 66

Gerd Siebecke, geboren 1949, arbeitet von Anfang an im VSA: Verlag mit. Er ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Sozialismus und des Wissenschaftlichen Beirats von Attac. 2011 veröffentlichte er bei VSA: das Buch »Die Schanze: Galão-Strich oder Widerstandskiez?« über das Hamburger Szeneviertel Sternschanze, in dem er seit 1997 lebt.
Marion Fisch, geboren 1968, arbeitet seit 1995 im VSA:Verlag, ist dort u.a. zuständig für Lektorat und Herstellung.

Stimmt es, daß der VSA: Verlag aus einem Marx-Lesekreis entstanden ist?
Gerd Siebecke: Das könnte man so sagen. Die Gruppe, die den Verlag 1972 übernommen hat, nannte sich »Projekt Klassenanalyse«. Wir waren tatsächlich eine Art Marx-Lesegruppe und haben uns vor allem mit den Marx’schen Frankreich-Schriften auseinandergesetzt. Bei den »Klassenkämpfen in Frankreich« oder dem »Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte« fanden wir theoretische Grundlagen, um eine Analyse von Klassenstrukturen der damaligen bundesrepublikanischen Verhältnisse auf den Weg zu bringen. Für unsere ersten Veröffentlichungen haben wir einen Verlag gesucht.

Wie kam es zu dem etwas sperrigem Namen »Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung«?
Gerd Siebecke: Wir gründeten den Verlag in Berlin damals nicht neu, sondern übernahmen ihn von Vorgängern, die ihn so getauft hatten. Der Name war uns schon damals zu eng, weshalb wir relativ schnell die Abkürzung VSA benutzten. Der Bezug zur Arbeiterbewegung ist allerdings richtig, denn er unterstreicht eine Kontinuität, die bis heute anhält. Hätten wir einen neuen Verlag gegründet, hätten wir ihn vermutlich anders genannt.

Die erste Veröffentlichung waren dann die berühmten vier Bände des Projektes Klassenanalyse?
Gerd Siebecke: Ob berühmt, lassen wir einmal dahingestellt. Der erste mit dem Titel »Taktik der proletarischen Partei« erschien im Januar 1972. In ihm haben wir die Ergebnisse der bereits angesprochenen Beschäftigung mit den Marx’schen Frankreichtexten zur Diskussion gestellt. Als Grundlage einer vernünftigen politischen Taktik bedarf es einer Analyse der Klassenstrukturen und dafür wiederum ist theoretisches Rüstzeug notwendig. Das haben wir bei Marx gefunden. Im Anschluß daran haben wir uns angeschaut, wie Lenin das für Rußland gemacht hat. Daraus ist eine ziemlich umfangreiche Studie über Lenin und den Leninismus geworden, die innerhalb der »kommunistischen Weltbewegung« ziemlich aneckte. Sie räumte u.a. mit dem Vorurteil auf, daß der Leninismus eine Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus sei und stellte Lenin sozusagen neben den Sockel.

Dann folgten zwei Bände über die realen Klassenverhältnisse in der Bundesrepublik: eine theoretische Auseinandersetzung mit vorliegenden Sozialstrukturanalysen und eine empirische Studie mit dem Versuch, die Klassenverhältnisse in der Bundesrepublik zu analysieren.

Wichtig war für uns auch, daß die Beteiligten damit zugleich ihren Studienabschluß am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin gemacht haben. Das war im Rahmen damaliger Studienreformprojekte noch möglich.

Wie ist es zum Sprung von einem Selbstverlag zu einem richtigen gekommen?
Gerd Siebecke: Unsere Grundidee war von Anfang an, ein Medium zu schaffen, mit dem man marxistische Theorie und politische Arbeit publizistisch miteinander verbinden kann. Das geht natürlich nicht nur mit eigenen Texten, sondern wir wollten auch andere Autoren zur Diskussion stellen. Eine der ersten Veröffentlichungen war zum Beispiel der Sammelband »Marxismus und Ideologie« von Louis Althusser mit Positionsbestimmungen, die quer zu dem Mainstream der marxistisch-leninistischen Theorie standen. Das fanden wir total spannend, weshalb dann auch gleich ein weiterer Band »Was ist revolutionärer Marxismus?« folgte, in dem eine politische Kontroverse mit dem britischen Marxisten John Lewis dokumentiert wurde. Von Althusser waren bis dahin in Deutschland nur theoretische Texte erschienen. Uns ging es um die Verknüpfung von Theorie und Politik. Althussers Texte sind übrigens – sowohl in Neuausgaben als auch in der Erstveröffentlichung der Studie über die Reproduktion der Produktionsverhältnisse – noch immer Bestandteil des VSA-Programms.

