Frank Deppe

Politisches Denken zwischen den Weltkriegen

Band 2 der Reihe "Politisches Denken im 20. Jahrhundert"
Carl Schmitt, John Maynard Keynes, Walter Lippmann, Rudolf Hilferding, Antonio Gramsci, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Mahatma Gandhi, Mao Ze Dong

560 Seiten | Erstauflage vergriffen, eine Neuausgabe erschien 2016 | 2003 | EUR 34.80
ISBN 3-89965-001-8 1

Titel nicht lieferbar!

 

Dieses Buch knüpft an den Band "Politisches Denken im 20. Jahrhundert – Die Anfänge" an. Im Zentrum steht das "Katastrophenzeitalter" von 1914 bis 1945, in dem "das weltweite Muster des imperialen Zeitalters in sich zusammenfiel. Was da zusammenbrach, war klar: das liberale Weltsystem und die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts als das Vorbild, dem quasi jede 'Zivilisation' ... nacheiferte." (Eric Hobsbawm)

Das politische Denken in der Zwischenkriegsperiode wurde von einer Generation bestimmt, die es mit einer Reihe epochaler Zäsuren zu tun hatte: Massensterben im Ersten Weltkrieges, Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, Faschismus, Ermordung der europäischen Juden, Zweiter Weltkrieg und beginnender Verfall des Kolonialismus.

Wichtige Strömungen des alten Konservatismus wurden mit dem Programm der "konservativen Revolution" zu Ideengebern des Faschismus. Carl Schmitt verkörpert diesen Entwicklungsprozess. Die Krise des Liberalismus führte zu einer Ausdifferenzierung dieses Lagers. In England war es vor allem John Maynard Keynes, der sich für eine staatliche Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik stark machte. Dagegen formierte sich ein bereits früh so genannter Neoliberalismus. Zu einem der führenden liberalen Theoretiker des "American Century" avancierte Walter Lippmann.

Die sozialistische Bewegung spaltete sich im Ersten Weltkrieg. Rudolf Hilferding analysierte die Strukturveränderungen des "organisierten Kapitalismus", dem die SPD das Konzept der Wirtschaftsdemokratie gegenüberstellte. Antonio Gramsci sah wesentliche Neuerungen im aufkommenden Fordismus und in der Entwicklung der Zivilgesellschaft. Daneben entstanden Ansätze eines kritischen "westlichen Marxismus" u.a. in den Arbeiten der Frankfurter Schule (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno). Und schließlich begann der antikoloniale Befreiungskampf, dessen überragende Repräsentanten der Inder Mahathma Gandhi und der Chinese Mao Ze Dong wurden.

Frank Deppe ist Professor für Politikwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg.

Politisches Denken im Paket:
4 Bände | 5 Bücher | 2004 Seiten | 100 Euro statt 131,60 Euro!
ISBN 978-3-89965-411-0

