Die schwierigen Zeiten halten an. Pablo Nerudas »Ode an das Buch« hilft weiterhin.

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Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg (Hrsg.)

Wilhelmines Gedächtnis

Geschichte weiblich in fünf exemplarischen Lebensläufen

180 Seiten | 2002 | EUR 15.50 | sFr 27.50
ISBN 3-87975-893-X 1

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Fünf Frauen aus Hamburg-Wilhelmsburg erinnern sich an das Leben ihrer Großmütter und Mütter und erzählen ihre eigene Geschichte.


Über die Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg und ihre facettenreiche und spannende Vergangenheit schrieben Männer Geschichte. Frauen tauchten in diesen Darstellungen nur am Rande auf, hübsch anzusehen in traditioneller Inseltracht, aber eben nur Illustration. Das ändert sich mit diesem Buch. Fünf Wilhelmsburger Frauen aus verschiedenen Milieus erinnern sich an das Leben ihrer Großmütter und Mütter und erzählen ihre eigene Geschichte, die von Aufbrüchen, Einwanderung, von Fremdheit und Verwurzelung handelt. Sie vergleichen Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse und bewerten die Veränderungen. So ist ein Kaleidoskop entstanden, das die weiblichen Lebensläufe bündelt und verknüpft mit der Stadtteilgeschichte und den sogenannten großen zeitgeschichtlichen Ereignissen.

Zugleich werden Geschichten erzählt über einen Ort, der seine Menschen prägt – Geschichten über Menschen, die diesen Ort als ihren Lebensmittelpunkt gestalten und verändern. Die weiblichen Lebensgeschichten handeln von dieser Wechselwirkung. So wird Geschichte erlebbar als Geschichte von handelnden Menschen mit eigenem Kopf.

»Wilhelmines Gedächtnis« dokumentiert darüber hinaus, wie Frauenbilder sich wandeln, wenn die Perspektive wechselt: vom Opfer zur Akteurin. Die in diesem Buch erzählenden Frauen sind »Expertinnen des Alltags«, jener vernachlässigten Seite der Geschichte. Sie haben sich aus vielfältigen Abhängigkeiten befreit, ihr Leben selbst in die Hand genommen und gemeinsam mit anderen Veränderungen bewirkt. In diesem Sinne sind sie auch Spezialistinnen für das Thema Zukunft – und das nicht nur in Wilhelmsburg.

Die Herausgeberin:
Die Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg forscht schwerpunktmäßig über die rasante Entwicklung des Stadtteils von der ländlich geprägten Elbinsel zum hafennahen Industrieort und Arbeiterviertel. Sie besteht seit 1990 und hat ihren Sitz in der 1906 erbauten Honigfabrik, die heute Stadtteil-Kulturzentrum ist.

Leseprobe 1

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

fünf Frauen tun sich zusammen und schreiben ihre Biografien. Das ist sicher nichts Außergewöhnliches, doch für Wilhelmsburg etwas ganz Besonderes. Denn diese Lebensgeschichten von Frauen aus verschiedenen Generationen und Milieus sind gleichzeitig Stadtteilgeschichten. Geschichten über einen Ort, der seine Menschen prägt – Geschichten über Menschen, die diesen Ort als ihren Lebensmittelpunkt gestalten und verändern. Die weiblichen Lebensgeschichten handeln von dieser Wechselwirkung. So wird Geschichte erlebbar als Geschichte von handelnden Menschen mit eigenem Kopf. Die in diesem Buch erzählenden Frauen sind "Expertinnen des Alltags", jener vernachlässigten Seite der Geschichte. Sie haben sich aus vielfältigen Abhängigkeiten befreit, ihr Leben selbst in die Hand genommen und gemeinsam mit anderen Veränderungen bewirkt. In diesem Sinne sind sie auch Spezialistinnen für das Thema Zukunft – und das nicht nur in Wilhelmsburg. Ich wünsche Ihnen eine anregende Zeit beim Lesen. Heike Severin, Ortsamtsleiterin Wilhelmsburg

