Richard Detje / Christoph Ehlscheid / Hermann Unterhinninghofen

Perspektiven des Streiks

Arbeitskampfkonzepte der IG Metall
Herausgegeben von WISSENTransfer

192 Seiten | 2002 | EUR 14.80 | sFr 26.60
ISBN 3-87975-881-6 1

Titel nicht lieferbar!

 

Am Beispiel der IG Metall gehen die Autoren der Frage nach, welche neueren Entwicklungen in Unternehmenspolitik, Arbeitsorganisation, Technikeinsatz, Arbeitsrecht usw. Auswirkungen auf die Streikfähigkeit und neue Streikkonzepte haben.


Längst wird durch die Apologeten der »modernen« und »globalisierten« Gesellschaft dem Streik als Form der Austragung von Tarifkonflikten die Zukunftstauglichkeit abgesprochen. Wirtschaftsexperten, Zeitungskolumnisten und Arbeitgebervertreter sind sich einig, dass Streiks »überholte Kampfrituale« oder »unintelligente Mittel« (Gesamtmetall-Chef Kannegiesser) seien.

Die Gewerkschaften können sich diesem Urteil selbstverständlich nicht anschließen, schließlich ist der Arbeitskampf einer der »Urgründe« der Organisation. Aber es steht die Frage nach der Streikfähigkeit unter veränderten Handlungsbedingungen im Raum – und das nicht erst seit dem »Flexi-Streik« der IG Metall in der Tarifrunde 2002. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es in den Gewerkschaften eine Debatte über Arbeitskampfkonzepte, Streikstrategien und effektive Kampfformen. Eine Debatte, die auch eine Veränderung der Arbeitskampfpraxis bewirkt hat: So hat die IG Metall insbesondere unter den Anforderungen des »Antistreik«-Paragrafen 146 SGB III (ex 116 AFG) ihre Strategien in den letzten Jahren stark modifiziert.

Aber nicht nur objektive Determinanten der Kampffähigkeit werden angesprochen, sondern mit dem Wertewandel im Bewusstsein der Gewerkschaftsmitglieder und Individualisierung auch die subjektive Dimension. Wie hat die IG Metall auf diese Anforderungen reagiert, und wo liegen die Entwicklungsperspektiven für die Zukunft?

Rezensionen

Mehr Mut zur Politik?
Buch über Metaller-Streiks

Ob bei den Tarifverhandlungen um die Arbeitszeitverkürzung in den IG Metall-Bezirken im Osten oder als Forderung bei Demonstrationen gegen die "Agenda 2010": Gemeinsame Aktionen bleiben das Herz der Gewerkschaften. So ist zumindest die These eines neuen Gewerkschafter-Buches, das unter dem Titel "Perspektiven des Streiks" dem klassischen Kampfinstrument der Arbeiterbewegung in der Jetztzeit einen Besuch abstattet: Gemeinsame Aktionen, ja schon deren Vorbereitung, führten bei Beschäftigten zu "gesteigertem Selbstbewusstsein sowie zur Bereitschaft, neue Auseinandersetzungen aufzunehmen". Schon 1984 habe sich gezeigt, dass auch unter schwierigen Bedingungen Forderungen durchgesetzt werden konnten – damals ging es im Westen um die 35 Stunden Woche. Wie jetzt im Osten. Trotz des harten Kurses der Arbeitgeber und einseitiger Einflussnahme der Regierung konnten damals Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhungen letztlich nicht geblockt werden. Mitgliederbefragungen, so die Autoren, hätten ergeben, dass die Metaller-Mehrheit auch heute noch für Streiks und Demos eintritt. Trotz jahrzehntelangen Drucks. Denn der Streik hat ein Moment der Revolte, indem er "die betrieblichen Herrschaftsverhältnisse vorübergehend und punktuell außer Kraft" setzt. Offensive Mobilisierungen in Zeiten der "Reformdebatte"? Nicht ohne gewerkschaftliche Konzepte, die über die unmittelbaren Tarifforderungen und direkt Betroffene Gruppen hinausweisen. Gelungen sei dies bisher lediglich 1984 im Kampf für die 35-Stunde-Woche und 1993 bei der Abwehr des Tarifbruchs im Osten. Die Kampfbasis der IG Metall besteht noch immer zuerst aus den gut organisierten traditionellen Kernen der Industriearbeiterschaft. Auf Dauer müssten aber auch die großen Teile der Angestellten einbezogen werden. Trotz einiger Erfolge komme dies immer noch zu kurz, so Mitautor Christoph Ehlscheid. Notwendig seien auch Strategien zur Eindämmung des Niedriglohnsektors – wie damit die Beteiligung der Gewerkschaften an den Hartz-Plänen übereinkommt, bleibt offen. Überhaupt solle sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung durch das Bundesarbeitsgericht nicht so sehr beeindrucken lassen und öfter auch zu "politischen" Streiks aufrufen. Betriebliche Proteste gegen die westdeutsche Wiederaufrüstung, gegen die "NATO-Nachrüstung" von 1983 und gegen die Einschränkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 1996 lieferten dazu gute Ansätze. Marcus Schwarzbach im ND vom 6.5.03

