Jörg Huffschmid

Politische Ökonomie der Finanzmärkte

Aktualisierte und erweiterte Neuauflage

288 Seiten | 2002 | EUR 16.50 | sFr 29.50
ISBN 3-87975-863-8 1

Titel nicht lieferbar!

 

Jörg Huffschmids Analyse von Finanzmärkten und Finanzkrisen entzaubert den Mythos ihrer Allmacht und zeigt, wo Ansatzpunkte für eine wirtschaftspolitische Beschränkung und Steuerung des Finanzkapitals gegeben sind.


 

Was sind die Finanzmärkte, wie funktionieren sie, wer steht hinter ihnen? Welche Bedeutung und Folgen haben sie für die Entwicklung des gegenwärtigen Kapitalismus? Schließlich: wie können sie kontrolliert werden?

Finanzkrisen haben die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus regelmäßig begleitet. Ebensowenig wie Wirbelstürme entstehen Finanzkrisen jedoch aus dem Nichts. Sie sind Ergebnis bestimmter Konstellationen und Spannungen, die sich mit großer Wucht entladen.

Dieses Buch mit zahlreichen Grafiken und kommentierten Literaturhinweisen ist gerade auch für Einsteiger in die Thematik geeignet. Es wurde innerhalb kurzer Zeit zur »Bibel« der Bewegung für die Regulierung der Finanzmärkte, insbesondere für das Attac-Netzwerk. Die aktualisierte Neuauflage trägt dem u.a. durch ein neues Kapitel über die europäischen Finanzmärkte Rechnung.

Der Autor:
Jörg Huffschmid, geb. 1940, ist Professor für Politische Ökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Bremen, Arbeitsschwerpunkte: Finanzmärkte, europäische Integration, Wirtschaftspolitik. Er war als externer Sachverständiger Mitglied der Enquête-Kommission des

Deutschen Bundestages "Globalisierung der Weltwirtschaft -

Herausforderungen und Antworten".

 

Leseprobe 1

Neue Krisen, härtere Disziplinierung, demokratischer Widerstand – Grenzen der Finanzmärkte
Einleitung zur zweiten Auflage

