Steffen Lehndorff

Weniger ist mehr

Arbeitszeitverkürzung als Gesellschaftspolitik

208 Seiten | 2001 | EUR 13.80 | sFr 24.70
ISBN 3-87975-816-6

 

Arbeitszeitverkürzung befindet sich vielerorts auf dem Rückmarsch. Flexibilisierung tritt an die Stelle verbindlicher Standards. Doch wenn die Arbeitswelt von morgen mehr sein soll als ein Verschleißwettbewerb junger Olympioniken, wird man um eine erneute Regulierung der Arbeitszeit nicht herumkommen.

In Deutschland ist es – ebensowenig wie in anderen westeuropäischen Ländern – gelungen, einen neuen gesellschaftlichen Arbeitszeitstandard unterhalb der 40-Stunden-Woche dauerhaft durchzusetzen. Stattdessen hat ein Bedeutungswandel stattgefunden: von kollektiven zu individuellen und flexiblen Arbeitszeitmodellen. Gerade in der Auflösung von Arbeitszeitstandards wird vielfach auch der entscheidende Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gesehen.

Der in den 80er Jahren begonnene Umbruch einer auf tarifvertragliche Arbeitszeitverkürzungen gerichteten Politik ist unvollendet – und unverarbeitet – geblieben. Politische Initiativen müssen somit die Auseinandersetzung um gesellschaftliche Arbeitszeitstandards, also auch um die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftspolitischen Leitbilder ins Zentrum rücken:

  Bestandsaufnahme aus zwei Jahrzehnten: Arbeitszeitverkürzung und Beschäftigung

  Die 35-Stunden-Woche in Frankreich: Lehren für Deutschland?

  Frauenerwerbstätigkeit und neue Arbeitsorganisation: Strategische Herausforderungen

  Handlungsfelder staatlicher Arbeitszeitpolitik

  Für eine tarifnahe Festlegung der Regelarbeitszeit

Leseprobe 1

Einleitung


Arbeitszeitpolitik stand stets, ob bewusst oder unbewusst, im Zeichen gesellschaftspolitischer Leitbilder. Nichts macht dies deutlicher als das Motto »Samstags gehört Vati mir!«, unter dem vor knapp 50 Jahren die westdeutschen Gewerkschaften für die 40-Stundenwoche warben. Die Teilhabe an den Früchten gestiegener Produktivität der Arbeit, der Ausgleich für die damit einhergehenden Belastungen, ein besseres Gleichgewicht zwischen Erwerbsarbeit und Familie für die männlichen Ernährer – das waren die großen, verbindenden Ideen, unter denen die Verankerung des 8-Stunden-Tages und der 40-Stunden-Woche als gesellschaftliche Standards durchgesetzt werden konnten und deren unausgesprochener Hintergrund die vorwiegend männliche Perspektive von Erwerbsarbeit und Arbeitszeitverkürzung war.

Die gewerkschaftlichen Bemühungen in der Bundesrepublik und einigen anderen westeuropäischen Ländern seit dem Ende der 70er Jahre, den tarifvertraglichen Arbeitszeitstandard unter die etablierte Schwelle der 40 Wochenstunden zu senken, setzten gegenüber dieser Tradition zwei wichtige neue Akzente. Zum einen reflektierte sich die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen in Diskussionen über den generellen 7-Stunden-Tag, auch wenn diese Forderung keine breitere Durchschlagskraft erlangen konnte. Zweitens gewann die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit eine zentrale Bedeutung als Motiv für die Forderung nach weiteren Arbeitszeitverkürzungen. Tatsächlich wird seit dieser Zeit die Forderung nach Arbeitszeitverkürzungen in Deutschland immer stärker, teilweise sogar ausschließlich beschäftigungspolitisch begründet, auch wenn »das Projekt der 35-Stunden-Woche die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit von Anbeginn mit weitgespannten gesellschafts- und kulturpolitischen Intentionen« verband (Schauer 1999: 432).

Im Rückblick wird die jüngste Phase tarifvertraglicher Arbeitszeitverkürzungen in Westdeutschland, deren Ausläufer bis in die erste Hälfte der 90er Jahre hinein reichten, als ein unvollendeter Umbruch erkennbar:

