Gerhard Stuby

Vom "Kronjuristen" zum "Kronzeugen"

Friedrich Wilhelm Gaus:
ein Leben im Auswärtigen Amt der Wilhelmstraße

538 Seiten | 2008 | EUR 39.80 | sFr 64.00
ISBN 978-3-89965-284-0

 

Kurztext: Im Wirken des langjährigen Leiters der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes, Friedrich Wilhelm Gaus, wird die Kontinuität deutscher Diplomatiegeschichte unter Rathenau, Stresemann und Hitler nachgezeichnet.

Inhalt & Leseprobe:

VSA_Stuby_Gaus.pdf91 K

Versailles, Rapallo, Locarno, Briand-Kellogg- und Hitler-Stalin-Pakt – kaum ein Vertrag, den Friedrich Wilhelm Gaus, von 1907 bis 1945 im Auswärtigen Amt tätig, nicht formuliert hat. Dem "Kronjuristen" des Reiches ging es um die Revision des so genannten Diktats von Versailles. In diesem Ziel war er sich prinzipiell mit Hitler einig. Doch im Unterschied zu diesem strebte er in der Weimarer Zeit wie sein Minister Gustav Stresemann nach einer friedlich-diplomatischen Revision. "Entwaffnet" gab es hierzu sowieso keine Alternative. Als die faschistische Diktatur errichtet wurde, hatte Gaus wenig Skrupel, nunmehr Hitlers Kurs kriegerischer Revision und Expansion zu folgen.

Nach 1945 wurde Gaus, anstatt von den Alliierten angeklagt zu werden, ihr wichtigster "Kronzeuge" im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess. "Trägheit des Herzens" und Angst um seine Familie – seine Frau galt in der NS-Rassenpolitik als "jüdischer Mischling" – hätten ihm nicht erlaubt "auszusteigen". Wegen seiner Rolle in Nürnberg ist er erst zum Inbegriff des "Nestbeschmutzers" geworden, später in Vergessenheit geraten.

Gerhard Stuby erklärt diese Rolle nicht nur aus der Kontinuität von Preußentum zum Imperialismus Hitlerscher Prägung, sondern macht sie in diesem Buch anhand der Tätigkeit eines Diplomaten anschaulich. Seine Analyse liefert zugleich reiches Anschauungsmaterial zur Funktion von Völkerrecht in den internationalen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit.

Der Autor
Gerhard Stuby, Dr., Professor im Ruhestand für öffentliches Recht und wissenschaftliche Politik am Fachbereich Rechtswissenschaften der Universität Bremen.

Inhaltsübersicht
(ein detailliertes Inhaltsverzeichnis und zwei Leseproben gibt es in der pdf-Datei).

Vorwort
Erstes Kapitel: Die Sehnsucht nach dem Platz an der Sonne
Zweites Kapitel: Der Griff nach der Weltmacht ist gescheitert!
Drittes Kapitel: Der Horror vor dem "realen" Völkerbund
Viertes Kapitel: Locarno: die Vollendung des "System Gaus"
Fünftes Kapitel: Locarno wird justiert! (1926 bis 1928)
Sechstes Kapitel: Vorbereitung der harten Revision (1928-1933)
Siebtes Kapitel: Vom Architekten zum Abbruchspezialisten von Locarno (1933-1939)
Achtes Kapitel: Baustelle: Großgermanisches Reich (1939 bis 1945)
Neuntes Kapitel: Kronzeuge in Nürnberg
Zehntes Kapitel: Epilog

Quellen- und Literaturverzeichnis
Abkürzungen
Zeittafel
Personenerläuterungen
Personenregister

Rezensionen

"Kronjurist" und "Kronzeuge"

Gerhard Stuby, der sich als Völkerrechtler einen Namen gemacht hat, ist bei seinen Recherchen für ein geplantes Buch über den Nürnberger Prozeß gegen Kriegsverbrecher im Auswärtigen Dienst (Wilhelmstraßen-Prozeß) auf Friedrich Wilhelm Gaus gestoßen, einen bisher kaum bekannten Juristen, der von 1922 bis 1945 Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt war. Stuby hat entlang der Lebensgeschichte dieses Mannes und seines Arbeitsgebietes, nämlich der Abfassung völkerrechtlicher Verträge, ein Stück deutsche Geschichte beschrieben. Es ist nicht nur die Geschichte eines schließlich zum Botschafter aufgestiegenen Gehilfen deutscher Obrigkeit, sondern zugleich die Geschichte deutscher Vertragsbrüche, mit denen Hitler seine wahnsinnigen Weltherrschaftspläne und den furchtbarsten aller bisherigen Kriege einleitete.

Man gewinnt als Leser Interesse an diesem Friedrich Wilhelm Gaus, der aus bäuerlichem Milieu stammte, als außerordentlich begabter Schüler auffiel und sich zu einem Experten des Völkerrechts entwickelte. Er wurde seinen Dienstherren, von Stresemann bis Ribbentrop und Hitler, unentbehrlich, so daß ihm auch in Zeiten der Nürnberger Gesetze die jüdischen Vorfahren seiner Frau, einer Nichte von Ricarda Huch, verziehen wurden. Aber das war immerhin ein Makel, der zu einer Anpassung nötigte, die Gaus nach dem Krieg selbstkritisch reflektiert hat.

Es gelingt dem Autor, die trockene Materie des Abschlusses völkerrechtlicher Verträge – vom Versailler Friedensvertrag über Rapallo, Locarno und den Briand-Kellogg-Pakt bis zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 – mit dem Leben seines Protagonisten so spannend zu verbinden, daß man in einem Zuge bei der Lektüre des umfangreichen, auf sorgfältigsten Recherchen beruhenden Buches bleibt und nicht nur viel über vertane Chancen der deutschen Geschichte und den unverantwortlichen Umgang mit dem Völkerrecht unter Hitler hinzulernt, sondern auch an dem abwechslungsreichen Leben eines Staatsbeamten aus dem zweiten Glied Anteil nimmt, der nach dem Zusammenbruch des Nazi-Staates eine bemerkenswert ehrliche Rolle als Zeuge der Anklage in Prozessen der Siegermächte gegen seine bisherigen Arbeitgeber gespielt hat. Was dazu führte, daß das Leben des als "Nestbeschmutzer" verfemten Mannes in Einsamkeit zu Ende ging. Stuby: "Das Politische Archiv des AA, das über jeden noch so unbedeutenden Diplomaten zumindest Nachlaßsplitter aufbewahrt, führt nichts zu Gaus." Wurden seine Spuren getilgt?

Heinrich Hannover
in "Ossietzky". Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft, Nr. 16 / 2008

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