Die Asienkrise als Glücksfall für die USA Als dieses Buch im Herbst 1999 in erster Auflage erschien, waren die unmittelbaren Folgen der Asienkrise vorbei. Nach den Einbrüchen in den Jahren 1997 und 1998 wuchsen Produktion und Beschäftigung in den vier Krisenländern wieder, die Börsenkurse gingen erneut steil nach oben. Unter Führung des Internationalen Währungsfonds (IWF) war ein Hilfspaket in Höhe von über 100 Milliarden Dollar organisiert worden. Sein Hauptzweck war es, sicherzustellen, dass die Krisenländer ihre Schulden zurückzahlen konnten. Die Abwertungen von bis zu 80% (in Indonesien) kurbelten die Exporte an, mit deren Erlösen die Schulden bedient wurden. Das Geschäft hatte sich für die Gläubiger gelohnt: Die Außenschulden der asiatischen Entwicklungsländer waren von 1996 bis 1999 um 100 Milliarden Dollar von 615 auf 715 Milliarden Dollar gewachsen, der Schuldendienst hatte von 80 auf 109 Milliarden Dollar zugenommen (vgl. IMF 2001: 249). Die Rate, mit der die Schulden bedient wurden, war also von 12,9% auf 15,3% gestiegen. In anderen Teilen der Welt aber wirkte die Krise weiter. Die großen Investoren, die ihr Kapital aus Thailand und Korea abgezogen hatten, überprüften ihre Engagements auch in Russland, Südafrika, Lateinamerika. Es kam auch dort zu Kapitalabflüssen und Kurseinbrüchen an den Börsen. Südafrika musste den Rand abwerten, Russland zeitweise die Bedienung der Schulden einstellen. Brasilien gab 1999 die Bindung des Real an den Dollar auf und wertete ab. Argentinien, das die 1991 eingeführte Eins-zu-Eins-Bindung des Peso an den Dollar bis Ende 2001 beibehielt, geriet in eine tiefe Rezession. Nach den von Mexiko ausgehenden Erschütterungen Mitte der 1990er Jahre fiel Lateinamerika am Ende des Jahrzehnts erneut in eine Krise, deren Ende heute, drei Jahre später, nicht absehbar ist. Auch in Asien war die Erholung von kurzer Dauer, und die Lage hat sich mittlerweile erneut dramatisch verschlechtert. Eins war aber nicht eingetreten: Die Asienkrise hatte nicht auf die großen Zentren des Kapitalismus übergegriffen. Die Exporteinbußen der Industrieländer blieben gering, die IWF-Hilfsaktionen bewahrten die westlichen Banken vor größeren Verlusten, und die Verluste, die dennoch anfielen, konnten durch entsprechende Rückstellungen auf die SteuerzahlerInnen abgewälzt werden. Sobald sich dieser für den Norden glimpfliche Ausgang abzeichnete, nahm das Interesse in den großen Finanzzentren an einer »Reform der internationalen Finanzarchitektur« schlagartig ab. Für die USA erwies sich die Asienkrise sogar als ein außergewöhnlicher Glücksfall. Denn das Kapital, das aus Thailand, Korea und den anderen Ländern Hals über Kopf abgezogen wurde, flüchtete überwiegend in den sicheren Hafen des amerikanischen Kapitalmarktes. Es half dadurch, das historische Rekorddefizit der amerikanischen Leistungsbilanz zu finanzieren. Dieses stieg zwischen 1996 und 1999 von 1,5% auf 3,5% des amerikanischen Sozialproduktes (2001 lag es bei 4,0%). Während der gleichen Zeit verwandelte sich der Abfluss privaten Kapitals aus den USA in Höhe von 0,6% in einen Zufluss in Höhe von 3,1% des Inlandsproduktes (2001: 4,4%; vgl. IMF 2001: 231, 257). Indem sie die Entwicklungsländer durch plötzlichen massenhaften Kapitalabzug in tiefe Krisen stürzten, haben die internationalen Finanzanleger gleichzeitig den Börsenboom in den USA genährt. Dieser hat seinerseits die Konjunktur angekurbelt: Der sich in den steigenden Aktienkursen widerspiegelnde größere Reichtum löste bei den BesitzerInnen von Wertpapieren eine Konsumwelle aus, die dann auch die Investitionen beflügelte. Im Herbst 1999 befand sich die Wirtschaft in den USA und der EU in einem kräftigen Konjunkturaufschwung, der durch den Börsenboom verstärkt wurde. Wirtschaft fand in der zweiten Hälfe der 90er Jahre – nicht nur in den Medien – vor