Stephan Moebius / Gerhard Schäfer (Hrsg.)

Soziologie als Gesellschaftskritik

Wider den Verlust einer aktuellen Tradition

304 Seiten | 2006 | EUR 19.80 | sFr 35.10
ISBN 3-89965-175-8

 

Kurztext: Sozialwissenschaftliche Fachbeiträge engagierter Intellektueller zur Stärkung der Soziologie als Gesellschaftskritik.


Wie die Sozial- und Geisteswissenschaften insgesamt unterliegt die Soziologie einem Anpassungs- und Marginalisierungsdruck: Auch sie soll sich im akademischen Standortwettbewerb "rechnen", wird "mainstreamisiert" und Hilfswissenschaft im "Beraterkapitalismus". So wird ihr der kritische Geist weiter ausgetrieben. Gleichzeitig erfordern die Veränderungen der "sozialen Welt", dass sie interpretiert und gedeutet werden, das "Elend" zur Sprache gebracht wird und die "soziologischen Familiengeheimnisse" der angeblich besten aller Welten aufgedeckt werden. Das ist zugleich ein Plädoyer für gesellschaftskritische Intervention und intellektuelles Engagement.

Die Beiträge dieses Bandes halten an dieser Tradition fest und aktualisieren sie gegen das Vergessen und den neoliberalen Zeitgeist. Zentrale Themen sind Theorie und Geschichte der Soziologie, Intellektuellensoziologie, die gesellschaftskritischen Dimensionen der Industrie- und Arbeitssoziologie, kritische Traditionslinien in der französischen Soziologie sowie feministische Theorie.

Leseprobe 1

Stephan Moebius / Gerhard Schäfer
Vorwort Im aktuellen soziologischen Diskurs in Deutschland gehört Lothar Peter zu den mittlerweile (leider) immer weniger werdenden linken Soziologen und engagierten Intellektuellen, die der Soziologie eine wichtige Aufgabe im Blick auf die praktische Gestaltung und Steuerung des gesellschaftlichen Lebens zusprechen. Soziologie ist für ihn genuin Gesellschaftskritik. Diese Überzeugung teilt er mit vielen seiner akademischen Weggefährten und Schüler, die entweder an seine Forschungen und Lehre anknüpfen und/oder in einem regen intellektuellen Austausch mit ihm stehen. Zentrale Themen seiner soziologischen Untersuchungen sind die Theorie und Geschichte der Soziologie, die Intellektuellensoziologie, die französische Soziologie, die Industrie- und Arbeitssoziologie und die feministischen Theorien. In dem vorliegenden Band "Soziologie als Gesellschaftskritik" als "Dank und Anerkennung" für Lothar Peters Beiträge zu einer intervenierenden kritischen Sozialwissenschaft knüpfen Schüler, Weggefährten und befreundete Fachkollegen an diese Themen an und loten unterschiedliche Arten und Felder soziologischer Gesellschaftskritik aus. Der Aufbau des Bandes orientiert sich an den oben genannten Themen und gliedert sich in daran angelehnte Themenabschnitte. Innerhalb dieser Themenabschnitte werden unterschiedliche Fachautorinnen und Fachautoren zu Wort kommen. Über eine Festschrift für Lothar Peter hinaus ist der Band deshalb von Interesse, da eine Sammlung sozialwissenschaftlicher Fachbeiträge zur Soziologie als Gesellschaftskritik ein gegenwärtiges Desiderat darstellt. Zwar finden sich aktuell vor allem in der Beschäftigung mit Pierre Bourdieu einige Bücher, die sich mit soziologischer Gesellschaftskritik auseinander setzen, aber ein über Bourdieu hinausgehender und ein breiteres Spektrum gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Felder absteckender Sammelband zu einer kritischen Soziologie bzw. einer Soziologie als Gesellschaftskritik, der zudem noch eine historische Perspektive (soziologische Gesellschaftskritik früher bis heute) verfolgt, existiert bislang nicht. Was meint jedoch "Gesellschaftskritik"? In einem bislang unveröffentlichten Beitrag zur Sozial- und Gesellschaftskritik der gegenwärtigen französischen Soziologie gibt Lothar Peter folgende Antwort: "Unter Gesellschaftskritik wird eine sozialwissenschaftliche Aktivität verstanden, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse, Institutionen und symbolische Ordnungen grundsätzlich zu problematisieren oder explizit in Frage zu stellen, den Herrschaftscharakter gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen erkennbar zu machen und Möglichkeiten ihrer praktischen Veränderung mittelbar oder unmittelbar zu thematisieren." Das heißt: Soziologie als Gesellschaftskritik ist nicht wertfrei, sondern parteilich. Im Blick auf eine praktische Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert sie auf der Ebene wissenschaftlicher Standards jene Bedingungen, die soziale, ökonomische, geschlechtsspezifische oder ethnische Ungleichheiten hervorrufen. Ihr Ziel ist es, zur Problembewältigung in diesen Feldern beizutragen. Es ist jedoch zu beachten, dass eine gesellschaftskritische Soziologie nicht mit politischer Praxis identisch ist. Vielmehr ist sie eine Praxis, die dem politischen Handeln die notwendige wissenschaftliche Reflexion liefert und hierbei unverzichtbar den Regeln wissenschaftlicher Arbeit – beispielsweise dem Insistieren auf wissenschaftlicher Überprüfbarkeit und methodischem Zweifel – verpflichtet bleibt. Gesellschaftskritische Soziologie zeichnet sich darüber hinaus durch eine historische Perspektive aus. Soziale Probleme und Entwicklungen sind in ihren Augen historisch konstituiert und vermittelt. Mit dieser Ausrichtung steht sie in einem diametralen Gegensatz zu denjenigen soziologischen Theorien der Gegenwart, die – wie beispielsweise manche systemtheoretischen oder postmodernen Ansätze – die Geschichtlichkeit der Gesellschaft in Abrede stellen. Lothar Peter hebt besonders zwei zentrale Aufgaben für eine gegenwärtige gesellschaftskritische Soziologie hervor: "Sie muss erstens die im Verlaufe gesellschaftlicher Modernisierung sich verändernden konkreten Formen von Herrschaft untersuchen und ihre Bedeutung für die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen erkennbar machen. Und sie muss zweitens Theorien, Konzepte und Begriffe kritisch dekonstruieren, die gesellschaftliche Herrschaft ausblenden, verharmlosen, verschleiern oder rechtfertigen."[1] Es ist ein großes Verdienst Lothar Peters, nicht nur an einer gesellschaftskritischen Soziologie trotz aller institutionellen und im akademischen Feld zunehmenden Widerstände stets festgehalten, sondern auch fortwährend ihre Theorien, Methoden und Ansprüche auf hohem wissenschaftlichen Niveau kritisch reflektiert und zur Diskussion gestellt zu haben. Dazu gehört einiges an Mut und intellektuellem Engagement, das heutzutage mehr und mehr seinesgleichen sucht. Bremen, Februar 2006
Stephan Moebius / Gerhard Schäfer

[1] Zitat aus Lothar Peters Abschiedsvorlesung "Über die Notwendigkeit gesellschaftskritischer Soziologie" am 10. Februar 2006 an der Universität Bremen.

