Verabredungen zum Jahrhundertende

»Analysiert die Linke die Widersprüche und Konflikte des ausgehenden 20. Jahrhunderts? Nimmt sie sie zur Kenntnis? Fragt sie sich, ob die Kategorien noch angemessen sind, derer sie sich in der Vergangenheit bediente, um das zu begreifen, was sich heute im Kontext der Globalisierung abspielt, in der jedes nationale Subjekt auf einen erweiterten Gegenspieler trifft?« Diese Fragen standen im Mittelpunkt des gemeinsamen Essays von Pietro Ingrao und Rossana Rossanda Verabredungen zum Jahrhundertende. Aus Anlass des Todes von Rossanda dokumentieren wir einen Brief an ihren Ko-Autor vom 10. Oktober 1994 zu den Verabredungen.

Rossana Rossanda an Pietro Ingrao
10. Oktober 1994

Lieber Pietro,

bis zu welchem Punkt hat die Partei, die Linke, haben wir selbst uns geirrt? Je öfter ich Deine Bemerkungen lese und in mir hin und herwende, desto unruhiger werde ich Beim Versuch, darüber nachzudenken, habe ich geschrieben und wieder durchgestrichen und wieder geschrieben, bis ich am Wochenende mutlos wurde: Wenn es wahr ist, daß in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus - die im Zentrum unserer Untersuchung steht – und im Scheitern des realen Sozialismus (von dem wir übrigens nie sprechen) alles enthalten ist; wenn es wahr ist, daß es sich nicht um »Arbeit« handelt, sondern um die »Idee« der Gesellschaft und der Person, können wir uns dann keine Analyse mehr vornehmen und keine politische Aktion mehr begründen, ohne uns dem ganzen Spektrum von Problemen zu stellen, die damit in Bewegung geraten sind? Um schließlich auch noch nach dem eigentlichen Sinn des Politischen zu fragen?

Welche Kategorien müssen wir aufgrund des tendenziellen Endes des Fordismus neu definieren? (Womit ich nicht Kategorien der Arbeiterbewegung, sondern der politischen Moderne meine.) Wenn wir auf die Frage, wie es zu der eklatanten italienischen Niederlage vom 27. März kam, antworten: In den achtziger Jahren verwandelte sich das materielle Szenario des Klassenkampfs, und weiterhin zu sagen versuchen, wie und mit welchen Ergebnissen, ist dies dann Bestandteil einer gültigen Aussage? Oder verpflichtet es uns zur Veränderung grundlegender Kategorien, die schon frag würdig geworden waren, bevor wir verspätet zu dieser Erkenntnis gekommen sind? Und um welche handelt es sich?

Du befürchtest – und kommst darauf verschiedentlich zurück –, daß in meinem Insistieren auf dem Gebrauch marxistischer Kategorien und auf Hinwendung des Diskurses zu einer genauen Untersuchung der materiellen Prozesse eine Tendenz zur Idee des Verrats und auf längere Sicht einer Überbewertung der Arbeit im Erfahrungshorizont der Person stecke. Als ob das Ende des Fordismus nicht nur zur strukturellen Krise des Keynesianismus, sondern zu einer Krise des europäischen Bewußtseins geführt habe, weil zu dessen Zentrum eine Arbeiter- und kommunistische Bewegung gehörte, die nach dem Bilde ihres Gegners geformt war und deshalb auch mit ihm in die Krise geriet.

So die Diskussion in diesem Sommer mit Dir und Luisa. Hier geht es um einen Akzentunterschied, den es wohl schon seit einigen Jahren zwischen uns gibt. Auch wegen unterschiedlicher Erfahrungen: Die Phase, über die wir handeln, haben wir unterschiedlich erlebt, ich vor allem im Kontakt mit 68ern und ihren Restbeständen, der 77er Bewegung[1] und den Frauen, also den neuen Subjektivitäten, auf die mich schon seit einiger Zeit Texte wie Eros und Kultur[2] und Geschichte und Klassenbewußtsein[3] vorbereitet hatten, und durch Wahrnehmung der Krankengeschichte der realen Sozialismen, die mich bereits zu einigen Schlußfolgerungen über die unglückselige Dyade von Basis und Überbau veranlaßt hatte.

In der KPI und dann im PDS hast Du Dir vor allem den Kopf an der Gebetsmühlenhaftigkeit und Taubheit eines bestimmten classismo[4] eingerannt, der überdies immer schwächer wurde und eines schönen Tages in das Ende des Marxismus, des Sozialismus, des Kommunismus umschlug - und in die Kapitulation vor einem vagen Liberalismus. Und der gleichzeitig immer blind blieb gegenüber Problemen der Person und den historischen Fragen der Ökologie, des Feminismus und der Gewaltlosigkeit, auf die sich die Partei immer nur instrumentell einließ. Obwohl diese neuen Subjekte selbst mehr auf KPI und PDS gesetzt hatten als auf die neue Linke. Beim Kongreß in Florenz[5] hast Du auf ein Zusammenwachsen gehofft, zu dem es aber nicht kam. Und an die Stelle des »Klassen«-Schematismus trat das reine Politikastertum.

Mein Umgang hat mich erkennen lassen, wie stark in den neuen Subjekten die Versuchung ist, eine Totalisierung durch eine neue zu ersetzen. Ich dachte (und denke es heute noch), daß die Beziehung Produktionsweise – Zivilgesellschaft neu überdacht werden muß, was von ihnen niemand so sieht. Alle landen bei der Negation oder der Indifferenz nicht nur gegenüber den Zwangsmechanismen einer traditionellen Partei, die mit dem Industrialismus geboren, also herrschaftsorientiert oder männlich, eine Kriegsmaschine sei - weshalb »Kommunismus« ein Synonym für Rationalisierung, Projekt, Organisation, Kaserne sei -, sondern auch gegenüber dem Produktionsverhältnis an sich. Das Verhältnis zur KPI/PDS hat ihre Fragen noch unbewältigter werden lassen und zu ihrer kulturellen Regression geführt: Die italienischen Grünen sind ohne Stimme; die Friedensbewegung wird von jedem Konfliktausbruch auf dem falschen Fuß erwischt und neigt zu Beschwörung oder humanitärer Hilfe. Und die Feministinnen, die sogar die Frage aufwarfen, ob aus der Moderne überhaupt eine politische Sphäre geboren werden könne, wußten nicht, ob sie für oder gegen die Wahlrechtsreform,[6] für oder gegen die Wahlbeteiligung am 27. März,[7] für oder gegen »194«[8] sein sollten Die »Parteilichkeit/Partialität« [»parzialita«] und die »Begrenztheit« sind zur Methode der Nicht-Intervention außerhalb des ebenso tiefen wie engen Horizonts eigener Forschung geworden. Bei solcher Fragmentierung kann auch die Schuld, die ein Kommunist oder eine Kommunistin ihnen gegenüber hat, gewissermaßen nicht mehr begleichbar sein; man redet nicht mehr miteinander.