  Die Forderung nach weiteren allgemeinen Arbeitszeitverkürzungen ist – nach einer kurzen Phase strategischer Kompromisse in den »goldenen« 50er und 60er Jahren des Kapitalismus – wieder ebenso kontrovers wie in den Jahrzehnten vor der revolutionären Durchsetzung des Achtstunden-Standards in Europa vor 80 Jahren. Die Gegner von Arbeitszeitverkürzungen erklären heute das historische Kapitel der Arbeitszeitverkürzungen für beendet, während auf seiten der Befürworter kaum noch einigende Visionen und Überzeugungen zu erkennen sind;  die tariflichen Arbeitszeiten sind im Ergebnis der anfänglichen, aber dann abgebrochenen Bewegungen in Richtung auf die 35-Stunden-Woche heute weit gefächert – zwischen den Branchen, zwischen Ost- und Westdeutschland, und darüber hinaus auch zwischen den europäischen Ländern;  an die Stelle großer Kontroversen um allgemeine Arbeitszeitverkürzungen tritt mehr und mehr eine neue arbeitszeitpolitische Konsensströmung unter Einschluss wachsender Teile der Gewerkschaften, die – nicht zuletzt mit dem Hinweis auf den längerfristigen Trend zunehmender Frauenerwerbstätigkeit – das erklärte Ziel verfolgt, die Flexibilisierungsinteressen von Unternehmen mit differenzierter werdenden individuellen Erwerbsbiographien zu verbinden.

In Deutschland ist es ebenso wenig wie in anderen westeuropäischen Ländern gelungen, einen neuen gesellschaftlichen Arbeitszeitstandard unterhalb der 40-Stunden-Woche dauerhaft zu etablieren. Stattdessen hat ein Bedeutungswandel von Arbeitszeitpolitik stattgefunden. An die Stelle der Auseinandersetzung um Standards ist die Erleichterung individueller und flexibler Arbeitszeitlösungen getreten. Arbeitszeitverkürzung ist, wenn überhaupt, relevant als so genannte »individuelle« Arbeitszeitverkürzung in der Form von Teilzeitarbeit oder dem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Arbeitszeitpolitik hat ihren Kern also nicht länger in dem Versuch, neue Standards der Arbeitsdauer zu setzen, sondern in der Öffnung möglichst vieler Wege, auf denen Beschäftigte und Betriebe individuell von Standards abweichen können – was denn auch die Abweichung nach oben mittlerweile ähnlich legitim erscheinen lässt wie die Abweichung nach unten. Gerade in dieser Auflösung von Arbeitszeitstandards wird letztlich der entscheidende Beitrag der Arbeitszeitpolitik zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gesehen. Bereits das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) von 1994 folgte implizit diesem Grundgedanken. Flexibilität der Arbeitszeit wurde, wie Rinderspacher (2000: 92) es sehr plastisch herausgearbeitet hat, »von Wirtschaft und Politik zum neuen Supraleitbild aufgebaut«, zu einer »Wunderwaffe, von der man die erfolgreiche Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ebenso erwartet wie den wirtschaftlichen Aufschwung, die Entlastung der Fernstraßen ebenso wie die Gleichstellung der Geschlechter.«

Ein Versuch, neue arbeitszeitpolitische Initiativen auf Bundesebene zu entwickeln, muss sich heute diesem Bedeutungswandel von Arbeitszeitpolitik stellen. Der in den 80er Jahren begonnene Umbruch einer auf tarifvertragliche Arbeitszeitverkürzungen gerichteten Politik ist unvollendet – und letztlich unverarbeitet – geblieben. Deshalb ist damit zu rechnen, dass politische Initiativen verpuffen, soweit sie nicht die Auseinandersetzung um den Sinn und den Inhalt gesellschaftlicher Arbeitszeitstandards, also auch um die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftspolitischen Leitbilder ins Zentrum rücken. Einen Beitrag zur Entwicklung dieser überfälligen Debatte zu leisten, wäre zur Zeit sogar als das eigentliche Erfolgskriterium politischer Initiativen auf Bundesebene zu betrachten.

Dieser Gedanke wird in der vorliegenden Ausarbeitung erläutert. In ihrem Mittelpunkt steht die Frage, ob staatliche Politik einen Beitrag zu weiteren allgemeinen Arbeitszeitverkürzungen leisten soll, wie sie dies kann, und welche ergänzenden Beiträge der Politik zu verschiedenen Formen zeitlich befristeter Arbeitszeitverkürzung möglich sind.

Die ersten drei Kapitel dienen einer Bestandsaufnahme bisheriger Erfahrungen mit Arbeitszeitverkürzungen. Daran schließt sich eine Analyse von neuen, grundsätzlichen Herausforderungen an die Arbeitszeitpolitik an. In den letzten beiden Kapiteln werden dann Möglichkeiten der Politik behandelt, weitere Arbeitszeitverkürzungen zu fördern


Inhalt:

Vorwort
von Heidi Knake-Werner

Vorbemerkung

Einleitung

1. Tarifvertragliche Arbeitszeitverkürzungen: Ein unvollendeter Umbruch
1.1 Auf dem Weg zur 35-Stunden-Woche steckengeblieben
1.2 Senkung der Durchschnittsarbeitszeit fast ausschließlich durch Ausweitung von Teilzeitarbeit
1.3 Selektive statt allgemeiner Arbeitszeitverkürzungen
1.4 Schlussfolgerungen