Leseprobe 2

Lothar Peter
Marxistische Soziologie[1] Auch in der Soziologie machte sich der Einfluss des Marxismus auf ungemütliche Weise bemerkbar. Er rannte gegen die Bastionen der traditionellen, lange Zeit komfortabel situierten bürgerlichen Sozialwissenschaften an und schlug Breschen in die scheinbar unverwüstlichen Positionen der herrschenden Lehrmeinungen und Methoden einer vom Geiste Schelskys, Dahrendorfs, Scheuchs und Boltes inspirierten Soziologie. Vorübergehend schien es sogar, als würde die Hegemonie der meist industriegesellschaftsförmig konstruierten Theoriemodelle und das amerikanisierte Methodenmonopol gebrochen und ein neues Paradigma etabliert. Vor allem auf dem Gebiet der Sozialstrukturanalyse, der sozialen Bewegungen, der Arbeits- und Industriesoziologie, der Soziologie der Entwicklungsländer, aber teilweise auch auf dem Feld des Methodenstreits und der Begriffsanalysen gelang es der marxistischen Kritik, in die Domänen der bürgerlichen Soziologie einzudringen und produktive Verunsicherungen auszulösen.[2] Auf zahlreiche Sozialwissenschaftler, die sich nicht als Marxisten verstanden, übte der Marxismus immerhin eine so große Faszination aus, dass sie ihre epistemologischen Prämissen und ihr kategoriales Arsenal mit marxistischen Theorieelementen anreicherten. Aber die Attraktivität des Marxismus in den Sozialwissenschaften konnte sich nicht lange auf dem Niveau halten, das er mit dem Aufkommen der antiautoritären Studentenbewegung und der Krise des Wissenschaftssystems erreicht hatte. Schon wenige Jahre später begann er seine Anziehungskraft zu verlieren. Inzwischen ist es, vorsichtig ausgedrückt, sehr still um ihn geworden: Er spielt im wissenschaftlichen Diskurs nur noch jene marginale Rolle, die er in der Politik der Bundesrepublik fast immer gespielt hat. Aus dem marxistischen Denken gehen heute weder nennenswerte Impulse soziologischer Theoriebildung noch innovative Problemformulierungen oder empirisch gehaltvolle Studien hervor, sieht man von wenigen Ausnahmen ab. Auf wichtigen Diskussions- und Forschungsfeldern, auf denen marxistische Beiträge nicht unerhebliche Erfolge erzielt hatten, befindet sich das marxistische Denken unbestreitbar bereits wieder in der Defensive, wie die Zurückdrängung des Klassenbegriffs oder die Kritik seines Fortschritts- und Produktivkraftverständnisses zeigen. Wie immer der Ertrag von Ulrich Becks "Risikogesellschaft" später einmal bewertet werden mag, es lässt sich nicht verheimlichen, dass sie gleich ein ganzes Bündel von Defiziten, neuralgischen Punkten und Leerstellen des Marxismus in der Soziologie aufgedeckt hat. Daran ändern auch tapfere, in der Sache kompetente, aber dem Druck der Probleme gegenüber letztlich doch sehr ratlose Repliken von marxistischen Autoren vorerst wenig.[3] Ambivalenz der marxistischen Kritik Wie kam es zu dem raschen Bedeutungsverlust und der aktuellen Stagnation des Marxismus in der Soziologie? Ehe diese Frage beantwortet werden kann, bedarf es zunächst einiger Bemerkungen zu den Ursachen seines spektakulären Aufschwungs. Die seinerzeit die akademische Welt beunruhigenden Erfolge der marxistischen Kritik verdankten sich vor allem ihrer Fähigkeit, auf "basaler" Ebene Widersprüche, argumentative Brüche und methodologische Zirkelschlüsse der bürgerlichen Sozialwissenschaften nachzuweisen und in ihrer mehr oder weniger offenen Komplizenschaft mit außerwissenschaftlichen Herrschaftsinteressen anzuprangern. Dass zum Beispiel das Bildungssystem der 1950er und 60er Jahre nichts mit klassenspezifischen Selektionsmechanismen, die Verschiebungen der Sozialstruktur nichts mit der Akkumulation des Kapitals und die "Bewusstseinsindustrie" nichts mit den praktischen Zwecken der Integration objektiver gesellschaftlicher Widersprüche zu tun haben sollten, all das waren auch und gerade mit wissenschaftlichen Mitteln reproduzierte ideologische Konstrukte, mit denen die marxistische Kritik, wenn man es einmal so ausdrücken darf, "fundamentalistisch" aufräumte. Der Nachweis der Konstituierung, Vermittlung und Modifikation sozialer Prozesse durch die ökonomischen Produktionsverhältnisse und die Aktualisierung der Marxschen politischen Ökonomie für die soziologische Analyse machten die punktuelle Stärke der marxistischen Kritik aus, deren Vehemenz die formelhafte Algebra des Neopositivismus, die makrosozialen Modelle der "Industriegesellschaft" und des Technodeterminismus, aber auch die geistesgeschichtlich hermeneutischen und anthropologisierenden Interpretationsansätze der Soziologie ziemlich arg durcheinanderbrachten. Was so zunächst als beeindruckende Stärke der marxistischen Kritik erschien, erwies sich aber nach einiger Zeit als eine Schwäche. Wie lässt sich dieses Paradoxon erklären? In dem Maße, wie der bürgerlichen Soziologie nachgewiesen wurde, dass ihre hartnäckige Weigerung, die ökonomischen Verhältnisse und Interessen in den theoretischen und empirischen Forschungshorizont einzubeziehen, unvermeidlich zu affirmativen Sichtweisen von Gesellschaft führen musste, begann die marxistische Kritik ihrerseits, die Produktionsverhältnisse als Determinante aller sozialen Prozesse und Strukturen zu verselbständigen und die konkreten Momente des sozialen Lebens nur als abgeleitete, einer eigenen Identität entbehrende Epiphänomene der Ökonomie zu betrachten. Die relative Autonomie des Sozialen (als strukturierte und differenzierte Einheit sozialer Beziehungen, Interaktionsformen, Verhaltensweisen und kollektiver Denk- und Wahrnehmungsmuster usw.) wurde in das Vorstellungsraster eines "Ökonomismus" und "ökonomischen Reduktionismus" gepresst. Dieser "ökonomische Reduktionismus" sah sich seinerseits wiederum bestätigt und ergänzt durch eine philosophierende Verengung der Soziologie. Zwischen beiden Spielarten des Reduktionismus gab es fließende Übergänge und zahlreiche Entsprechungen. Grenzen der Klassenanalyse Als Beispiel für die Ambivalenz der marxistischen Kritik in der Soziologie der 1960er und 70er Jahre kann an die damals geführte Diskussion über Aktualität und Relevanz des Klassenbegriffs erinnert werden. Einerseits gelang es der ökonomisch begründeten marxistischen Argumentation hier besonders eindrucksvoll, mangelnde theoretische Stringenz und methodische Oberflächlichkeit bürgerlicher Versionen des Klassenbegriffs bzw. seiner beabsichtigten Demontage nachzuweisen; andererseits aber wurde die Kategorie der sozialen Klasse mechanisch mit ihren ökonomischen Merkmalen gleichgesetzt. Spezifisch soziale Aspekte des Klassenbegriffs wurden, avancierten sie ohne Beteuerung ihrer ökonomischen "Bedingtheit" zum Gegenstand der Forschung, sehr schnell mit dem Bannstrahl des "Positivismus" und "Idealismus" belegt. Warencharakter der Arbeitskraft, formelle und reelle Subsumtion, Revenuequellen, Mehrwert und Mehrarbeit – das war das begriffliche Instrumentarium, mit dem der Marxismus den Klassenbegriff diskutierte und definierte. Als Studenten und angehende professionelle Wissenschaftler haben wir damals ganze Nächte mit erbitterten ideologischen Gefechten darüber verbracht, ob der Clown im Zirkus ein produktiver oder unproduktiver Arbeiter ist und ob eine Friseuse Mehrwert produziert oder nicht.