Die schwierigen Zeiten halten an. Pablo Nerudas »Ode an das Buch« hilft weiterhin.

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Babette Quinkert (Hrsg.)

»Wir sind die Herren dieses Landes«

Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

260 Seiten | 2002 | EUR 20.40 | sFr 36.10
ISBN 3-87975-876-X 1

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Russische und deutsche HistorikerInnen stellen neueste Forschungsergebnisse zum deutschen Krieg gegen die Sowjetunion vor. Die unmittelbare Vorgeschichte des Überfalls, Kriegsziele, operative Planungen und verbrecherische Besatzungspolitik werden ebenso beleuchtet wie das Schicksal von Kriegsgefangenen und sog. Ostarbeitern im Reichsgebiet und die Erinnerung an den Krieg nach 1944/45.


Am 22. Juni 1941 überfiel das faschistische Deutschland die Sowjetunion. Damit begann ein erbarmungsloser Vernichtungskrieg, der mehr als 40 Millionen sowjetischer Staatsangehöriger das Leben kostete.

»Wir sind die Herren dieses Landes« – postulierte der Oberbefehlshaber der 17. Armee, Generaloberst Hoth, in seinem Armeebefehl vom 17. November 1941, in dem er von jedem Soldaten das »Gefühl unbedingter Überlegenheit« verlangte und die Maßnahmen des Vernichtungskrieges rechtfertigte.

60 Jahre nach dem Überfall haben sich auf Initiative der Berliner Gesellschaft für Faschismus und Weltkriegsforschung e.V. und des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst russische und deutsche HistorikerInnen getroffen, um sich auf der Basis neuer Dokumente vor allem aus den Archiven der ehemaligen Sowjetunion über Ursachen, Verlauf und Folgen auszutauschen.

Die Autorinnen und Autoren stellen neueste Forschungsergebnisse vor. Dabei wird die unmittelbare Vorgeschichte des deutschen Überfalls, die Kriegsziele deutscher Eliten und die operativen Planungen der Wehrmacht beleuchtet. Besatzungspolitik, Judenmord und Partisanenbekämpfung werden ebenso dargestellt, wie das Schicksal der Millionen von sowjetischen Staatsangehörigen, die während des Krieges ins Deutsche Reich verschleppt wurden – als Kriegsgefangene oder als sog. Ostarbeiter. Ein eigener Abschnitt widmet sich dem Umgang mit der Erinnerung an den Krieg nach 1944/45 in der Sowjetunion, der DDR und der BRD.