So frage ich mich noch einmal: In welchem Maße hat es für uns Gültigkeit, das Jahrhundert auch mit den Veränderungen der Produktionsweise zu interpretieren? Du setzt entgegen: Bis wohin ist es sinnvoll, sich eine solche Frage zu stellen? Zu welchen interessanten Resultaten uns hier die Antworten auch führen mögen: Engt sie uns nicht zu sehr ein angesichts der Fragen, die sich am Ende dieses Jahrhunderts stellen? Liegt nicht auch für uns in der Krise, die sich in den achtziger Jahren entwickelte und die 1989 zur Entladung kam, eine Art »Ende der Geschichte«?

Und hat Dir dann das Kommunist-Sein nicht für lange Zeit andere Dimensionen verschlossen, zuallererst die Poesie, die noch heute einigen aus Deiner Umgebung als eine Verletzung jenes Symbols erscheint, das Du repräsentieren mußtest? Im letzten Gedichtband[9] äußerst Du den Zweifel, ob das »Handeln« nicht das »Sein« unterdrückt und somit den nicht mehr auszulöschenden Sündenfall darstellt. Es gibt ein Fieber des instrumentellen Handelns auch im »politischen Handeln«, und je revolutionärer es sein will, desto mehr entwickelt es eine Tendenz, sich als Totalität zu setzen und somit aus der Person ein Räderwerk zu machen. Hat der Kommunismus nicht alle verletzt, bevor er implodierte? Hat er nicht die Dimensionen verkürzt? Ist er nicht das Spiegelbild der kapitalistischen Entfremdung gewesen? Müssen die Kategorien, in denen wir gedacht haben, nicht von Grund auf überdacht werden?

Ich weiß nicht, was ich Dir dazu sagen soll. Es waren immer wenige Absolutheiten, an die ich geglaubt habe; ich bin keine eindimensionale Kommunistin gewesen und habe auch Dich nicht so gesehen. Ich frage mich, wieviele von denen, die den Kommunismus auf eine nicht bürokratische Weise gelebt haben, es wirklich gewesen sind. Sollten wirklich alle kein Bewußtsein davon gehabt haben, daß die Entscheidung »partiell« war, waren alle taub und blind gegenüber den Bedürfnissen der Person? Oder wußten sie es und haben trotzdem so gehandelt? Ich denke an Curiel,[10] Banfi,[11] Luporini, [12] an das Leben von Togliatti,[13] an bestimmte Entwicklungen von Amendola[14] und an die Neurosen von Pajetta[15] - ich nenne mit Absicht Namen, die ich nicht gerade geliebt habe. Es waren trotzdem nicht die lächerlichen oder dumpfen Figuren, die man heute aus ihnen macht. Von ein paar Generationen auf der Flucht werden wir exorziert.

Du schreibst, daß dieses Jahrhundert schrecklich war. Ich ziehe es vor, es im eigentlichen Sinne »tragisch« zu nennen, d.h. zerrissen von der Unmöglichkeit, die Person wieder zusammenzufügen. Ich möchte aber nicht in einer anderen Zeit gelebt haben, und außer ein paar Tagen im Jahr würde ich auch nicht das Leben von Adriana Zarri[16] führen, von dem ich dennoch weiß, daß es möglich und reich an anderen Dingen ist. Wir sind die letzten glaubenlosen Nachkommen Luthers; wir wußten, daß die Zeit, die wir auf der Erde zu verbringen haben, kurz ist; es gibt keine transzendente Wahrheit, an der wir sie aufhängen könnten, und es ist unsere freie willkürliche Entscheidung, wie wir sie verbringen wollen (wobei wir das Glück haben, in einem Teil der Welt geboren zu sein, wo man sich noch entscheiden kann). Und wie auch immer diese Entscheidung ausfällt: Die Rechnungen gehen nie ganz auf, es gibt immer einen imposanten Rest. Wir haben einen Einsatz dafür gewagt, wie alle zu befreien sind und um nicht mehr zuzulassen, daß jemand der Sklave eines anderen oder von so elementaren Bedürfnissen sein müsse, daß er sich nicht einmal mehr fragen kann, was der Sinn seines Aufenthalts auf dieser Erde ist. Wie muß die Macht reguliert, wie die Freiheit garantiert werden, ohne die Freiheit des anderen zu vernichten; wie ist zu verhindern, daß der andere zum Sklaven oder zur Ware oder zur reinen Funktion seiner selbst wird?

Diesen Einsatz würde ich wieder machen. Er führt in der Tat zu einem »hohen Fieber des Tuns« [17] mit der Gefahr eines verderblichen »Tuns«; aber in der Sphäre des Politischen lassen sich Sein und Handeln nicht voneinander trennen. Wir »machten«, um »sein« zu können, und wenn wir ungeduldig waren, dann auch deshalb, weil wir immer hinter dem, was real sein konnte, zurückblieben (wir, und wohl erst recht unsere »Klassenbrüder«). Und wir sind dabei, unser Leben mit einer Niederlage zu beenden, die mehr als persönlich ist, aber auch in persönlicher Einsamkeit. Wir bezahlen einen Preis, bei dem der Zweifel darüber, worin eigentlich der von uns begangene Irrtum bestand, am schwersten wiegt.