Leseprobe 1

7. Perspektiven des Streiks – Thesen

Mit den veränderten Rahmenbedingungen für die gewerkschaftliche Handlungs- und Kampffähigkeit haben sich auch die Aktions-, Mobilisierungs- und Kampfformen der IG Metall in den letzten beiden Dekaden schrittweise gewandelt. Neue Arbeitskampfkonzepte – wie etwa der Streik bei Finalproduzenten oder der Flexi-Streik – wurden entwickelt und erprobt. Wo aber steht die Organisation in diesem Veränderungsprozess? Ist der heutige Entwicklungsstand der Konzepte und auch die bisherige gewerkschaftliche Praxis geeignet, die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen? Ist die Waffe des Streiks nicht doch stumpf geworden? Wie kann und soll mit dem Drohpotenzial der Aussperrung umgegangen werden? Welche Aktions- und Mobilisierungsformen sind geeignet, neue Beschäftigtengruppen in den gewerkschaftlichen Organisations- und Handlungszusammenhang zu integrieren? Das sind einige der Fragen, die im Rahmen der Strategie- und Zukunftsdebatte auf der Tagesordnung stehen.
Es wäre vermessen, den Eindruck erwecken zu wollen, als seien die Autoren dieses Buches in der Lage, die aufgeworfenen Fragen hinreichend befriedigend zu beantworten. Wir wollen jedoch in abschließenden Thesen einen Beitrag zu den weiteren Klärungs- und Verständigungsprozessen leisten. Es handelt sich um Thesen, die erreichte Entwicklungsstände skizzieren, Defizite benennen und einige Perspektiven für die weitere Debatte aufzeigen sollen. 1.
Der IG Metall ist es in den 1990er Jahren gelungen, auch unter schwierigen Bedingungen für Arbeitskämpfe zu mobilisieren, Druckpotenzial zu entfalten und Tarifrunden erfolgreich abzuschließen. Dies zeigt: die gewerkschaftspolitischen Ziele – das gilt in erster Linie für die Sicherung der Arbeitsplätze, die Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum und die Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit – stoßen in der Mitgliedschaft und darüber hinaus in weiten Teilen der abhängig Beschäftigten auf Zustimmung. Mehr noch: die Mehrheit der Mitglieder ist der Auffassung, dass die IG Metall ihre Politik stärker durch Streiks und Demonstrationen untermauern und durchsetzen sollte.[1] 2.
Die Stärkung autonomer gewerkschaftlicher Durchsetzungsmacht ist umso bemerkenswerter, als die Tarifpolitik der Gewerkschaften unter dem jahrzehntelangen Druck von Massenarbeitslosigkeit, der zunehmenden Vermarktlichung der Arbeitsbeziehungen und neoliberaler Politik nicht nur in der Defensive ist. Ohne dass falsch zugespitzt wird, kann festgestellt werden: "Die Tarifpolitik der Gewerkschaften ist in der Krise, vielleicht mehr noch als die Gewerkschaften selbst." (Schild/Unterhinninghofen 2001: 177) Da aber eine erfolgreiche Tarifpolitik nicht nur Ausdruck, sondern zugleich auch Stütze und Garant gewerkschaftlicher Mobilisierungs- und Arbeitskampffähigkeit ist, ist die Diskussion auf allen Ebenen zu führen und zwar in der Verknüpfung von Tarif-, Organisations- und Arbeitskampfstrategien. Dies gilt gerade in Zeiten, in denen die fordistischen Institutionen immer weniger regulieren, die Orientierung am Shareholder value wachsende Widersprüche und auch Widerstände hervorbringt, ein neues Regulations-, Gestaltungs- und Reformprojekt aber noch nicht hegemonial ist. Mit dieser These möchten wir die Dringlichkeit eines umfassenden gewerkschaftspolitischen Verständigungsprozesses unterstreichen – bevor sich die politischen Eingriffsmöglichkeiten verschlechtern und die Gestaltungskorridore verengen. 3.