allem auf dem Kapitalmarkt statt. Auch die Beteiligten sahen dies so. Der Börsenbericht erhielt in der öffentlichen Präsentation und Wahrnehmung einen ähnlichen Stellenwert wie der Wetterbericht. Die in den 90er Jahren entwickelten Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie, der Datenverarbeitung und der Biotechnologie mündeten in zahlreichen Unternehmensgründungen auf den überall etablierten »Neuen Märkten«. Sie wurden zum Kern einer New Economy erklärt, die ein ganz neues Zeitalter technologiegetriebenen und wissensbasierten Wachstums einläuten sollte. Dazu kamen Hunderte von »Start-ups«, die im Wesentlichen aus einem Marketing-Gag oder aus schierem Bluff bestanden, in der allgemeinen Goldgräberstimmung gleichwohl phantastische Marktbewertungen erreichten. Große Konzerne wurden vom Fusionsfieber erfasst, verbanden sich mit anderen großen Konzernen, kauften Konkurrenten auf, um Märkte zu besetzen. Es war die Zeit der Investmentbanker, als graue Eminenzen hinter den Börsen und »Masters of the Universe«. Sie bereiteten Übernahmen vor und organisierten Abwehrschlachten gegen Übernahmen. Die Zahl der Fusionen und der dabei umgeschlagenen Aktienwerte stieg in den USA und in Europa auf historische Rekordhöhen. Hinter vielen Zusammenschlüssen steckte weder eine technologische noch eine ökonomische Rationalität. Sie waren getrieben von Konkurrenzdruck, der Besessenheit, größer sein zu müssen als die anderen, nicht zuletzt von Gier und Größenwahn der Vorstände, die sich als Herrscher der Welt verstanden und oft auch so benahmen. Die Party ist zu Ende... Drei Jahre später sieht es auch in den Zentren anders aus. Der Börsenboom ist zu Ende, seit Mitte 2000 fallen die Aktienkurse. Auf den »neuen Märkten« ist es zu regelrechten Crashs gekommen. Hunderte von Hoffnungsträgern der New Economy haben sich in Nichts aufgelöst. Die Aktien von Wunderunternehmen, die vor zwei Jahren noch über Hundert Dollar kosteten, sind mittlerweile für wenige Cent zu haben. Viele Gründer und Geschäftsführer haben noch schnell Kasse gemacht und sind dann verschwunden. Die versprochenen und erhofften Effizienzgewinne von Fusionen, Beteiligungen und Übernahmen sind überwiegend nicht eingetreten oder durch unvorhergesehene Integrationsprobleme vernichtet worden. Die Fusionswelle ist zusammengebrochen: Die Transaktionswerte, die im Jahre 2000 mit 3,5 Billionen Dollar einen historischen Rekord erreicht hatten, sind ein Jahr später auf die Hälfte gefallen. Viele führende Unternehmen – allen voran die frisch an die Börse gebrachten Telekommunikationskonzerne – haben sich im Kaufrausch am Ende des 20. Jahrhunderts übernommen und wissen jetzt nicht, wie sie ihre enormen Schulden bezahlen sollen. Sie sind den Ansprüchen ihrer Aktionäre, der Investment- und Pensionsfonds ausgesetzt, die verlangen, dass »ihre« Unternehmen Quartal für Quartal steigende Gewinne ausweisen. Unter diesem Druck haben sich viele Manager darauf verlegt, die Renditen zu erfinden, die sie nicht erwirtschaften können. Es werden Umsätze, die nicht stattgefunden haben, mit Geschäftspartnern, die nicht existieren, in die Bilanzen geschrieben; Kosten erscheinen als Gewinne, Schulden als Vermögen. Wirtschaftsprüfer erweisen sich als Komplizen des Betrugs. Analysten und Ratingagenturen hatten sich schon in der Asienkrise aufgrund ihrer völligen Ahnungslosigkeit blamiert. Jetzt ist auch ihr moralischer Ruf ramponiert, nachdem bekannt wurde, dass sie enthusiastische Kaufempfehlungen für Unternehmensaktien gaben, die sie intern als »Stück Scheiße« bezeichneten. Wenn Betrügereien bekannt werden und daraufhin die Kurse wie bei WorldCom ins Bodenlose fallen und ehemalige Führungskonzerne wie Enron zusammenbrechen, ist der Katzenjammer groß. Gierige Kleinaktionäre sehen sich um schnelle Schnäppchen betrogen, Fondsmanager stehen als