Aber es war nicht einfach eine simplizistische und blinde Entscheidung, eine umgekehrte Neuschreibung des Systems, ein Selbstbetrug. Deshalb habe ich protestiert, als Du sagtest: »Wir sind staatsgläubig und arbeitsgläubig gewesen«, denn mir scheint, wir haben uns immer mit der Ambivalenz sowohl des Staates wie auch der Arbeit auseinandergesetzt - das war unsere Wahrnehmung, nicht die von anderen. Ich würde auch den Symbolismus des Tuns und des Arbeiterstaates in der UdSSR der zwanziger Jahre (ich denke an die Filme - die Schornsteine und Ernten - von Eisenstein) nicht auf reine Arbeitsgläubigkeit, Produktivismus und Wachstumsfetischismus reduzieren wie es Barcellona [18] tut. Sie sind mit ganz anderen Dingen als der Anbetung der Maschine, der geplanten Zeit, des »Produkts« und der Fabrik überladen. »Entwicklung« hat Sinn, wo das Elend Erschöpfung, Krankheit und Tod ist. Es gibt eine Anti-Enwicklungsattitüde, die überhaupt nicht mehr die Frage des Kapitals aufwirft und über die Bedürfnisse anderer aus dem Blickwinkel unserer gut beheizten Wohnungen und überversorgten Metropolen zu Gericht sitzt und die ich unerträglich finde.

Aber so werde ich Dir als Verteidigerin eines Vergangenen erscheinen. Nein. Die Blickwinkel, unter denen der Westen das Seiende betrachten kann, haben sich seit dem Zerbrechen des ptolemäischen Weltbildes vervielfacht. Jeder beleuchtet Teile des Erfahrbaren und verdunkelt andere. Jede neue intellektuelle Perspektive oder innerliche Entdeckung führte in die Versuchung, sich dann zur Ruhe zu setzen; die Faszination der Verabsolutierung ist groß. Weder die Kontemplation noch das Sakrale sind willkürliche Dimensionen; die Archetypen existieren und haben ihr Gewicht. Und auch die Entdeckung der Form hat ihre Autonomie und Absolutheit. Ich möchte in der Welt sein, um es mit Pascal zu sage, mit dem Wissen, daß ihr Anfang und Ende im dunkeln liegt, in ihr meinen Teil wählen, ohne zu vergessen, daß es auch andere gibt, und so zu schreiben wissen, daß dabei immer die Wahl, ihre Partialität, die sie umgebenden Echos erkennbar werden, ohne mich den Risiken zu entziehen.

Deshalb hätte ich mich damit zufriedengegeben, wenn es uns gelungen wäre, auf die Frage »Was ist in Italien geschehen?« eine versuchsweise Antwort zu geben mit dem klaren Bewußtsein, daß es sich hier um ein Untersuchungssegment handelt, das man, wenn es in diesem (vorläufigen) Sinne Gültigkeit beanspruchen kann, wieder durchqueren und dabei auch wieder verändern wird. Die geographische und zeitliche Ausweitung, von der Du sprichst, sollte das Bewußtsein ausdrücken, daß nichts mehr isoliert interpretiert werden kann, daß die Erfahrung voll ist von den Klängen und Echos aus jener Tür nebenan, zu der die Welt geworden ist. Das gleiche gilt für den Untersuchungsgegenstand und die Hypothese, die unsere Untersuchung leitet und von der wir wissen, daß auch sie problematisch und problematisierbar ist.

Aber natürlich müssen wir der Überzeugung sein, daß das, was wir untersuchen, von einer gewissen Bedeutung ist, und daß unsere Methode eine zumindest instrumentelle Gültigkeit hat. Warum sollten wir es sonst tun? Eine Zeit des Schweigens muß zugestanden werden. Vielleicht ist es besser und seriöser, solange zu schweigen, bis mehr Stimmen und deutlichere Konflikte eine Untersuchung legitimieren, die dann mehr wäre als das Sich-vorwärts­ Tasten zweier Personen. Dem stimme ich in jedem Fall zu.

Erstaunlich, wohin wir geraten sind, indem wir uns an aufeinanderfolgenden Entwürfen vorwärtsgehangelt haben. Du hast mit einer Betrachtung über das Defizit des Staatshaushalts angefangen. Jede Untersuchung ist entweder ein Zwerg oder unendlich.

Was folgt, ist ein Antwortentwurf auf Deinen Brief vom 3. September, an dessen Punkte ich mich halte.

Zur Einleitung. Was mich in diesem Sommer interessierte, war nicht "der Niedergang oder das Defizit in der Strategie der Gewerkschaften und der gesamten Linken", sondern die Herausarbeitung der OECD-Linie: Die ökonomisch-soziale Politik der Nachkriegszeit muß beendet werden; Europa wird als Kontinent denunziert, weil er aufgrund exzessiven Schutzes durch tarifvertragliche Regelungen und durch den Sozialstaat als Stoßdämpfer die Entwicklung des Wettbewerbs behindert. Tarifvertraglich und sozial zugestandene Rechte sind zurückzunehmen, um die Arbeitskraft maximal verfügbar, flexibel und zugleich billig zu machen.

Das stellt einen politischen Sprung dar. Die trilaterale Kommission bildete dabei einen Extrempunkt, dem auf Regierungsebene nur der Fall Chile und dann die Thatcher- und Reagan-Regierung entsprachen (letztere mehr in ihren Taten als in ihren Worten): Keine europäische Regierung außer dem Deutschland Adenauers und Erhards benutzte diese Sprache, und die von Willy Brandt hatte sie korrigiert.

Zur politischen Subjektivität. Welches ist in den heutigen kapitalistischen Prozessen die Beziehung zwischen ihrem objektiven Charakter und vorhandenen Wahlmöglichkeiten?

Dies und daraus folgend auch der Spielraum für politisches Handeln ist das Leitmotiv Deines Briefes, der mir darauf auch die Antwort zu geben scheint: Diese Beziehung, die über den Spielraum des Politischen entscheidet, hat sich im Vergleich zu den vor-80er Jahren verringert.

Ich denke darüber nach. Aber ich möchte nicht anstelle des uns vorgeworfenen Determinismus (wir hätten mit der Ausweitung des Proletariats an die Unausweichlichkeit der Revolution geglaubt, usw.) in den entgegengesetzten Determinismus verfallen, dem zufolge Kapital und Technologie gegenüber ihren Besitzern und gegenüber den Staaten eine fatale Eigendynamik entwickeln. Ich würde einer angeblichen totalen Autonomie der Politik nicht eine totale Autonomie der Basis in Gestalt der Technologie oder der Globalisierung und Prekarisierung entgegensetzen.

