Alles Gute zum 80. Geburtstag!

Unser Autor Frank Deppe feiert heute seinen 80. Geburtstag. Dazu gratulieren wir ihm von dieser Stelle aus ganz herzlich und wünschen alles Gute. Dass dennoch von Ruhestand bei ihm keine Rede sein kann, wird daran deutlich, dass er uns kürzlich das Manuskript seines neuen Buches SOZIALISMUS. Geburt und Aufschwung – Widersprüche und Niedergang – Perspektiven übergeben hat, das Mitte Oktober erscheinen wird. Die Redaktion der Zeitschrift Sozialismus.de, zu deren Mitherausgeber:innen er gehört, hat seine langjährige Mitarbeit an dem Zeitschriften- und Verlagsprojekt mit dem Vorabdruck des um Passagen zu China und zu widerständigen Positionen (u.a. von Syriza, Jeremy Corbyn und dem Arabischen Frühling) gekürzten letzten Unterkapitels seines Buches in der September-Ausgabe der Printausgabe gewürdigt, die wir an dieser Stelle auch den Leser:innen der VSA: Website zugänglich machen.

Bereits zu seinem 75. Geburtstag hatten Schüler:innen und Freund:innen die Bedeutung seiner Arbeiten in einem Supplement von Sozialismus.de herausgestellt: »Für ihn ist charakteristisch, dass er sich während seines gesamten akademischen Lebens am Spannungsverhältnis von intellektueller Autonomie und politischem Engagement, vor allem in Verbindung mit dem linken Flügel der Arbeiterbewegung, abgearbeitet hat.« Dem ist auch zu Franks 80. nichts hinzuzufügen.

Am 19. Oktober wird er übrigens ab 19:00 Uhr im Gespräch mit dem früheren FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert im Club Voltaire in Frankfurt a.M. sein neues Buch vorstellen.

Die richtigen Kreuze setzen!

Der Wahlkampf hatte bislang vor allem Plagiatsvorwürfe, einen in sich ruhenden »König Olaf«, markante Sprüche – vom »im Schlafwagen ins Kanzleramt« (Markus Söder) bis hin zu »klar wie Kloßbrühe, dass wir Teil einer Regierung sein wollen« (DIE LINKE) – und eine neue Wortschöpfung (»Triell«) parat. Ob es nach Letzterem nun auch mehr und zugespitzter um Inhalte gehen wird, bleibt abzuwarten. Denn die Klimakrise mit Unwettern und Toten auch hierzulande sowie das Afghanistan-Desaster – so die Kolleg:innen von ver.di – »halten uns in Atem und auch die Corona-Pandemie ist noch nicht ausgestanden«. Da insbesondere den abhängig Beschäftigten nicht egal sein kann, wie die Wahlentscheidung am 26. September ausfällt, hatte der ver.di-Vorsitzende und VSA: Autor Frank Werneke die drei Spitzenkandidat:innen der Linkspartei, von Bündnis 90/Die Grünen und der SPD eingeladen, mit ihm und Mitgliedern über die »ARBEIT DER ZUKUNFT« zu diskutieren. Die Gespräche mit Janine Wissler, Annalena Baerbock und Olaf Scholz können unter verdi-waehlt.verdi.de nachgeschaut werden. Wir haben keine Spitzenkandidaten zu bieten, können aber im Folgenden auf Bücher zu den Themen verweisen, die im Wahlkampf eine Rolle spielen. In diesem Sinne: einen orientierenden Wahlmonat und am 26.9. (oder vorher bei der Briefwahl) die richtigen Kreuze setzen!

#unteilbar – Für eine solidarische und gerechte Gesellschaft

ver.di und auch Landes- und Ortsverbände diverser anderer DGB-Gewerkschaften hatten zusammen mit zahlreichen weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen zur #unteilbar_Demonstration am 4. September in Berlin aufgerufen. Es waren diesmal nicht knapp 250.000 Menschen wie 2018 bei der Zurückweisung des Rechtsrucks. Aber unter Corona-Bedingungen sind dennoch mehr als 30.000 Teilnehmer:innen auf die Straße gegangen, um den wahlkämpfenden Parteien die richtigen Botschaften im Kampf für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und konsequentes Handeln gegen die Klimakrise mitzugeben.

