Robert Jarowoy (15.12.1952-21.9.2020)

Wir sind traurig über die Nachricht vom Tod unseres Autors Robert Jarowoy. Der langjährige Vorsitzende der Fraktion der Linkspartei in der Bezirksversammlung Hamburg-Altona erlag am 21. September einem Krebsleiden. 2010 veröffentlichte er den Politkrimi Chinagate Altona im VSA: Verlag und wir erinnern uns gern daran, wie er auf unserem Verlagsfest im gleichen Jahr im Lohmühlenpark in Hamburg-St. Georg daraus vorlas. Joachim Bischoff und Bernhard Müller würdigen in einem Nachruf sein Wirken. Insbesondere in Altona wird Robert fehlen.

Rossana Rossanda ist tot

Die »große alte Dame des italienischen Kommunismus« (Heinz Bierbaum) verstarb am 20. September im Alter von 96 Jahren in Rom. Sie gehörte »ohne Zweifel zu den prominentesten Vertretern der italienischen Linken, auch wenn sie selbst kein ›Mythos‹ sein« wollte, wie Heinz Bierbaum in seiner Besprechung zu ihrer 2005 erschienenen Biographie »Die Tochter des 20. Jahrhunderts« (in deutsch erschienen 2007 bei Suhrkamp) notiert, in der er zudem Details ihres politischen Lebens und Wirkens nachzeichnet.

Geboren 1924 in Pola (Istrien) wuchs sie in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, studierte Philosophie und Literatur in Mailand, nimmt an Partisanenaktionen der antifaschistischen Resistenza und tritt bereits 1943 in die italienische kommunistische Partei (PCI) ein. Der damalige Parteichef Palmiro Togliatti erkennt ihr politisches Talent und ernennt sie früh zur Verantwortlichen für die Kulturpolitik der Partei. 1959 wird sie in deren Zentralkomitee und 1963 als Abgeordnete ins italeinische Parlament gewählt. 1969 gründet sie u.a. mit Lucio Magri und Luciana Castellina die Zeitschrift »Il manifesto«, die scharfe Kritik an der aus ihrer Sicht beschwichtigenden Haltung der PCI im »heißen Herbst« übte. Zusammen mit diesen wurde sie wegen »Linksabweichung« aus der Partei ausgeschlossen.

Aber auch nach ihrem Ausschluss mischte sie sich immer wieder in gewerkschaftliche (siehe hierzu das Gepräch, das sie mit dem Generalsekretär der CGIL, Sergio Cofferati, führte, dokumentiert in der Juli-Ausgabe 2002 der Zeitschrift Sozialismus) und politische Debatten ein. So veröffentliche sie 1995 gemeinsam mit Pietro Ingrao den Essay-Band »Appuntamenti di fine soccolo«, der – ergänzt um einen Briefwechsel zwischen den beiden und Diskussionbeiträgen deutscher Autor*innen – 1996 unter dem Titel  Verabredungen zum Jahrhundertende im VSA: Verlag erschien. Die darin dokumentierte »Debatte über die Entwicklung des Kapitalismus und die Aufgaben der Linken« thematisierte Probleme, an deren Lösung die Linke noch heute laboriert (wir dokumentieren aus Anlass von Rossanas Tod ihren Brief vom 10. Oktober 1994 an Pietro Ingrao).

Carl Wilhelm Macke verweist in seinem Nachruf im Deutschlandfunk darauf, dass für »die letzte Kommunistin« Politik »immer auch eine ›education sentimentale‹ war, die durch Leiden und Leidenschaften, durch Freundschaften und Kontroversen, durch Vertrauen und Abschied führt. Mit dieser heute antiquiert erscheinenden Vorstellung von Politik, mit ihren Idealen, ihrem Stil zu leben und zu schreiben, ist es in den letzten Jahren um linke Intellektuelle wie Rossana Rossanda tatsächlich sehr einsam geworden.« Es lohnt allemal, ihr Wirken und ihre Argumente in Erinnerung zu behalten.