Rezensionen

Politisches Denken zwischen den Weltkriegen

Dem Marburger Politikprofessor Frank Deppe ist mit dieser Neuerscheinung etwas gelungen, das man & frau in der wissenschaftlichen Literatur höchst selten findet. Die literarisch gelungene Vermittlung eines höchst komplexen Stoffes. Der Mann ist nicht nur ein interessanter marxistischer Denker, sondern kann zudem noch spannend schreiben!
Die Neuerscheinung ist der zweite Band über das politische Denken im 20. Jahrhundert, allerdings ebenso wie der erste schon erschienene Band auch als in sich geschlossenes Werk zu konsumieren. Deppe verfährt hierbei genau wie in seinem ersten Band nach der Methodik der politischen Soziologie, "die Gramscis Begriff des historischen Blocksauf typische Konfigurationendes politischen Denkens der Zeit projiziert." Dies bedeutet in der Umsetzung, das die Umbrüche, Ausformungen und Entwicklungstendenzen des "Dreißigjährigen Krieges 1914-1945" (Eric Hobsbawm) in den Kontext gestellt werden von zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten, ihrem Wirken und ihrer Stellung zu hegemonialen Zeitgeist. Deppe beschreibt die Entwicklung der belle Epoque zur militaristischen Katastrophe, die Entfaltung der politischen Soziologie der Gewalt, des Existentialismus, des Nihilismus, der Weltwirtschaftskrise und der Massengesellschaft. Zugleich beschreibt Deppe den Aufstieg des american century, der Entwicklung der Epoche des Fordismus sowie die Entfaltung des antikolonialen Unabhängigkeitskampfes in Indien und China.
Zu Letzterem werden die politischen Interventionen von Mahatma Gandhi und Mao Zedong beschrieben, während die Beschreibung des Wirkens von walter Lippmann für den neoliberalen Kurs des Kapitalismus und das Wirken von John Maynard Keynes für die fordistische Form politischer Regulation steht. All dies wird spannend und kenntnisreich beschrieben und erläutert.
Als Exponenten eines neuen "westlichen Marxismus" beschreibt Deppe den Werdegang des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci sowie die Entwicklung der Kritischen Theorie, während er die Entwicklung der SPD anhand ihres Exponenten Rudolf Hilferding erläutert. Deutschlands "konservative Gegenrevolution" hingegen wird man anhand ihres schillernden Vertreters Carl Schmitt schlüssig beschrieben. Ein faktenreiches, ein spannendes, ein intelligent geschriebenes, ein äußerst empfehlenswertes Buch - hoffentlich kommen bald noch weitere solche Bände aus der Feder Deppes.
terz – Düsseldorfer Stattzeitung 07/08-03