Tarifrunde 2021 für die Beschäftigten der Länder

Zu Recht weist ver.di auf eine sich bereits abzeichnende harte Tarif-Auseinandersetzung hin: »Die rund 2,2 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Länder halten den Laden am Laufen: Sie sichern mit ihrer Arbeit die Infrastruktur, die wir brauchen, um gut und sicher durch die Pandemie zu kommen.« Die Zeichen stehen auf Sturm: »Die Arbeitgeber der Tarifgemeinschaft deutscher Länder haben schon jetzt angekündigt, dass sie den Arbeitsvorgang aufrufen wollen bei den Verhandlungen und damit einen Angriff auf das gesamte Eingruppierungssystem starten. In vielen Bereichen würden künftig schlechtere Eingruppierungen drohen. Sieht so der Dank für den Einsatz in der Corona-Krise aus?« Gelernt werden für solche harten Tarifkonflikte kann aus den Erfahrungen erfolgreichen Organizings in den USA, die Jane McAlevey in ihrem neuen Buch (gemeinsam herausgegeben von Stefanie Holtz, Bundesjugendsekretärin der IG Metall, und Florian Wilde, Referent in der Rosa-Luxemburg-Stiftung) darstellt: Macht. Gemeinsame Sache!

Und gelernt werden kann auch aus den Erfahrungen, die die Beschäftigten von Amazon in ihren Kämpfen um gewerkschaftliche Organisation in dem extrem gewerkschaftsfeindlichen Versandriesen gesammelt haben. Sabrina Apicella hat sie in ihrem Buch Das Prinzip Amazon über den Wandel der Verkaufsarbeit und Streiks im transnationalen Versandhandel dargestellt.

Mit LINKS regieren?

Für die Co-Chefin der Linkspartei Susanne Hennig-Wellsow – wir zitierten es bereits – ist es »klar wie Kloßbrühe«, dass DIE LINKE mitregieren will. Zugleich legte sie die Hürde dafür in Sachen Außenpolitik sehr hoch. Es bleibt abzuwarten, ob das zusätzliche Wähler:innen mobilisieren wird gegenüber den bislang eher bescheidenen Umfragewerten. Die Frage, ob Sozialist:innen sich überhaupt an einer Regierung im bürgerlichen Staat beteiligen sollen, bleibt in der Partei umstritten. Seit mehr als 100 Jahren führte diese Frage immer wieder zu Kontroversen, denn anfänglich mit Euphorie und viel Hoffnung begleitete linke Regierungsprojekte verkehrten allzu oft ihre ursprünglichen Ziele ins Gegenteil. Aber auch eine ausschließlich auf außerstaatliche Bewegung setzende Politik kann nicht für sich beanspruchen, erfolgreicher zu sein. Harald Wolf, selbst viele Jahre in Berlin als Senator am Regierungshandeln beteiligt und heute Bundesschatzmeister der LINKEN, blickt in seinem neuen Buch zurück auf historische Debatten und reflektiert aktuelle Erfahrungen mit linken Regierungsbeteiligungen.

Gewählt wird auch in Berlin

Parallel zur Bundestagswahl wird auch in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag und in Brandenburg sowie in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Letzteres haben Ulrich Bochum, Jeffrey Butler, Klaus Kohlmeyer und Stephanie Odenwald zum Anlass für eine Bilanz von Rot-Rot-Grün in Berlin genommen: »Einiges ist angestoßen, viel bleibt noch zu tun. Rot-Rot-Grün redet von einem Jahrzehnt der Investitionen, das angestoßen worden sei, die Investitionsbremse früherer Jahre sei gelöst worden. Punktuelle Verbesserungen sind durchaus erreicht worden, aber kein ›ganz großer Umschwung‹. Man ist ganz gut miteinander ausgekommen und die Stimmung in der Stadt ist pro R2G. Das zeigt, wie beharrlich Reformpolitik angelegt sein muss.« Ein Kapitel haben die Autor:innen der rot-rot-grünen Wohnungspolitik 2016-2021 gewidmet.