Rezensionen

Einen bedeutsamen Brückenschlag zwischen der deutschen und russischen Historiographie stellte die wissenschaftliche Tagung zum 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion dar, die im Juni 2001 in Berlin-Karlshorst stattfand. Die lebhaften Debatten unter den rund achtzig Historikern aus Ost und West verdeutlichten, wie kontrovers nach wie vor ganz besonders Forschungen zum deutsch-russischen Krieg diskutiert werden. Der von der Herausgeberin Babette Quinkert vorgelegte Sammelband stellt die überarbeiteten Konferenzbeiträge der Referenten Andrej Angrick, Sabine Arnold, Bernd Bonwetsch, Dietrich Eichholtz, Michael Gander, Christian Gerlach, Gerhart Hass, Peter Jahn, Peter Klein, Leonore Krenzlin, Reinhard Otto, Pavel Polian, Hans Umbreit und Oleg W. Wischljow vor. Der Einleitung von Hans Umbreit schließen sich Beiträge zu vier übergeordneten Themenkomplexen an:
Kriegsbeginn und Kriegsziele
Okkupationspolitik – Herrschaftssicherung und Vernichtung
Sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen im "Dritten Reich"
Zur Rezeption des Krieges Besonders der erste Themenkomplex nimmt Stellung zu den nach wie vor umstrittenen und oft politisch instrumentalisierten Fragen nach den Kriegszielen Deutschlands, der sog. "Präventivkriegsthese" und der Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg im Osten. Dietrich Eichholtz konstatiert in seinem Beitrag "Kriegsziele in der UdSSR" mit Recht, eine Analyse der Ostziele im Zweiten Weltkrieg müsse von einem Vergleich mit denen des Ersten Weltkrieges ausgehen.[1] Eichholtz beleuchtet die Ostziele Hitlers und der engeren NS-Führung indes nur am Rande und konzentriert sich auf die Kriegsziele der "alten" Machtelite, nach der Definition des Autors die hohe Bürokratie, Militärführung und Wirtschaftselite jenseits der NS-Kader. Im Rahmen des Sammelbandes mag dies eine zu starke Einengung sein, zumal die allgemeine Forschungsdiskussion außen vor bleibt. Hinsichtlich der Kriegszieldiskussion fokussiert Eichholtz auf die Wirtschaftselite und stellt die Frage, ob diese "die Zwangsarbeit von Ausländern auch innerhalb Deutschlands als Kriegsziel begriffen und angestrebt hat" (S. 38). Oleg Wischljow wendet sich in seinem profunden Aufsatz "Zu militärischen Absichten und Plänen der UdSSR im Sommer 1941" gegen die Verfechter einer die deutsche Verantwortung einschränkenden Präventivkriegsthese. Der Moskauer Historiker folgt den argumentativen Linien der Verfechter jener These[2], um sie nicht nur anhand methodisch fragwürdiger Vorgehensweisen, etwa Hoffmanns falscher Zitierweise, sondern vor allem anhand russischer Quellen zu hinterfragen. So schlage der sog. "Zhukov-Plan", eine handschriftliche Notiz aus dem Generalstab der Roten Armee, zwar vor, dem sich zum Angriff formierenden Gegner beim Aufmarsch zuvorzukommen. Wischljow weist schließlich auf den reinen Entwurfcharakter des Papiers hin: "Wichtig dagegen ist, ob derartiges zum politischen Beschluss erhoben wird, der das im Entwurf der Notiz dargelegte Szenario zu einer operativen Handlungsanleitung macht" (S. 51).Christian Gerlachs Beitrag zu den "Operativen Planungen der Wehrmacht für den Krieg gegen die Sowjetunion und die deutsche Vernichtungspolitik" beruht im Wesentlichen auf den Erkenntnissen seiner Studie "Kalkulierte Morde"[3] und versucht aus den "inhärenten Widersprüchen" der deutschen strategischen Planungen "eine zusätzliche Erklärung für den Vernichtungscharakter des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion" zu gewinnen (S. 55). Auch die überblicksartigen Beiträge von Gerhart Hass zur deutschen Besatzungspolitik im Leningrader Raum 1941-1944, Peter Klein zur Zivilbevölkerung Russlands und dem Krieg der Wehrmacht gegen die Partisanen oder Andrej Angrick zur Rolle der Militärverwaltung bei der Ermordung der sowjetischen Juden bieten einen guten Einstieg in die aktuelle Diskussion über die Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg im Osten. Angrick verweist mit Blick auf die lokalen und regionalen Entscheidungsträger im Bereich der Besatzungspolitik auf wesentliche Forschungsdesiderate in der "Schnittmenge zwischen Militär, Sozial- und Verbrechensgeschichtsschreibung" (S. 106). Unter Bezugnahme auf Klaus-Michael Mallmann[4] stellt Angrick fest: "Verlässt man den Superlativ der Massaker und wendet sich Massenhinrichtungen mit geringeren, aber doch in die tausende gehenden Opferzahlen zu, [...] wird die flächendeckende Involvierung des Heeres bei der Planung und Durchführung der Verbrechen noch deutlicher" (S. 113). Reinhard Ottos verdienstvoller Beitrag zu "Sowjetischen Kriegsgefangen" fasst die große Zahl an lokalen Einzelstudien zu Kriegsgefangenenlagern zusammen und setzt sie in Bezug zu neuen Quellenfunden, deren Auswertung derzeit ein deutsch-russisches Pilotprojekt betreibt.[5] Die Systematik der Registrierung sowjetischer Kriegsgefangener im Reich könne erstmals nachvollzogen werden. Es werde außerdem deutlich, dass die Registrierung sowjetischer Kriegsgefangener einen wesentlichen Baustein innerhalb der Planung des Arbeitseinsatzes gebildet habe. Die Aufsätze Pavel Polians zur Zahl und Gruppen sowjetischer Staatsangehöriger im "Dritten Reich" sowie Michael Ganders zu den Beziehungen zwischen sowjetischen Zwangsarbeitern und deutscher Bevölkerung am Beispiel Osnabrücks vervollständigen diesen Themenkomplex. Besonders wertvoll sind die abschließenden Beiträge von Bernd Bonwetsch, Sabine Arnold, Leonore Krenzlin und Peter Jahn, die sich mit der Rezeption des Krieges in der Sowjetunion, der DDR und der (alten) Bundesrepublik befassen und Einblicke in die divergierenden nationalgeschichtlichen Positionen liefern. Babette Quinkerts sorgfältig redigierter Band bietet, der Kürze der Beiträge geschuldet, eine überblicksartige, gut lesbare Einführung in den gesamten Themenkomplex und eröffnet neue Forschungsperspektiven. (Matthias Schröder, Münster, in: Archiv für Sozialgeschichte online der Friedrich Ebert Stiftung [1] Aktuell hierzu: Bruno Thoß/Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis und Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn 2002.
[2] Exemplarisch: Joachim Hoffmann: Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945. Planung, Ausführung und Dokumentation, München 19995.
[3] Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944, Hamburg 1999.
[4] Klaus-Michael Mallmann: Der qualitative Sprung im Vernichtungsprozess. Das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941, in Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2001), S. 239-264.
[5] Erschließung der Bestände der Wehrmachtauskunftstelle (WASt) im Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Förderation in Podolsk (CAMO) und der Deutschen Dienststelle in Berlin.