Mit Friedrich Engels durchs Wuppertal

Rechtzeitung vor Ende der Ausstellung »Friedrich Engels – ein Gespenst geht um in Europa« ist das Buch Friedrich Engels im Wuppertal erschienen. Reiner Rhefus, Mitarbeiter des Historischen Zentrums, einer der Kuratoren der Ausstellung und Stadtführer, führt darin die Leserin und den Leser auf den Spuren von Friedrich Engels durch seine Heimat, das frühindustrielle Wuppertal. Der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Bialas, der Schauspieler, Sprecher & Theatermacher Olaf Reitz und natürlich der Autor selbst stellten am 17. September am Ausstellungsort das Buch mit ausgewählten Texten und Briefen vor. Im Fokus stand das Wirken von Engels im Tal sowie die Personen, mit denen er zeitweise oder bis ins hohe Alter Kontakt pflegte.

System Change durch Green New Deal?

Der Turbokapitalismus hält sein Fortschrittsversprechen nicht. Ökonomische, ökologische und soziale Krisen verschränken und verstärken sich. Es braucht einen Richtungswechsel, einen Green New Deal. Doch wie lassen sich der Kampf um Arbeitsplätze und für Klimaschutz verbinden? Welche Bündnisse und Bewegungen braucht es, um in dieser Auseinandersetzung zu gewinnen? Was können Parteien dazu beitragen? Gerade ist das Buch System Change: Plädoyer für einen linken Green New Deal von Bernd Riexinger erschienen. Er ist seit 2012 Parteivorsitzender der Partei DIE LINKE und unterbreitet in dem Buch einen strategischen Vorschlag, wie die verschiedenen Kämpfe zusammengeführt werden können und welche Rollen seiner Partei und gesellschaftlichen Bündnissen dabei zukommen. Am 14.9. hatte er Luisa Neubauer – die wohl bekannteste Klimaaktivistin von »Fridays for Future« in Deutschland, und beteiligt an der verstärkten Zusammenarbeit der Klimabewegung mit den Gewerkschaften – zur Buchvorstellung in der taz Kantine eingeladen, die von der taz-Redakteurin Anna Lehmann moderiert wurde; der spannende Abend mit guten Argumenten von allen Beteiligten kann hier nachgeschaut werden.

Strategische Debatten der Linken

Auch wenn Bernd Riexinger, ebenso wie Katja Kipping, auf dem LINKEN-Parteitag im Oktober nicht erneut für den Vorsitz kandidiert, beteiligt er sich an der Debatte um die strategische Ausrichtung der Partei im Vorfeld der Bundestagswahl 2021. Denn für ihn ist klar, dass sich die Linkspartei »in die Umbrüche der Zeit mit einem eigenen Entwurf begeben müsse[n]. Daher mein Plädoyer für einen sozialen und ökologischen Systemwechsel, für einen linken Green New Deal. Es gibt keinen Gegensatz von linker sozialer Politik und Klimagerechtigkeit. Linke Politik auf der Höhe der Zeit muss beides umfassen.« Dies hat er in dem neuen Buch ausführlich dargestellt.

Auch Hans-Henning Adler, Rechtsanwalt in Oldenburg und seit 1996 Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im dortigen Stadtrat, meldet sich mit einer Flugschrift Kapital-Macht wirksam bändigen zu Wort und entwickelt Gedanken zu einem Sozialismus mit Durchsetzungschancen. »Wenn man darüber nachdenkt«, wie Oskar Lafontaine in seinem Vorwort notiert, warum Parteien wie DIE LINKE bislang trotz guter Vorschläge »keine ausreichende Unterstützung bei den Wählerinnen und Wählern finden ..., dann rücken die Machtstrukturen der jeweiligen Gesellschaft ins Zentrum der Überlegungen. Und genau hier setzt das Buch ›Kapital-Macht wirksam bändigen‹ von Hans-Henning Adler an.«

Gegen Geschichtsfälschung und -verklärung

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lautete das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes und eines breiten Aktionsbündnisses zum Antikriegstag am 1. September: »Nie wieder Krieg! In die Zukunft investieren statt aufrüsten!«