Leseprobe 1

Vorwort

Der erste Band des "Politischen Denkens im 20. Jahrhundert" erschien im Jahre 1999. Er behandelt nach einem einleitenden Kapitel, das den außerordentlich widersprüchlichen und spannungsreichen Charakter des Verhältnisses von Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert reflektiert, die "Anfänge", d.h. den Zeitraum von der Jahrhundertwende bis zur russischen Oktoberrevolution (1917) sowie bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1918/19). Die politischen Denker, die in eigenen Kapiteln behandelt werden (von Max Weber über Vilfredo Pareto, Georges Sorel und John Dewey bis zu W.I. Lenin und Sun Yat-sen), repräsentieren idealtypische Konfigurationen der Politik, die zugleich die Widersprüche und den Krisencharakter der Epoche reflektieren: die Krise des Liberalismus im Kontext des Übergangs zum Imperialismus, der Aufstieg der sozialistischen Massenbewegungen, die Wendung zum autoritären Staats- und Elitedenken (die die faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegsperiode inspirierte), die Anfänge eines Befreiungsnationalismus in Ostasien sowie schließlich der von Lenin vertretene revolutionäre Marxismus, der mit der Oktoberrevolution die Welt "erschüttern" sollte. Die politische Philosophie des amerikanischen Pragmatismus hingegen kam aus der "neuen Welt", wo die Voraussetzungen des "amerikanischen Jahrhunderts" geschaffen wurden und das Verhältnis von demokratischem Staat und Zivilgesellschaft gleichsam "von unten", aus der Perspektive der Lösung sozialer Probleme in der Gesellschaft, gedacht wurde. Der nun vorliegende zweite Band[*] setzt diese Betrachtungsweise des politischen Denkens im 20. Jahrhundert fort. Der Zeitraum erstreckt sich vom Ende des Ersten Weltkrieges (1918/19) bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1945). Es handelt sich also um das von Eric Hobsbawm so genannte "Zeitalter der Katastrophen", begrenzt durch zwei Weltkriege, geteilt durch die Weltwirtschaftskrise nach 1929, charakterisiert durch die totalitären Diktaturen und die Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden. Hobsbawm datiert das kurze 20. Jahrhundert von der siegreichen Oktoberrevolution des Jahres 1917 bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991. Damit rückt die europäische Entwicklung stärker ins Zentrum der Betrachtung, die – auch als Reaktion auf die Existenz, Selbstbehauptung und Entwicklung der Sowjetunion zu einer Großmacht (am Ende des Zweiten Weltkrieges) – von einer extremen Polarisierung der inneren gesellschaftlichen und politischen Widersprüche sowie von explosiven Spannungen zwischen den imperialistischen Staaten gekennzeichnet war. Diese manifestierten sich in den Katastrophen der Krisen und Diktaturen, leiteten aber zugleich die Selbstzerstörung Europas, des "alten Zentrums" der Welt und der Weltgeschichte, ein. Diese Epoche ist jedoch gerade dadurch charakterisiert, dass sich außerhalb Europas bzw. im Osten Europas neue gesellschaftliche und politische Entwicklungen vollzogen, die zugleich die Machtstrukturen künftiger Weltordnungen vorbereiteten und damit zum Teil noch den Prozess des Niedergangs der alten europäischen Mächte, vor allem auch der Kolonialmächte, beschleunigten. Im Westen wurden in den USA die Grundlagen des "Fordismus", einer neuen kapitalistischen Formation, und damit zugleich die Grundlagen der Pax Americana und des "American Century" (von dem seit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg die Rede ist) geschaffen. Im Osten Europas repräsentierte die Sowjetunion das Modell eines nichtkapitalistischen Entwicklungsweges, dessen Erfolge oder Misserfolge in die Innenpolitik der anderen Länder hinein wirkten. Und schließlich vollzogen sich in Asien – in Indien und China, den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Erde – jene (höchst unterschiedlichen) Prozesse der antikolonialen bzw. antiimperialistischen