[4] Dass soziale Klassen immer auch konkrete soziale und geschichtliche Einheiten sind – mit kollektiven Lebenswelten, symbolischen Kulturen, Traditionen und Beurteilungsschemata –, dass sie also spezifisch soziale Dimensionen gesellschaftlicher Realität inkorporieren und nicht bloß als Konstrukt polit-ökonomischer Systematik eine Daseinsberechtigung haben, fiel aus der begrifflichen Matrix der marxistischen Klassendiskussion weitgehend heraus. Selbst so gründliche, empirisch gehaltvolle Studien wie die des IMSF über die Sozialstruktur der Bundesrepublik oder von Tjaden/Tjaden-Steinhauer über "Klassenverhältnisse im Spätkapitalismus" (Stuttgart 1973) kamen letztlich über eine ökonomisch zentrierte Interpretation des Klassenbegriffs nicht hinaus, auch wenn sie sich, was ihre theoretische Konzeptualisierung und innere Folgerichtigkeit anbetrifft, den seinerzeit bevorzugten Stratifikationsmodellen der Gesellschaftsstruktur ("soziale Schichtung") weit überlegen zeigten. Die Hypostasierung ökonomischer Logik sowie ihre philosophische Transformation in ein dem Anspruch nach geschlossenes System der Gesellschaftsanalyse, das seinen Gegenstand von allen lebensweltlichen "Verunreinigungen" säubern wollte, gipfelte schließlich in den Aktivitäten der um den Namen Louis Althusser herum zu verortenden Tendenz des "linken" Strukturalismus und der "Philosophie ohne Subjekt". Mit diesen Strömungen wurden die letzten Brücken zu einer soziologischen marxistischen Forschung weggerissen. Heute freilich müssen diejenigen Sozialwissenschaftler, die trotz ungünstiger gesellschaftstheoretischer Klimaveränderungen noch immer am Marxismus festhalten, einräumen, dass sich die Realität "des Sozialen" gegen einen analytischen Zugriff sperrt, der von einer unmittelbaren Identität des Ökonomischen und Sozialen ausgeht. Die Asymmetrien zwischen den makro-ökonomischen Strukturmerkmalen der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft zum einen und dem "Eigensinn" der empirischen sozialen Lebenswelten und symbolischen Bezugssysteme der Individuen zum anderen sind zu offensichtlich, als dass ihnen mit dem Reservoir der Marxschen politischen Ökonomie oder einer philosophischen Zurechnungsontologie in der Tradition von Georg Lukács beizukommen wäre. Schwächen der Geschlechteranalyse Noch schärfer als in der Klassenanalyse treten die Grenzen der zeitgenössischen marxistischen Soziologie in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Stellung und Rolle der Frauen in hochindustrialisierten kapitalistischen Gesellschaften hervor. Abgesehen davon, dass selbst auf dem Gebiet der politischen Ökonomie von Marx und allen, die in seiner Kontinuität zu stehen beanspruchen, die Arbeit der Frauen als eine weit über die Demarkationslinien formeller Lohnarbeit hinausgehende gesamtgesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsleistung bis heute "terra incognita" geblieben ist, erweist sich die marxistische soziologische Wahrnehmung der gesellschaftlichen Situation und Perspektiven der Frauen in frappierender Weise unterbelichtet und androzentrisch borniert. Ohne die Einbeziehung spezifisch sozialer, nur durch eine soziologische Analyse beschreib- und erklärbarer Momente in den sozialen Existenzbedingungen der Frauen wird der Marxismus vielleicht noch eine Zeitlang auf der Stelle treten, um dann sehr bald in der Dunkelheit wissenschaftlicher Begriffslosigkeit und praktischer Ohnmacht zu versinken. Die Anerkennung der "sozialen Tatsache", dass sich die gesellschaftliche Stellung der Frau nicht in ökonomischer Abhängigkeit vom Kapital erschöpft, sondern gleichzeitig – und heute sogar tausendfach dominierend – durch klassenübergreifende Ketten der Misogynie, des Patriarchalismus und Sexismus normativ festgelegt ist, lässt sich nur um den Preis vollständiger wissenschaftlicher Kapitulation und des Abbruchs jeglichen Lernprozesses bestreiten. Und dass die soziale Selbstwahrnehmung von Frauen elementar durch ein ausschließlich auf ihr Geschlecht zu beziehendes existentielles Bedrohungsgefühl geprägt und ständig reproduziert wird, ist ein gesellschaftlicher Tatbestand, der sich mit der Logik der Ökonomie allein nicht auch nur ansatzweise begreifen lässt. Hier ist eine historisch-materialistische Soziologie gefordert, die, indem sie die sexistischen Determinanten und askriptiven Fixierungen der Frauen in der Gesellschaft herausarbeitet, die "innere Architektur" von Vergesellschaftung tiefer zu erfassen vermocht hätte. Schon Harriet Taylor Mill (die Lebensgefährtin des von Marx sarkastisch kritisierten John Stuart Mill) hat in eindrucksvoller Weise soziologisch begründet, warum die Herrschaft der Männer über die Frauen alle ökonomischen Klassengesellschaften historisch überdauerte: Im Unterschied zu den ökonomischen Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Sklavenhalter und Sklaven/-innen, Feudalherren und Leibeigenen/Hörigen, Kapitalisten und Proletariern impliziere das Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern strukturell eine normativ festgelegte emotionale, sexuelle und altruistische Bindung der Beherrschten (der Frauen) an die Herrschenden (die Männer).[5] Damit habe sich aber das patriarchalische System geschichtlich in den Subjekten selbst qualitativ in einer Weise verankert, der gegenüber die ökonomische Abhängigkeit trotz ihrer drückenden Last relativ äußerlich bleibe und damit historisch auch leichter veränderbar erscheine. Die Quintessenz der aktuellen Botschaft von Harriet Taylor Mill lautet deshalb: Das Geschlecht ist eine soziale Strukturkategorie, deren gesellschaftliche Bedeutung dem Gewicht ökonomischer Determinanten der Sozialstruktur nicht nachsteht. Relative Autonomie des Sozialen Der marxistischen Soziologie heute fehlt ein reflektierter, seinem Gegenstand angemessener Begriff des Sozialen. Worin besteht aber die soziologisch zu bestimmende Besonderheit und "Identität" des Sozialen? Warum genügt das vorhandene gesellschaftswissenschaftliche Potential des Marxismus nicht, um soziale Strukturen, Prozesse und Beziehungen beschreiben, interpretieren und erklären zu können? Eine erste thesenhafte Antwort auf diese Frage lautet: Menschen sind nicht nur materiellen Reproduktionsbedingungen unterworfen, sondern sie sind wesentlich auch – und darin besteht ihre "soziale Natur" – auf die Produktion und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen verwiesen. Ohne Beziehung zu anderen Individuen oder sozialen Gruppen kann ein individuelles "Ich" nicht existieren, kann es sich nicht entwickeln, ist es nicht "kulturfähig". Die den Menschen eigentümliche Sozialität impliziert historisch sich wandelnde Elemente wechselseitiger, symbolisch vermittelter, Sinn erzeugender Beziehungen, in denen und durch die sich die Individuen, Gruppen, Klassen und Geschlechter definieren und ihre Handlungsentwürfe, Verhaltensweisen und Deutungsmuster aufbauen und organisieren. Indem die Menschen notwendig Formen sozialer Interaktion entwickeln, schaffen sie eine Realität sui generis, die durch historisch veränderbare normative Taxonomien reguliert wird. Die Aufrechterhaltung sozialer Interaktion ist unabdingbar, damit die Menschen sich als soziale Wesen entwickeln und "verwirklichen" können. An der ständig wachsenden Zahl psychisch Kranker, sozial Stigmatisierter, Devianter und Marginalisierter lässt sich der bedrückende Beweis für die These ablesen, dass dem Sozialen eine nicht substituierbare, irreduzible Eigenbedeutung zuerkannt werden muss.[6] Infolgedessen ist jeder Reduktionismus, sei es auf die Produktionsverhältnisse, sei es auf eine simplifizierende Dialektik von Sein und Bewusstsein, in der soziologischen Analyse gänzlich unangebracht, ja kontraproduktiv. Dass zwischen den ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft und ihrer sozialen Logik keine chinesischen Mauern stehen, heißt noch lange nicht, dass das Soziale monokausal und deterministisch aus der ökonomischen Produktionsweise abzuleiten sei. Ein beliebiger Platz im System der gesellschaftlichen Produktionsverhältisse, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, eine bestimmte Form und Höhe des Einkommens sagen für sich genommen noch nicht viel über die soziale Qualität einer konkreten Lebenssituation aus. Bestimmte Formen sozialer Herrschaft (etwa die von Männern über Frauen) oder kultureller Fremdbestimmung (wie der Sportfanatismus), aber auch das Engagement für Behinderte oder Solidarität mit Menschen aus der "Dritten Welt" sind nicht einfach reflexhafte Reaktionen auf irgendwelche ökonomischen Logiken, sondern können ganz im Gegenteil quer zu ihnen liegen oder sie weitgehend überformen. Und dass beispielsweise auf der heutigen Stufe kapitalistischer Entwicklung zahllose Frauen nicht einmal über die sozialen Bedingungen verfügen, um als "doppelt freie Lohnarbeiterinnen" ihre Arbeitskraft zu verkaufen (weil eine quasifeudale patriarchalische Abhängigkeit von Ehemännern, "Freunden", "Lebensgefährten" und sonstigen männlichen Machthabern sie daran hindert), steht doch ganz offenkundig im Widerspruch zur ökonomischen Logik kapitalistischer Verwertung und kann folglich nicht aus dieser kausal oder deduktiv abgeleitet werden.