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 ist nicht zu trennen vom Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Der »Vernichtungskrieg im Osten. Judenmord, Kriegsgefangene und Hungerpolitik« sind Gegenstand des soeben erschienenen Buches von Hannes Heer und Christian Streit. Herausgegeben wird es von Frank Heidenreich und Lothar Wentzel (beide IG Metall), die in ihrem Vorwort schreiben, dass sich heute »für die Gewerkschaften die geradezu fundamentale Notwendigkeit (ergibt), in ihren Organisationen und in den Betrieben rechtsextremen Einstellungen entgegenzuarbeiten. Die Gewerkschaften in Deutschland verdanken der Befreiung vom Faschismus 1945 die Wiedergewinnung ihrer legalen Existenz und ihre von Repression weitgehend freie Betätigung. Ohne Demokratie keine freien Gewerkschaften.« Der Ko-Autor Hannes Heer, Historiker und Leiter der seinerzeit heftig diskutierten Wehrmachtsausstellung 1995-1999, hat unter dem Motto »Der Skandal als vorlauter Bote. Die großen deutschen Geschichtsdebatten« in der Berliner Urania eine bis zum Juni 2021 laufende Film- und Diskussionsreihe organisiert (jeweils sonntags um 11 Uhr). Auftakt ist am 4. September, der Eintritt ist frei, aber unter den Corona-Bedingungen natürlich mit begrenzter Platzzahl, eine rechtzeitige Anmeldung ist deshalb sinnvoll.

Krisen progressiver Regime

»Progressive Regime, die Alternativen zu den Dauerkrisen neoliberaler Politik in Lateinamerika aufzeigen und schrittweise verwirklichen wollten, sind nun selbst in eine tiefgreifende Krise geraten. Wer sich nicht damit zufrieden gibt, dafür in bewährter Manier die erwartbaren Machenschaften des ›Imperialismus‹ anzuprangern, muss nach den inneren Gründen für das Scheitern eines vorschnell proklamierten ›Sozialismus des 21. Jahrhunderts‹ suchen.« So Klaus Menschkat im Vorwort zu seiner Flugschrift zu Lateinamerikas Linker und dam Erbe des Staatssozialismus. Darin sucht er Antworten durch einen Rückgriff auf deren längere Vorgeschichte. Er zeigt, wie das Organisationskonzept Lenins nach Lateinamerika gelangt ist und wie es sowohl in der Ideologie als auch in den politischen Praktiken bis heute fortwirkt.

Fremd- und Selbstbestimmung Afrikas

Die Anzahl von Menschen aus Afrika, die eine Flucht über das Mittelmeer riskieren, nimmt trotz Corona wieder zu. Was sind die Hintergründe, was die Fluchtursachen? Afrikas Gegenwart ist eine Mischung von 500 Jahren eurafrikanischer Geschichte mit 60 Jahren afrikanischer Unabhängigkeit samt fremd- und selbstbestimmter Einflüsse. Damit spiegelt sich seine koloniale Vergangenheit in vermeintlich modernen Webmustern wider: Afrika hatte keine Chance, an den politischen und technischen Revolutionen seiner Kolonialmächte teilzunehmen. Auf dem »Schwarzen Kontinent« überlagern sich politische und wirtschaftliche Zustände von vorgestern und heute. Reinhold Gütter stellt in seinem Buch faktenbasiert die Entwicklung des Kontinents seit der formalen Unabhängigkeit seiner Staaten dar und gibt – auch unkonventionelle – Antworten auf die Fragen: Was ist gut gegangen, was ist schief gelaufen und warum? Ist es möglich, Afrikas rasant wachsender Bevölkerung Perspektiven zu geben?