Leseprobe 1

Vorwort

"Wir sind die Herren dieses Landes", postulierte der Oberbefehlshaber der 17. Armee, Generaloberst Hermann Hoth, in seinem Armeebefehl vom 17. November 1941. Er betonte den besonderen Charakter des "Ostfeldzuges", der auf andere Art geführt werden müsse als der Krieg im Westen. Der nationalsozialistischen Ideologie entsprechend behauptete er, dass im Osten "zwei innerlich unüberbrückbare Anschauungen" gegeneinander kämpfen würden: "Deutsches Ehr- und Rassegefühl, Jahrhunderte altes deutsches Soldatentum gegen asiatische Denkungsart und ihre, durch eine kleine Anzahl, meist jüdischer Intellektueller aufgepeitschten primitiven Instinkte". Hoth erinnerte die Soldaten an drei Ziele des Kampfes: die vollständige Niederringung der gegnerischen Armee, die physische Vernichtung der sowjetischen "Machthaber als Träger des bolschewistischen Gedankens" und die Ausnutzung des eroberten Gebietes "bis zum letzten [...], um die Versorgung der Heimat zu entlasten". In diesen Sätzen sind wichtige Wesenszüge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion benannt. Das Ziel, angeblich fehlenden neuen "Lebensraum im Osten" zu erobern – um diesen als Kolonial- und Siedlungsgebiet zu nutzen sowie die riesigen Rohstoffressourcen und Absatzmärkte zu sichern –, war mit einem rassistischen "Herrenmenschen"-Standpunkt verbunden, der die deutschen Besatzer nicht davor zurückschrecken ließ, als unnütz, minderwertig oder als vermeintliche Gegner definierte Menschen "auszurotten". Das Feindbild des "jüdischen Bolschewismus" sollte die Verfolgung von kommunistischen Funktionären und jüdischer Bevölkerung in den eroberten sowjetischen Gebieten legitimieren: sie wurden in arbeitsteiliger Zusammenarbeit von Wehrmacht, SS und Polizei systematisch ermordet. Sinti und Roma, "Asiaten", psychisch Kranke und als "kriminell" oder einfach "politisch verdächtig" eingestufte Menschen fielen den Deutschen ebenso zum Opfer. Große Teile der übrigen Zivilbevölkerung – zumeist als "slawische Untermenschen" betrachtet – erwartete ebenfalls großes Leid. Als überflüssige Verschubmasse langfristiger Umsiedlungsplanungen – 30 bis 40 Millionen Menschen sollten nach dem Krieg "germanischen" Siedlern Platz machen – zählte auch ihr Leben nicht viel. In der kolonialistischen Perspektive der Eroberer galten sie in der Regel als Arbeitssklaven, "Heloten", deren Arbeitskraft in den besetzten Gebieten oder nach ihrer Verschleppung ins Reichsgebiet ausgebeutet wurde. Dabei war ihr Überleben schon im Planungsstadium des Krieges auf deutscher Seite kein Kriterium: es wurde davon ausgegangen, dass bei der geplanten Politik der rücksichtslosen Ausplünderung des Landes "zweifellos zig Millionen Menschen verhungern" würden. "Mitleid und Weichheit gegenüber der Bevölkerung" sei "völlig fehl am Platz" und die "Notwendigkeit harter Maßnahmen gegen volks- und artfremde Elemente" müsse "gerade von den Soldaten verstanden werden", instruierte Generaloberst Hoth seine Untergebenen, von denen er verlangte, von dem "Gefühl unbedingter Überlegenheit" durchdrungen zu sein. Der Genozid an der jüdischen Bevölkerung, die systematischen Morde an Kommunist/innen und anderen, Hunger, Krankheiten und der Terror der deutschen Besatzer in Form von Geiselerschießungen und sog. Vergeltungsmaßnahmen im Rahmen der Bekämpfung vermeintlicher oder tatsächlicher Partisan/innen kostete in den besetzten Gebieten der Sowjetunion Millionen das Leben. Nach dem Krieg betrauerten die Überlebenden mehr als 27 Millionen Tote – weit mehr als jedes andere Land im Zweiten Weltkrieg. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem "Fall Barbarossa" bleibt aktuell. Einerseits lassen neue Dokumentenfunde noch immer neue Erkenntnisse zu, und die Diskussion um die Fragen nach Zielen, Motiven und Praxis dieses beispiellosen Vernichtungskrieges ist mitnichten abgeschlossen. Andererseits verpflichtet das erneute Aufkommen rassistischer und antisemitischer Feindbilder in der bundesrepublikanischen Gesellschaft eben auch die Historiker/innen, das Ihre dazu beizutragen, dass aus der Geschichte gelernt werden kann. Vor diesem Hintergrund haben sich anlässlich des 60. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion auf Initiative der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung und des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst russische und deutsche Historiker/innen auf einer Konferenz getroffen, um auf der Basis neuer Dokumente unter anderem aus den Archiven der ehemaligen Sowjetunion ihre Forschungsergebnisse vorzustellen und zu aktuellen Fachdiskussionen Stellung zu nehmen. Die vorliegende Veröffentlichung enthält die überarbeiteten und erweiterten Referate der Konferenz, die am 15. und 16. Juni 2001 in Berlin-Karlshorst stattgefunden hat. Nicht nur die Präsentation neuer Archivfunde und ihre Interpretation machen die wissenschaftliche Relevanz dieses Bandes aus. Auch nehmen die Autor/innen zu umstrittenen Themen Stellung, wie beispielsweise zu der Frage nach den Kriegszielen Deutschlands, der sog. Präventivkriegsthese oder der Verantwortung und Beteiligung der Wehrmacht an der verbrecherischen Kriegführung. Als Herausgeberin bleibt mir an dieser Stelle nur noch, allen Beteiligten einen herzlichen Dank für die gute Kooperation auszusprechen. Mein ganz besonderer Dank gilt Frau Heidemarie Kruschwitz, ohne deren kompetente Mitarbeit das Buch nicht zustande gekommen wäre. Und schließlich sei auch der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst und der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung gedankt, deren großzügige finanzielle Unterstützung das Erscheinen des Buches ermöglicht hat. Babette Quinkert
Berlin, im Juli 2002