[7] Verhältnis von Ökonomischem und Sozialem Die Betonung der relativen Autonomie und der spezifischen Identität des Sozialen ist auch als Antwort auf zählebige Versuche im Marxismus zu verstehen, in der Analyse sozialer Prozesse reduktionistisch und instrumentalistisch zu verfahren. Damit soll allerdings weder eine Autarkie des Sozialen behauptet noch unterstellt werden, dass in den ökonomischen Verhältnissen selbst keine sozialen Momente eingelagert seien. Das wäre schon deshalb abwegig, weil ja der Produktionsprozess, indem er sich als produktive Interaktion in der Form arbeitsteilig-kooperativer Arbeit realisiert, per se Vergesellschaftung ist. Obwohl also in der ökonomisch-"zweckrationalen" Zusammenarbeit des Produktionsprozesses immer auch Momente sozialer Interaktion enthalten sind, wissen wir z.B. schon aus der klassischen Hawthorne-Studie über industrielle Produktivität und Arbeitszufriedenheit, dass sich die sozialen Beziehungen in der Arbeit nicht mit den ökonomischen, technischen und ergonomischen Bedingungen decken und dass sie sich deshalb auch nicht mit dem Instrumentarium ökonomischer und technischer Sprachen beschreiben lassen.[8] Bei den sozialen Beziehungen in der Arbeit (Einstellung zur Arbeit, betriebliche Hierarchien, Rollenambiguität, Solidarisierungs- und Entsolidarisierungsprozesse, berufliche Mobilitätschancen usw.) handelt es sich um soziale Phänomene, die zwar objektiv ohne ökonomischen Zusammenhang gar nicht denkbar sind, aber wissenschaftlich nur durch eine soziologische Analyse mit den ihr verfügbaren theoretischen und methodischen Ressourcen erschlossen werden können. Die kritische Neuformulierung des Sozialen als Gegenstand und Problem einer marxistischen Soziologie bedeutet keine Herabsetzung der konstitutiven Funktion der ökonomischen Grundverhältnisse für die Entstehung, die Verlaufsformen und inhaltlichen Bestimmungen sozialer Prozesse und Beziehungen. Wie sich Wertorientierungen herausbilden, welche Interessen einen sozialen Konflikt schließlich dominieren, wie sich Lebenschancen und Reproduktionsrisiken sozialstrukturell verteilen, warum diese und nicht jene soziale Gruppe in eine Situation der Statusinkonsistenz hineingerät, all das sind soziologisch relevante Fragen, die ohne Anerkennung ökonomischer Konstitutionsmomente nicht bearbeitet und erklärt werden können. Auch daß den ökonomischen Bedingungen im konkreten Fall eine determinierende Rolle für den Aufbau sozialer Beziehungen und Situationen zukommen kann, steht ganz außer Zweifel. Nichtsdestoweniger lässt sich das Soziale nicht linear auf außerhalb seiner selbst liegende ökonomische, politische und psychologische Gesetzmäßigkeiten zurückführen. Selbst da, wo die Abhängigkeit, ja Determination sozialen Handelns von und durch wirtschaftliche Ursachen auf der Hand liegt wie etwa bei Streiks für Lohnerhöhungen oder Arbeitszeitverkürzung, findet stets eine Transformation in spezifisch soziale Wirklichkeiten statt, konstituiert durch interpretative Leistungen der sozialen Akteure, durch Aktualisierung traditioneller Handlungs- und Erfahrungsbestände, durch Rollenerwartungen, Zuschreibungen, Bewertungen usw. In anderen sozialen Situationen wiederum tritt das Ökonomische weit hinter den Einfluss sozialer Faktoren auf Handlungs- und Verhaltensdispositionen zurück. Diese Möglichkeit hat Emile Durkheim zu der berühmten, später manchmal dogmatisierten Formel veranlasst, dass "soziale Tatsachen" nur durch Soziales verstehbar und erklärbar seien. Durkheims Formel hat ihren materiellen und empirischen Kern darin, dass in der sozialen Wirklichkeit immer wieder Normen, Wertpräferenzen, Erwartungshaltungen und Deutungsmuster in den Vordergrund treten und neue soziale Szenarien formen, die den Einfluss ökonomischer Faktoren sehr weitreichend relativieren und den sozialen Kontext als sich selbst genügende Realität erscheinen lassen.[9] Begriff des Sozialen bei Marx und Engels Sowohl "das Ökonomische" als auch "das Soziale" sind Dimensionen ein und desselben Vergesellschaftungsprozesses, der die unterschiedlichen, funktional differenzierten Ebenen sozialen Handelns, Subsysteme, Teilprozesse zur Totalität des konkreten gesellschaftlichen Lebens integriert. Dabei ist die Produktionsweise immer Grundlage und Voraussetzung sozialer Prozesse insofern, als die Menschen physisch-organisch als Naturwesen determiniert sind und sich ebenso wie andere lebendige Organismen materiell reproduzieren müssen. Aber die Reproduktion der menschlichen Gattung ist immer auch (und das gehört ja ebenfalls zum ABC des historischen Materialismus) gesellschaftlich bestimmt. In frühen gesellschaftlichen Organismen fallen biologische, ökonomische und "soziale" Aktivitäten mehr oder weniger naturwüchsig zusammen. Erst die geschichtliche Entfaltung des Vergesellschaftungsprozesses differenziert das Soziale aus dem Mechanismus von biologischer und materieller Produktion und Reproduktion so weit heraus, dass sich eigenständige Formen sozialer Interaktion, Selbstreferenz und Selbstreflexivität (etwa in Gestalt ritueller und symbolischer Gesten) kristallisieren, die ihrerseits durchaus wirkungsvoll ökonomische Handlungspotentiale aktivieren können. Wenn die moderne marxistische Soziologie weithin der Versuchung erlegen ist, die soziale Dimension von Vergesellschaftung in deren ökonomische Dimension aufzulösen, hat das seine Ursachen vor allem in einer unhistorisch-scholastischen Lesart des Werks von Marx und Engels, das nur oberflächlich betrachtet den absoluten, deterministischen Primat des Ökonomischen als epistemologisches Axiom nahelegt. Es ist zwar richtig, dass es bei Marx und Engels zahlreiche berühmte und weniger berühmte Formulierungen gibt, die den ökonomischen Verhältnissen bzw. der ökonomischen Basis gegenüber den anderen Strukturelementen eines gesellschaftlichen Systems eine weitreichende Determinationsmacht zuschreiben, aber dennoch käme es einer reduktionistischen Interpretation ihrer Theorie und Methode gleich, wenn man den Begriff der Produktionsweise theoretisch mit struktureller und systembildender Omnipotenz aufladen würde. Zumindest drei Argumente lassen sich gegen eine solche verdinglichende Interpretation des historischen Materialismus einwenden: 1. Die Hervorhebung der Produktionsverhältnisse als die bestimmende Struktur des gesamten gesellschaftlichen Lebensprozesses bei Marx und Engels ist Ausdruck einer kritischen theoretischen Reflexion, die nicht nur einen allgemeinen systematischen Charakter aufweist, sondern auch geschichtlich bedingt ist. Mit der Kritik der klassischen Nationalökonomie kritisierten Marx und Engels zugleich das weder durch Massenorganisationen der Arbeiterklasse noch durch politische Elemente von Demokratie eingeschränkte Bestreben der Bourgeoisie in der industriellen Revolution, die soziale Existenz des Proletariats vollständig auf die ökonomische Funktion als lebendiges Verwertungsmittel der Profitproduktion herabzudrücken, um so tatsächlich im Zustand absoluter Verelendung eine Identität von Ökonomie und sozialen Verhältnissen hervorzubringen. Wie dies historisch-empirisch geschah, hat Engels mit seiner Studie über die "Lage der arbeitenden Klasse in England" eindrucksvoll dargestellt. 