Mir scheint, daß es noch einen Spielraum gibt zwischen der endogenen Tendenz des Kapitals zur Reduzierung der Kosten (die in dem Maß zwingender wird, wie sich der Markt und mit ihm seine technologisch starken Akteure ausweiten) und seiner Umsetzung in »Wirtschaftspolitik«. Denn es handelt sich im eigentlichen Sinne dabei um eine politisch-ökonomische Formation in ständiger Bewegung, in der sich aber einige Auswirkungen der Bewegung herauskristallisieren. Die Akteure und die Politiken stoßen sich immer an einem historisch gewachsenen Trägheitsmoment, verändern es und dabei auch sich selbst. Was sind die Grundrisse[19] oder die Kritik der politischen Ökonomie,[20] wenn nicht eine Methode zur Analyse des historisch Vorgegebenen und des historisch Möglichen? Zu dem historisch Möglichen gehört das, was Gramsci die An- oder Abwesenheit eines Akteurs im Szenario nennt, der es (von rechts oder von links) verändern will. In diesem Sinn sind die Kultur und das Handeln der Gewerkschaft als objektives Datum zu sehen. Als Bruno Trentin das Abkommen vom 31. Juli mit Amato unterschreibt, ratifiziert er nicht nur die veränderten Kräfteverhältnisse, sondern verändert (wie schon Lama 1978) auch Gewicht und Perspektive der CGIL auf der politischen Bühne Italiens. Für diese Unterschrift muß er entweder die vorhergehende Politik der Gewerkschaft zu einem Irrtum oder den Kapitalismus für derart verändert erklären, daß die Arbeitskraft kein Interesse mehr hat, sich gegenüber dem Kapital, sondern nur noch in ihm zu konstituieren; sie ist nicht mehr die Trägerin einer autonomen Subjektivität und von Bedürfnissen, die sich von denen des Unternehmens unterscheiden. Um sich selbst zu befreien, setzt sie sich nicht mehr mit der Strategie des Kapitals auseinander, sondern nutzt sie möglichst effektiv. Und zwar ad personam, denn eine physische Einheit des gemeinsamen Produzierens mit anderen gibt es nicht mehr oder wird es nicht mehr geben.

Wenn eine Gewerkschaft eine solche Aussage macht, verändert sich das Szenario des Kapitals und der Gesellschaft. Die Konzertierung verhindert, daß es zu einem wirklichen Konflikt kommt. Für die Linke gibt es keine soziale Existenzberechtigung mehr. Was von ihr erhalten bliebe, wäre residual und würde sich nur noch isoliert und als residuale Größe bewegen können.

Wie soll man aus dem Dilemma herauskommen: Jede Variante ist möglich, keine Variante ist möglich? Wieviel hat sich objektiv im Kapital verändert, in welchen Grenzen ist es anders geworden? Hat sich mit der Produktionstechnik auch das Produktionsverhältnis verändert? In welcher Hinsicht? Aus den Antworten darauf ergibt sich der Raum, der heute für ein antikapitalistisches Handeln bleibt oder sich öffnet.

Halten wir also vorläufig fest, was wir bisher geschrieben und gesagt haben. Und benennen wir die Objektivität und die »Möglichkeit« in den drei von Dir genannten zentralen Prozessen.

Informatisierung. Dieses ist ein rein technischer Prozeß, hinter dem älteres steht als der »Wille zur Einsparung von Arbeitskosten«: Das Einsparen von Arbeit ist eine der Urbestrebungen menschlicher Intelligenz; ich denke, man kann es ein »Gut« nennen.

Aber wie schreitet die Technologie voran? Die Investitionen in das Wissen sind nie vollständig vorherbestimmt, auch wenn es hier einen starken Druck in eine bestimmte Richtung gibt: Ich denke an das Fragment über die Maschinen von Marx. Es ist jedoch gewiß, daß die Entscheidung (und ich meine damit nicht nur das

Geld) über die Investition in dieses und nicht in jenes immer eine Zeitlang offen und erfüllt von »Sozialität« ist und dann den Typ der Technologie bestimmt. Es gibt nicht nur - und das ist auch die These von Fast (die Abteilung der Europäischen Gemeinschaft, die sich mit der technologischen Entwicklung beschäftigt) - die eine Technologie, wie es auch nicht nur den einen Gebrauch gibt, der von ihr gemacht werden kann.

Was ist die Natur der Revolution der Informatik? Es geht dabei um die Geschwindigkeit des Rechnens und um die Akkumulation von Erinnerung. Revolutioniert sie noch andere Dinge als die Zeit (vom Typ der Dampfmaschine) oder beschleunigt sie diese nur ungeheuer? Für unsere Zwecke ist diese Unterscheidung vielleicht von Interesse.

Auf beiden Ebenen, insbesondere aber auf der ersten, ist die Asymmetrie zwischen Kapitalist und Arbeitskräften total; letztere entscheiden nicht über die Forschung und durchschauen sie nicht, sondern finden sie in der veränderten Abteilung oder Arbeitsorganisation vergegenständlicht vor. Sie können sie nur a posteriori beurteilen, und das bedeutet einen erheblichen sozialen Vorteil für das Kapital. Ich erinnere mich, daß im Herbst 1972 oder 73 bei Fiat die Arbeit wieder so aufgenommen wurde, daß plötzlich die Maschinen, die Bänder und die Abteilungen umorganisiert worden waren. Zwar handelte es sich um einen gewaltigen Irrtum im Hinblick auf die Marktsituation, aber es zerstörte die Verhandlungsmacht des Fabrikrats, weil dadurch die homogenen Gruppen aufgelöst wurden, von denen er abhing - ein Ergebnis, das den Irrtum über den Typ des produzierten Autos wert war. Hier überkreuzen sich das Objektive und das Mögliche auf unterschiedlichen Ebenen der Verantwortung, auch bei dem, was Du »Verspätung« nennst. Angesichts der technologischen Veränderungen entschied sich z.B. die schwedische Gewerkschaft weder zum Widerstand noch zur Forderung nach präventiver Konzertierung, sondern nur zum unbeugsamen Festhalten am Erhalt des globalen Beschäftigungsniveaus auf Branchenebene. Das war eine realistische Entscheidung, die sich auf die Verhandlungsmacht gründet und sie verstärkt. Die CGIL hat von vornherein darauf verzichtet.