Leseprobe 2

Hans Umbreit
Einleitung Gedenktage werden vom Kalender vorgegeben. Sie aufzugreifen und in irgendeiner Form zu würdigen, kann zur lästigen Pflichtübung verkommen – wenn es nur darum geht, "irgendetwas zu machen" und dabei vielleicht nur an einem bloßen Akt der Pietät festzuhalten. Über diese Art des Gedenkens pflegt die Zeit schnell hinwegzugehen, und ebenso schnell erlischt das öffentliche Interesse. Was gegebenenfalls für die Medien gilt, muss aber keinesfalls den wissenschaftlichen Diskurs bestimmen. Im Gegenteil: Gedenktage können eine nützliche Funktion erfüllen und Anlass sein, um den Forschungsstand zu bilanzieren, neue Fragestellungen anzureißen und sich darüber Rechenschaft zu geben, wo weiterer Forschungsbedarf besteht. Dieses Innehalten im "Tagesgeschäft" kann sogar eine wichtige Rolle für den Historiker spielen, um eigene Positionen zu überdenken, andere Sichtweisen zu diskutieren und den eigenen Wahrnehmungshorizont zu erweitern. Gedenktage können, wenn sie nicht nur pflichtgemäß "abgehakt" werden, Impulse geben und die Forschung voranbringen. Die wissenschaftliche Tagung zum 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, die am 16. und 17. Juni 2001 in Berlin-Karlshorst stattfand, hat diese in sie gesetzten Erwartungen in hohem Maße erfüllt.[1] Veranstaltet wurde sie von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung und vom Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst. Rund 80 Historiker und historisch Interessierte aus verschiedenen Ländern nahmen an ihr teil, und die lebhaften, mitunter auch kontroversen Debatten unterstrichen die große Aktualität, die dem Zweiten Weltkrieg im allgemeinen wie dem deutsch-russischen Krieg im besonderen nach wie vor zukommt. Das hat sich durch das Ende der Nachkriegszeit und den Beginn einer neuen Periode im – endlich friedlichen – Zusammenleben aller europäischen Völker nicht geändert. Zu groß ist noch auf beiden Seiten die Zahl der Menschen, die als Soldaten oder Zivilisten diesen Krieg zumeist leidvoll miterlebt haben. Die Wunden, die sie davon getragen haben, sind bestenfalls vernarbt, aber deswegen nicht vergessen. Darauf haben die Botschafter Russlands und Belorusslands in ihren Grußworten am Beginn der Tagung eindringlich hingewiesen. Aber der große zeitliche Abstand zu den Ereignissen und mehr noch die erfreuliche Entwicklung von der Konfrontation zur Kooperation zwischen den einstigen Kriegsgegnern erlauben inzwischen eine sachliche Erörterung der Fragen, die sich mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, der nationalsozialistischen Herrschaft über die besetzten Landesteile und der öffentlichen wie individuellen Verarbeitung des Geschehens verbinden. Das schließt unterschiedliche Sichtweisen nicht aus, die in der Geschichtswissenschaft ohnehin ein Ausdruck von Normalität sind. Die politische Instrumentalisierung der Geschichte, die manche Fragestellungen nicht zuließ und manche Forschungsergebnisse schon von sich aus festlegte, gehört aber der Vergangenheit an. Das erleichtert ungemein den wissenschaftlichen Austausch über staatliche Grenzen hinweg und bringt eine Entwicklung voran, die über die nationalgeschichtliche Betrachtungsweise, so nützlich diese auch ist, hinausführt. Die Berliner Tagung vom Juni 2001 hat dazu zweifellos beigetragen. Die Planungen für die Wendung der deutschen Kriegführung "nach Osten" setzten im Sommer 1940 ein. Für Hitler war es der "Hauptkrieg",[2] mit dem sich maßlose politische, militärische, wirtschaftliche und ideologische Ziele verbanden. Entsprechend unüberschaubar ist die Flut der Veröffentlichungen geworden, die inzwischen zu den einzelnen Aspekten dieses Krieges vorliegen. Die Veranstalter der Tagung kamen nicht umhin, sich auf einige wenige, aber zentrale Themenkomplexe zu beschränken, wie sie sich aus der derzeitigen Forschungsdiskussion ergaben. Die Auswahl wird nicht jeden Leser befriedigen können. Aber vielleicht wird er das Gebotene, auch wenn die Einzelthemen keinesfalls erschöpfend behandelt werden konnten, als nützlich und zu weiterer Beschäftigung anregend empfinden. Damit hätte dieser Tagungsband seinen wichtigsten Zweck erfüllt. Er dokumentiert die Vorträge, die zu vier Themenkomplexen vorgelegt wurden:
I. Kriegsbeginn und Kriegsziele
II. Okkupationspolitik – Herrschaftssicherung und Vernichtung
III. Sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im "Dritten Reich"
IV. Zur Rezeption des Krieges I. Kriegsbeginn und Kriegsziele War Hitler ein starker oder ein schwacher Diktator? Diese Frage hat die Zeithistoriker in der Vergangenheit stark beschäftigt, und sie ist auch noch nicht endgültig beantwortet. Die DDR-Forschung neigte dazu, Hitler in eine starke Abhängigkeit von der Großindustrie zu stellen und ihn mehr als den Ausführenden denn als den Motor der deutschen Kriegspolitik zu sehen. Historiker in der Bundesrepublik unterstrichen dagegen seine unangefochtene Führerstellung und wussten aus zahlreichen Dokumenten zu belegen, wie nachdrücklich er als Partei- und Staatschef wie als militärischer Oberbefehlshaber die Richtlinien für das politische und militärische Handeln des Deutschen Reiches festlegte. Sein Kriegskurs löste erst bei den großen und in diesem Ausmaß nicht erwarteten Anfangserfolgen die zunächst vermisste Begeisterung in der Bevölkerung aus. Der Krieg gegen die Sowjetunion stieß dagegen auf manche Skepsis, ja Besorgnis, und das Beispiel Napoleons wurde für die Goebbels-Propaganda zur Herausforderung. Das darf aber nicht zu der Annahme verleiten, dass es Hitler schwer gefallen sei, sein Volk in das nächste Kriegsabenteuer zu führen. Vor allem die "alten" Eliten in Deutschland, wie in dem Beitrag von Dietrich Eichholtz überzeugend herausgearbeitet wird, folgten ihm bereitwillig, dienten eilfertig ihre Zuarbeit an und ließen sich widerstandslos in eine menschenverachtende Herrschafts- und Ausbeutungspolitik involvieren. Eine weitgehende Identität der Interessen zwischen Wirtschaft, Militär und Bürokratie einerseits und dem NS-Regime andererseits ist nicht zu übersehen und verband sich mit dem