Die Arbeitskampfpraxis zeigt, dass sich die IG Metall nach wie vor auf die gut organisierten traditionellen Kerne der Industriearbeiterschaft stützt. Hier gelingt die Mobilisierung, hier besteht eine recht stabile Loyalität gegenüber der Organisation in Tarifrunden. Anders bei großen Teilen der Angestellten: Außer in den neuen Bundesländern hat die IG Metall in der letzten Dekade bestenfalls so genannte produktionsnahe Angestellte in den Streik einbeziehen können. Trotz einiger Erfolge (wie z.B. im Streik bei Digital) steht eine umfassendere Integration in den unmittelbaren gewerkschaftlichen Aktions- und Streikverbund nach wie vor aus. Klar ist: Künftig wird es sich auch eine "klassische" Industriegewerkschaft wie die IG Metall nicht mehr erlauben können, die Hälfte der in ihrem Organisationsbereich Beschäftigten in ihren Mobilisierungs- und Streikstrategien außen vor zu halten. Das muss auch nicht der Fall sein, wenn es gelingt, die Ansätze einer "neuen Arbeitssolidarität" auszubauen. 4.
Die Anforderungen gehen aber noch darüber hinaus: Solidarität muss sich in Zukunft auch "nach unten" verstärken. Man wird nicht zum Schwarzseher, wenn prognostiziert wird, dass angesichts der gegebenen ökonomischen und politischen Machtverhältnisse der Bereich der prekären Arbeit eher noch anwachsen wird. Die Strategien der Verkleinerung der Stammbelegschaften und der Nutzung einer allzeit zu wohlfeileren Konditionen verfügbaren Arbeitskraftreserve sowie der Ausweitung von Niedriglohnbereichen in weiten Feldern des so genannten Dienstleistungssektors finden in allen politischen Lagern zahl- und einflussreiche Befürworter. Demgegenüber muss Gewerkschaftspolitik darauf gerichtet sein, der Ausweitung und Verfestigung einer "neuen Unterklasse" der Lohnarbeit entschlossen entgegen zu treten.
Der Spagat ist gewaltig: Während im Bereich prekarisierter Randbelegschaften das "Solidarkollektiv" immer weniger praktisch "greifbar" ist, gilt für Bereiche höherqualifizierter Arbeit, dass traditionelle Mobilisierung – "nur gemeinsam sind wir stark" – kaum noch Überzeugungskraft entfaltet. Aber nur dann, wenn der Spagat gelingt, ist Widerstandskraft, Mobilisierungs- und Streikfähigkeit sichergestellt. Die Aufgabe besteht darin, die in partikularen Interessenlagen vorfindlichen Solidarbezüge zu stärken und gleichzeitig zu erweitern, zu verallgemeinern. Wir sind uns sicher: dies geht nur über ein gemeinsames politisches Projekt. "Ohne ein Insistieren auf einen übergreifenden Politikanspruch, der an dem Projekt der Aufklärung als Statuierung der Menschenrechte festhält, wird die Bündelung der Kräfte nicht gelingen können und sich eine individualisierte Ausfransung von Interessenwahrnehmungen und Solidaritäten kaum vermeiden lassen." (Schumann 2001: 69) 5.