Emanzipation, die zur Selbständigkeit Indiens im Jahre 1947 und zum Sieg der Roten Armee in China im Jahre 1949 führten. Der innere Zusammenhang dieser Prozesse ist für das "lange amerikanische Jahrhundert" charakteristisch. Dessen Grundlagen wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geschaffen und werden gerade – am Anfang des 21. Jahrhunderts, nach dem Ende der Sowjetunion und der Blockkonfrontation – als das Programm einer neuen Weltordnung unter der Führung der USA reformuliert. Das erste Kapitel versucht, dieser Komplexität – Niedergang Europas, Aufstieg der Sowjetunion und die Entwicklung des US-amerikanischen, "fordistischen" Kapitalismus als einer hegemoniefähigen Antwort auf die Probleme der Massengesellschaft und der Massendemokratie – gerecht zu werden. Dabei sind auch jene Bilanzen des Jahrhunderts zu kritisieren, die dessen Katastrophen auf den "Terror der Ideologien" zurückführen wollen. Solche Konzeptionen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie die Gewaltverhältnisse nicht im Zusammenhang der sozialen Widersprüche zu begreifen vermögen, die der moderne Kapitalismus strukturell – zugespitzt aber in den großen Krisen – produziert und reproduziert. Insofern will auch die Darstellung von wichtigen Vertretern des politischen Denkens dieser Epoche – von Carl Schmitt über Antonio Gramsci, Rudolf Hilferding und Otto Bauer, der frühen "Frankfurter Schule" (Horkheimer u.a.), von John Maynard Keynes und Walter Lippmann, schließlich auch von Gandhi und Mao Zedong – als Fortführung jener im ersten Band erprobten Methodik der Politischen Soziologie verstanden werden, die Gramscis Begriff des "historisches Blockes" auf typische Konfigurationen des politischen Denkens der Zeit projiziert. Dabei sollte auch die außerordentliche Vielfalt jener Konfigurationen deutlich werden. Ich habe wie immer vielen Menschen zu danken, die mich – direkt oder indirekt – dabei unterstützt haben, dieses Manuskript zu Ende zu schreiben. Dazu gehören Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kolleginnen und Kollegen – nicht nur an der Philipps-Universität, sondern auch in außeruniversitären Zusammenhängen – wie z.B. dem Forum Gewerkschaften der Zeitschrift "Sozialismus" oder bei der "Wissenschaftlichen Vereinigung für Kapitalismusanalyse und Gesellschaftspolitik" mit dem Namen "Wissentransfer", an deren Gründung ich im vergangenen Jahr beteiligt war. Während die Diskussionslust der Studierenden in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist, schätze ich um so mehr den Arbeits- und Diskussionszusammenhang eines "marxistischen Arbeitskreises", der über die Jahre einige höchst begabte Nachwuchswissenschaftler(-innen) hervorgebracht hat. Mut zum Weitermachen (was in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich ist) habe ich auch aus den Begegnungen und Gesprächen mit Freunden und Kollegen bei internationalen Tagungen geschöpft – ich denke dabei vor allem an Robert W. Cox, Stephen Gill sowie Sam Gindin und Leo Panitch aus Toronto, an Kees van der Pijl (jetzt Brighton) und Peter Gowan aus London. Schließlich profitiert meine Arbeit nach wie vor davon, dass meine Lieblingsbibliothekarin meine Frau Ulla ist. Richard Detje hat – wie beim ersten Band – das Gesamtmanuskript bearbeitet – und dafür ist ihm erneut nachdrücklich zu danken. Marburg, April 2003
Frank Deppe [*] Ich scheute mich, den ersten Band als solchen zu bezeichnen, weil einerseits in der heutigen Massenuniversität die Arbeitsbedingungen für die Konzentration auf längere, individuelle Projekte extrem ungünstig sind. Auf der anderen Seite war mir der Fall eines älteren Kollegen präsent, der im Vorwort zu einem ersten Band das baldige Erscheinen des zweiten ankündigte. Er litt lange Jahre daran, dass seine Kollegen seinen ersten Band nicht kommentierten, sondern nur von ihm wissen wollten, wann denn endlich der zweite Band erscheine.