weitverbreiteten Antikommunismus in den mittleren und oberen Schichten der deutschen Gesellschaft. Schließlich versprach das wirtschaftsimperialistische Programm, das an expansionistische Zielsetzungen im Ersten Weltkrieg anknüpfte und unbegrenzten "Lebensraum" auf Kosten der unterworfenen Völker in Aussicht stellte, materielle Vorteile für eine Vielzahl ehrgeiziger "Volksgenossen". Für Hitler ging es aber noch um mehr: Mit der Zerschlagung der Sowjetunion, der letzten Militärmacht auf dem europäischen Kontinent, in einem barbarischen Rassen- und Vernichtungskrieg und mit der Aneignung ihrer reichen Bodenschätze und Lebensmittelerzeugung sollten nicht nur die Hauptengpässe der deutschen Kriegswirtschaft beseitigt, sondern auch die Voraussetzungen für den Kampf um die Weltvormachtstellung geschaffen werden. Die "Endlösung der Judenfrage" durch Genozid wurde bald untrennbarer Bestandteil dieses irrwitzigen Vorhabens, das in seiner Entwicklung und zunehmenden Radikalisierung in diesem Beitrag vorgestellt wird. In Anbetracht dieser schon seit langem gehegten Absichten Hitlers, für deren Umsetzung nur noch der Zeitpunkt offen geblieben war, erscheint es eigentlich als einigermaßen müßig, noch länger über die Berechtigung der sogenannten Präventivkriegsthese nachzudenken. Zu Hitlers Entschluss trug am wenigstens das Verhalten Stalins bei, wie auch immer die langfristigen Pläne des sowjetischen Diktators aussahen. Die zählebige Diskussion um eine aktuelle Gefährdung des Deutschen Reiches, der Hitler durch den Angriff auf die Sowjetunion zuvorkommen musste, sollte dennoch noch einmal aufgegriffen werden. Der russische Historiker Oleg W. Wischlow hat sich mit den einzelnen Argumenten, wie sie von den Verfechtern der die deutsche Verantwortung so bequem einschränkenden "Präventivkriegsthese" immer wieder vorgebracht werden, sehr gründlich auseinander gesetzt. Er ordnet sie in einen Kontext ein, der auch eine andere Interpretation erlaubt, die sich durch weitere Quellenfunde untermauern lässt. Es gab demnach 1941 keine amtlicherseits angeordneten Vorbereitungen für einen Angriffskrieg gegen Deutschland, und ob Stalin für einen späteren Zeitpunkt offensive Absichten gehabt hat, ist nach dem derzeitigen Kenntnisstand dokumentarisch nicht zu belegen. Bis zum 22. Juni 1941 jedenfalls versprach ein friedliches deutsch-sowjetisches Verhältnis aus Moskauer Sicht den größeren politischen Nutzen. Auch die operativen Planungen der Wehrmacht für den Überfall auf die Sowjetunion lassen eine Besorgnis wegen möglicher Angriffsabsichten der Gegenseite nicht erkennen. Auffällig ist vielmehr die Hybris in der obersten militärischen und politischen Führung des Reiches, der keine Zweifel kamen, den "Koloss auf tönernen Füßen" in einem kurzen Feldzug bezwingen zu können. Entsprechend unrealistisch waren, wie Christian Gerlach hervorhebt, die den Planungen zugrunde liegenden Annahmen, die zumindest im logistischen Bereich so auch gesehen wurden. Die Zeitnot, in der man sich zu befinden glaubte, verführte aber dazu, ein großes Risiko einzugehen und "zahlreiche Grundregeln der Kriegslehre" außer Acht zu lassen. Der Ausschluss der völkerrechtlichen Verpflichtungen, die jeder kriegführenden Partei und Besatzungsmacht auferlegt waren, stellten eine der Konsequenzen aus diesem Dilemma dar. Das gilt insbesondere für den sogenannten Hungerplan, der den Tod von Millionen Sowjetbürgern einkalkulierte, um die Wehrmacht zur Erleichterung der Nachschubprobleme aus dem Lande versorgen und Überschüsse nach Deutschland exportieren zu können. Zivile und militärische Instanzen waren sich in dieser Zielsetzung einig,[3] die zum integralen Bestandteil der operativen Planung wurde. p>Die in der Operationsplanung angelegten Probleme nahmen noch zu, als bereits im August 1941 erkennbar wurde, dass mit der Eroberung Moskaus so schnell nicht zu rechnen war. Und im September schwand auch weitgehend die Hoffnung, den Krieg gegen die Sowjetunion noch 1941 beenden zu können. Das Unternehmen "Barbarossa" war damit gescheitert. Die Umstellung auf einen längerfristigen Krieg hatte eine noch erbarmungslosere Vernichtungspolitik zur Folge. II. Okkupationspolitik – Herrschaftssicherung und Vernichtung Die Legende von der "sauberen Wehrmacht", die an der Front nur ihre soldatischen Pflichten erfüllte und dem mörderischen Treiben von SS und Polizei machtlos zusah, mag in Teilen der deutschen Öffentlichkeit bestanden und wohl auch der Erinnerung vieler Wehrmachtangehöriger entsprochen haben. Es bedurfte aber nicht erst der "Wehrmachtsausstellung" mit ihren in der ersten Erscheinungsform wenig differenzierten Aussagen, um mit dieser Legende Schluss zu machen. Wer es genauer wissen wollte, wie die Verantwortlichkeiten auf dem östlichen Kriegsschauplatz wirklich verteilt waren, dem stand seit Kriegsende eine wachsende Zahl seriöser Publikationen aus dem In- und Ausland zur Verfügung. Es gab zweifellos einen Unterschied zwischen dem Heer bzw. der Wehrmacht insgesamt auf der einen und der SS mit der Polizei auf der anderen Seite. Das ergab sich – stark vereinfacht – schon aus ihrer unterschiedlichen Aufgabenstellung. Aber es bestanden auch zahlreiche Schnittstellen zwischen beiden "Säulen" des Regimes, und diese traten in erster Linie im Hinterland der Front auf – sowohl in den Gebieten unter ziviler wie unter militärischer Verwaltung. Der größere Teil des besetzten sowjetischen Territoriums blieb unter Militärverwaltung, die sich der Verantwortung für das, was unter ihren Augen geschah, nicht entziehen konnte. Und es gab nicht nur so gut wie keinen Protest, sondern häufig Hilfestellung, Mitwirkung oder Eigeninitiative. Die Grundzüge der deutschen Besatzungspolitik und die Mechanismen der militärischen Verwaltung im Raum um Leningrad sind Gegenstand einer eingehenden Untersuchung von Gerhart Hass. Dieser Teil der Sowjetunion stand am längsten unter deutscher Herrschaft, deren destruktive Absichten – die Beseitigung des "jüdischen Bolschewismus" und Dezimierung der slawischen Bevölkerung – unverhüllt zu Tage traten. Deutlich wurden aber auch die