Sinnvolle Arbeit – ein politisches Thema

Schon vor der Corona-Krise standen die Themen Wertschätzung und Sinnhaftigkeit der Arbeit vermehrt im Fokus. Unternehmen treibt das »Streben nach Sinn« um, wenn sie auch in Zeiten des Fachkräftemangels oder des »War of Talents« attraktiv für Beschäftigte sein möchten, und für Beschäftigte hat der Grad, in dem sie ihre Arbeit als sinnvoll erleben, Einfluss auf ihre Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Motivation. Arbeit muss somit auch unter diesem Gesichtspunkt kritisch reflektiert und neu gedacht werden. Hilfreich hierfür ist der am 9. September erscheinende, von Marianne Giesert, Tobias Reuter und Anja Liebrich herausgegebene Band: »Arbeit mit Sinn. Für ein erfülltes (Arbeits-)Leben«. Die Autor*innen liefern gute Beispiele, Instrumente und Strategien von und für Unternehmen und Beschäftigte.

Wir mussten Abschied nehmen von zwei Autor*innen

Wir trauern um unseren langjährigen Autor Gerhard Stuby (13.6.1934-24.8.2020), der am 24. August im Alter von 86 Jahren in Bremen verstorben ist. 1934 in Saarbrücken geboren, studierte er von 1955 bis 1960 Philosophie und Rechtswissenschaften an den Universitäten Trier, München, Grenoble und Freiburg. 1963 wurde er in Freiburg mit einer Dissertation über Recht und Solidarität im Denken von Albert Camus promoviert und war 1963 bis 1969 Wissenschaftlicher Assistent in Freiburg und Mannheim. 1970 folgte eine Lehrstuhlvertretung an der Philipps-Universität Marburg, ab 1971 war er bis zu seinem (Un)Ruhestand Professor für öffentliches Recht und wissenschaftliche Politik an der Universität Bremen. Gerhard Stuby war Gründungsmitglied der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ) und langjähriger Vizepräsident der Internationalen Vereinigung demokratischer Juristen (IVdJ). Bereits seit 1970 gehörte er zu den Mitherausgebern der »Blätter für deutsche und internationale Politik«.

Seine erste Publikation im VSA: Verlag erschien 1986, als er gemeinsam mit dem ehemaligen Bundesrichter Martin Hirsch und dem Hamburger Völkerrechtler Norman Paech den Band »Politik als Verbrechen. 40 Jahre ›Nürnberger Prozesse‹« herausgab. 2001 veröffentlichte er dann zusammen mit Norman Paech das umfangreiche Werk »Völkerrecht und Machtpolitik in den internationalen Beziehungen«, das die Zeitschrift »Das Parlament« zu Recht als »ein Standardwerk« charakterisierte, »das den eurozentrischen Blickwinkel der herrschenden Völkerrechtslehre zugunsten einer Perspektive überwunden hat, die die gesellschaftlichen Kräfte der Dekolonisierung mitreflektiert«. Im Jahr 2013 erschien eine aktualisierte Ausgabe dieses Grundlagenwerks. 2003 gab er zusammen mit Stephan Albrecht und Werner Goldschmidt (1940-2019) die Ergebnisse eines Kolloquiums aus Anlass des 65. Geburtstags von Norman Paech unter dem Titel »Die Welt zwischen Recht und Gewalt. Internationale Sozialordnung, Völkerrecht und Demokratie« heraus. Im Jahr 2008 erschien seine viel beachtete Studie »Vom ›Kronjuristen‹ zum ›Kronzeugen‹. Friedrich Wilhelm Gaus: ein Leben im Auswärtigen Amt der Wilhelmstraße«, in der er die Kontinuität deutscher Diplomatiegeschichte unter Rathenau, Stresemann und Hitler nachzeichnete. 2012 veröffentlichte Gerhard Stuby gemeinsam mit der Arbeitsmedizinerin Gine Elsner den Band »Wehrmachtsmedizin & Militärjustiz. Sachverständige im Zweiten Weltkrieg: Beratende Ärzte und Gutachter für Kriegsgerichte der Wehrmacht«. In diversen gemeinsamen Gesprächen aus unterschiedlichsten Anlässen nahm Gerhard Stuby regen Anteil an der Entwicklung des VSA: Verlagsprogramms. Sein spezifisch saarländischer Witz und seine klugen Ratschläge werden fehlen.