Die Wohnungsfrage

Die Wohnungsfrage ist allerdings nicht nur in Berlin von besonderem Gewicht und wird von allen Parteien im Bundestagswahlkampf adressiert. Wer für diese Auseinandersetzungen Hintergrundwissen und Argumente benötigt, findet sie in folgenden Büchern:

Andrej Holm (Hrsg.): Wohnen zwischen Markt, Staat und Gesellschaft
Ein sozialwissenschaftliches Handbuch
Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung
248 Seiten | EUR 16.80 |  ISBN 978-3-96488-080-2

Stephan Krüger: Grundeigentum, Bodenrente und die Ressourcen der Erde
Die Relativierung der Knappheit und Umrisse eines linken Green New Deal
408 Seiten | mit farbigen Infografiken | EUR 29.80 | ISBN 978-3-96488-076-5

Reinhold Gütter: Wohnungsnot und Bodenmarkt
Nachhaltige Alternativen für Wohnen und Stadtentwicklung – eine Flugschrift
104 Seiten | EUR 9.80 | ISBN 978-3-96488-028-4

Heinz J. Bontrup: Wohnst du noch ...?
Immobilienwirtschaft und Mieten kritisch betrachtet
152 Seiten | EUR 13.80 |  ISBN 978-3-89965-841-5

Karl-Heinz Peters: Von der Gemeinnützigkeit zum Profit
Privatisierungsopfer Gehag – Herausforderung für alternative Wohnungspolitik
Mit einem Vorwort von Andrej Holm
120 Seiten | EUR 12.00 |  ISBN 978-3-89965-720-3

Das Trauerspiel von Afghanistan

Das vom Westen zu verantwortende Debakel in Afghanistan, das erneut die Taliban an die Macht brachte und das Land nah an den Rand eines neuen Bürgerkriegs führt, macht deutlich: Von »Stabilität, Wohlstand und einer regelbasierten, multilateralen Ordnung«, die der Westen laut Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer weltweit schaffen will, kann keine Rede sein. Stattdessen drohen neue Fluchtursachen und kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zur neuerlichen Bedrohung durch einen Atomkrieg, wie Erhard Crome in seinem neuen Buch Ungeliebte Alternative deutlich macht. Er plädiert deshalb für eine Rückbesinnung auf die friedliche Koexistenz, wie die Welt sie in den 1970er und 1980er Jahren kannte. Der Autor befragt die damaligen Analysen, Konzepte und Strategien neu, um diese Erfahrungen des 20. Jahrhunderts für eine zeitgemäße Friedenspolitik fruchtbar zu machen.

Sage niemand, man hätte es nicht wissen können. Bereits in der Monitor-Ausgabe des Ersten Deutschen Fernsehens vom 8. November 2001 sprach der damalige Moderator Klaus Bednarz (1942-2015) nicht nur über die »US-Militärpropaganda mit falschen Bildern« aus Afghanistan, sondern kam am Schluss der Sendung noch einmal darauf zurück, dass nicht nur die Sowjetunion mit ihrer Intervention dort gescheitert sei, sondern das »mächtige englische Königreich« bereits sehr viel früher. Er ließ zum Abschluss den Schauspieler Otto Sander (1941-2013) das von Theodor Fontane verfasste Gedicht »Das Trauerspiel von Afghanistan« vortragen. Diesen Hinweis verdanken wir unserem Autor Hartmut Meine.

Wer baute Hannover nach dem fast siebenjährigen Krieg wieder auf?