Globalisierung. Dies ist ein erheblich fragwürdigerer Begriff. Das Kapital war schon immer tendenziell global und hat seine Akkumulationsräume ausgeweitet (siehe die berühmten Kugeln aus Zucker, die mehr zum Niederreißen von Grenzen beitrugen als die aus Blei). In Wahrheit handelt es sich in den letzten 25 Jahren um die Beschleunigung eines Prozesses, der im 20. Jahrhundert nur auf einen Widerstand stieß, nämlich die Grenzen des »realen Sozialismus«, aus dessen Existenz auch für die kapitalistischen Gesellschaften eine Art von Notwendigkeit erwuchs, einige soziale Probleme zu lösen. Als es schon vor 1989 zum Zusammenbruch des Ostens kommt, ist die Globalisierung mehr als die Expansion auf den ganzen Planeten - es ist der rush des Kapitals. Bei dem alles, die Objektivität und Subjektivität der Länder, die alten und neuen Konflikte ins Spiel kommen. Es ist die Sphäre des »Möglichen«, und zwar in einer Weise, die ebenso undeutlich wie umfassend ist, weil es auch um die Frage der Staaten geht, die hier überspielt, ausgeschaltet oder verändert werden können.

Ich würde auch anmerken (bin auf diesem Gebiet allerdings sehr ignorant), daß die Globalisierung des Geldes doch offenbar mit der Abschaffung des Gold-Standards in die Krise geriet, und zwar mit der Kündigung der Abkommen von Bretton Woods im Jahre 1971. Die Geschichte des Geldes im Verlauf dieses Jahrhunderts, so faszinierend sie auch als System des Austauschs und als Super-Ware selbst ist, kenne ich nicht und schaffe es auch nicht, sie von links zu lesen.

Ich fände es schließlich auch gut, wenn uns ein Ökonom sagen könnte, was und wieviel von der Produktion auf lokaler Ebene und wieviel tatsächlich auf globaler Ebene stattfindet.

Prekarisierung. Die Arbeit im Kapitalismus war immer prekär, weil abhängig von der Strategie des Kapitalisten, der seinerseits sowohl den Markt bestimmt, wie auch von ihm abhängt. Das unterscheidet sie von den vorhergehenden Arbeitsformen und macht sie immer entfremdet. Die »Nicht-Prekarität« war eine späte Forderung der Lohnabhängigen und setzte sich als solche in den dreißiger Jahren bei den Sozialdemokratien und bei uns in der Nachkriegszeit durch. Im Privatunternehmen wurde sie nie erhört (nur in der staatlichen Verwaltung): Nur etwa in der Zeit zwischen 1966 und 1980 macht die gewerkschaftliche Stärke Entlassungen zu einem Problem.

Das vorausgesetzt, erweist sich die Arbeit heute als noch prekärer, denn

a) führt die Technologie in der Industrie zur Einsparung von Arbeit, während sie gleichzeitig tendenziell die gesamte Arbeit industrialisiert;

b) wurde in Europa die in der Nachkriegszeit verbreitete Auffassung, Arbeit sei ein Recht, inzwischen wieder aufgegeben. Sie wird wieder zu einer reinen Funktion des produktiven Kapitals oder zur Bereitstellerin von Dienstleistungen. Das Selbstbild des Arbeitenden und die Idee, die sich die letzten Generationen von der unmittelbaren Zukunft machten und auf die Kinder projizierten – sie würden es besser haben als wir und sozial vorankommen –, wird damit auf den Kopf gestellt. So ist es nicht mehr, weder im Hinblick auf den Status wie auf das Geld;

c) aufgegeben wurde auch das Recht auf Sozialleistungen, die im allgemeinen mit dem Status des Arbeitenden verbunden waren. Sie sind nun entweder Waren, die der einzelne erwerben kann, oder sie sind Almosen, die die Gesellschaft den Allerärmsten überläßt.

Der erste Aspekt erscheint als objektive Notwendigkeit, der zweite als Ideologie, die übernommen oder abgelehnt werden kann.

Abschließend: Die Objektivität erscheint bestimmend für die Technik, weniger bestimmend für die Globalisierungsprozesse und noch weniger für die Prekarisierung. Aber lies bitte diese Präzisierungen nicht in dem Sinne, daß Rossana sagen wolle, daß es nichts Neues gebe. Solche Mißverständnisse sollten wir zwischen uns nicht aufkommen lassen. Ich will sagen, daß es nicht nur Veränderungen in der materiellen Produktion sind, die (wie Du schreibst) »zu einer Krise der Subjektivität geführt haben«. Ich möchte unterstreichen, daß es einen Raum gibt, wo deutlich das Politische ins Spiel kommt, d.h. die Ziele, die eine Gesellschaft verfolgen oder verteidigen will und die das Individuum meint fordern oder nicht fordern zu können.

Im 20. Jahrhundert hat sich die Gesellschaft auch durch das größere oder geringere Ausmaß definiert, in dem sie die Ware Arbeitskraft vor der totalen Verdinglichung verteidigte. Aber diese Verdinglichung wurde nie so deutlich proklamiert wie heute. Das bedeutet Prekarisierung. Und trotzdem zieht der Politiker heute mehr denn je in Zweifel, daß die Verteidigung vor ihr eine seiner grundlegenden Aufgaben ist. Dies bezweifelt auch die Linke, und das führt mich zu dem Gedanken, ob die »Verspätung«, das »Nicht-rechtzeitig-gesehen-haben« nicht doch an etwas weniger Unschuldigem lag als an einem Wissensdefizit, an überalterten Instrumenten der Analyse. Lag der Verzicht auf alternative Instrumente nicht vielmehr daran, daß man ab 1976/77 in Italien nur noch die Unvermeidlichkeit dessen, was geschah, verinnerlichte? Und wenn ein Kern der Krise der Osten war, lag es dann nicht auch zuerst an der Verabsolutierung und dann an der Verdammung der »sozialistischen Revolutionen« durch die westliche Linke?

Nicht einmal wir sprechen noch davon. Ist nicht vielleicht die Totalität des heutigen Zweifels das Spiegelbild früherer Verabsolutierung? Notwendigkeit oder Ideologie? Sind wir objektiv oder subaltern? Wo verläuft hier die Grenze?