Wo lagen die Unterschiede zu anderen linken Verlagen? Wie würden Sie das damalige Profil von VSA bezeichnen?
Gerd Siebecke: Eigentlich war es so ähnlich wie auch heute noch: Nicht so zu tun, als habe die Linke schon immer gewußt, wo es langgeht. Das Profil zeichnete sich dadurch aus, den Blickwinkel auch nach außen zu richten und kontroverse Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dadurch sollten die Blockaden, die schon damals innerhalb der Linken existierten, überwunden werden. Das hat uns nicht selten den Vorwurf eingebracht, die Publikation unterschiedlicher oder gar kontroverser Positionen in einem Verlag würde die Leute nur verwirren, übrigens eine Einstellung, der man heute noch begegnen kann.

Einer dieser »verwirrenden« Titel war wahrscheinlich die »Geschichte des Stalinismus« von Jean Elleinstein …
Gerd Siebecke: Das Buch haben wir 1977 veröffentlicht, als wir schon teilweise in Hamburg waren. Es ging um die Frage, ob Kommunisten Lehren aus einer ziemlich bedrückenden Epoche der eigenen Entwicklung ziehen können. Und es ging darum, ob kommunistische Parteien sich wandeln können. Und wenn ja, wohin sie sich wandeln und was das bedeutet. Zu Recht schrieb Wolfgang Abendroth in einer Besprechung in Konkret, daß Elleinsteins Buch auch mit Blick auf die wieder zu konstatierenden – Stichwort »Verwirrung« – »Rückfälle gegenüber Meinungs- und Diskussionsfreiheit … eine ebenso gründliche wie überzeugende marxistische wissenschaftliche Analyse [ist], die alle wichtigen Fakten darstellt«. Das war, wenn man so will, bereits Bestandteil der damals geführten Eurokommunismus-Diskussion. Zu dieser veröffentlichten wir auch Positionen der Italienischen Kommunistischen Partei, u.a. mit Beiträgen von Enrico Berlinguer, dem damaligen Generalsekretär der PCI. Die Frage war, wie sich die Linke aufstellen muß, um in Abgrenzung zum Stalinismus eine andere Form von Massenwirksamkeit zu erreichen.

Später kamen dann Santiago Carrillos »Eurokommunismus und Staat« hinzu, in dem der damalige Vorsitzende der Kommunistischen Partei Spaniens die Notwendigkeit einer »Diktatur des Proletariats« in Frage stellte, und Pietro Ingraos »Massenbewegung und politische Macht«, in der das damalige führende KPI-Mitglied die Rolle von sozialen Bewegungen antizipierte. Wir haben auch versucht, die Diskussion innerhalb der Französischen Sozialistischen Partei, in der es eine starke marxistische Strömung gab, zugänglich zu machen. Ziel war die Europäisierung linker theoretischer wie politischer Diskussionen.

Ende der 1970er Jahre ging es endgültig von Westberlin nach Hamburg. Welchen Grund hatte der Ortswechsel?
Gerd Siebecke: Die politischen Diskussionen innerhalb der Linken Westberlins nahmen immer mehr den Charakter von Auseinandersetzungen an, wie Marx und Engels sie für ihr Londoner Exil beschrieben hatten. Das fanden wir nicht sonderlich befruchtend für linke Theorie und Politik. Daß es dann Hamburg wurde, hatte natürlich auch mit persönlichen Gründen zu tun.