2. In der "Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft", also in der kategorialen Analyse des Kapitals, erscheinen die Klassen nur als Träger ökonomischer Funktionen und die Klassenindividuen nur als Personifikationen ökonomischer Kategorien. Es ging Marx im Kapital nicht darum zu zeigen, wie die gesellschaftlichen Klassen ihre sozialen Beziehungen bearbeiten und mit sozialem Sinn ausstatten und welche Zusammenhänge zwischen dem "ökonomischen Sein" einerseits und der Generierung und Formgebung sozialen Handelns und Verhaltens andererseits bestehen. Die Sphäre des Sozialen, wie es hier skizziert wird, lag theoretisch und empirisch jenseits des Horizonts ihrer ökonomischen Analyse und Kritik. 3. Wenn Marx schreibt, dass das Konstruktionsgeheimnis der gesellschaftlichen Totalität in den ökonomischen Verhältnissen verborgen liegt[10] oder Engels mehrfach unterstreicht, dass nur "in letzter Instanz" die Produktionsverhältnisse den gesellschaftlichen Lebensprozess bestimmen,[11] so lassen sich daraus kaum überzeugende Argumente für eine ökonomistische Version des historischen Materialismus herauslesen; denn beide Formulierungen betonen ja gerade den vermittelten, nichtlinearen, differenzierten Zusammenhang zwischen ökonomischer und sozialer Vergesellschaftung. Hinzu kommt, dass Marx und Engels wiederholt die relative Selbständigkeit des ideologischen Überbaus und seine "aktive Rolle" in den sozialen Kämpfen hervorgehoben haben. Diese von Marx und Engels mit Emphase vorgetragenen Überlegungen stehen zwar im Gegensatz zu ökonomistischen Lesarten ihrer Gesellschafts- und Geschichtstheorie, sie sind aber viel zu sporadisch, allgemein und "systemhaft", als dass sie für die theoretische und methodologische Grundlegung einer marxistischen Soziologie auch nur entfernt ausreichen würden. Verschiedene Arbeiten von Marx und Engels, vor allem die Analysen sozialer und politischer Kämpfe wie der "Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" und der "Deutsche Bauernkrieg" oder die empirische Darstellung der "Lage der arbeitenden Klasse in England", enthalten durchaus Aspekte einer soziologischen Forschungsmethode, indem sie Klassenbeziehungen, Fraktionierungen und soziale Interessenverflechtungen rekonstruieren, Herrschaftsstrategien beschreiben und das Verhältnis zwischen politischer Praxis und gesellschaftlichen Zielvorstellungen analysieren, aber eine systematische Bestimmung des Sozialen und damit die Grundlegung einer soziologischen Theorie wird man bei Marx und Engels vergeblich suchen. Eigenständige marxistische Soziologie? Auch in den sozialistischen Ländern wird seit einigen Jahren intensiv über den eigentlichen Gegenstand der Soziologie und ihre Stellung zu den anderen marxistischen Gesellschaftswissenschaften nachgedacht und diskutiert. Dabei ist ebenfalls die Frage aufgeworfen worden, ob dem Sozialen in Beziehung zu den Produktionsverhältnissen oder zum politisch-ideologischen Überbau eine solche Eigenbedeutung zukomme, dass eine veränderte oder sogar neue Definition von Soziologie erforderlich sei. Diese Diskussion spiegelt das Bedürfnis wider, die offensichtlich sehr schwierigen und sperrigen Entwicklungsformen des Sozialismus auch mit Hilfe soziologischer Analysen und Studien geschmeidiger zu gestalten und die sozialwissenschaftliche Problemlösungskapazität zu erhöhen. Die zum Beispiel in der DDR herrschende Lehrmeinung, den historischen Materialismus als "allgemeine soziologische Theorie" zu betrachten,[12] stößt offenbar an gewisse Grenzen, was ihre Operationalisierbarkeit für die empirische Forschung betrifft. Zwar kann sich die Formel vom historischen Materialismus als allgemeine soziologische Theorie innerhalb der "scientific community" noch immer auf breite Akzeptanz stützen, aber sie scheint nicht mehr ohne weiteres den steigenden Anforderungen zu genügen, die der Soziologie aus Tendenzen der "Entkoppelung von System und Lebenswelt " auch unter sozialistischen Rahmenbedingungen erwachsen. Den relativ unspezifischen Vorstellungen über die Reichweite und Gegenstandsbestimmungen einer marxistisch soziologischen Theorie auf der einen Seite entspricht ein Zurückbleiben der Leistungsfähigkeit der methodischen Ressourcen auf der anderen Seite. Qualitative Verfahren der empirischen Sozialforschung, hermeneutisch-interpretative Zugänge zum Forschungsobjekt, interaktionsbezogene Deutungsversuche sozialen Handelns, Verhaltens und Denkens finden sich in der empirischen Forschung der sozialistischen Länder bisher ziemlich selten. Noch immer überwiegen standardisierte, durchstrukturierte quantitative Erhebungstechniken, die sich mit der Messung von Häufigkeitsverteilungen und Prozentuierungen als Interpretationsbasis begnügen. Unterdessen ist die Gleichsetzung von historischem Materialismus und soziologischer Theorie vorsichtig in Frage gestellt worden. H. Steiner hat gewiss zu Recht den Einwand erhoben, dass mit dieser Gleichsetzung die "allgemeine Soziologie" auf "Aussagen des historischen Materialismus" beschränkt werde. Als eine weiterführende theoretische Bestimmung von Soziologie erwähnt H. Steiner die Überlegungen von A.G. Sdravomislow, einem der Repräsentanten der so genannten "Leningrader Schule", der das "Studium der Bedürfnisse, Interessen und Wertorientierungen" als das "allgemeine Element des Inhalts aller Zweigrichtungen der marxistisch-leninistischen Soziologie" definiert.[13] Die Anmerkungen Steiners, Sdravomislows u.a. signalisieren, dass in die soziologische Diskussion in den sozialistischen Ländern eine gewisse Bewegung gekommen ist. Sie ist als Versuch zu verstehen, mit dem Mittel der Soziologie weniger redundante, weniger holzschnittartige, wirklichheitsnähere Antworten auf die ja teilweise auch systemübergreifenden Fragen und Probleme gesellschaftlicher Modernisierung und die mit ihr verbundenen Erscheinungen sozialer Desintegration, Individualisierung und Versachlichung geben zu können. Noch aber ist der Diskussionsverlauf unübersichtlich. Dass er sehr widersprüchliche Aspekte einschließt, zeigt die ambivalente Haltung von H. Steiner selbst. Einerseits kritisiert er durchaus plausibel die Gleichsetzung von historischem Materialismus und soziologischer Theorie, andererseits plädiert er aber nicht etwa für den Aufbau einer eigenständigen soziologischen Theorie des Marxismus, sondern sucht statt dessen wieder Zuflucht bei der Marxschen politischen Ökonomie als soziologische Basistheorie: "Dabei wird augenscheinlich, wie sich die historisch-materialistischen Prinzipien im konkreten ökonomischen Lebensprozess realisieren und wie zentrale soziologische Themen wie ›gesellschaftliche Beziehungen‹ und ›gesellschaftliches Handeln‹ auf politökonomischer Grundlage konsequent materialistisch analysiert werden. Mit anderen Worten: Jede soziologische Erforschung gesellschaftlicher Beziehungen und gesellschaftlichen Handelns hat auf politökonomischer Grundlage zu erfolgen."[14] Es sind immer wieder Versuche unternommen worden, sowohl ökonomistischeTendenzen als auch philosophisch-ideologiekritische Abstraktheit in der Entwicklung der marxistischen Gesellschaftstheorie zu überwinden und Pfade der Theoriebildung und empirischen Forschung zu beschreiten, die zum "konkreten Menschen" führen. Diese Versuche sind, was ihren Wert für die Konstituierung einer marxistischen Soziologie betrifft, sehr unterschiedlich zu beurteilen. Als richtungweisendes Beispiel der neueren soziologischen Diskussion und Forschung sei hier auf die Arbeiten von Pierre Bourdieu verwiesen, die sich durch das produktive und innovative Bemühen auszeichnen, ökonomische Kategorien mit der Analyse der spezifisch sozialen Produktion und Reproduktion von Gesellschaft zu verknüpfen und empirisch zu belegen. P. Bourdieu zählt zu den wenigen marxistisch beeinflussten Soziologen, die die Eigendeutung und Authentizität des Sozialen als unabdingbar für die Bestandsfähigkeit und Reproduktion von Gesellschaft betrachten. Nach Bourdieu ist die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktionsverhältnisse, Klassenstrukturen und soziokultureller Herrschaftsverhältnisse nicht ausschließlich über das Fortbestehen des Privateigentums und ihm funktionell korrespondierender politischer Machtapparate zu gewährleisten. Sie bedarf – und zwar notwendig – der Produktion sozialer Beziehungen und des Aufbaus von Strukturformen symbolischer Gewalt, vermittels derer die ökonomischen und politischen Erfordernisse der Gesellschaft von den Individuen und Klassen angeeignet, internalisiert und durch ihr Verhalten und Handeln aktiv veräußert werden.