Idioten da. Zum Katzenjammer kommt das Elend: Rentnerinnen und Rentner, die durch Einzahlungen in betriebliche Pensionsfonds Vorsorge für ihr Alter getroffen hatten, stehen vor dem Sturz in die Altersarmut. Die Desillusionierung nimmt zu, und die Erkenntnis greift um sich: Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus ist nicht nur weniger effizient und instabiler, als seine Propagandisten behaupten. Er ist auch verlogen, korrupt und verrottet. ...aber das Projekt geht weiter Die neoliberale Offensive ist damit aber nicht zu Ende. Die Spekulationsblase ist geplatzt, die Korrektur des »irrationalen Überschwangs« hat eingesetzt und wird vermutlich noch längere Zeit weitergehen. Die Zocker der neuen Märkte sind weitgehend verschwunden, viele »geniale Geschäftsideen« haben sich als Spinnereien erwiesen. Manche aber auch nicht. Manche sind tragfähig, werden ihren Weg machen, die Trennung zwischen alter und neue Ökonomie überwinden und zum weiteren Wirtschaftswachstum beitragen. Es fällt auf, dass trotz der Misere an den Aktienmärkten die konjunkturellen Abschwünge, die ab Mitte 2000 in den USA und der EU einsetzten, relativ verhalten blieben und sich nur zu milden Rezessionen entwickelten. Im Jahr 2002 hat die konjunkturelle Erholung bereits wieder eingesetzt. Das Wachstum bleibt zwar schwach, und dies verweist insbesondere in Europa alle Behauptungen über eine durch kräftiges Wachstum getragene Zunahme der Beschäftigung ins Reich der Wunschträume. Aber der Absturz der New Economy wird die Wirtschaft insgesamt nicht mit in den Strudel ziehen. Es sieht sogar so aus, als werde das neoliberale Projekt von seinen Protagonisten, den großen transnational agierenden Finanz-, Industrie- und Dienstleistungskonzernen sowie den Regierungen der G7-Länder mit neuer Energie vorangetrieben und um neue, offen aggressive Elemente ergänzt, auf globaler, regionaler und nationaler Ebene. Die politischen Bedingungen hierfür scheinen in den vergangenen drei Jahren besser geworden zu sein. In den USA ist eine rechtskonservative bis reaktionäre Regierung ins Amt gekommen, deren Verbindungen zum Finanz- und Ölkapital bekannt sind. In der EU ist die 1999 vorhandene Mehrheit sozialdemokratischer Regierungen durch eine rechtsbürgerliche Mehrheit ersetzt worden. Auf globaler Ebene verfolgt der IWF trotz gegenteiliger Erklärungen unverändert eine Politik, die in erster Linie darauf zielt, einen kontinuierlichen Zahlungsstrom vom Süden nach Norden zu sichern und eine diesem Ziel förderliche Disziplin in den Entwicklungsländern zu verankern. Für den internationalen Handel wird die Welthandelsorganisation WTO dazu genutzt, eine weitere radikale Öffnung der Märkte durchzusetzen – allerdings vor allem in den Entwicklungsländern. Eine Marktöffnung für die Agrarprodukte dieser Länder kommt für die Industrieländer demgegenüber nicht in Frage. Nachdem die Zölle bei Industriegütern bereits sehr niedrig sind, konzentriert sich die Marktöffnung jetzt auf die natürlichen Lebensgrundlagen wie Wasser und biologische Substanzen und auf Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit. Sie befanden sich bislang überwiegend in öffentlichem Eigentum und wurden als öffentliche Güter behandelt. Jetzt sollen sie zum Zwecke der Vermarktung privatisiert werden. Überdies strebt die WTO ein Abkommen über ein internationales Investitionsregime an, das den großen Konzernen in den Ländern der Dritten Welt weitestgehende Freiheiten verschaffen soll. Ein erster Anlauf für ein solches »Multilateral Agreement on Investments« (MAI) war Mitte der 1990er Jahre im Rahmen der OECD gestartet, dann aber unter dem Druck öffentlicher Proteste aufgegeben worden. Auch in den Industrieländern hält der disziplinierende Druck liberalisierter Finanzmärkte an. Er äußert sich weniger in kurzfristigen spekulativen Attacken, sondern