Hartmut Meine, 18 Jahre Bezirksleiter des IG Metall Bezirkes Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, gehört auch zur Redaktionsgruppe, die die Geschichte der IG Metall Hannover unter dem Titel Streiten und gestalten aufgeschrieben und zahlreiche Dokumente und Fotos aus dieser Zeit zusammengetragen hat. In ihrem Vorwort notieren Dirk Schulze, Erster Bevollmächtigter, und Sascha Dudzik, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Hannover: »Es gibt zahlreiche Bücher über die Geschichte der Stadt Hannover, insbesondere über die Zeit nach 1945. Bis auf wenige Ausnahmen haben diese Bücher etwas gemeinsam: Handelnde Personen sind vor allem Politiker und Unternehmer. Dagegen kommen Arbeiter, Arbeiterinnen und Angestellte – wenn überhaupt – allenfalls am Rande vor. In seinem berühmten Gedicht stellt Bertolt Brecht die Frage: ›Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war Die Maurer?‹ Wir fragen: Gab es auch Bauarbeiter und Handwerker, die Hannover aufgebaut haben? Gab es auch Beschäftigte in den Betrieben, die die Produktion wieder in Gang brachten? Gab es auch Betriebsräte und Gewerkschaften, die die Interessen der Beschäftigten gegen die Interessen der Unternehmer vertraten? Es gab sie. Das vorliegende Buch ist unsere Geschichte – die Geschichte der Beschäftigten in der Metallindustrie und im Handwerk sowie ihrer gewerkschaftlichen Interessenvertreter in der Zeit von 1945 bis 2010.«

Die Ankündigung des Herbstprogramm ist online

Etwas später als sonst stellen wir hiermit das diesjährige Herbstprogramm vor. Wir führen die Debatten über Sozialismus im 21. Jahrhundert – unter anderem mit dem neuen Buch von Frank Deppe – fort und versuchen weiter, die Rätsel Chinas mit Originalbeiträgen von Politökonom:innen und Sozialwissenschaftler:innen aus der Volksrepublik zu verstehen. Der Band von Micha Brumlik Postkolonialer Antisemitismus? hat bereits kurz nach Erscheinen breite Aufmerksamkeit gefunden. Das Thema Klimawandel greifen wir mit Studien zum erforderlichen »Spurwechsel« in den Mobilitätsindustrien sowie einer Flugschrift zur »Macht in weltweiten Lieferketten« auf. Auch wenn linkes Regieren am Ende des Superwahljahrs nicht absehbar ist, werden bisherige Erfahrungen analysiert und ausgewertet. Und natürlich geht es auch um Schlussfolgerungen aus der Pandemie: in dem vom ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke mit herausgegeben Band »Renaissance des Gemeinwohls?« und in Gine Elsners Geschichte der Gesundheitsämter. Ganz besonders freuen wir uns, dass die IG Metall Bildungsstätte Sprockhövel die anlässlich ihres 50. Jubiläums entstandenen vier Bände ZWISCHENRUFE mit uns realisiert. Weitere Texte zu gewerkschaftlichen Aktivitäten (Organizing, dem »Prinzip Amazon«, Geschichte der IG Metall in Hannover und von NNG-Streiks) sowie Publikationen zur Hamburger Lokalgeschichte runden das Herbstprogramm ab. Viel Vergnügen damit!

China besser verstehen

Statt Provokationen gegen die Volksrepublik China und Spekulationen darüber, in welche Richtung sich die chinesische Gesellschaft entwickelt, brauchen wir Informationen und Analysen. Und wir sollten Autorinnen und Autoren von dort selbst zu Wort kommen lassen. Das hat das Beijing-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem ersten Band der LinkenChinaDiskurse organisiert. In dem von Yang Ping und Jan Turowski herausgegeben Text Sozialismusdebatte chinesischer Prägung diskutieren Li Tuo, Wang Jian, Wang Hui, Long Way Foundation, Fang Ning, Zhang Qian, Qiang Shigong, Cao Jinqing, Han Shigong, Qu Wangwen und Huang Jisu zentrale Orientierungspunkte der innerchinesischen Diskussion. Sie erschienen in der Beijing Cultural Review (文化縱橫), einer Zweimonatszeitschrift für Geistes- und Sozialwissenschaften, die als eines der wichtigsten Organe und ein Forum kritischer Orientierung gilt.