Ebenso traurig sind wir über den plötzlichen Tod unserer St. Georger Nachbarin und Autorin Emilija Mitrović. Sie war Herausgeberin des Buches Prostitution und Frauenhandel, in dem sie bereits 2006 ein immer noch unbequemes und umstrittenes Thema bearbeitet hat. Ihre Kolleg*innen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), wo sie 20 Jahre lang als freie Sozialwissenschaftlerin und Dozentin tätig war, charakterisieren sie in ihrem Nachruf als engagierte Kämpferin »in ver.di und im DGB vor allem für die Rechte von Migrant*innen, Papierlosen, Sexarbeiter*innen, Freiberufler*innen«. Und die taz Hamburg weist in ihrem Nachruf zu Recht darauf hin, dass »viele gewerkschaftliche und wissenschaftliche Kolleginnen und Kollegen ihren Sachverstand sowie ihre Ideen und Expertisen vermissen werden«. Wir machen den von ihr herausgegebenen Band in Erinnerung an sie und an ihre Arbeit im Netz zugänglich.

Das Herbstprogramm 2020 ist online

Die Vorankündigung unseres Programms für die zweite Jahreshälfte ist vorerst abgeschlossen. Wir stellen es unter Das neue Programm vor – zu Beginn die Bücher, die wir neu ins Programm genommen haben. Anschließend folgen die Titel, die wir aufgrund der besonderen Umstände seit März erst im zweiten Halbjahr realisieren können – in Abstimmung mit den Autor*innen, die mitunter aus nachvollziehbaren Gründen ihre Texte aktualisieren wollten. Ein Klick auf das Cover in der Übersicht öffnet die Seite, auf der es detaillierte Informationen über die geplanten Bücher und deren Autor*innen gibt. Viel Vergnügen beim Stöbern im neuen Programm wünschen wir bereits jetzt. In diesen Zeiten kommt möglicherweise noch der eine oder andere Titel hinzu, auf den wir dann zu gegebenener Zeit an dieser Stelle und in unseren monatlichen Newslettern hinweisen. Ein Besuch auf unserer Website bzw. das kostenfreie Abonnement des Newsletters lohnen also auf jeden Fall. Die gedruckte Vorschau für die Buchhändler*innen und die Kolleg*innen der Presse wird in wenigen Tagen verschickt.

Vom » New Deal« zum »Green New Deal«

In den USA wird die Forderung nach einem »Green New Deal« laut – insbesondere im linken Flügel der Demokratischen Partei. Aber auch in Deutschland wächst die Bezugnahme: Bei den GRÜNEN, aber auch in Teilen der LINKEN und der SPD. Und sogar die EU-Kommission hält trotz aller Widrigkeiten an ihrem Versprechen fest, einen »Green Deal« zum Schwerpunkt ihrer Politik zu machen. Hinter diesen Initiativen und Ankündigungen verbergen sich zwar zum Teil sehr unterschiedliche Konzepte. Eine Sichtweise wird aber offenbar breit geteilt: Roosevelts New Deal der 1930er Jahre eignet sich als Werbebanner. Taugt er aber vielleicht zu mehr? Können aus den Erfahrungen von damals Anregungen für heute gewonnen werden? Diese Fragen behandelt die von Steffen Lehndorff verfasste Flugschrift: »Green New Deal heißt Mut zum Konflikt. Was wir von Roosevelts Reformpolitik der 1930er Jahre heute lernen können«. »Der New Deal der 30er Jahre ermöglichte einen demokratischen Ausweg aus einer umfassenden Krise. Steffen Lehndorff zeigt, welch enorme politische Reformdynamik damals entstand und was daraus für einen Green New Deal der 2020er Jahre gelernt werden kann. Das ist spannend und orientierend zugleich. Ein Blick zurück, der Mut macht für den Aufbruch nach vorn.« (Frank Bsirske)