[15] Der Kapitalismus ist also nicht nur ökonomisches Produktionsverhältnis und politisches Herrschaftssystem (mit dem Monopol physischer Gewaltmittel, wie es Max Weber ausgedrückt hat), sondern er ist gleichzeitig auch symbolisches Gewaltverhältnis, ohne dessen Funktionsfähigkeit sich das gesellschaftliche System zersetzen würde. Bei P. Bourdieu ist es der "soziale Habitus" der Individuen, der diese Internalisierung leistet, indem er die Systemanforderungen und kulturellen Muster in klassenspezifische Formen der Wirklichkeitsverarbeitung, Werthierarchisierung und Differenzierung von Lebensstilen umschreibt. Der "soziale Habitus" bildet die Achse für den Vermittlungsprozess von Gesellschaft, Klasse und Individuum. Entscheidend ist dabei, dass der "soziale Habitus" sowohl "strukturierte Struktur", also Resultat vorgängiger Vergesellschaftung ist, als auch eine "strukturierende Struktur" darstellt.[16] Er erbringt generative Leistungen, weil er die Ansprüche des gesellschaftlichen Systems in Strategien der materiellen Reproduktion, in soziale Taxonomien und Lebensstile übersetzt. Insofern vermittelt der soziale Habitus als ein System von Handlungsdispositionen, die als Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata im Alltagsleben fungieren, aktiv zwischen "Struktur" und "Praxis". Bourdieus Konzeption hat jedoch neben ihren Vorzügen auch Schwächen. Sie resultieren aus den strukturalistisch gefärbten erkenntnistheoretischen Prämissen, die im Ergebnis seiner Forschungen zu einem gewissen Fatalismus führen, was die praktische Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft, auch wenn sich sein Konzept als "praxeologisch" begreift. Bourdieu analysiert eindrucksvoll, wie sich die Zusammenhänge zwichen "ökonomischem", "sozialem" und "kulturellem Kapital"[17] herstellen und wechselseitig stabilisieren, aber er gibt keine Antwort auf die Frage, wo und wie diese Zusammenhänge praktisch aufgebrochen werden können. Hält er die soziologische Analyse selbst schon für einen Beitrag zur sozialen Praxis? Oder setzt sich hinter dem Rücken der kritischen Analyse letztlich doch ein strukturalistisches Denkmodell durch, dem der Formwechsel sozialer Beziehungen nur als empirische Modifikationen einer im Wesentlichen unveränderbaren Statik sozialer Strukturen erscheint? Aspekte bürgerlicher Soziologie aufnehmen Je weniger die heute auftretenden sozialen Widersprüche den traditionellen Vorstellungen vom Klassenkampf entsprechen, je weniger die empirische Struktur der modernen Arbeiterklasse mit dem historischen Sozialcharakter des Proletariats übereinstimmt, je komplizierter sich die Vermittlungszusammenhänge zwischen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und konkreten sozialen Lebenswelten gestalten, desto dringlicher bedarf der Marxismus einer soziologischen Theorie und Methode, die die relative Autonomie und besondere Identität des Sozialen ernstnehmen. Wenn der Marxismus seinen Anspruch nicht aufgeben will, Veränderungspotentiale in der patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft zu erkennen und subjektiv identifikationsfähige Perspektiven für wünschenswerte gesellschaftliche Verhältnisse anzubieten, dann braucht er eine Soziologie, die alle Spielarten des Reduktionismus über Bord wirft und sich mit dem Sozialen, so sperrig, obstinat und ungewohnt es sich auch der Analyse zunächst darstellen mag, geduldig und lernbereit auseinander setzt. Die Ausarbeitung eines marxistischen soziologischen Begriffs vom Sozialen schließt die Enttabuisierung und kritische Neubewertung vorhandener, in der Vergangenheit aber oft "verdrängter" oder ideologisch geächteter bürgerlicher Theorieansätze und methodologischer Konzepte ein. Über Jahrzehnte verhielt sich die marxistische Kritik zur Entwicklung der nichtmarxistischen Soziologie durchweg instrumentalistisch: Die Ergebnisse und Beiträge der nichtmarxistischen Soziologie wurden ausschließlich daraufhin kontrolliert, ob und inwieweit sie Berührungspunkte mit einem kapitalistisch bestimmten Interessenbegriff enthielten und einen "Praxisbezug" aufwiesen. Dass durch dieses Raster der Kritik vieles hindurchfiel, verwundert kaum. Da nur die wenigsten soziologischen Untersuchungen Anspruch auf einen lupenreinen rekonstruierbaren praktischen Anwendungszusammenhang erheben können (und wollen), verfielen wichtige Aspekte und Resultate der bürgerlichen Soziologie von vornherein dem Verdikt, als Herrschaftsideologie zu fungieren. M. Neumann hat kürzlich in einem interessanten Beitrag das instrumentalistische bzw. theoretisch unentwickelte Verhältnis des Marxismus zur Kategorie des Sozialen unter soziologiegeschichtlichen Gesichtspunkten abgehandelt.[18] Er zeigt dabei, dass die Hilflosigkeit der gegenwärtigen marxistischen Soziologie (und teilweise auch der bürgerlichen) gegenüber den Herausforderungen des Sozialen in der erfahrbaren Wirklichkeit sowohl des Kapitalismus als auch der sozialistischen Gesellschaften nicht zuletzt auf eine Unterschätzung derjenigen Leistungen in der Soziologie zurückgeht, die, wie es z.B. bei Max Weber und Georg Simmel der Fall ist, das Soziale in den Rang einer eigenständigen Qualität erhoben haben. Wie immer man vom marxistischen Standpunkt die formalistischen Züge dieser Ansätze (und die politische Gesinnung ihrer Autoren) beurteilen mag, so haben sie dennoch einen genuin soziologischen Begriff des Sozialen entfaltet, der in vielfacher Hinsicht tiefer in die Besonderheit sozialer Prozesse und Beziehungen eindringt als der Gesellschaftsbegriff des Marxismus. Die marxistische Soziologie hat, sofern sie überhaupt ein fachspezifisches begriffliches Instrumentarium verwendete und nicht schon von vornherein auf ökonomisch fundierte oder philosophische Kategorien zurückgriff, soziologische Begriffe meist von außen an die zu analysierenden Probleme herangetragen, anstatt ihre innere Architektur zu erschließen. Auch wenn es unverzichtbar ist, die idealistische und formalistische Selbstgenügsamkeit etwa der phänomenologischen Soziologie im Gefolge von Alfred Schütz, des symbolischen Interaktionismus oder der Ethnomethodologie hinsichtlich der Relevanz der "objektiven gesellschaftlichen Bedingungen" für soziales Handeln und Bewusstsein kritisch beim Namen zu nennen, so lässt sich nichtsdestoweniger feststellen, dass diese bürgerlichen Ansätze häufig den Rätseln der Welt des Sozialen eher auf die Spur gekommen sind als marxistische Untersuchungen. Aber gerade die Dekodierung der inneren Konstruktionen des Sozialen erweist sich als eine nicht suspendierbare Aufgabe einer marxistischen Soziologie, die ihren Anspruch auf Praxisorientierung einlösen will. Es muss deshalb auch zu ihrem Programm gehören, eine unbefangene Bestandsaufnahme der bürgerlichen Soziologie zu machen und Wege der Vermittlung zwischen den Erkenntnissen marxistischer Gesellschaftstheorie zu produktiven Aspekten bürgerlicher Soziologie zu suchen. Da die Welt des Sozialen trotz des eindeutigen Fortbestehens kapitalistischer Gesetzmäßigkeiten ihrer ökonomischen Basis durch "neue Unübersichtlichkeiten" und wachsende Komplexität geprägt ist, müssen soziologische Analysen auch Pfade betreten, von denen man nicht schon vorher weiß, wohin sie führen.