Augustes Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen

Gine Elsner hat bereits in vielen VSA: Büchern (zuletzt erschien Die aufrechte Haltung. Orthopädie im Nationalsozialismus) die Geschichte der Arbeitsmedizin im Nationalsozialismus kritisch aufgearbeitet. Mit ihrem neuesten Buch geht sie einen anderen Weg: Für Augustes Töchter hat sie 150 Jahre Frauenleid und -kämpfe in mehreren Generationen der eigenen Familie erforscht. Hierzu konnte sie aus reichhaltigen Quellen schöpfen, vor allem von Auguste, der Urgroßmutter im Oderbruch, die zahlreiche Briefe hinterließ, und von den umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen und autobiografischen Zeugnissen ihrer Mutter Ilse Elsner (1910-1996). Auf deren Geschichte liegt ein besonderer Schwerpunkt: Sie kam aus einfachen Verhältnissen und befreite sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus einer schwierigen Ehe, bevor sie als SPD-Politikerin im Hamburger Senat und im Bundestag sowie im Europäischen Parlament gegen viele Widerstände selbst soziale Reformen mit in die Wege leiten konnte. Anders als in konventionellen Familienbiografien ordnet die Autorin die individuellen Geschichten in die zeitgeschichtlichen Hintergründe ein. Ein Buch nicht nur für »Augustes Töchter«, sondern für alle Enkelinnen und Urenkelinnen, bis heute.

Micha Brumlik zu Antisemitismus und Postkolonialismus

Der ausgewiesene Autor zu jüdischen Themen mischt sich mit seinem neuen Buch in die nicht enden wollende Debatte ein, die durch die jüngsten Ereignisse in Israel/Palästina und deren Nachhall hierzulande neue Brisanz gewonnen hat: Ist es zulässig, Israel und den Zionismus – einschließlich der mehr als 50 Jahre währenden Besatzungsherrschaft im Westjordanland – als »kolonialistisch« zu bezeichnen und die Besatzungsherrschaft zur »Apartheid« und damit für rassistisch zu erklären? Er analysiert die Diskussionen, die mit der Ausladung des afrikanischen Philosophen Achille Mbembe wegen dessen vermeintlichem Antisemitismus von der wegen Corona abgesagten Ruhrtriennale 2020 Fahrt aufgenommen hatte, dann mit der Bewertung der palästinensische BDS-Bewegung durch den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung und andere Aufreger befeuert wurde, und nunmehr erneut die politische Öffentlichkeit sowie die Feuilletons nicht nur der Leitmedien füllt. Micha Brumlik hat die jüngsten Entwicklungen in einem Postskriptum einbezogen.

Kommen Europas Linke in die Offensive?

Gerade sieht es in Frankreich so aus, als habe die Linke bei den Regionalwahlen gezeigt, dass sie vereint gegen die rechts-autoritäre Wende auftreten kann: Zusammen mit den Konservativen sind sie, so die Tagesschau vom 28. Juni 2021, die Gewinner der Wahlen. Doch ganz so rosig ist es dann doch nicht, eine wirklich offensive Wende für die Linken zeichnet sich auch in Frankreich nicht ab. Woran fehlt es den linken Parteien Europas? Welchen Herausforderungen stehen sie jeweils gegenüber? Und welche Potenziale haben sie, um ihre Spaltungslinien zu überwinden und vereint für eine sozial-ökologische Transformation einzutreten? Dafür liefert der Band Left Diversity zwischen Tradition und Zukunft, herausgegeben von Cornelia Hildebrandt, Danai Koltsida und Amieke Bouma, Antworten. Die Autor:innen stellen die starken linken Parteien in Griechenland, Spanien und Portugal und aufsteigenden Parteien in Belgien, Slowenien und Kroatien vor, analysieren die schwachen Parteien in Österreich und Italien sowie die stagnierenden Linken in Frankreich und Deutschland. Ein besseres Verständnis der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der europäischen Linken, so die Herausgeber:innen, ist wichtig, um die Suche nach gemeinsamen europäischen Projekten voranzubringen.