Leseprobe 2

9. Epilog: Das Jahr 1945 – oder:
Der kurze Traum von einer besseren Welt

Als im Mai bzw. im August 1945 die Waffen schwiegen, breitete sich in der ganzen Welt die Hoffnung aus, dass nunmehr eine bessere Welt – eine Welt des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der Freiheit – geschaffen werden könnte. Die Erleichterung darüber, dass die Achse Berlin-Rom-Tokio besiegt worden war, und die Freude über die Befreiung der letzten Überlebenden aus den Konzentrationslagern blieb freilich verhalten; denn allzu grauenhaft war die Konfrontation mit den Massenverbrechen, die während des Krieges namentlich von den deutschen Faschisten – vor allem in Osteuropa – verübt wurden. Am 26. Juni 1945 wurde in San Franzisko die Charta der Vereinten Nationen von den Vertretern von 51 Staaten unterzeichnet. In der Präambel artikulierten sich die Hoffnungen eines großen Teils der Menschheit: "Fest entschlossen, künftige Geschlechter von der Geißel des Krieges zu befreien", sollen Bedingungen geschaffen werden, unter denen "Gerechtigkeit und die Achtung von Verpflichtungen aus Verträgen gewahrt werden können, (und um) den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern". Gleichwohl waren mit der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches und Japans nicht nur die Eroberungs- und Weltherrschaftspläne beider Staaten gescheitert. Sie waren nunmehr in Besatzungszonen (Deutschland) aufgeteilt oder in ein US-amerikanisches Protektorat (Japan) verwandelt. Auf diese Weise sollte für die absehbare Zukunft gewährleistet werden, dass von beiden Ländern keine neue Aggression ausgehen konnte. Die Neuordnungspläne, die die "Großen Drei" (Roosevelt, Stalin und Churchill) bei den Konferenzen von Teheran, Yalta und Potsdam für die Nachkriegsordnung berieten, sollten daher für eine lange Zeit die Möglichkeit ausschließen, dass Deutschland und Japan über eine Erneuerung ihrer ökonomischen Machtressourcen zu einer "revanchistischen Politik" zurückkehren. Die Niederlage des Faschismus war aber auch eine ideologische Niederlage. Seine Politik wurde von Rassenideologie und Führerkult, Kriegsverherrlichung, Nationalismus und Feindschaft gegen Demokratie und Sozialismus legitimiert. Sie diente den Interessen der ökonomischen und politischen Herrschaftseliten im Zeitalter des Imperialismus bei der Verteidigung der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung im Innern – gegen Sozialismus und Demokratie – sowie bei der Durchsetzung eigener Machtinteressen in der zwischenimperialistischen Konkurrenz auf dem Weltmarkt und in der internationalen Politik. Der Faschismus wurde daher nicht allein von den Westmächten besiegt, die – bis zum Ende des Krieges unter der Führung der USA – Prinzipien der Demokratie, der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit vertraten. Wesentlichen Anteil am Sieg hatte die Sowjetunion, die unter ungeheuren Verlusten in den Jahren 1942/43 die militärische Wende im Zweiten Weltkrieg herbeiführte; bis heute ist Stalingrad dafür das Symbol. Am Ende des Krieges hatten die Kräfte des Antifaschismus, der Demokratie und des Sozialismus gesiegt. Zugleich zeichnete sich ab, dass die Kolonialsysteme – als Bausteine des klassischen Imperialismus – nicht mehr lange Bestand haben würden. Im Kampf gegen die Japaner hatten sich in Ostasien jene nationalen Befreiungsbewegungen (und vor allem die kommunistisch geführte Volksbefreiungsarmee in China) gebildet und gestärkt, die nach 1945 den Anspruch auf Selbstbestimmung, d.h. auch auf die Regierungen ihres Landes, erhoben. Es war die Kombination dieser Elemente einer politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Neuordnung in den vom Faschismus befreiten Ländern und Regionen, die die politischen und sozialen Akteure in den ersten Nachkriegsjahren beflügelten. Dabei kamen Koalitionen zustande, die in einigen Ländern in den Widerstandsbewegungen gegen die deutsche Besatzung entstanden waren und die nun verschiedene konservativ-christliche, liberale, sozialistische und kommunistische Kräfte in Regierungen zusammenführten. Die gemeinsame programmatische Grundlage für eine "antifaschistisch-demokratische Neuordnung" bestand nicht allein in dem Willen, die alten Eliten zu entmachten und die Strukturen der faschistischen Herrschaftssysteme zu beseitigen. Vielmehr wurden in diesen Neuordnungsprogrammen die Erfahrungen der beiden Weltkriege, aber auch die Erfahrungen der wirtschaftlichen und sozialen Krisen der Zwischenkriegsperiode (also vor allem die