Leseprobe 2

Vorwort

Es fängt schon damit an, dass dieser Stadtteil männlich ist: Wilhelmsburg. Um Braut und Tochter in den Adelsstand zu heben, kaufte der Herzog Georg Wilhelm zu Braunschweig Lüneburg ihnen 1672 eine Insel, der er dann doch seinen Namen gab: Herrschaft Wilhelmsburg. Aber immerhin, nun konnten auch sie, Eleonore d’Olbreuse und Sophie Dorothea in die Geschichtsbücher eingehen, die fortan von Lehrern, Pastoren, Gemeindevorstehern, Investoren und Bürgermeistern geschrieben wurden. Doch wo taucht Wilhelmine auf in dieser Historie? Welche Frauenbilder hat Wilhelmsburg? Gewiss, es gibt sie. Sieht man genau hin, zeigen uns die Lokalhistoriker jedoch das, was wir nur zu gut kennen: Männer machen Geschichte – Frauen sind Opfer derselben. Da wäre die traurige Prinzessin Sophie Dorothea, die aus einer langweiligen höfischen Zwangsheirat in das Abenteuer einer verbotenen Liebesaffäre floh und dafür mit Gefangenschaft bestraft wurde. Da wären die Frauen von der "Petersilienpost", deren in Eigenregie aufgezogenen gemeinschaftlichen Gemüsehandel ein Heimatchronist anmaßend als "Vorform der nationalsozialistischen Volksgenossenschaft" titulierte. Da wäre die Frau in Wilhelmsburger Tracht, hübsch anzusehen als Illustration in Heimatkundebüchern, aber unbedeutend neben all den Männern, die die Elbinsel veränderten. Da wären die Fabrikarbeiterinnen des anbrechenden Industriezeitalters, die zur Einwanderungswelle entpersonalisiert wurden. Das sind die Bilder der Vergangenheit. Heute sind es die Frauen, die an entscheidenden Stellen das Stadtteilleben prägen und gestalten. Die, die in diesem Buch vorgestellt werden, kommen aus verschiedenen Generationen, sind gebürtige Wilhelmsburgerinnen oder Einwanderinnen aus verschiedenen Berufen und aus unterschiedlichen Milieus. Sie berichten nicht nur aus ihrem eigenen Leben, sondern erinnern sich an das Leben ihrer Mütter und Großmütter, vergleichen Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse und bewerten die Veränderungen. So ist ein Kaleidoskop entstanden, das die weiblichen Lebensläufe bündelt und verknüpft mit den sogenannten großen zeitgeschichtlichen Ereignissen. "Wilhelmines Gedächtnis" dokumentiert, wie Frauenbilder sich wandeln, wenn man die Perspektive wechselt: vom Opfer zur Akteurin. Hier schreiben Frauen Geschichte. Die Texte des Buches sind unter der Leitung von Margret Markert und Gabi May entstanden. Fünf Frauen im Alter von 49 bis 76 Jahren stellen ihre Lebensgeschichte vor. Die Journalistin Charlotte Böhm hat den Lebensläufen ihre Form gegeben. Für die Gestaltung des Buches waren Susann Körner und Christina Lauer, Studentinnen am Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, zuständig. Sie entwerfen in ihrem Gestaltungskonzept ihr persönliches Bild, einen neuen Blick auf die in den Fotos konservierten Vergangenheiten, Alltagsmomente und Lebensspuren, sie verwerfen sie und konstituieren sie neu. Eines wurde schnell klar: Um Lebenserinnerungen auszutauschen und zu bearbeiten, braucht man viel Zeit. Im Gegensatz zu vielen männlichen Zeitzeugen zweifelten die Teilnehmerinnen immer wieder an, ob ihre Lebenserfahrungen von allgemeinem Interesse sein könnten. "Für mich ist meine Lebensgeschichte wichtig, aber ist sie das auch für andere?" Sie empfanden ihre Sprache und Ausdrucksweise als ungenügend und fremd und fragten sich, was eine Veröffentlichung für sie bedeuten würde. Einige fürchteten, angegriffen oder bemitleidet zu werden. Es gab auch Ängste, dass Wunden, die die Zeit heilen sollte, wieder aufbrechen könnten. Das Nachdenken über die Vergangenheit, der Austausch von Erinnerungen und Erfahrungen, werden im Allgemeinen als identitätsstärkend und heilsam betrachtet. Doch kann Erinnerung für Menschen, die Traumatisches erlebt haben, qualvoll sein. Sich dennoch der eigenen Geschichte zu stellen, ist ein großer Schritt. Auf diese Weise schafften sich die Frauen ein Fundament für das Nachdenken über eigenes und anderes gelebtes Leben und die sich wandelnden Frauenbilder. Der nächste Schritt ist der in die Öffentlichkeit der Leserinnen und Leser. Er ist getan.

Leseprobe 3



Inhalt:

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Vorwort
Ulla Falke"Bis zur großen Sturmflut war mir nicht bewusst, dass ich auf einer Insel lebe."

Yasemin Barlas
"Ich fühle mich als Deutsche und als Türkin."
Inge Marotzki
"Früher wusste man genau, wo man hingehörte."
Bildteil
Anke Strodtmann
"Die Nachbarskinder hielten mir die Tür auf und sagten, da kommt die Oberschülerin!"
Valentina Lachmann
"Ich habe meinem Flügel ein Haus gekauft – ist das verrückt?!
Bildnachweis
Informationen zur Geschichtswerkstatt

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