Ein Optimist und das Elend der Welt

Am 1. August wäre Pierre Bourdieu 90 Jahre alt geworden. Der bereits 2002 verstorbene französische Soziologe hat uns Grundlagen der Gesellschaftskritik und Analyseinstrumente hinterlassen, die sich auch auf eine seither nochmals stark veränderte soziale Welt anwenden lassen. Sie finden sich in seinen Büchern, von denen bei VSA von den Verborgenen Mechanismen der Macht bis Unverbesserlicher Optimist fünf Bände der von Margareta Steinrücke herausgegebenen »Schriften zu Politik & Kultur« sowie die Interventionen 1961-2001 erschienen sind. Wir erinnern an dieser Stelle nur an eine seiner Aussagen, die sich auch als Appell verstehen lässt: »Die Intellektuellen vergessen, dass man durch ein Buch die Sicht auf die soziale Welt transformieren und über die Weltsicht auch die soziale Welt selbst transformieren kann.« (aus Bourdieu, »Lesen: eine kulturelle Praxis«, in Wie die Kultur zum Bauern kommt, S. 132)

Die Privatisierung der Telekommunikation als neoliberales Projekt

Funklöcher vielerorts, Schneckentempo beim Glasfaserausbau und eine erdrückende Marktdominanz der großen US-Digitalkonzerne: Die Telekommunikation in Deutschland ist in keinem guten Zustand. Eine entscheidende Ursache für die Misere liegt in der – weitgehend in Vergessenheit geratenen – Privatisierung des Sektors in den 1990er Jahren. Michael Schwemmle war damals Sekretär beim Hauptvorstand der Deutschen Postgewerkschaft – und sieht in der Vermarktlichung der Telekommunikation ein Schlüsselprojekt neoliberaler Ideologie und Politik. Ein Vierteljahrhundert später zieht er Bilanz: In Operation gelungen …Die Privatisierung der Telekommunikation in Deutschland beschreibt er Akteure, Konfliktlinien, Etappen und Ergebnisse der Privatisierung in Deutschland und fragt nach Optionen fortschrittlicher Korrekturen.

Wir gratulieren!

VSA: Autor Michael Löwy hat im Juli den europäischen Walter-Benjamin-Preis 2020 erhalten. Ausgezeichnet wird er für sein 2019 erschienenes Werk »La Révolution est un frein d’urgence. Essais sur Walter Benjamin« (Die Revolution ist eine Notbremse, Essays über Walter Benjamin, Verlag Editions d’Eclat). Die Juroren begründen ihre Entscheidung: »Uns geht es nicht nur darum, dieses Buch auszuzeichnen, sondern auch das Gesamtwerk des 1938 in São Paulo geborenen Autors zu würdigen, der sich als Forscher, Übersetzer und Essayist vorbildlich dafür stark gemacht hat, die komplexe Gedankenwelt Walter Benjamins heutigen und künftigen Generationen nahezubringen.« Im VSA: Verlag ist zu Beginn dieses Jahres Michael Löwys Buch Rosa Luxemburg: Der zündende Funke der Revolution erschienen. Wir gratulieren dem Preisträger! Weniger erfreulich ist die Nachricht, dass es für Michael Löwy und andere Intellektuelle (z.B. Étienne Balibar, Jean-Luc Nancy, Éric Fassin) fast gleichzeitig unabdingbar wurde, sich mit einem offenen Brief gegen die Vereinnahmung des Sterbeortes von Walter Benjamin in Port-Bou durch den dortigen neu gewählten stramm rechten Bürgermeister Louis Aliot zu wenden.

VSA: Bücher frisch besprochen

Als »Obduktion einer Radikalisierung« titelt die Leipziger Volkszeitung am 31.7.2020 die Besprechung von Jens Kassner zu Hajo Funkes neuem Buch Die Höcke-AfD. Es »ist sehr aktuell, die Auseinandersetzungen um den Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz sind schon verarbeitet, wenn auch nicht bis zur allerletzten Volte. Eine zentrale Rolle spielen das Theater um die Kemmerich-Wahl in Thüringen und die Pseudo-Auflösung des ›Flügels‹ um Höcke und Kalbitz, nachdem dieser vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurde ... Hajo Funke untersucht in einem brandneuen Buch, wo die AfD heute steht, wer sich auf sie beruft – und wie es weitergehen könnte.«