Vielleicht verquickt sich beides. Die Geschichte der stattgefundenen und nicht stattgefundenen Kämpfe ab 1978 könnte meine These untermauern. Es war nicht notwendig, zurückzubleiben. Dahinter stand eine Entscheidung, die dann zum materiellen Bestandteil der Notwendigkeit wurde.

Zu den Eigenschaften und Etappen der liberalistischen Offensive. Hier würde ich an meiner These festhalten. Die Entscheidung, zu einem liberalistischen Staat überzugehen, der die »staatlich­politische Vermittlung« einschränkt, beginnt mit der Regierung Amato, und zwar genau im Sommer 1992, als schon alle heute auf der Tagesordnung stehenden Themen durchgespielt wurden: Abbau des Wohlfahrtsstaates (erster ernster Schlag gegen die Renten; Erklärung, daß es mit der öffentlichen Natur des Arbeitsverhältnisses in den staatlichen Dienstleistungen ein Ende haben muß; Umbau des Gesundheitswesens in Richtung auf Privatisierung mit entsprechenden Ausgaben-Kürzungen; Privatisierung öffentlicher Einrichtungen). Und auch die Linke, eingeschläfert von Tangentopoli und auf der Suche nach einer Regierung im Zentrum, ließ das durchgehen.

Nach dem Sturz von Amato, der Sekretär der PSI gewesen war und somit im Verdacht stand, das alte System zu verteidigen, das er gerade zu zerstören begann – auch il manifesto hat dies damals gedacht –, führte Ciampi die Politik Amatos fort. Warum auch nicht? Die Abkommen vom 31. Juli[21] waren nicht Ergebnis einer Vermittlung, sondern die Kapitulation der Gewerkschaft vor den Unternehmensinteressen im Austausch für die Konzertierung. Mit der Konzertierung nahm die Arbeitslosigkeit in zwei Jahren sprunghaft um 700.000 zu. Durch Maastricht war ja im übrigen die Bewegungsfreiheit des Kapitals legitimiert worden.

Heute glaubt Berlusconi, mit einem Frontalangriff von den Gewerkschaften das bekommen zu können, was Amato und Ciampi mit der Konzertierung versucht (und erhalten) haben: Der Unterschied besteht im politischen Vorgehen, das keine geringe symbolische Bedeutung hat. Wie Craxi mit der Scala mobile.[22]

Du schreibst, daß Italien die 80er Jahre verschlafen hat. Ich meine, daß es in den 80er Jahren die Linke - sowohl diejenige, die nicht durchschaute, was auf der Kapitalseite geschah, wie auch diejenige, die es (wie Trentin) durchschaute - zuließ, daß sich der Umstrukturierung des Kapitals keine staatliche Vermittlung entgegensetzte, die man im Namen der »Rechte« und der »Solidarität« hätte fordern und durchsetzen müssen. Der staatlich vermittelte Kompromiß zwischen Kapital und Arbeit, der unsere Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigte, wurde aufgegeben - ich weiß nicht, ob wir darin als Land etwas verschlafen haben. Ich weiß, daß die Verquickung dieses Kompromisses mit einer maßlosen Korruption ihn unterminiert hat und das Vorgehen der Justiz die Legitimation eines vermittelnden Staates sowohl für die Rechte wie auch für die Linke prinzipiell zerstört hat. Die Korruption hat in diesem Jahrhundert immer eine derartige Auswirkung: Sie wird von der Rechten instrumentalisiert. Vielleicht hätte man sich in Erinnerung daran fragen sollen, ob wir sie nicht einziges Mal auch für uns nutzen könnten, wenn auch mit etwas anderen Argumenten.

Zum Nationalstaat. In diesem Punkt gibt es, wie ich denke, zwischen uns Einverständnis. Ich würde es allerdings vorziehen, noch besser das Problem des Staates als »nationale Macht, Nation« vom Problem des Staates als »Sphäre des Öffentlichen« zu unterscheiden. Die »Kritik von links«, die sich gegen den Staat herausbildet, betrifft diesen zweiten Aspekt und nicht nur die Frage der Repräsentanz, zu der ich noch komme. Es ist eine Kritik, die unmittelbar marxistische und leninistische Vorläufer hat, aber die auch in den neuen Subjekten wiederauflebt: Was ist ein »Nicht­Klassen-Staat«? Gibt es ihn? Und was ist umgekehrt eine öffentliche Sphäre des Staatlichen, die nicht nur die Summe sich selbst verwaltender Subjekte ist? Von den Sowjets über den Arbeiter-Staat bis zum parlamentarischen Etatismus (und der ganzen italienischen Problematik, in der Du Dich gut auskennst und die alles andere als einfach ist) springt man zur Selbstverwaltung der »Zwischenräume« (Cobas,[23] Soziale Zentren, ehrenamtlich-humanitäre Initiativen, Basisbewegungen, auch im Feminismus).

Für eine Argumentation wie die unsrige ist dies ein Punkt, der nicht ausgelassen werden darf: Es muß wieder eine öffentliche Sphäre entstehen, die regulierend auf das Kapital einwirkt und die den Welfare steuert. Wir dürfen nicht vergessen, daß es zu einer Krise des Nationalstaats nicht nur angesichts des sich globalisierenden Kapitals, sondern auch im Hinblick auf den Bürger und die Bürgerin als Individuen gekommen ist (wo, wenn nicht an diesem Punkt kam es bei den Wahlen zu dem Erdrutsch nach rechts?).

Ein anderer Problemkreis: das nationale Fundament des Staates. Hierzu müßten wir wenigstens eine Anmerkung machen. Die Nation als Ethnie ist ein sowohl prä- wie postmodernes Phänomen (wobei ich etwas fragmentarisch, aber vielleicht trotzdem verständlich die »Moderne« von der französischen Revolution bis 1989 rechnen würde). Die Ethnie hat etwas zu tun mit dem Blut, den Wurzeln, dem Körperlichen, dem Nicht-Bearbeitbaren. Wenn man diese Art von Differenz betont, dann verstrickt man sich in Prinzipien der Selbstlegitimierung, die substantialistisch und nicht kommunizierbar sind, wie Rasse oder Blut oder ähnliches – deshalb interessieren mich die Frauen und streite ich mich mit ihnen. Diese Prinzipien verleihen jedem Prozeß, der Identitäten in der Perspektive des Zusammenlebens und nicht nur des Nebeneinanderher-Existierens herausarbeiten will, den Charakter des Abstrakten und Irrealen. Sie verbleiben in der Phase, die Gramsci die der Trennung nannte, und in der Furcht, sich in der Kommunikation zu verlieren. Aber die Nation war dort, wo es sie wirklich gab, immer das Ergebnis einer Umgestaltung von Ethnien. Ein Volk ist mehr als eine Ethnie.