Massenarbeitslosigkeit im Gefolge der "großen Krise" nach 1929) aufgegriffen. Die sozialistische und kommunistische Linke der Arbeiterbewegung, die am Ende des Krieges fast überall stärker geworden war, und die christlich-sozialen sowie die sozialliberalen Kräfte stimmten weitgehend darin überein, dass die Schaffung einer neuen und stabilen demokratischen Ordnung nur auf der Basis der Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, der Schaffung sozialstaatlicher Institutionen, einer Planwirtschaft (beim Wiederaufbau) sowie durch eine Ausweitung der Rechte der Arbeiter und Angestellten sowie der Gewerkschaften in den Betrieben ("Wirtschaftsdemokratie") möglich sei. Die Grundgedanken einer solchen Politik waren bereits vor 1945 in verschiedenen Zusammenhängen von Ökonomen, Sozialwissenschaftlern und Politikern verschiedener Richtungen entwickelt worden. Sie gingen alle davon aus, dass in der Zukunft Stabilität und Frieden innerhalb und zwischen den demokratischen Gemeinwesen nur möglich seien, wenn durch staatliche Intervention Krisen und Massenarbeitslosigkeit verhindert werden, und durch die Anerkennung der Arbeiterbewegung und die Ausweitung der Wirtschaftsdemokratie dem Klassenkampf im Innern der Gesellschaft gleichsam seine zerstörerische Spitze genommen wird. Schließlich sollten internationale Institutionen geschaffen werden, die den Frieden sichern und die soziale und ökonomische Ungleichheit zwischen den Staaten und Regionen ausgleichen. Die im Ergebnis des Krieges geschaffene Kräftekonstellation schwächte eindeutig die Positionen des Kapitals in globalen Dimensionen – und zwar zunächst dort, wo sich – wie im Deutschen Reich – die Unternehmer und ihre Verbände eindeutig des Faschismus bedient und diesen gefördert hatten – sowohl nach der Weltwirtschaftskrise als auch bei der Vorbereitung und Durchführung des Krieges. Gleichzeitig war mit dem Scheitern des Versuchs, die Sowjetunion und den "Bolschewismus" zu "liquidieren", das weltweite Ansehen und die Macht der UdSSR enorm gewachsen – auch dies ließ die Bourgeoisien in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Westens in der Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung und der Linken im eigenen Land kompromissbereiter werden bzw. veranlasste sie, über Integrationsstrategien nachzudenken. Solche Konzepte bestimmten nicht nur die Programme von Parteien und Gewerkschaften, sondern gingen auch in die nach dem Kriege verabschiedeten Verfassungen der Länder ein. Da für einige Zeit auch von der sowjetischen Führung unter Stalin die Position vertreten wurde, dass in den neuen Volksdemokratien in Europa ein eigenständiger Weg der antifaschistisch-demokratischen Neuordnung eingeschlagen werden könnte, also die sowjetischen Erfahrungen nicht kopiert (und schon gar nicht durch die Besatzungsmacht "von oben" oktroyiert") werden sollten, bestand auch in weiten Teilen der Linken Europas die Hoffnung, dass nunmehr das Programm eines "integralen Sozialismus" (Otto Bauer) verwirklicht werden könnte. Solche Hoffnungen wurden freilich schnell enttäuscht und durch den Übergang in eine neue Periode des "Dritten Weltkrieges", also des "Kalten Krieges" der Systemkonfrontation zwischen Ost und West desavouiert. Diese wiederum wirkte auch auf die innenpolitischen Kräftekonstellationen zurück und veränderte sie. Natürlich war die "Anti-Hitler-Koalition" zwischen den USA, Großbritannien und der Sowjetunion – ebenso wie die "Anti-Japan-Koalition" – von Anfang an durch tiefgreifende Widersprüche charakterisiert. Schon bei den Konferenzen von Teheran, Yalta und Potsdam ging es nicht allein um die Koordinierung der Anstrengungen im Kampf gegen Deutschland und Japan, sondern auch um eine Aufteilung von Interessensphären in der Nachkriegsordnung. Dabei zeichneten sich schon früh die Konturen einer bipolaren Nachkriegsordnung ab, die von den USA im Westen und der Sowjetunion im Osten dominiert wurde. Nach dem frühen Tode des US-Präsidenten Roosevelt nahm mit dem neuen Präsidenten Harry S. Truman der Einfluss jener Kräfte zu, die einen expansiven Charakter des Kommunismus fürchteten und die wichtigste Aufgabe amerikanischer Weltpolitik darin sahen, den Kommunismus einzudämmen bzw. zurückzurollen. Besonders der Sieg der Roten Armee in China bis zum Jahre 1949, damit die Ausdehnung des Kommunismus auf das volkreichste Land der Erde, beunruhigte die Strategen in den USA, die die Truppen des Kuomintang-Regimes unterstützt hatten. Diese Kräfte waren gleichzeitig daran interessiert, die ökonomischen und