[1] Erstveröffentlichung in: Sozialismus, Heft 3/1989, S. 30-36.
[2] Als einige wenige Beispiele seien genannt die Sozialstrukturanalysen des IMSF (Frankfurt 1973), Frank Deppes Studien zur politischen Soziologie des Arbeiterbewusstseins (Köln 1971), Sebastian Herkommers kritische Bestandsaufnahme vom "Elend der Industriesoziologie" (Sozialistische Politik 16/1972), Frigga Haugs "Kritik der Rollentheorie" (Frankfurt 1972), K.H. Tjadens Analyse der Begriffe "soziales System" und "sozialer Wandel" (Stuttgart 1961).
[3] Vgl. Klaus Dörre: Risikokapitalismus. Zur Kritik von Ulrich Becks "Weg in eine andere Moderne", Marburg 1987
[4] Die Zeitschrift "Sozialistische Politik" (SOPO), die Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre innerhalb der intellektuellen Linken eine gewisse Rolle spielte, war vollgepfropft mit Artikeln dieser Art.
[5] John Stuart Mill/Harriet Taylor Mill/Helen Taylor: Die Hörigkeit der Frau und andere Schriften zur Frauenemanzipation. Hrsg. und eingel. von H. Schröder, Frankfurt a.M. 1976.
[6] Vgl. dazu die tiefschürfenden Überlegungen von Michel Foucault in "Psychologie und Geisteskrankheit" (Frankfurt 1968) und "Wahnsinn und Gesellschaft" (Frankfurt 1973).
[7] Sehr treffende Gedanken finden sich zu dieser Frage bei Alice Krins: Die Befreiung der Frau im Kapitalismus; in: Rote Blätter 9/1988.
[8] Vgl. F.J. Roethlisberger und William J. Dickson: Management and the worker, Cambridge/Massachusetts, 15. Aufl. 1970 (Ersterscheinung 1939).
[9] Emile Durkheim hat dies selbst empirisch in seiner Studie über den Selbstmord zu verifizieren versucht (dtsch.: Der Selbstmord, Neuwied u. Berlin 1973).
[10] Vgl. K. Marx: Das Kapital, 3. Band, MEW 25, S. 799/800.
[11] Vgl. z.B. Briefe von F. Engels an C. Schmidt, (27. Okt. 1890), H. Starkenburg (25. Jan. 1894), J. Bloch (21./22. Sept. 1890) usw.
[12] Vgl. G. Aßmann u.a. (Hrsg.): Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin (DDR) 1983 (Stichwort Soziologie).
[13] A. Sdravomislow zitiert nach H. Steiner: Soziologie als marxistisch-leninistische Gesellschaftswissenschaft, in: Beiträge aus der Forschung: Soziologie und Sozialpolitik (Akademie der Wissenschaften der DDR/Institut für Soziologie und Sozialpolitik) 1/1982, S. 29.