selbstgeschaffenen Probleme der Besatzer, auf die sie in Erwartung eines kurzen Feldzuges nicht vorbereitet waren. Ebenso lassen sich sowjetische Versäumnisse feststellen; eine realistische Verteidigungsstrategie für den Fall eines bewaffneten Konflikts mit Deutschland hatte es nicht gegeben. Das Gebiet um Leningrad verlor während des Krieges einen großen Teil seiner Einwohner und erlitt enorme materielle Schäden. Ein aus deutscher Sicht nie bewältigtes Problem stellte die Bekämpfung der sowjetischen Partisanen dar. Peter Klein untersucht die Partisanenbekämpfung durch die Wehrmacht in Weißrussland und greift damit eine Thematik auf, die er auch bei der Neukonzipierung der "Wehrmachtsausstellung" bearbeitet hat. Bei jeder Besetzung glaubten sich die deutschen Truppen von Partisanen bedroht, auf die sie panikartig und mit übertriebener Härte reagierten. Auf sowjetischem Gebiet war ihnen dazu freie Hand gegeben. Ausschreitungen sollten nach dem von oberster Stelle ausgegebenen Kriegsgerichtsbarkeitserlass nicht geahndet werden. Die Opfer der oft unterschiedslosen Repressionen wurden weniger die tatsächlichen Freischärler, die sich trotz eines Aufrufs Stalins vom 3. Juli 1941 erst allmählich im rückwärtigen Gebiet formierten, sondern des Partisanentums lediglich Verdächtige, ihre angenommenen Helfer und Sympathisanten und zur Abschreckung umgebrachte Einwohner. Juden waren eine bevorzugte Zielgruppe. Bedenken gegen diese mörderische Praxis, deren nachteilige Folgen immer mehr zu spüren waren, fanden im Führerhauptquartier aber kein Gehör. Hitler sah in der Verbreitung von Terror das allein geeignete Mittel zur Niederhaltung der einheimischen Bevölkerung. Nur vereinzelte Besatzungsdienststellen hatten die Courage, die unterstellten Truppen von unterschiedslos verhängten Repressalien abzuhalten, ohne dass sich dadurch wesentliche Änderungen ergaben. Verwüstete Landstriche und etwa 345.000 weißrussische Opfer waren die Folgen einer Partisanenbekämpfung, die den Charakter eines Vernichtungskrieges angenommen hatte. Die oberste militärische Führung hatte von vornherein auf Abschreckung gesetzt, um die zahlenmäßige Schwäche der eigenen Sicherungstruppen auszugleichen. Nach Andrej Angrick, der die Beteiligung der deutschen Militärverwaltung an dem Genozid gegen den jüdischen Bevölkerungsteil für die neugestaltete "Wehrmachtsausstellung" untersucht hat, war "der Jude" auch für die Wehrmacht das idealtypische Feindbild. OKW und OKH hatten das Tätigwerden der mörderischen Einsatzgruppen sogar im Operationsgebiet akzeptiert und militärische Unterstützung zugesagt. Nicht nur höhere Kommandobehörden, sondern auch die noch nicht ausreichend untersuchten örtlichen Instanzen forderten oder genehmigten Mordaktionen und trafen antijüdische Maßnahmen in eigener Verantwortung. Von der Entrechtung bis zum Mord war die Wehrmacht – Fronttruppen eingeschlossen – in unterschiedlichem Ausmaß involviert. Einzig das Schießen an den Gruben war das verbriefte Recht der SS und ihrer Hilfskräfte, obwohl auch immer wieder Soldaten sich daran beteiligten. III. Sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im "Dritten Reich" Über das traurige Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener in deutschem Gewahrsam und von Zwangsarbeitern im "Reichseinsatz" liegen neben größeren Untersuchungen auch zahlreiche regionale Studien vor. Wie Reinhard Otto berichtet, ließ sich in den letzten Jahren ermitteln, dass die Wehrmacht durchaus ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen insoweit nachgekommen ist, dass sie sowjetische Kriegsgefangene vorschriftsmäßig registriert hat. Die für alle Personen angelegten Karteikarten sind in großer Zahl im russischen Militärarchiv in Podolsk und teilweise auch in der Berliner "Deutsche[n] Dienststelle" erhalten. Die einzelnen Vermerke über Arbeitseinsatz, Krankheiten, Tod oder Verlegung in ein Konzentrationslager erlauben wichtige Erkenntnisse über das Los der sowjetischen Kriegsgefangenen, das ihnen von den Deutschen zugemutet wurde und das sie als eine der größten Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges in erschreckend hoher Zahl nicht überlebten. Tatsächlich waren es insgesamt 8,7 Millionen sowjetische Staatsbürger, wie Pavel Polian feststellt, die während des Krieges nach Deutschland oder in andere Gebiete gebracht wurden. Sie machten etwa 5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Soweit sie in ihre Heimat zurückkehrten, waren sie häufig neuen Repressalien seitens der eigenen Behörden ausgesetzt. Ein interessantes Projekt zur Erforschung der bisher kaum untersuchten interkulturellen Beziehungen zwischen sowjetischen Zwangsarbeitern und deutscher Zivilbevölkerung wird an der Universität Osnabrück erarbeitet. Wie von Michael Gander zu erfahren ist, werden dazu vor allem Zeitzeugenbefragungen ausgewertet, die sowohl in Deutschland als auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gesammelt und mit der schriftlichen Überlieferung verglichen werden. Das erfordert ein hohes Maß an Sensibilität bei der Aufklärung von Widersprüchen. Trotz der bekannten Problematik von Zeitzeugenaussagen sind sie doch häufig – in diesem Fall geht es allein um die Situation in der Stadt Osnabrück – die einzig greifbare Quellengattung. Man darf gespannt sein, in welchem Verhältnis Aufwand und Ertrag schließlich stehen werden. IV. Zur Rezeption des Krieges Die Frage nach der individuellen Erinnerung an den Krieg muss dennoch mit aller gebotenen Vorsicht gestellt werden. Nach einem halben Jahrhundert der Verarbeitung und Überlagerung sind Verzeichnungen nicht auszuschließen, was im Falle des Osnabrücker Projekts auch bedacht wird. Im Falle der Sowjetunion kamen die Unterschiede zwischen offizieller und privater Kriegserinnerung hinzu. Ein Abfärben der amtlichen Kriegsdeutung auf das private Bild, das sich jeder der Überlebenden von seiner Erfahrung des Krieges geschaffen hat, ist jedenfalls als Möglichkeit einzukalkulieren. Wie Bernd Bonwetsch darlegt, klafften in der Sowjetunion die öffentliche und die private Kriegserinnerung sehr bald weit