Wie hat sich das Ende der DDR auf die linke Verlagslandschaft ausgewirkt? Der große Pahl-Rugenstein Verlag ist insolvent gegangen, Francis Fukuyama rief das »Ende der Geschichte« aus und Gewerkschaftsthemen und Klassenanalyse kamen auch in der Linken aus der Mode Mit welchen Problemen hatte der VSA: Verlag zu kämpfen?
Gerd Siebecke: Das war eine widersprüchliche Situation für uns. Auf der einen Seite hatten wir die Hoffnung, daß der traumatische Antikommunismus zurückgeht, daß man ein paar Grenzen innerhalb der Linken überwinden könnte, um etwas gemeinsam zu machen. Das hat sich nur zum Teil realisieren lassen. Auf der anderen Seite entstand auch für uns ökonomisch eine ziemlich bedrohliche Situation. Wir hatten angefangen, politische Reiseführer zu machen, die relativ erfolgreich waren. Ein Schwerpunkt war Osteuropa mit vier Bänden zur Sowjetunion, einem zu Ungarn, der Tschechoslowakei und Albanien. Mit dem Zerfall des sozialistischen Lagers waren die Bücher von einem Tag auf den anderen wertlos, keiner wollte mehr nach Albanien fahren. Zeitgleich stiegen die größeren Verlage mit mehr Marktmacht in den Markt für alternative Reiseführer ein, was auch für die anderen Titel die Luft immer dünner werden ließ.

Wenn ich mir die Bücherwand im Hintergrund anschaue, hat der Output Mitte der 90er Jahre zugenommen und sich dann Anfang des neuen Jahrtausends beschleunigt…
Marion Fisch: Die Autorenschaft ist breiter geworden. Zwar spielten zum Beispiel gewerkschaftliche Themen von Beginn an im VSA-Programm eine Rolle. Aber dadurch, daß wir Diskussionen aufgegriffen hatten, die auch jenseits der Beschlußlage der DGB-Gewerkschaften lagen, wurde dieser Bereich wichtiger. Um ein Beispiel zu nennen: In dem Buch »Mehr Druck durch mehr Freiheit« haben die Herausgeber Wilfried Glißmann und Klaus Peters die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen aufgegriffen, eine Thematik, die damals innerhalb der Gewerkschaften ziemlich kontrovers diskutiert wurde.

Gerd Siebecke: In diesem Zusammenhang muß auch die Zeitschrift »Sozialismus« erwähnt werden, die – zunächst als »Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus« – ebenfalls seit fast 40 Jahren im Verlag erscheint. Mit den in jedem Heft enthaltenen Beiträgen des »Forum Gewerkschaften« sind wichtige Debatten innerhalb der Gewerkschaften angestoßen worden und werden es noch immer.

Marion Fisch: Das hat auch auf das Buchprogramm ausgestrahlt. Zu Beginn wurden diese Veröffentlichungen vom gewerkschaftlichen Mainstream nicht immer gern gesehen, aber wir konnten Kompetenzen entwickeln. So hat sich das Verlagsprogramm ausgedehnt.

Insgesamt haben wir uns immer um eine bestimmte Breite an Publikationen bemüht. Und das hatte einen ganz profanen Hintergrund: Niemand von uns war Hausbesitzer oder hatte sonst irgendwelche Finanziers im Hintergrund. Wir mußten immer versuchen, Verlagsprogramme zu machen, an denen bis zu acht, neun Arbeitsplätze hingen.

Es hat sich aber auch die Art der Publikationen gewandelt, die dicken Theoriewälzer sind weniger geworden, der Theoriebedarf der Leser ging zurück.
Marion Fisch: Die Lesegewohnheiten haben sich verändert. Man kann die Entstehungsbedingungen seiner eigenen Entwicklung nicht verallgemeinern. Schon die nächste Studierendengeneration hat immer andere Voraussetzungen. Wenn unsere Leser und Leserinnen nicht mehr im Rahmen ihres Studiums zum Marxismus kommen, müssen sie andere Wege finden. Darauf muß man reagieren. VSA hat schon früh etwa Comics gemacht, darunter eine Einführung ins »Kapital«. Seit einigen Jahren veröffentlichen wir regelmäßig kurze, knackige Texte um die 100 Seiten. Ein Beispiel ist die Reihe AttacBasisTexte, die seit knapp zehn Jahren erscheint. Gerade herausgekommen ist eine Streitschrift des Freitag-Redakteurs Michael Jäger gemeinsam mit dem Philosophen Thomas Seibert, die zur Selbstverständigung der Widerständigen einlädt, um auch die (noch) Passiven zu überzeugen, sich zu wehren.