Wenn es heute im Osten keine Völker und Nationen, sondern Ethnien gibt, dann liegt dies daran, daß dort signifikante Strukturen, wie sie sich aus der Dialektik der Klassen, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen den Traditionen, zwischen Mann und Frau, zwischen den Generationen herausbilden, verschwunden sind bzw. gar nicht erst entstanden oder in den stattfindenden Machtkämpfen zerstört wurden - daher das Gefühl der Unruhe, der Unbefriedigtheit, des Selbstverlustes in die Ethnien. Aber die Ethnien bedeuten Krieg, sie dienen dazu, um zu bekämpfen und zu besiegen. Sie sind blind. Sie sind kein zusätzlicher Wert, den wir verkannt hätten, sondern ein absoluter Unwert. Wie auch der Aberglaube: Er interessiert den Ethnologen, aber der Politiker sollte ihn nicht kultivieren.

Die Ethnien im Süden der Welt sind anders. In den »indépendences octroyées« sind sie nie dazu gekommen, sich als Nationen herauszuarbeiten (wo es doch dazu gekommen ist, wie in Indien, China und Japan, liegen die Dinge anders; hier gibt es Nationen und Staaten, die kein interethnischer Konflikt zersetzen kann). Die Interessen des Neoimperialismus und die Kompradoren-Bourgeoisien tragen zur Fragilität der Staaten bei, die nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auf den Landkarten eingezeichnet wurden. Hierzu fällt den Pazifisten und auch den »Demokraten« nichts ein. Es führt kein Weg daran vorbei, daß sich heute eine Nation nur in einer politischen Dialektik herausbildet, die sich zwischen den Akteuren eines explizit gewordenen sozialen Konflikts entwickelt. Ich glaube nicht, daß die Fundamentalismen in der Lage sind, eine Nation zu bilden. Ich bin nicht einmal davon überzeugt, daß sie eine elementare Repräsentanz der unterdrückten Völker darstellen.

Und nun noch einmal zum Problem der Repräsentanz. Politische Repräsentanz ist immer ein Abstraktionsprozeß, in dem Dinge wie Identität, Subjektivität, Bedürfnis - oder wie wir sie auch immer nennen wollen - auf eine Kommunikationsebene projiziert werden, in der die Mächte und die Konflikte repräsentierbar sind. Es gibt keine Repräsentanz ohne Sprache, und es gibt nicht Sprache ohne die Suche nach einem gemeinsamen Lexikon, auch wenn man es von Grund auf neu schreiben müßte. Ich habe nicht den Eindruck, daß der Feminismus, der (wie Du sagst) verspätet zur bereits wieder verlöschenden Repräsentanz gekommen ist, daran wirklich arbeitet. Bis heute verkennt er die theoretische Dimension der Selbst-Repräsentation, und zwar mit der Entschuldigung, die Theorie sei von Männern gemacht worden, und erklärt das Problem für nicht existent. Nicht jedes Neue ist weiter fortgeschritten. In der Gesellschaft, in der wir leben, gibt es auch Symptome von Trauer, die sich in Regressionen oder in regressiven Formen ausdrücken: Das Kommunikationssystem, von dem Du mehr als ich verstehst, befördert eher die Zerstückelung, die Labilität, die Aneinander-Reihung als den Kommunikationsversuch und den Wunsch nach neuer Synthese. Wir befinden uns in der Phase des opus nigrum,[24] und bekanntlich haben die Alchimisten auf diesem Wege nie Gold gefunden.

Aber zurück zu dem grundlegenden Punkt, der zwischen Dir und mir immer der gleiche ist. Du schreibst, die Repräsentanz befinde sich deshalb in der Krise, »weil die politisch-soziale Subjektivität (der Arbeiter), die das Parteien-System aufrechterhalten hatte und die den Antagonisten zwang, sich auf diesem Terrain zu stellen, in die Krise geraten ist«. Ich würde schreiben: Das Vertrauen der Lohnabhängigen in den Nutzen und die Möglichkeit, sich auf einem Terrain der Auseinandersetzung zu stel1en, das die Bourgeoisie erfunden hat, ist in die Krise geraten. Warum? Befindet sich ihre Repräsentanz in der Krise, weil »sich das lohnabhängige Subjekt auf andere Weise ausdrücken muß, oder weil es kein lohnabhängiges Subjekt mehr gibt«? Aus dem Nachdruck, der hier auf den Fordismus gelegt wird und der in jedem Fall ein wichtiger Interpretationsschlüssel ist, scheint mir oft letzteres hervorzugehen. Ist das Ende der großen Arbeiter-Aggregation und der Rolle des Lohnes als des Mittels zur Reproduktion des inneren Marktes auch das Ende von Ausbeutung und Entfremdung? Ist das für Trentin der »andere Kapitalismus«? Für Revelli?

Eines ist gewiß. In Italien endete die politische Repräsentanz der Arbeiterklasse vor der Arbeiterklasse selbst. Und anderswo, wo die Arbeiterklasse maßlos anwächst, hat sie kein Recht zur Repräsentanz.

Wie also und mit wem weitermachen. Ich weiß es nicht. Es hängt davon ab, welche Gesprächsgrundlage wir für überzeugend genug halten, um andere zur Auseinandersetzung und Mitarbeit zu ermuntern.

Statt eines wenig überzeugenden Dokuments sollten wir vielleicht eher – mit den notwendigen formalen und opportunen Überarbeitungen – das Ganze zur Verfügung stellen, weil es die Probleme besser erkennbar macht, die auf dieser Korrespondenz liegen. Vielleicht würden dadurch die Köpfe mehr in Bewegung gesetzt als durch eine schon angebotene fertige Lösung.

Darüber sollten wir uns unterhalten. Ich bin die ganze Woche hier.