2. Arbeitszeitverkürzung und Beschäftigung: Eine Chance zu produktiver Arbeitsumverteilung
2.1 Alte Streitfragen neu betrachtet
2.2 Schätzungen zur Beschäftigungswirksamkeit allgemeiner Arbeitszeitverkürzungen
2.3 Auf die Bedingungen kommt es an: Erfahrungen aus Arbeitszeitverkürzungen in Westeuropa
2.3.1 »Lohnausgleich« und Produktivitätssteigerung
2.3.2 Neue Arbeitszeitsysteme und Arbeitszeitflexibilisierung
2.3.3 Überstunden und Angebotsengpässe auf dem Arbeitsmarkt
2.3.4 Verhandelte Flexibilität
2.4 Betriebliche Arbeitszeitpolitik - der Königsweg?
2.4.1 Mehr Beschäftigung durch Flexibilisierung der Arbeitszeit?
2.4.2 Überstundenabbau
2.4.3 Betriebliche »Beschäftigungsbündnisse«
2.5 Arbeitszeitverkürzungen - bei ArbeitnehmerInnen unbeliebt?
2.6 Zusammenfassung

3. Die 35-Stunden-Woche in Frankreich: Ein Großversuch
3.1 Das Gesetz
3.2 Die Vorgeschichte
3.3 Das Konzept
3.4 Erste Erfahrungen
3.4.1 Verbreitung der 35-Stunden-Woche
3.4.2 Beschäftigungseffekte
3.4.3 Weitere Evaluationsergebnisse
3.5 Ausblick

4. Die nachhaltige Entwicklung des gesellschaftlichen und individuellen Arbeitsvermögens: Kriterium eines modernen Arbeitszeitstandards
4.1 Stabilität und Schwäche des alten Arbeitszeitstandards
4.2 Herausforderung Nr. 1: Die zunehmende Frauenerwerbstätigkeit
4.2.1 Zwischen »Teilzeitfallen« und »Vollzeitfallen«
4.2.2 Teilzeitarbeit als historische Durchgangsetappe?
4.2.3 Kanalisierung von Frauenerwerbstätigkeit durch gesellschaftliche Institutionen
4.3 Herausforderung Nr. 2: Neue Formen der Arbeitsorganisation
4.3.1 Marktorientierung von Arbeit und Arbeitszeit
4.3.2 Das Ausfransen der Regulierung an den Rändern des Arbeitsmarkts
4.4 Ein neuer Arbeitszeitstandard als gesellschaftspolitisches Reformprojekt
4.5 Zusammenfassung

5. Individuelle Gestaltung der Lebensarbeitszeit und allgemeine Arbeitszeitverkürzungen: Handlungsmöglichkeiten des Staates
5.1 Lebensphasen-spezifische Arbeitszeitverkürzungen
5.1.1 Erleichterung des Wechselns zwischen Vollzeit- und Teilzeitphasen
5.1.2 Materielle Infrastruktur für eine gleichrangige Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen
5.1.3 Fördermaßnahmen für Teilzeitphasen und Auszeiten »aus gesellschaftlich anerkannten Gründen«: Der Elternurlaub
5.1.4 Die Verbindung von Weiterbildung und Arbeitsmarktpolitik
5.1.5 Rentenrechtliche Absicherung diskontinuierlicher Erwerbsverläufe
5.2 Allgemeine Arbeitszeitverkürzungen
5.2.1 Die Definition der Höchstarbeitszeit im Arbeitszeitgesetz von 1994
5.2.2 Das Zusammenspiel gesetzlicher und tarifvertraglicher
Begrenzungen der Arbeitszeit - Beispiele aus dem europäischen Ausland
5.3 Schlussfolgerung

6. Die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche: Rückenstärkung für die Tarifpolitik
6.1 Die Bedeutung einer gesetzlichen Verankerung der 40-Stunden-Woche
6.1.1 Ein rechtlicher Damm gegen faktische Arbeitszeitverlängerungen
6.1.2 Rückendeckung für die in den Flächentarifverträgen vereinbarten Arbeitszeitbegrenzungen
6.1.3 Basis für weitergehende Begrenzung und Verkürzung von Nachtarbeit
6.1.4 Ein Beitrag zur Begrenzung von Mehrarbeit
6.1.5 Ein politisches Signal zugunsten weiterer allgemeiner Arbeitszeit-verkürzungen
6.2 Einwände gegen die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche
6.2.1 Fixierung statt Verkürzung der Standardarbeitszeit?
6.2.2 Eine nicht realitätstaugliche Zwangsjacke für die Betriebe?
6.2.3 ... und niemand sieht hin?

7. Zusammenfassung

Literatur
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen

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