Paul Wellsow stellt dieselbe Flugschrift im antifaschistischen Magazin Der rechte Rand vor: »Der Politikwissenschaftler Hajo Funke hat mit Die Höcke-AfD ein fundiertes Buch zum Zustand der AfD vorgelegt. Pointiert beschreibt er ihre ›mehrfache Krise‹ und zeigt, wie der völkische ›Flügel‹ die Organisation übernommen hat. Dabei begeht er nicht den Fehler manch anderer Autor*innen und Journalist*innen, andere Strömungen der Partei reinzuwaschen. Denn Funke zeigt, dass die gesamte Partei rassistisch und nationalistisch war und ist«. Sein Resümee: »Wer auf der Suche nach einem aktuellen, fundierten und gut verständlichen Einblick in die AfD im Jahr 2020 ist, wird bei Hajo Funke fündig.«

»Die Klimakrise zwingt uns, die Dinge stets von zwei Seiten gleichzeitig zu betrachten,« schreibt Johannes Greß in der Zeitung neues deutschland zum neuen Buch von Ulrich Brand. »In ihr verschränken sich Dystopie und Utopie, Vergangenheit und Zukunft, individuelles Handeln und Gesellschaft, Vulnerabilität und Freiheit. Der Politologe Ulrich Brand unternimmt in seinem neuen Sammelband ›Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise‹ den Versuch, diese Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche in produktives, emanzipatorisches Denken umzuwandeln. Brands teils thesenhafte Überlegungen zu Beginn des Buches, die er im März und April, wie es dort heißt, ›in einem Zustand der Zerrissenheit und teilweisen intellektuellen Überforderung‹ formulierte, eint eine zentrale Annahme: Die Krise gab es schon vor Corona. Tatsächlich befänden wir uns inmitten eines Stadiums ›multipler Krisen‹ und ›die Corona-Pandemie ist nur ein, wenn auch sehr dramatischer Teil der Krise‹.«

Im »Parlamentsreport 2020-12« der Linksfraktion im Thüringer Landtag verweist Tom Strohschneider darauf, dass »ein Buch aus dem Hamburger VSA: Verlag dazu beiträgt, eine schmerzhafte Lücke linker Erinnerung zu füllen«. In seiner Vorstellung des Bandes Ein Sokrates der DDR notiert er: »Jüngeren Generationen mag der Name Dieter Strützel heute nicht mehr viel sagen, zu sagen hätte dieser den Nachkommenden aber eine Menge. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre Landesvize der PDS, gehörte der Kulturwissenschaftler und Philosoph, der Erneuerer und Politiker zu den prägenden Figuren des politischen Neuanfangs nach der Wende ... Linksreformerische Politik, Kooperationsfähigkeit und Brückenschläge, dialogische Suche nach dem Gemeinsamen – es ist bei ihm einiges vorweggenommen... Wer über die Zukunft der LINKEN im Freistaat Thüringen nachdenken will, findet in seinem Denken wichtige Anregungen.«

Marx’ »Humanismus der Praxis« als Losung unserer Zeit

Die aktuell auffälligste Bedrohung für die Menschen auf unserem blauen Planeten geht vom Corona-Virus aus. Dabei gerät schnell eine andere Bedrohung in den Hintergrund: die Klimakatastrophe. Die aber – so Franz J. Hinkelammert in seinem Buch Die Dialektik und der Humanismus der Praxis – haben wir uns selbst eingebrockt – u.a. mit einem religiös anmutenden Wachstumswahn. Bereits Marx hatte das in seiner Kapitalismuskritik erkannt, die von bürgerlicher Seite seither immer wieder zu widerlegen versucht wird. Der Autor legt eine umfangreiche Analyse und kluge Entlarvung dieser Marxkritiken vor und zeigt, dass marxistisches Denken ein Gegenmittel gegen die Marktreligion bereithält, das derzeit dringender denn je ist: ein Humanismus der Praxis.

Mehrwertsteuer-Reduzierung = Buchpreissenkung?