setzt an zwei Seiten an. Zum einen fordern die großen Akteure auf den Finanzmärkten eine radikale Senkung von Steuern auf Unternehmens- und Kapitalgewinne und von Sozialabgaben für die Unternehmen. Zum anderen verlangen sie die Auslieferung großer neuer Betätigungsfelder durch Privatisierungen. In beidem sind sie besonders in der EU erfolgreich, wo es bei der Privatisierung in neoliberaler Sicht einen Nachholbedarf gegenüber den USA gibt. Nachdem die traditionellen öffentlichen Strom-, Gas- und Wasserunternehmen, der Transport- und der Telekommunikationssektor bereits überwiegend in private Hände übergegangen sind, werden jetzt neue Bereiche zu Objekten der Begierde: Bildung, Gesundheit, Altersversorgung – alles soll zur Ware werden und seinen Preis bekommen. Wer den Preis nicht bezahlen kann, erhält keine brauchbare Ausbildung, stirbt früher oder wird im Alter arm. In dieser Sicht erscheinen öffentliche Güter als Wettbewerbsverzerrungen, gegen die das Kartellgesetz in Stellung gebracht wird. Privatisierung und Verfügbarkeit auf dem Kapitalmarkt wird zur ultimativen Form der Modernisierung und »Eigenverantwortlichkeit«. An die Stelle solidarischer, umlagefinanzierter Systeme der Alterssicherung treten individualisierte Investormodelle. Dabei zahlen die Menschen höhere Beiträge, erhalten einen geringeren Versicherungsschutz und sind den Risiken der Kapitalmärkte ausgeliefert. Profiteure sind die großen Investment- und Pensionsfonds sowie Versicherungen. Genau diese sind es, die als anonyme Finanzmärkte Druck zugunsten der »Modernisierung« ausüben. Die Gewalt hinter der Macht hinter dem Markt Auch der Neoliberalismus kann aber nicht allein auf den Markt vertrauen, sondern braucht einen übergreifenden »Ordnungsrahmen«. Je stärker der Markt sich entwickelt, umso deutlicher treten seine spaltenden und polarisierenden Wirkungen hervor. Märkte müssen nicht notwendigerweise spalten. Gegenüber einer isolierten Einzelproduktion stellen sie große Fortschritte der Vergesellschaftung dar. Wenn Märkte sich allerdings auf die Arbeitskraft erstrecken, wie das im Kapitalismus der Fall ist, wächst das Konfliktpotenzial. Ab einer bestimmten Stufe der Entfaltung und Verselbständigung der Märkte nimmt das Gewicht der polarisierenden gegenüber dem der verbindenden Elemente zu. Dann stellt sich die Frage des Ordnungsrahmens. Zähmung der Märkte durch die Gesellschaft – oder Unterwerfung der Gesellschaft unter die Märkte und die Interessen derer, die auf ihnen dominieren? Die Machtverhältnisse, die in ruhigen Zeiten hinter die Marktverhältnisse zurücktreten und von ihnen verdeckt werden, treten jetzt offener neben sie. Dabei spielen auch militärische Optionen in den Kernländern eine neue Rolle. Es mehren sich die Belege dafür, dass ein neuer autoritärer Umbau der bürgerlichen Gesellschaft begonnen hat und der disziplinierende Druck der Finanzmärkte als »stummer Zwang der ökonomischen Verhältnisse« (Karl Marx) mehr und mehr durch offene staatliche, polizeiliche und militärische Gewalt ergänzt wird. In allen größeren kapitalistischen Ländern verfügen die Regierungen, mit der Begründung, die »innere Sicherheit« müsse verbessert werden, neue Maßnahmen für die Überwachung und Einschränkung von Freiheiten der BürgerInnen. Polizei, paramilitärische und militärische Verbände erhalten zusätzliche Kompetenzen und trotz aller Haushaltsnöte zusätzliches Geld. Gleichzeitig verschließt der Norden die Türen zum Süden noch fester als bisher. Die Einwanderungs-, Asyl- und Abschiebepolitik wird restriktiver und autoritärer. Europa simuliert eine belagerte Festung. Es dürfen immer weniger Menschen hereinkommen. Drinnen herrscht nicht nur die Disziplin der Finanzmärkte, sondern auch die der Polizei. Gleichzeitig unterstützt sie neue Vorstöße ihrer Konzerne auf die Märkte der Welt. Auch in den globalen