politischen Interessen der USA nunmehr in globalen Dimensionen durchzusetzen. Auf der anderen Seite war die Führung der Sowjetunion unter Stalin daran interessiert, mit den Westmächten einen Konsens darüber zu erzielen, dass die Sicherheitsinteressen der UdSSR bei der Neuordnung Europas und der jeweiligen Einflusssphären angemessen berücksichtigt würden. Gleichzeitig war das strukturelle Misstrauen gegenüber den "Imperialisten" (das unmittelbar vor und auch während des Krieges, bis zur späten Eröffnung der zweiten Front im Westen im Jahre 1944 neue Nahrung gefunden hatte), niemals vergangen – und nicht nur die sowjetischen Kommunisten (sondern auch diejenigen, die im Westen Europas in den antifaschistischen Widerstandsbewegungen erfolgreich gekämpft hatten) mussten zu Recht befürchten, dass sie von den konservativ-christlichen und kapitalfreundlichen Kräften im eigenen Lande um den Sieg über den Faschismus betrogen würden. Der Ausdruck "Kalter Krieg" wurde zuerst von Bernard Baruch im Jahre 1947 verwendet. Schon 1946 hatte George Kennan, der damals US-amerikanischer Botschaftsrat in Moskau war, in einem "langen Telegramm" an Truman (dann auch in einem längeren, mit "X" gezeichneten Artikel für die Zeitschrift Foreign Affairs im Jahre 1947, die Notwendigkeit der Eindämmung (containment) des expansiven kommunistischen Systems betont. Nunmehr gingen die Kontroversen zwischen den ehemaligen Siegern in eine offene Konfrontation – mit der Folge der Blockbildung – über. Bis zum Jahre 1949 war dieser Prozess – mit der Bildung der NATO, der Gründung zweier deutscher Staaten auf deutschem Boden und der Verwandlung der Grenze zwischen den Systemen in einen "Eisernen Vorhang" (Winston Churchill) weitgehend abgeschlossen. Im März 1947 hatte der amerikanische Präsident Truman die Welt in "freie Völker" und "totalitäre Regime" eingeteilt und die Aufgabe der Politik der Vereinigten Staaten darin festgemacht, "die freien Völker zu unterstützen". Der "Marshall-Plan" wurde ein Instrument dieser Politik und diente gleichzeitig dazu, bis 1948 die Koalitionsregierungen in Westeuropa zu sprengen. Im Gegenzug erklärte die sowjetische Führung den Gegensatz von "Imperialismus" und "friedliebenden Kräften" zum Hauptwiderspruch der Epoche, setzte das sowjetische Herrschaftsmodell in den Ländern Mittel- und Osteuropas durch und transformierte die Kommunistischen Parteien in Instrumente der sowjetischen Außenpolitik. Bei der Bildung der Blöcke spielten die Atomwaffen eine zentrale Rolle. Die USA hatten am Ende des Krieges – mit dem Abwurf der Bomben über Hiroshima und Nagasaki – demonstriert, dass sie die neue Waffe besaßen und bereit waren, diese auch einzusetzen. Die Verteidigung dieses "Monopols" wurde zu einem Sprengsatz der Anti-Hitler-Koalition; denn die Sowjetunion bemühte sich erfolgreich, dieses Monopol bis zum September 1949 zu brechen. Seitdem wurde die Weltpolitik durch die Rüstungspolitik der beiden "Supermächte" bestimmt, die ihre Atomwaffenpotenziale – vor allem auch die Trägersysteme – ausbauten, effektivierten und modernisierten. Damit wurde – unter dem Atomschirm – eine Konstellation der wechselseitigen Abschreckung geschaffen, die jeden Angreifer mit dem Risiko eines vernichtenden Gegenschlages konfrontierte. Der lange Friede zwischen den Systemen, d.h. die Abwesenheit des Krieges – wenn auch oftmals am Rande des "atomaren Abgrundes" –, war so eine Folge der wechselseitigen Drohung vor der völligen Vernichtung. Der "totale Krieg" – so hat es dann Hannah Arendt Anfang der 50er Jahre formuliert – "begnügt sich nicht mit der Zerstörung einzelner militärisch wichtiger Punkte ..., sondern geht daran – und kann auch technisch daran gehen, die gesamte zwischen Menschen entstandene Welt zu vernichten" (Arendt 1993: 90). Damit aber verändert sich fundamental die Reflexion über die Politik, die nicht mehr als Raum der Freiheit, als offenes Feld der Auseinandersetzung um verschiedene Optionen verstanden werden kann. Die Hoffnungen auf einen Neubeginn lösten sich im Kalten Krieg auf, der auf jeder Seite die Restauration der systemkonformen Kräfte stärkte. Dennoch wirken unter dem atomaren Schirm die verschiedenen und gegensätzlichen sozialen und politischen Interessen sowie deren Träger und Organisatoren weiter. Die Geschichte kommt daher keineswegs zu ihrem Ende, sondern erfährt eine technologisch-militärische "Überdetermination" oder Deformation, die für eine ganze Epoche, bis zum Ende der Sowjetunion und ihres "Lagers" im Jahre 1991, bestimmend bleiben wird.