auseinander. Die "staatlich kanonisierte Vergangenheitsdarstellung" mit ihren Manipulationen durchlief unterschiedliche Phasen, je nach innenpolitischer Konstellation, war aber durchweg dem Heldenkult verpflichtet und diente auch pädagogisch-propagandistischen Zwecken. Das Erinnerungsbedürfnis zahlreicher Kriegsteilnehmer blieb unbefriedigt, das Los von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Einwohnern der besetzten Gebiete fand keine Berücksichtigung. Erst mit der "Perestroika" begann eine Normalisierung in der Kriegserinnerung; sie hatte sich in der Belletristik während der Breschnew-Ära bereits angebahnt. Es kann jetzt erwartet werden, dass sich erlebte und dargestellte historische Wirklichkeit aufeinander zu bewegen. Den Gegensatz zwischen der offiziellen Erinnerungskultur und dem Kriegserleben einer Anzahl interviewter Veteranen stellt auch Sabine Arnold fest. Zur Schlacht um Stalingrad hat sie eine Reihe von Aussagen zusammengetragen, die in hohem Maße individuell ausfielen und schwer zu einem kollektiven Bild der vergangenen Kriegssituation zu vereinen sind. Sie weichen teilweise beträchtlich von der staatlich monopolisierten Sinnstiftung ab, deren traditionelle Deutungsmuster sich die nachfolgende Generation spätestens bei den Verlautbarungen über den sowjetischen Afghanistankrieg bewusst wurde. Sie kontrastierten zu offenkundig mit den privaten Erzählungen der zurückkehrenden Soldaten und lösten eine Skepsis aus, die jetzt auch auf das Heldengedenken aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges übertragen wurde. Die Entwicklung, die die Rezeption des deutschen Ostfeldzuges in der ostdeutschen Nachkriegsliteratur durchmachte, ist das Thema eines Beitrages von Leonore Krenzlin. Sie verweist auf eine weltanschauliche Problemvorgabe, die sich aus der für die SBZ bzw. DDR maßgebenden "politischen Konstellation" ergab. Nicht ganz im Einklang mit der offiziellen Kulturpolitik setzten sich zunehmend die Verarbeitung der Kriegserfahrungen in der Belletristik durch und entsprach damit einem Massenbedürfnis. Nationale Selbstkritik, Reflexion eigener Mitschuld, geknickte Lebensläufe, verlorene Jugendjahre waren Themen, die großes Interesse beanspruchen konnten. Krenzlin beschreibt anhand einer Vielzahl literarischer Zeugnisse die einzelnen Phasen der Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg, die nicht frei von Einseitigkeit und einer soziopädagogischen Zielsetzung war, aber doch eine Reihe anspruchsvoller Bücher und Gedichte hervorbrachte. Peter Jahn analysiert das Russlandbild und den Antikommunismus in der westdeutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit. Mit Hilfe von damaligen Meinungsumfragen und unter Auswertung einiger für ein großes Publikum bestimmter Bücher und Filme belegt er das Fortbestehen tradierter Feindbilder und antirussischer wie antikommunistischer Stereotype, die teilweise älter als der noch nachwirkende Einfluss der NS-Propaganda waren. Sie hatten durchaus auch eine politische Funktion, dienten aber vornehmlich zur Selbstrechtfertigung. In den populären Verarbeitungen des Kriegsthemas wurden Soldaten, Kriegsgefangene und Vertriebene zu Opfern. In ihrem Selbstverständnis war die "Tätergesellschaft zur Opfergesellschaft" geworden. V. Der Zweite Weltkrieg bildet nach wie vor, wenn man die Archivbenutzungen und die daraus resultierenden Veröffentlichungen zum Maßstab nehmen will, einen bevorzugten Gegenstand der zeitgeschichtlichen Forschung. Ein besonderes Interesse gilt dabei dem Kriegsgeschehen im Osten. Für das nationalsozialistische Deutschland und seinen machtbesessenen "Führer" war die Eroberung, Zerschlagung, Beherrschung und Ausbeutung des westlichen und südlichen Teils der Sowjetunion Kernstück des Expansionsprogramms. Auf diesem Wege sollte das Deutsche Reich nicht nur eine weitgehende wirtschaftliche Autarkie gewinnen, sondern sich auch die benötigte Machtbasis verschaffen, um in den Kampf um die Vorherrschaft in der Welt eintreten zu können. In Wirklichkeit wurde dieser Krieg aber nicht wegen der Sorge um die Interessen des deutschen Volkes geführt, dem mit einem dauerhaften Frieden mehr gedient gewesen wäre und das dafür teuer bezahlen musste. Tatsächlich ging es um den Krieg eines sich überschätzenden Diktators und seiner Gefolgschaft, die zur Verwirklichung ihrer unausgegorenen Ideen "va banque" zu spielen bereit waren und – nicht überraschend – prompt scheiterten. Die entsetzlichen Folgen dieser unverantwortlichen Abenteuerpolitik hatten auch die angegriffenen und zeitweise unter deutsche Herrschaft gezwungenen Staaten auf dem europäischen Kontinent zu tragen. In der Sowjetunion wurde die größte Zahl der Opfer verzeichnet, und hier demaskierte sich, ähnlich wie in Polen, das menschenverachtende NS-Regime in besonderem Maße. Die Tagung und der die Vorträge dokumentierende Tagungsband konnten von dieser Tragödie im deutsch-russischen Verhältnis nur einige Aspekte herausgreifen. Sie liefern zumeist eine gute Bilanz des derzeitigen Forschungsstandes, der wohl besser als Zwischenbilanz begriffen werden muss. Die Autoren selber weisen in ihren Beiträgen auf eine Fülle von Fragen hin, die der Vertiefung bedürfen. Es wird auch ersichtlich, dass die Archivbestände Russlands und anderer Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion noch längst nicht im gewünschten Umfang ausgewertet worden sind. Wenn der Tagungsband zur weiteren Beschäftigung mit den angeschnittenen Themen anregen kann, so hätte er den ihm zugedachten Zweck erfüllt. Ein großer Dank gilt den Autoren, die ihre Beiträge druckfertig überarbeitet haben, und ganz besonders Babette Quinkert, die die arbeitsreiche Herausgeberschaft dieses Bandes auf sich genommen hat. [1] Vgl. den Tagungsbericht von Woinar, Klaus/Röhr, Werner, Der 22. Juni 1941 – Ursachen, Verlauf, Folgen, in: Bulletin der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, H. 18, 2002, S. 132-138.
[2]Schreiber, Gerhard, Der Zweite Weltkrieg, München 2002, S. 35.
[3]Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4, Stuttgart 1983, S. 1083 (Förster).