Es haben sich nicht nur die Leserschichten verändert. Auch die Verlagsbranche erlebt momentan wahrscheinlich den schwersten Umbruch der letzten Jahrhunderte. Wann wird es beim VSA: Verlag die ersten E-Books geben?
Gerd Siebecke: Wir haben im Jahr 2005 das erste Buch in freier Lizenz ins Netz gestellt, es war der Attac-Basistext »Wissensallmende«. Das hat weder positive noch negative Effekte gehabt, es war schlicht nicht spürbar. Wir leben allerdings als kleiner Verlag vom Verkauf unserer Titel. Und im Internet gibt es nach unserer Einschätzung für Verlage unserer Größenordnung noch keine einleuchtenden Bezahlmodelle für digitale Bücher. Daher verfahren wir momentan noch nach dem Prinzip: Beobachten und hin und wieder etwas ausprobieren. Ich persönlich bin sehr skeptisch, wie schnell E-Books auch für kleine Verlage ökonomisch tragfähig werden. Wichtiger finde ich den Aspekt, daß immer mehr Leute den Eindruck haben, vom Internet mit Informationen überflutet zu werden. Daraus erwächst auch für linke Verlagsprojekte die Herausforderung, sich stärker um die Auswahl von Inhalten zu kümmern.

Marion Fisch: Noch wichtiger ist allerdings das Problem, wie die Leute zu ihren Büchern kommen. Es ist unbestreitbar, daß der Vertriebsweg Buchhandel mit massiven Problemen zu kämpfen hat. Das trifft selbst für die großen Ketten wie Thalia zu, die nun ebenfalls durch den Internetbuchhandel unter Druck geraten. Allerdings sind unsere Bücher dort eh – um es vorsichtig zu formulieren – unterrepräsentiert, weil nur Titel von Verlagen geführt werden, mit denen ein bestimmter Umsatz gemacht werden kann. Mit ideologischen Vorbehalten hat das weniger zu tun.

Da dies von den verbliebenen linken Buchhandlungen nicht kompensiert werden kann, müssen wir dafür sorgen, daß potenzielle Buchkäufer auch dort, wo es keine engagierten Buchhändler gibt, die unsere Texte auf die Tische legen, sich über die Inhalte informieren und ggf. die Bücher auch kaufen können. Auch deshalb bemühen wir uns um eine ordentlich gepflegte Internetseite, auf der die Besucher in den Büchern blättern können. Und natürlich versuchen wir – selbst wenn uns das dahinter stehende Unternehmen nicht gefällt – über Facebook Leser und Leserinnen auf unseren Verlag aufmerksam zu machen.

Wenn jemand auf die Idee kommen würde, heute einen linken Verlag zu gründen, welche Hinweise aus vierzig Jahren Erfahrung würden Sie ihm mit auf den Weg geben?
Marion Fisch: Einen langen Atem haben, nicht auf die schnellen Erfolge hoffen. Und man braucht ein Kapitalpolster. Das macht ja die Sache meistens so schwierig, weil man ja unabhängig sein will. Man muß gut rechnen können und sollte es vermeiden, auf Projekte zu setzen, die illusorisch sind und nur unnötig Geld verbrennen. Linke Verlage werden in gewisser Hinsicht immer Nischenverlage sein. Aber sie sollten schauen, daß sie die Nische ein Stück ausweiten oder neue Nischen entdecken. Das Wichtigste jedoch ist, daß man ein Umfeld hat, in dem man wahrgenommen wird. Daß unser Verlag aus einem politischen Zusammenhang kam, der mit anderen im Austausch stand, hat das Projekt von Beginn an getragen. Nichts verkauft sich aus dem luftleeren Raum. Es geht nur, wenn man versucht, Kooperationspartner zu finden. Schließlich: Niemand sollte allein auf spannende Manuskripte warten. Gerade als linker Verlag muß man mit den Autoren an neuen Themen und an neuen Zugängen arbeiten.