Wir wissen nicht, wann und wie die Corona-Pandemie enden wird. Viele Regierungen haben mit riesigen Anti-Krisen-Paketen reagiert. Auch in Deutschland will die große Koalition mit Überbrückungszahlungen, Krediten und Bürgschaften gegensteuern, zuletzt wurde ein 130 Mrd. Euro schweres Konjunkturpaket geschnürt. Selbst wenn wir uns zusätzlich direkte Maßnahmen vor allem zur Stabilisierung der Einkommensverhältnisse von gering verdienenden Menschen gewünscht hätten, bleibt die politische Intervention zur Sicherung der Massenkaufkraft und der Lebensverhältnisse großer Teile der Bevölkerung richtig.

Ein zentraler Baustein ist die Senkung der Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr, verbunden mit der Aufforderung, diese an die Kund*innen weiterzugegeben. Dies gilt auch für den VSA: Verlag. Im Unterschied zu den anderen Waren des täglichen Bedarfs, Haushaltsgeräten oder Autos haben Bücher jedoch gebundene Ladenpreise. Preisänderungen für einen begrenzten Zeitraum unterliegen besonderen Regelungen und sind in einem komplizierten Verfahren mit dem Buchhandel und den Kund*innen zu kommunizieren. Hinzu kommt, dass aufgrund der Herabsetzung des für Bücher geltenden Satzes von 7% auf 5% etwa ein Buch, das bisher 16,80 Euro kostet, für ein halbes Jahr für 16,50 Euro angeboten werden könnte – eine sehr überschaubare Ladenpreissenkung.

Gleichwohl sehen wir uns als linker Verlag in der Verantwortung, einen Beitrag im Sinne des Konjunkturpakets zu leisten. Statt jedoch unsere im eher niedrigen Preissegment liegenden Ladenpreise für ein halbes Jahr zu senken, werden wir bis zum Jahresende bei allen Bestellungen aus dem Inland keine Porto- und Versandkosten berechnen. Zugleich bitten wir diejenigen, die nicht bei ihrer Lieblingsbuchhandlung vor Ort einkaufen, sondern auf unseren Service im Netz zurückgreifen, bei ihrer Bestellung ein SEPA-Lastschriftmandat zu erteilen. Wir hoffen für diese Regelung auf das Verständnis unserer Leserinnen und Leser, von denen wir in den vergangenen Wochen viel Solidarität erfahren haben.

Liebe Autor*innen, liebe Freund*innen, liebe Leser*innen des VSA: Verlags,

wir haben hier regelmäßig darüber informiert, warum und in welchem Ausmaß Corona auch unsere Arbeit beeinträchtigt, und um Unterstützung gebeten. Dieser Bitte sind Autor*innen, Freund*innen und viele Leser*innen gefolgt.


Deshalb ein großer Dank an alle, die bisher durch Spenden, Bestellungen und Zuspruch geholfen haben. Auch wenn Amazon »bis April bei den Verlagen keine Bücher mehr bestellt, sondern sich nur noch auf den Vertrieb von Haushaltswaren, Sanitätsartikeln oder anderen Produkten mit hoher Nachfrage konzentrieren wolle«, wie Julia Encke in der FAZ am Sonntag vom 29.3.2020 berichtete – man könnte auch sagen: Klopapier statt Kulturgut –, wollen wir, dass unsere Bücher weiterhin zu den Leser*innen kommen – auch ohne Amazon: Auf der Internetseite der Lieblingsbuchhandlung vor Ort bestellen, die ebenfalls Zuspruch benötigt, oder auf der VSA: Website Lieferung via Brief- und Paketzusteller*innen, die trotz miserabler Bezahlung mithelfen.

Spenden

Für alle diejenigen, die das können und die Arbeit des Verlages durch eine finanzielle Zuwendung unterstützen möchten, gibt es folgendes Spendenkonto:

Richard Detje-Euscher
IBAN: DE 2820 0505 5012 6812 0977
BIC: HASPDEHHXXX

Quelle: https://www.vsa-verlag.de/nc/news_tipps/