14 H. Steiner, a.a.O., S. 40.
[15] Vgl. Pierre Bourdieu und Jean Claude Passeron: Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt, Frankfurt/M. 1973.
[16] Vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Zur Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1987, insbes. S. 175, S. 277-286.
[17] Vgl. Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital; in: R. Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983.
[18] Vgl. Michael Neumann: Das Soziale. Ein Defizit der marxistischen Soziologie; in: Düsseldorfer Debatte, 5/1988.

Leseprobe 3



Inhalt:

Stephan Moebius / Gerhard Schäfer
Vorwort (Leseprobe)

Aus dem Archiv


Lothar Peter
Marxistische Soziologie (Leseprobe)

Theorie und Geschichte der Soziologie


Michael Neumann
Warum Soziologie?
Über Anfänge und Gründe der modernen Soziologie in Deutschland
Gerhard Schäfer
Das Marburger Dreigestirn: Wolfgang Abendroth – Heinz Maus – Werner Hofmann
Zur Vorgeschichte kritischer Gesellschaftswissenschaft in Marburg
Karl Hermann Tjaden
Voraussetzung, Gegenstand und Ziel kritischer Gesellschaftswissenschaft

Soziologie der Intellektuellen


Frank Deppe
Intellektuelle und kritische Theorie – eine historisch gewordene Verbindung?
Rüdiger Griepenburg
"...einen Brand in die jetzige Schlaffheit schleudern"
Ein Attentat im Biedermeier
Karl Heinz Roth
Brückenschlag zwischen Mussolini, Stalin, Hitler und Roosevelt?
Bruno Rizzi und die Katastrophen sozialistischer Politik im 20. Jahrhundert

Französische Soziologie


Stephan Moebius
Intellektuelle Kritik und Soziologie
Die politischen Schriften und Aktivitäten von Marcel Mauss
Hans Manfred Bock
Deutsch-französischer Soziologietransfer im Generationenkontext
Zu Raymond Arons Rezeption deutscher Soziologie in den 1930er Jahren
Margareta Steinrücke
Struktur und Subjekt in der Theorie Pierre Bourdieus und ihre Relevanz für die Erforschung von Geschlechterverhältnissen

Industrie- und Arbeitssoziologie


Gabriele Winker
Net Empowerment
Stärkung subalterner Öffentlichkeiten durch frauenpolitische Vernetzung im Internet
Rainer Dombois
Auf dem Wege zur Globalisierung sozialer Rechte?
Governanceprozesse trans- und internationaler Arbeitsregulierung
André Holtrup
Das Ende kollektiver Arbeitsbeziehungen?

Generationen


Jörg Kammler
"Kriegskinder" des 2. Weltkriegs – eine Generation von Opfern?
Marlis Krüger
Gesellschaftstheoretische Etüden

Alternativen zum Neoliberalismus


Günter Warsewa
Kann der allseitig flexible Mensch sozialverträglich (gemacht) werden?
Abidin Bozdag
Gegengesellschaften zum Neoliberalismus
Die Autorinnen und Autoren

Autorenreferenz

Hans Manfred Bock, geb. 1940, Politikwissenschaftler, Universität Kassel, arbeitet in den Schwerpunkten Politische Soziologie und Sozialgeschichte zu den Themenkreisen politisch-gesellschaftliches System Frankreichs und Deutschlands sowie deutsch-französische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Mitbegründer des Institut d’Allemand d’Asnières und Mitherausgeber der Zeitschriften "Lendemains. Vergleichende Frankreichforschung" und "Frankreich-Jahrbuch". Abidin Bozdag, geb. 1946, Studium der Soziologie (Diplom 1977) an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt. Zuletzt war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Orient-Institut Hamburg. Publikationen u.a.: "Karimows eigenes Land – Usbekistan zwischen dem Erbe Timurs und der Marktwirtschaft" (1997), "Ethnische Krise in Usbekistan 1989 und die Konfliktfolgen" (1997). Frank Deppe, Professor für Politikwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg. Veröffentlichungen u.a.: "Politisches Denken im 20. Jahrhundert. Die Anfänge" (2000), "Politisches Denken zwischen den Weltkriegen" (2003), "Politisches Denken im Kalten Krieg. Teil 1: Die Konfrontation der Systeme" (2006). Rainer Dombois, geb. 1943, apl. Prof., Soziologe, Studium in Freiburg, Frankfurt, London und Berlin. Forschung im Bereich der Arbeitssoziologie und der nationalen und transnationalen Arbeitsbeziehungen in Deutschland, Großbritannien, Nord- und Südamerika. Rüdiger Griepenburg war von 1973 bis 1998 Professor für die Geschichte der sozialen Bewegungen an der Universität Osnabrück. Heute lebt er im Ruhestand in Bremen. André Holtrup, geb. 1974, Diplom-Soziologe mit dem Schwerpunkt Arbeits- und Industriesoziologie, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen und Stipendiat der Universität Bremen. Jörg Kammler, geb. 1940, Dr. phil.; Prof. i. R. für Politikwissenschaft der Universität Kassel; Veröffentlichungen u.a. zur Politischen Theorie (Georg Lukács) und zur Geschichte der NS-Herrschaft (Deserteure). Marlis Krüger, Professorin i.R. an der Universität Bremen, Schwerpunkte u.a.: Gesellschafts- und Wissenschaftstheorie, feministische Wissenschaftskritik. Stephan Moebius ist Privatdozent an der Universität Bremen und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg. Veröffentlichungen u.a.: Französische Soziologie der Gegenwart (zus. mit Lothar Peter, 2004), Marcel Mauss (2006), Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie (2006). Michael Neumann, Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Göttingen; letzte Veröffentlichungen: zur Soziologie Elias Canettis. Karl Heinz Roth, Arzt und Historiker. Medizinische Promotion 1986 in Hamburg, Historische Promotion 1992 in Bremen. Mitarbeiter der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und Mitherausgeber der Zeitschrift Sozial.Geschichte. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Arbeits-, Medizin-, Sozial-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts; u.a. (zusammen mit Angelika Ebbinghaus als Hrsg.): Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945 (2004), Der Zustand der Welt. Gegen-Perspektiven (2005). Gerhard Schäfer ist Lehrer und Sozialwissenschaftler. Veröffentlichungen zur Soziologie und Geschichte der studentischen Korporationen, zuletzt mit anderen: Blut und Paukboden (1997); publizierte u.a. über die Leipziger Schule der Soziologie, Freyer, Gehlen und Schelsky. Margareta Steinrücke, geb. 1953, Referentin für Frauenforschung der Arbeitnehmerkammer Bremen. Schwerpunkte: Soziale Ungleichheit und Geschlechterverhältnisse, Interessenvertretung von Frauen im Betrieb, Neuverteilung von Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Veröffentlichungen u.a.: Generationen im Betrieb (1986); Fraueninteressen im Betrieb (mit Petra Frerichs und Martina Morschhäuser, 1989); Klasse und Geschlecht (mit Petra Frerichs), in dies. (Hrsg.): Klasse, Geschlecht, Kultur (1997); Herausgeberin der Schriften zu Politik und Kultur von Pierre Bourdieu bei VSA. Karl Hermann Tjaden, Dr., Prof. em. für Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie an der Universität Kassel. Mitherausgeber der Studien zu Subsistenz, Familie und Politik (www.jenor.de) und Mitglied des Bundesvorstandes des BdWi. Günter Warsewa, Dr. rer. pol.; Leiter der Forschungseinheit "Strukturwandel von Stadt, Region und öffentlichem Sektor" des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Arbeitsgebiete: Arbeits- und Industriesoziologie, sozialwissenschaftliche Umweltforschung, politische Ökologie, Stadt- und Regionalforschung und -politik. Gabriele Winker, Dr., ist Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der TU Hamburg-Harburg und Leiterin des Arbeitsbereichs Arbeit – Gender – Technik. E-Mail: winker@tu-harburg.de, Homepage: www.tu-harburg.de/agentec/winker.

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