Beziehungen ist in den letzten Jahren zur monetären Disziplinierung durch den IWF und zur Marktöffnungsstrategie durch die WTO die Option der offenen militärischen Aggression getreten. Für das Militär ist die Zeit der Unsicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges definitiv zu Ende. Die amerikanische Rüstungsindustrie steht vor einem Auftragsboom, der den zur Zeit Ronald Reagans bei weitem übertrifft. Auch in Europa ist der Trend zur militärischen Abrüstung gestoppt, und die Militärausgaben steigen wieder. Es gibt seit der NATO-Tagung vom April 1999 eine neue militärische Mission. Sie richtet sich auf weltweite militärische Interventionen zur Sicherung und Durchsetzung des Friedens und der »vitalen Interessen« des Westens. Allerdings greifen die USA im Ernstfall weder auf die NATO noch die Vereinten Nationen zurück, um ihre Kriege zu führen. Die Reaktion auf die Terrorangriffe in Manhattan ist nicht eine gemeinsame Polizeiaktion der zivilisierten Staaten, sondern ein maßloser Bombenangriff gegen eine ganze Bevölkerung und die Kriegsankündigung gegen Länder, die zur »Achse des Bösen« gezählt werden. Hierdurch wird der gefährliche Terror einzelner Gruppen nicht verhindert, wohl aber können ganze Länder und Ländergruppen militärisch terrorisiert und politisch unterworfen werden. In Jugoslawien und Afghanistan ist das geschehen, in Irak und Iran soll es geschehen. Dabei kann es dann auch zu zivilgesellschaftlichen Fortschritten kommen. Diese sind allerdings äußerst brüchig und können unter veränderten Bedingungen wieder kassiert werden. Das Ziel ist einfach: es ist die Sicherung strategischer Positionen in einer der ölreichsten Gegenden der Welt. Die großen Länder der Europäischen Union haben bis heute keine Alternative gegenüber der neuen, zunehmend militärisch gestützten Strategie der USA zur Sicherung ökonomischer und politischer Einflussgebiete entwickelt. Sie haben sich ihr vielmehr im Wesentlichen angeschlossen und bedauern, dass die EU bislang nicht in der Lage ist, ein gemeinsames militärisches Potenzial auf die Beine zu stellen. Die EU versucht, bis heute ohne großen Erfolg, diesen Zustand zu überwinden. In dem Maße, wie sie in diesem Bemühen vorankommt, wird dies nicht nur ihrer Rolle als Bündnispartner im Block des Nordens gegenüber dem Süden zugute kommen, sondern auch ihre heute schon bestehende Position als wirtschaftlicher Konkurrent der USA politisch und militärisch untermauern. Es hat den Anschein, dass der Kapitalismus in den letzten Jahren begonnen hat, seine Bewegungsformen erneut zu verändern und ein neues Entwicklungsmuster anzunehmen, das dritte seit 1945. Das erste Muster war der Reformkapitalismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss einer relativ starken Arbeiterbewegung zustande gekommen war. Dieses Muster wurde ab Mitte der 1970er Jahre zunächst überlagert und dann abgelöst durch eine neoliberale Gegenreform, bei deren Durchsetzung die Finanzmärkte eine entscheidende Rolle gespielt haben und spielen. Seit den 1990er Jahren erleben wir nun, dass und wie diese Gegenreform selbst Polarisierungen produziert, auf die sie mit zunehmend autoritären Mitteln reagiert und dabei ein Muster herausbildet, in der die offene, staatliche und nichtstaatliche Gewalt das Gesetz der Märkte überlagert. Es handelt sich nicht um trennscharfe Periodisierungen. In allen drei Mustern gibt es alle drei Elemente: Reform, Gegenreform, Gewalt. Aber die Gewichtungen verschieben sich. Auch im gegenwärtigen Kapitalismus gibt es noch zahlreiche Elemente und Errungenschaften der Reformzeit. Sie stehen jedoch unter dem Druck starker Kräfte der Gegenreform und der Finanzmärkte, die das Geschehen überwiegend bestimmen. Dazu kommt jetzt mit steigendem Gewicht die offene Gewalt. Sie ist gegenwärtig noch nicht das dominierende Element, aber sie wird