Leseprobe 3



Inhalt:

Vorwort (Leseprobe)

1. Die Zwischenkriegsperiode – oder: der "Dreißigjährige Krieg" 1914-1945


"The world between the wars was attracted to madness" (Bertrand Russell)
Von der Belle Epoque zur Katastrophe
Die "Weltwende" des August 1914
Die Selbstzerstörung des europäischen Zentrums der Welt
Der Krieg als "Fegefeuer" der politischen Ideologien
Spaltung der Arbeiterbewegung
Terror der Ideologien? Zur politischen Soziologie der Gewalt
Der Krieg und die Gewalt
Die Exzeptionalität des "Holocaust"
Die Verbrechen des Stalinismus
Existentialismus und Nihilismus: die kulturelle Krise der bürgerlichen Welt
Organisationsprobleme der Massengesellschaft
"Aufstand der Massen"
"Das amerikanische Jahrhundert"
Die kapitalistische Weltwirtschaft zwischen den Kriegen
Eine "lange Welle" mit stagnativer Grundtendenz
Der "große Krach"
Eine Epoche des Übergangs

2. "Konservative Gegenrevolution" und Faschismus: Carl Schmitt


Kleinbürger – Mandarin – Parteigänger: Stationen der Biographie
"Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet"
Die neomachiavellistische Beschwörung der Selbstbehauptung des Staates
Der "metaphysische Kern" des Politischen: politische Ontologie
Der Mythos vom Staat als "politische Einheit eines Volkes"
Der Abschied vom "Leviathan" und die Kehre zum "Nomos der Erde"
Das Scheitern des Carl Schmitt

3. Das Scheitern der bolschewistischen Revolution im Westen: Antonio Gramsci


Ein tragischer Revolutionär
Biographische Skizze
Marxismus in Italien – "Philosophie der Praxis"
Politik, Intellektuelle und Partei
Staat, Hegemonie und Stellungskrieg
Passive Revolution und Cäsarismus
Fordismus und Amerikanismus
Gramscianismus – Neogramscianismus

4. Organisierter Kapitalismus und Wirtschaftsdemokratie – Rudolf Hilferding und die Sozialdemokratie zwischen den Kriegen


Die Sozialdemokratie zwischen Oktoberrevolution und Faschismus
Ein "Austromarxist" in Berlin
"Das Finanzkapital"
Hilferding und der "Austromarxismus"
Organisierter Kapitalismus und Wirtschaftsdemokratie
Otto Bauer und das "Linzer Programm" der SPÖ
Die Katastrophe von 1933
Lauter "tote Hunde"?

5. "Westlicher Marxismus" und Kritische Theorie – die frühe Frankfurter Schule


Hegel, Marx, Lenin
Die Gründung des "Instituts für Sozialforschung"
Von Grünberg zu Horkheimer
Kritische Theorie der Gesellschaft
Autoritäre Persönlichkeit und Faschismusanalysen
Die antitotalitäre Wende zum "Staatskapitalismus" und zur "Dialektik der Aufklärung"
"Flaschenpost"

6. Massenarbeitslosigkeit und das Ende des Laisser-Faire – John Maynard Keynes und die politische Theorie des "Sozialliberalismus"


Der Niedergang des British Empire
Die Auseinandersetzung um den "Goldstandard"
Ein britischer Bildungsaristokrat
"Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages"
Das Programm des "neuen Liberalismus"
Die "keynesianische Revolution"
Krieg und Frieden: die Konferenz von Bretton Woods
"Revolution und Gegenrevolution"

7. "The voice of America": Walter Lippmann


"Amerikas herausragender Journalist"
Ein Hochbegabter aus reichem Hause
"Die öffentliche Meinung"
Die "gute Gesellschaft"
Exkurs: Die Geburtsstunde der "Mont-Pélérin-Gesellschaft" (Friedrich A. von Hayek/Karl Popper)
Die Außenpolitik der neuen Ordnungsmacht
Walter Lippmann und das "Amerikanische Jahrhundert"

8. Ziviler Ungehorsam und revolutionäre Gewalt: Mahatma Gandhi und Mao Zedong


"Herr und Kecht": das System des Kolonialismus
Die Krisen in Europa und der Weg zur Unabhängigkeit
Die politische Religion Gandhis
Der widersprüchliche Mythos des Staatengründers
Die Rolle der Gewalt in der Geschichte Chinas
Mao: Der "Lange Marsch"
Maoismus und Marxismus-Leninismus
Maoismus als historisches Phänomen

9. Epilog: Das Jahr 1945 – oder: Der kurze Traum von einer besseren Welt (Leseprobe)


Literatur

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