30 Jahre VSA: Bücher, die anstoßen

Das folgende Interview erschien am 22. November 2001 in Nr. 47 der »Volksstimme«, der Wochenzeitung der KP Österreichs:

Jutta Sommerbauer: Bücher, die anstoßen
Der Hamburger VSA-Verlag macht seit 30 Jahren linke Bücher. Ein Gespräch über Verlagsgeschichte, Programmpolitik und die Renaissance von manch marxistischem Theoretiker in der aktuellen Globalisierungsdebatte.

Wie jedes Jahr war der VSA-Verlag auch diesmal mit einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Große Geschäfte werden hier nicht gemacht, man zeigt Präsenz, trifft KollegInnen und zahlt zähneknirschend die hohe Standmiete. Im letzten Jahr wurde den MitarbeiterInnen von der Messeleitung überraschend eine Sachertorte überreicht – »25 Years Frankfurt Bookfair« stand drauf. Dieses Jubiläum hatte man damals schlicht vergessen. Daraus wurde gelernt und in den Annalen nachgeschlagen: Im nächsten Jahr besteht der Verlag seit 30 Jahren und das soll gefeiert werden.
Einen langen Atem kriegt man mit der Zeit allemal: »Ein Verlag, der 30 Jahre durchhalten konnte – mit Höhen und Tiefen – ist durchaus etwas, das man vorzeigen kann – und anderen Leuten Mut machen, auch im politischen Alltagsgeschäft nicht so schnell aufzugeben«, meint Geschäftsführer Gerd Siebecke im Gespräch.


Würdest du dich unter den heutigen Bedingungen wieder entschließen, einen Verlag zu gründen?
Mehr denn je.


Warum?
Ich finde, es existieren so viele Vorurteile über gesellschaftliche Zusammenhänge, dass die Aufgabe von linken Verlagen, an Aufklärung mitzuwirken, Informationen zu liefern, die andere vorenthalten, Hintergründe aufzudecken, aktueller denn je ist.

War es damals leichter einen Verlag wie VSA zu gründen als jetzt?
Einerseits sicherlich, weil es noch Reste der 68er-Bewegung gab und ein großer Theoriebedarf und eine politische Kultur existierte, die Linke sicherlich noch sehr viel größer war und breiter diskutiert hat. Andererseits musst du als linker Verlag, wenn du keine Gelder von irgendjemandem bekommst und unabhängig sein willst, immer darauf achten, dass du dich auf die Verhältnisse, so wie sie sind, einstellst. Das heißt, du musst deine Auflagen entsprechend kalkulieren. Es gab Zeiten, da konnten wir von dem Text »Eurokommunismus und Staat« von Santiago Carrillo, dem damaligen Generalsekretär der Spanischen KP, mehr als 15.000 Exemplare verkaufen; heute ist man zufrieden, wenn man von einem politisch-theoretischen Text 1.500 Stück absetzt.