stärker und kann zum dominierenden Moment werden. Die Welt ist keine Ware – Widerstand ist nötig – Eine andere Welt ist möglich Hintergrund für die neuen gewaltsamen Elemente der Entwicklung ist auch, dass die neoliberale Gegenreform immer weniger glatt über die Bühne geht. Auch das ist in den drei Jahren seit Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches unübersehbar geworden. Im November 1999 scheiterte die Ministerratskonferenz der WTO in Seattle, weil DemonstrantInnen aus den USA, Europa und zahlreichen Entwicklungsländern ihren Protest gegen die Politik rücksichtsloser Marktöffnung unüberhörbar vorbrachten und damit den glatten Ablauf der Verhandlungen blockierten. Die nächstfolgende Ministerratskonferenz fand 2001 in Doha (Qatar) in einem Land statt, das die Zahl der zugelassenen Demonstranten von vornherein radikal beschränkte und kanalisierte. Auch die Konferenzen von IWF und Weltbank werden seit Jahren hinter hohen Stacheldrahtzäunen und unter riesigem Polizeischutz abgehalten, wenn sie nicht, wie in 2001, ganz ausfallen. Die Treffen der Regierungschefs aus den sieben größten Industriestaaten wurden 2001 auf eine schwimmende Festung in Genua und 2002 in einen abgelegenen und durch Grizzlybären vor DemonstrantInnen geschützten Ort in Kanada verlegt – und diesem Ort entsprechend war das Hauptthema des Treffens, wie sich die reichen Länder wirksam gegen den Ansturm der armen abschotten können. Der Protest ist natürlich nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Er hat viele Entstehungsorte und Gesichter. Dazu gehören so unterschiedliche Erscheinungen wie die Aufstände der Zapatistas in Mexiko 1994, die Abwahl der meisten konservativen Regierungen in der EU in der 2. Hälfte der 90er Jahre, die Entstehung und schnelle Ausbreitung der globalisierungskritischen Bewegung Attac ab dem Jahre 1998, und die drei Generalstreiks in Italien, Griechenland und Spanien im ersten Halbjahr 2002. Was diese Bewegungen verbindet, ist der Protest gegen eine Weltordnung, die sie als weder gerecht noch demokratisch erfahren. Einkommen, Vermögen und Lebenschancen in der Welt sind extrem ungleich verteilt, und die Ungleichheit nimmt weiter zu – zwischen Norden und Süden und im Norden wie im Süden. Demokratische Rechte und Mitwirkungsmöglichkeiten der Menschen bei der Gestaltung ihrer Lebenswelt bestehen entweder gar nicht oder werden schrittweise eingeschränkt. Entscheidungen fallen in kleinen Zirkeln, die niemandem Rechenschaft schuldig sind, aber unter dem Druck mächtiger ökonomischer Interessen stehen. Die Behauptung, dass diese Entscheidungen letztlich zum Wohle aller seien – und, wenn dies nicht der Fall sei, es doch keine Alternative gebe, gerät zunehmend in die Kritik. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte ist nicht zum Wohle aller verlaufen, sondern hat einer Minderheit einen enormen Zuwachs an Reichtum und Einfluss, der Mehrheit aber bestenfalls Stagnation und Hunderten von Millionen Menschen mehr Armut und Elend gebracht. Dies ist weithin bekannt. Ob dies aber unausweichliches Schicksal der Globalisierung ist, zu der es keine Alternative gibt, darüber herrscht vielfach Unsicherheit und Unklarheit. Hier ist Aufklärung erforderlich: Wirtschaftliche Entwicklung folgt nicht einer unaufhebbaren Sachlogik, sondern ihre Hauptrichtungen werden politisch bestimmt, so oder so. Zur aktuellen neoliberalen und zunehmend gewaltförmigen Ausrichtung im Interesse einer Minderheit von Reichen und Finanzanlegern gibt es Alternativen. Zu ihnen gehört es, die Finanzmärkte nicht als Exekutoren einer über der Gesellschaft stehenden anonymen Gesetzmäßigkeit zu akzeptieren. Die Aufgabe besteht darin, sie als Instrumente einer vernünftigen wirtschaftlichen Ordnung zu regulieren und in eine demokratische Entwicklungsstrategie einzubetten. Bremen, im Juli 2002