Leseprobe 3



Inhalt:

Vorwort (Leseprobe)
Hans Umbreit
Einleitung (Leseprobe)

I. Kriegsbeginn und Kriegsziele


Dietrich Eichholtz
Kriegsziele in der UdSSR
Oleg Wischlow
Zu militärischen Absichten und Plänen der UdSSR im Sommer 1941
Christian Gerlach
Operative Planungen der Wehrmacht für den Krieg gegen die Sowjetunion und die deutsche Vernichtungspolitik

II. Okkupationspolitik – Herrschaftssicherung und Vernichtung


Gerhart Hass
Deutsche Besatzungspolitik im Leningrader Gebiet 1941-1944
Peter Klein
Zwischen den Fronten.
Die Zivilbevölkerung Weißrusslands und der Krieg der Wehrmacht gegen die Partisanen
Andrej Angrick
Zur Rolle der Militärverwaltung bei der Ermordung der sowjetischen Juden

III. Sowjetische Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen im "Dritten Reich"


Reinhard Otto
Sowjetische Kriegsgefangene.
Neue Quellen und Erkenntnisse
Pavel Polian
Sowjetische Staatsangehörige im "Dritten Reich" während des Zweiten Weltkrieges. Gruppen und Zahlen
Michael Gander
Beziehungen zwischen sowjetischen Zwangsarbeitern und deutscher Bevölkerung in Osnabrück

IV. Zur Rezeption des Krieges


Bernd Bonwetsch
Der "Große Vaterländische Krieg": Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breschnew
Sabine Arnold
Generationenfolge.
Gedanken zum sowjetischen Kriegsgedenken und Geschichtsbild
Leonore Krenzlin
Der "Ostkrieg" in der DDR-Belletristik
Peter Jahn
Russlandbild und Antikommunismus in der bundesdeutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit
Personenregister
Literaturverzeichnis

Autorenreferenz

Andrej Angrick, geb. 1962, Dr. phil., ehem. wiss. Mitarbeiter im Team der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944", Berlin Sabine Arnold, geb. 1961, Dr. phil., Journalistin und freie Autorin, München Bernd Bonwetsch, geb. 1940, Prof. Dr., Ruhr-Universität, Bochum Dietrich Eichholtz, geb. 1930, Prof. Dr. rer. oec. habil., Borkheide Michael Gander, geb. 1967, M.A., Doktorand an der Universität Osnabrück, Osnabrück Christian Gerlach, geb. 1963, Dr. phil., wiss. Angestellter an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Berlin Gerhart Hass, geb. 1931, Prof., Dr. phil. habil., Rangsdorf Peter Jahn, geb. 1941, Dr. phil., Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, Berlin Peter Klein, geb. 1962, M.A., Doktorand am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, ehem. wiss. Mitarbeiter im Team der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944", Berlin Leonore Krenzlin, geb. 1934, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin, Berlin Reinhard Otto, geb. 1950, Dr. phil., Oberstudienrat, Lemgo Pavel Polian, geb. 1952, Dr. phil. habil., Institut für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau Babette Quinkert, Dipl. Pol., Doktorandin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Berlin Hans Umbreit, geb. 1937, Dr. phil., ehem. Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, Freiburg Oleg Wischljow, geb. 1954, Dr. phil., Historiker an der Akademie der Wissenschaften Russlands, Institut für allgemeine Geschichte, Moskau

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