Kannst du ein paar Stationen der Entwicklung des Programms aufzählen?
Wir haben uns – neben Titeln, die direkt in die politischen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik interveniert haben – schon immer darum bemüht, Beiträge aus der internationalen marxistischen Diskussion zugänglich zu machen. Eines der ersten Bücher, die wir 1973 verlegt haben, war ein Text von Louis Althusser aus der französischen Diskussion »Marxismus und Ideologie«. Wir haben die Eurokommunismus-Diskussion dokumentiert, haben Gramsci-Texte herausgegeben, bevor die Gefängnishefte erschienen sind und stellen auch weiterhin seine Analysen zur Diskussion (z.B. durch das Buch »Der Marxismus Antonio Gramscis« von Domenico Losurdo, der ja gerade eine »Lesereise« durch Österreich absolviert hat?). Heute gibt es darüber hinaus Debatten zum Thema »Welchen Kapitalismus haben wir nun?«, die auch in Frankreich und in anderen Ländern geführt werden und zu denen wir ebenfalls Bücher veröffentlicht haben. Nicht zu vergessen Pierre Bourdieu, dessen Buch »Wie die Kultur zum Bauern kommt« als vierter Text in der Reihe »Schriften zu Politik und Kultur« gerade erschienen ist.
Daneben gab es, weil ein Verlag nicht auf einem Bein allein stehen kann, immer wieder Versuche, das Profil zu verbreitern: Es begann damit, dass wir das Thema Architektur-Stadtentwicklung aufgenommen haben oder dass wir einen Schwerpunkt Gesundheitssystem zu entwickeln versuchten; letzteres werden wir übrigens im kommenden Frühjahr wieder aufgreifen.
Auch hat es immer wieder Ansätze gegeben, ein Stück in die Breite zu gehen, linke Diskussionen nicht so eng zu fassen, auch kulturelle Aspekte einzubeziehen: Wir haben eine Zeit lang Comics gemacht, z.B. eine Einführung in das Kapital, oder einen Comic über die 68er-Bewegung, einen aus der Hausbesetzer-Szene, als diese relativ bedeutend war.
Oder Informationen über andere Länder: Sehr früh schon waren wir darum bemüht, z.B. den Putsch in Chile zu bewerten oder die Militärdiktatur in Argentinien. Daraus entwickelte sich eine linke Reiseführer-Reihe, die wir zeitweise relativ stark ausbauen konnten. Wir hatten einen Osteuropa-Schwerpunkt, wo 1989 mit einem Schlag der Markt im wahrsten Sinne des Wortes einfach weg war. Hinzu kam, dass die Nische, die wir entdeckt hatten – kritische Reiseführer, die mehr als bildungsbürgerliche Kulturstätten thematisierten –, zunehmend von anderen Verlagen mit belegt und schließlich so groß wurde, dass unsere Vertriebspower und unsere Kapitaldecke nicht ausreichten, um gegen die Macht der Größeren standhalten zu können. Insofern mussten wir unseren Platz in dieser Nische räumen.

Wie bewertest du das »Nischen suchen müssen«...
Kleine Verlage, linke zumal, haben zunächst immer mit Nischen zu tun, weil sie nicht die Möglichkeit haben, selber Themen zu setzen – im Unterschied zu den großen Konzern-Verlagen, die das im Zweifelsfall können. Ein kritischer Verlag ist jedoch kein Mainstream-Verlag, man rennt nicht den Trends hinterher oder bedient sie, sondern hinterfragt Sachen, schaut nach, wo Aufklärungsbedarf existiert. Das würde ich als entscheidenden Unterschied sehen. Beispiel New Economy: Natürlich hätte man die Vorurteile, die es bis zu diesem Frühjahr, als alles zu bröckeln anfing, gab, auch einfach bedienen können – damit hätte man vielleicht eine schnelle Mark gemacht. Da wir jedoch von Anfang an skeptisch waren, was die Tragfähigkeit betrifft, bemühten wir uns eher zu fragen, was eigentlich hinter diesem Mythos steckt. Wir lagen so falsch damit nicht.

Zu Veränderungen im Arbeitsmarkt, neuen Arbeitsverhältnissen etc. findet sich ebenfalls einiges im Programm...
Das ist seit langem eines unserer Themenfelder. Dabei sehe ich zwei Aspekte: zum einen Texte wie »Arbeiten ohne Ende«, die in der Tradition einer kritischen Industriesoziologie – die aber heute nicht mehr von den Universitäten, sondern aus den Gewerkschaften selbst kommen – Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen und in der Gesellschaft nachgehen; zum anderen stellen wir uns der Zukunftsdiskussion in den Gewerkschaften: Sie verlieren Mitglieder, müssen sich neu orientieren. In der BRD gibt es mit ver.di diesen großen Gewerkschaftszusammenschluss, bei dem sich neben der sicherlich immer notwendigen Dienstleistung, die Interessen der Mitglieder zu vertreten, erst einmal herausstellen muss, was gesellschaftspolitisch an Akzenten gesetzt werden kann. Beide Aspekte wollen wir begleiten, verstehen uns als Katalysator und Vordenker, ohne fixe Antworten vorgeben zu können, sondern eher mit dem Ziel, Fragen zu stellen.