Inhalt:


Neue Krisen, härtere Disziplinierung, demokratischer Widerstand –
Grenzen der Finanzmärkte
Einleitung zur zweiten Auflage
Herrschaft der Finanzmärkte oder der Finanzkonzerne?
Einleitung zur ersten Auflage
Kapitel 1: Von der Investitionsfinanzierung zum Finanzinvestment: Panorama der Finanzmärkte
Ein undurchsichtiger Komplex
1. Paradox: Explodierende Finanzmärkte – stagnierender Finanzierungsbedarf
2. Finanzierung durch Kreditschöpfung – Motor kapitalistischen Wachstums
3. Finanzierung an den Banken vorbei: Der Primärmarkt für Wertpapiere
4. Von der Finanzierung zum Handel – der Sekundärmarkt für Wertpapiere
5. Von der Finanzierung des Welthandels zur Spekulation – Der Markt für Währungen
6. Schneller Reichtum, hohes Risiko, schneller Ruin – Der Markt für Derivate
Lesetipps
Kapitel 2: Die Macher hinter den Märkten – Strategien der Finanzkonzerne
1. Geschäftsbanken: Ausbau nationaler Führungspositionen
2. Auf einer Welle von Staatsverschuldung, Privatisierungen und Fusionen: Die Stunde der Investmentbanken
3. Finanzinvestment als Prinzip: die »institutionellen Anleger«
Lesetipps
Kapitel 3: Von der Reform zur Gegenreform – die »Befreiung« der Finanzmärkte
1. Vollbeschäftigung, internationale Zusammenarbeit, gebändigte Finanzmärkte – Reformpolitik in der Nachkriegszeit
2. Erschöpfung der Akkumulation – Demontage der Reformpolitik
3. Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung des Finanzsektors – Hebel der Gegenreform
Lesetipps
Kapitel 4: Mehr Ungleichheit, mehr Unsicherheit, neue Krisen – Die Kosten entfesselter Finanzmärkte
1. Von der Vollbeschäftigung zur Mindestarbeitslosigkeit – Wirtschaftspolitik unter dem Druck der Finanzmärkte
2. Revitalisierung, Polarisierung, Instabilität: Ungleiche Entwicklung in den Metropolen
3. Deregulierung, Liberalisierung und neue Finanzkrisen
4. Asien 1997/98: Die ausgelagerte Krise
5. Argentinien 2000/02: Der geplünderte Musterknabe
Lesetipps
Kapitel 5: Krisenmanagement, Beschränkung, Demokratisierung –
Zur Reform der Finanzmärkte
1. Wenn die Krise da ist – Krisenmanagement
2. Beschränken, entschleunigen, stabilisieren – Mittelfristige Reform der Finanzmärkte
3. Finanzierung und Vermögensbildung – Zur Rolle der Finanzmärkte im Rahmen demokratischer Wirtschaftspolitik
Lesetipps
Kapitel 6: Europäische Reforminitiative – Baustein für die neue Finanzarchitektur
1. Entwicklungstendenzen der europäischen Finanzmärkte
2. Politische Fehlentwicklungen
3. Vorschläge zur Gestaltung des europäischen Finanzmarktes
4. Gefahr der Kapitalflucht?
5. Anhang: Kapitalverkehrskontrollen in Europa
Literatur

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