Weltmarkt und Weltwirtschaft

Die weltwirtschaftliche Entwicklung ist zunehmend von internationaler Ungleichheit – noch verstärkt durch die Folgen der Pandemie – geprägt. Die wirtschaftliche Spaltung der Welt und die durch Menschen verursachte Klimaveränderungen vom Untergang bedrohten Länder setzen neue Herausforderungen auf die Agenda auch der industriellen Metropolen und entwickelten Länder. Um dies zu verstehen und gegen die Verarmung wirksame Maßnahmen in die Wege zu leiten, liefert Stephan Krüger mit seinem neuen Buch eine zusammenfassende Darstellung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Er veranschaulicht mit zahlreichen Abbildungen ihre modernen Globalisierungstendenzen, die Herausbildung neuer industriell sich entwickelnden Länder (Schwellenländer) sowie den Einbezug auch der unterentwickelten Staaten, die zwar rund die Hälfte der Erdbevölkerung beheimaten und wichtige Lager- und Produktionsstätten für industrielle und landwirtschaftliche Rohprodukte besitzen, auf der Landkarte des Weltmarkts jedoch nur einen Randbereich ausmachen. Damit liefert er wesentliche Eckpunkte einer Wirtschafts- und Sozialgeschichte der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise unter den Blickpunkten von Weltmarkt, Weltwirtschaft und Weltpolitik zusammen. Wie in seiner vorherigen Arbeiten basiert diese auf einer von Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie angeleiteten Interpretation des empirisch-statistischen Materials.

Kultur- und Wissenschaftskritik anno 2021

Der VSA: Verlag wird von einer anonym agierenden Gruppe »für gute wissenschaftliche Praxis« bedrängt, das Buch von Cornelia Koppetsch Rechtspopulismus als Protest vom Markt zu nehmen. Die Autorin steht an ihrer Universität in einer Auseinandersetzung, ob und in welchem Umfang die Praxis wissenschaftlicher Zitierweise und Quellenangabe eingehalten wurde. Diese erstreckt sich inzwischen auch auf den von uns veröffentlichten Band mit Aufsätzen zum Aufstieg der neuen Rechten und des Rechtspopulismus. Die anonyme Gruppe erklärt, dass sie die Attacken auf den Verlag und unsere Autor:innen ausweiten will.

In diesen Zusammenhang passt, was Ulrich Störiko-Blume am 12.5.2021 im »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« ansprach: »Ein Gespenst geht um in unseren Verlagen – das Einlenken und Anpassen aus Angst vor Shitstorms. Es kann sehr unterschiedliche Ursachen haben, auch wenn die Wirkung die gleiche ist: Ein Verlag lässt sich von außen diktieren, was er bei bestimmten Büchern zu tun und zu lassen hat. […] (Es) kann richtig und sogar vertragskonform sein, ein Buch nicht mehr anzubieten und zurückzurufen. Einem solchen Schritt muss jedoch eine solide Begründung vorausgehen – und nicht ein Nachgeben gegen einen Druck von außen. Menschen, die Verlage und Autor*innen bedrängen, mit Protestmails beschießen, Portale mit arrangierten Schmähkritiken überhäufen, sind keine fairen Kritiker*innen – man sollte sie zunächst ignorieren. Wenn sie nicht aufhören, sondern weitere feindselige Angriffe entfachen, sollten diese öffentlich gemacht werden. Auf keinen Fall sollte man nachgeben.«

Dem VSA: Verlag, der auch mit dem Band von Cornelia Koppetsch dezidiert rechten Positionen entgegentritt, soll durch Druck von außen ein bestimmtes Handeln aufgezwungen werden. Eigentlich verbietet sich eine inhaltliche Auseinandersetzung, wenn man mit einer Gruppierung konfrontiert wird, die ihre Kritik aus der Anonymität heraus vorträgt. Dennoch argumentieren wir und verweisen auf das Nachwort von Cornelia Koppetsch zu unserem Buch, in dem sie erklärt: »Leider ist es an unterschiedlichen Stellen in anderen Publikationen und auch in früheren Fassungen der in diesem Band veröffentlichten Aufsätze zu Ungenauigkeiten im Umgang mit den Gedanken und Formulierungen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gekommen. Dies bedauere ich sehr. In der vorliegenden Aufsatzsammlung finden sich diese Fehler nach bestem Wissen und Gewissen korrigiert. Gleichwohl bin ich davon überzeugt, einen eigenständigen Ansatz vorgelegt zu haben, der Rechtspopulismus im Kontext sozialer Abstiege betrachtet, die aus Geltungsverlusten inkorporierter Einstellungen, Dispositionen und Haltungen resultieren.«