Ich umarme Dich
Rossana

Anmerkungen

[1] Ab Februar 1977 machte sich in Italien eine neue Jugendbewegung bemerkbar, welche die traditionelle Arbeiterbewegung kritisiert und sich in offenem Konflikt mit der KPI, die sich gerade dem Regierungslager genähert hatte, befindet. Ihren sichtbaren Ausdruck fand diese Bewegung während einer Kundgebung in der römischen Universität, bei der der damalige Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes, Luciano Lama, auftrat.

[2] Herbert Marcuse, Stuttgart 1957.
[3] Georg Lukacs, 1923.
[4] Gemeint ist die Theorie, deren Grundansatz die gesellschaftliche Spaltung in Klassen ist.
[5] Im April 1986 findet in Florenz der 17. Kongreß der KPI statt. Die Partei befindet sich nach den Niederlagen in den Regionalwahlen des Mai 1985 und bei der Volksabstimmung über die gleitende Lohnskala (Juni 1985) in einer Krise. Der neue Generalsekretär und Nachfolger von Enrico Berlinguer, Alessandro Natta, verkündet die These einer KPI, die »integraler Bestandteil der europäischen Linken« ist und fordert den Übergang zu »Programm-Regierungen«, die sich nicht mehr auf feste Koalitionen gründen.
[6] Bei der Wahlrechtsreform wurde 1993 (nach einer Volksabstimmung, die am 18. April des gleichen Jahres stattfand) das seit 1948 in Italien geltende Verhältniswahlrecht abgeschafft und durch ein überwiegendes Mehrheitswahlrecht ersetzt.
[7] Am 27. März 1994 fanden Parlamentswahlen statt, bei denen der sog. Pol der Freihe1t und der guten Regierung den Sieg davontrug. Der »Pol« war ein Bündnis der Forza Italia, die der Unternehmer Silvio Berlusconi wenige Monate vorher gegründet hatte, mit der Alleanza Nazionale, die aus der aufgelösten neofaschistischen Partei MSI entstanden war, der Lega Lombar da, die von Umberto Bassi geführt wurde und sich durch rassistische und sezessionistische Tendenzen profilierte, und mit dem Centro Cristiano Democratico, einem Überbleibsel aus der DC.
[8] Hier bei handelt es sich um ein 1978 verabschiedetes Gesetz, das die Möglichkeit der Abtreibung regelt und sie nicht mehr als Verbrechen betrachtet.
[9] Anspielung auf Pietro Ingraos zuletzt erschienenen Gedichtband »L'alta febbre del fare« (1994), übersetzbar etwa mit »Das hohe Fieber des Tuns«.
[10] Eugenio Curiel (1912-1945) war eine führende Persönlichkeit der KPI und der italienischen resistenza. Als Mitglied der Brigade Garibaldi wurde er wenige Tage vor der Befreiung von den Faschisten in den Straßen Mailands getötet.
[11] Antonio Banfi (1880-1957), Philosoph, war eine führende Persönlichkeit der italienischen Kultur, der in Italien den Neokantianismus und die Phänomenologie von Husserl bekannt machte. Politisch engagierte er sich in der KPI und war einer der wichtigsten marxistischen Denker Italiens.
[12] Cesare Luporini (1909-1993) begann als ein vom Existentialismus geprägter Historiker und Philosoph, der später zu einem der wichtigsten Denker eines kritischen und antihistorizistischen Marxismus wurde. Von der resistenza bis zur Auflösung der KPI gehörte er zur Führungsgruppe der Partei.
[13] Palmiro Toghatti (1893-1964) war von 1944 bis 1964 Generalsekretär der KPI.
[14] Giorgio Amendola (1907-1980) war militanter Antifaschist im Exil Mitglied der verfassunggebenden Versammlung und einer der historischen Führer der KPI. Seit 1945 war er Mitglied der Direktion der Partei. Er vertrat immer die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit der PSI und mit den europäischen Sozialdemokratien.
[15] Giancarlo Pajetta (1911-1990) war schon seit seiner Jugend ein Führer der KPI. Nachdem er während des Faschismus lange Zeit in der Verbannung gelebt hatte, wurde er zu einem der wichtigsten Anführer der resistenza.
[16] Adriana Zarri ist Theologin und Soziologin, die sich für die gesellschaftlich schwächsten Schichten einsetzt.
[17] Siehe Anmerkung 9.
[18] Pietro Barcellona, Jurist und Politikphilosoph, war Nachfolger Ingraos als Präsident des Centro di studi e iniziative per la Riforma dello Stato (CRS). Von 1986 bis 1993 leitete er die Zeitschrift »Democrazia e diritto« (Demokratie und Recht).
[19] Rossana Rossanda benutzt hier den deurschen Titel, d.h. sie meint die »Grundrisse« von Marx.
[20] Gemeint ist die gleichnamige Schrift von Marx.
[21] Am 31. Juli 1992 einigten sich Regierung, Unternehmerverbände und Gewerkschaften darauf, die gleitende Lohnskala abzuschaffen und die Löhne für das ganze Jahr 1993 einzufrieren.
[22] Gemeint ist die Volksabstimmung über die gleitende Lohnskala 1985.
[23] Abkürzung für die sog. Basiskomitees (»Comitaci di base«), die sich 1987 im italienischen Eisenbahn- und Schulwesen herausbildeten. Sie stellen die Basisorganisacion sog. autonomer Gewerkschaften dar, die außerhalb der »gro ßen« Gewerkschaftsverbände CGIL/CISL/UIL operieren und diese als Interessenvertreter nicht anerkennen.
[24] Zwischen Chemie und Magie angesiedelte Alchimisten-Rezepte zur mittelalterlichen Goldproduktion.

Aus:
Pietro Ingrao/Rossana Rossanda
Verabredungen zum Jahrhundertende
Eine Debatte über die Entwicklung des Kapitalismus und die Aufgaben der Linken
Aus dem Italienischen von Marcella Heine, Hartwig Heine, Sabine Kebir und Klaus-Dieter Lühn
Mit weiteren Beiträgen von Elmar Altvater, Joachim Bischoff, Frank Deppe, Klaus Dörre, Martin Kronauer, Oskar Negt, Hildegard Maria Nickel/Hasko Hüning, Karl Heinz Roth und Wolfgang Sachs.
VSA: Verlag Hamburg 1996 (S. 143-161)

Quelle: https://www.vsa-verlag.de/news_tipps/rossana_rossanda/