Die Art der Publikationen – du hast vorhin das große Theoriebedürfnis Anfang der 70er Jahre erwähnt – hat sich doch sicher mit der Zeit gewandelt?
Ja, Theorietexte sind eine Zeit lang ziemlich stark zurückgegangen. Inzwischen stellen wir wieder ein eher wachsendes Bedürfnis fest, z.B. erklärt zu bekommen, welchen Kapitalismus wir jetzt haben, wie er funktioniert, ob das noch der Kapitalismus ist, den man mit Marxschen Kategorien erfassen kann oder ob man neue dazunehmen muss.

Man merkt also wieder einen Umschwung?
Die Auflagenzahlen von Mitte der 70er wird man vorerst sicherlich nicht mehr erreichen können. Aber wenn du heute von einem Band zur Thematik »Welcher Kapitalismus?« 1.500 Exemplare verkaufen kannst, dann ist das eine Größenordnung, die signalisiert, dass die vorübergehend dominierende Theoriefeindlichkeit aufgebrochen werden konnte. Ich spüre ein wachsendes Interesse, Zusammenhänge zu verstehen und die vielleicht anders erklärt zu bekommen als vor 30, 20 oder auch nur vor fünf Jahren.

In den letzten Jahren war Marx wieder mehr da, Biographien, Neuausgaben, etc. werden veröffentlicht...
Ja, auch für uns war das ganz erstaunlich: Es gab mehrere Konferenzen zur Thematik »150 Jahre Kommunistisches Manifest«, deren wichtigste Beiträge wir in einem Band zusammengefasst haben, der sich auch relativ gut verkaufen ließ. Früher gingen viele theoretische Impulse von den Hochschulen aus; das ist mittlerweile stark zurückgegangen. Gleichwohl höre ich, dass es auch an den Unis, unter den jüngeren Leuten, ein wieder gewachsenes Bedürfnis gibt, sich mit Marx und marxistischer Theorie und Analyse auseinander zu setzen. Da wird man heute versuchen müssen, andere Zugangsformen zu entwickeln, kürzere Texte, nicht so dicke Wälzer, eher Einführungstexte mit Hintergrundmaterial.

Sprichst du damit indirekt auch die Neuausgabe eines Poulantzas-Textes aus dem diesjährigen Herbstprogramm an?
Die Wiederveröffentlichung eines Textes zur Staatstheorie, der bereits 1975 bei uns erschienen ist, in dem Band von Joachim Hirsch und Bob Jessop über »Die Zukunft des Staates«, ja, das ist auch so ein Fall.

Dass jetzt wieder so ein Text nachgefragt wird, zeigt das nicht auch, wie wenig Stoff die heutige Mainstream-Diskussion hergibt?
Was sich für mich darin ausdrückt, ist, dass es in dieser kurzen Zeit der letzten 30 Jahre Highlights gab, die schnell wieder verschüttet wurden. Jetzt erst wird erneut deutlich, welche theoretische Substanz in dem Erklärungsansatz von Poulantzas, was die Veränderung der Staatsfunktion betrifft, eigentlich steckt. Es gibt eine Debatte über den »Staat« – angestoßen auch durch den Mainstream der Sozialdemokratie, die sagt, dass der Staat ökonomisch kaum noch etwas bewegen kann, als »aktivierender Staat« aber zur Drangsalierung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern durchaus von Bedeutung ist –, bei der Poulantzas' Thesen nützlich sein können.
Dass es im Prozess der theoretischen Erkenntnis solche Höhen und Tiefen gegeben hat, zeigt die Geschichte des »Kapital« von Karl Marx: es hatte eine Erstauflage, über die man auch heute verzweifeln würde, zu anderen Zeiten war die Resonanz größer. Ich will nicht so vermessen sein und unsere Bücher mit dem »Kapital« vergleichen, was ich aber deutlich machen will: So etwas gab es auch in den letzten 30 Jahren: Althusser hat 1965 gefordert »Das Kapital lesen«; heute finde ich in der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Studentenzeitung »Diskus« die Aufforderung »Poulantzas lesen«, um die aktuelle Globalisierungsdebatte verstehen zu können.

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