Und sie hat begründet, warum sie sich trotz der gegen sie erhobenen Vorwürfe mit diesem Band erneut zu Wort meldet: »In der vor einem Jahr verfassten Einleitung zu diesem Band hatte ich bereits angemerkt, dass der Rechtspopulismus in Europa und in den USA einen Angriff auf bislang etablierte politische Wahrheiten und liberal-demokratische Institutionen darstellt. Diese Tendenzen haben seitdem noch zugenommen – auch wenn der parteipolitische Ausdruck des Rechtspopulismus hierzulande gerade schwächelt. [...] Hinzu kommen antisemitisch begründete Anschläge auf Synagogen wie in Halle oder Menschen jüdischen Glaubens wie in Hamburg. [...] Dies zu skandalisieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ist wichtig. Genauso wichtig ist es zu verstehen, welchen gesellschaftspolitischen Nährboden dies hat. Auch wer verstehen will, an welche Strukturen im emotions-, symbol- und realpolitisch geprägten Alltagsbewusstsein die ›Querdenker‹-Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie anknüpfen und wohin diese führen könnten, sollte die Anstrengung genauerer Analysen und Einschätzungen unternehmen. Dazu soll diese Buchveröffentlichung beitragen.«

Es handelt sich bei unserem Sammelband also nicht um eine Schrift zur Erlangung eines akademischen Titels oder einer Position im Wissenschaftsbetrieb. Allerdings sind sowohl die Redaktion der »kulturWelt« auf Bayern 2 (in der Sendung am 8.6.2021) als auch die Feuilleton-Redaktion der FAZ von dem Aufruf zur Verteidigung der wahren Wissenschaft überzeugt und folgen der »Gruppe genauer Leser, die anonym bleiben möchte«. Diese Gruppe und die Kulturredaktionen spießen als Beispiel die Auseinandersetzung mit dem Prozess der Zivilisation auf, der von Cornelia Koppetsch unter Rückgriff auf Norbert Elias und Cas Wouters debattiert wird. In diesem Zusammenhang wird auch Sighard Neckel von ihr berücksichtigt. Patrick Bahners räumt am 10.6.2021 in der FAZ ein, dass Neckel zwar dort von ihr richtig zitiert werde, aber nicht als Autor eines Satzes in einer längeren Fußnote auf Seite 102. Dies veranlasst ihn zu der Behauptung, es könnten in dem Text »noch mehr Plagiate enthalten sein, als in dieser Zeitung berichtet«. Sein Beitrag trägt die Überschrift: »Wie unoriginell!«, die von ihm vorgetragene »Kritik« dagegen erscheint uns wirklich originell.

Wir haben regelmäßig darüber informiert, warum und in welchem Ausmaß Corona auch unsere Arbeit beeinträchtigt, und um Unterstützung gebeten. Dieser Bitte sind Autor:innen, Freund:innen und viele Leser:innen gefolgt.


Ein großer Dank an alle, die geholfen haben. Wir sind auch weiterhin auf Unterstützung angewiesen. Deshalb bei der Lieblingsbuchhandlung vor Ort bestellen, die ebenfalls Zuspruch benötigt, oder auf der VSA: Website.

Spenden

Für alle diejenigen, die das können und die Arbeit des Verlages durch eine finanzielle Zuwendung unterstützen möchten, gibt es folgendes Spendenkonto:

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Quelle: https://www.vsa-verlag.de/nc/news_tipps/