Damit kommt nicht zuletzt der Politisierung gewerkschaftlicher Kämpfe eine wachsende Bedeutung zu. Im Kern basiert der politische Druck gewerkschaftlicher Aktionen auf der Infragestellung des "sozialen Konsenses", der "Legitimität des politischen Systems, der ökonomischen, sozialen und politischen Struktur der Klassenbeziehungen". (Roßmann 1988: 214). Der Streik ist damit nicht nur eine Störung des Produktionsprozesses, sondern er setzt die betrieblichen Herrschaftsverhältnisse vorübergehend und punktuell außer Kraft. Dieses politische Moment des Kampfes muss allerdings immer wieder durch die Forderungsstruktur und die Aktionsformen unterstrichen werden. Zur verstärkten Politisierung bedarf es auch einer offensiven gesellschaftlichen Mobilisierung für gewerkschaftliche Alternativ-Konzepte, die über die unmittelbaren Tarif- und Lohnkonflikte und die direkt betroffenen Beschäftigtengruppen hinausweist. Eine in diesem Sinne "breite soziale Bewegung" wird zwar innerhalb der IG Metall im Vorfeld und während der Tarifrunden immer wieder beschworen, die Arbeitskampfpraxis der letzten beiden Dekaden bleibt jedoch hinter den selbst gesteckten Ansprüchen zurück. Lediglich im Arbeitskampf für die 35-Stunde-Woche (1984) und im Kampf gegen den Tarifbruch im Osten (1993) ist eine praktische Umsetzung dieser Strategie gelungen. Heute gilt mehr noch als in den 80er und 90er Jahren: "Die künftige Tarifbewegung ist auch die Aktion eines sozialen und kulturellen Bündnisses." Und darauf aufbauend: "Die Tarifbewegung der Zukunft sollte als öffentlicher Dialog organisiert werden." (Schauer 1988: 162) So angelegt, kann die Mobilisierungs- und Kampfbereitschaft gesteigert und erweitert werden. 6.
Im Verlauf der 1990er Jahre ist es zu einer Erweiterung von Arbeitskampfstrategien gekommen: Mit Finalproduzenten-Streik, Kombi-Streik und Flexi-Streik hat die Gewerkschaft erfolgreich versucht, zwei höchst unterschiedliche Anforderungen miteinander zu verbinden. Sie hat über die effektive Stilllegung der Produktion in ausgewählten Kampfbetrieben hinaus auch der Aufrechterhaltung der Produktion in anderen Betrieben mit der strategischen Anlage der Arbeitskampfführung Rechnung getragen. Sie hat diese widersprüchlichen Forderungen unter den jeweiligen Bedingungen der Tarifrunden gelöst.
Für die Zukunft muss bei der konzeptionellen und praktischen Weiterentwicklung flexibler Streikstrategien die Frage nach weiteren Eskalationsmöglichkeiten des bislang praktizierten Tagesstreikansatzes im Vordergrund stehen. Dabei stehen vor allem drei Konzepte zur Debatte:
- Ein Tagesstreikansatz mit erhöhter Frequenz; durch den schnellen Wechsel zwischen Ausstand und Produktion kann der ökonomische Druck gesteigert werden.
- Eine "Kombi-Streik-Strategie"; also eine Kombination aus Wechselstreiks in Betrieben mit starken Zuliefer- und Abnehmerverflechtungen und aus unbefristeten Streiks in Betrieben mit geringer Fernwirkung.
- Eine "Variable Wechselstreikstrategie", die Streiks grundsätzlich befristet, aber über die Länge nach den betrieblichen Gegebenheiten flexibel entscheidet.
Beide letztgenannten Konzeptionen laufen darauf hinaus, dass innerhalb der Streikgebiete die Belegschaften mit unterschiedlicher Dauer in den Arbeitskampf einbezogen werden.
Das gelingt nur, wenn hierfür innerhalb der Mitglieder und Funktionäre auch eine entsprechende Akzeptanz besteht. 7.
In der Wahl ihrer Kampfgebiete hat sich die IG Metall als flexibel erwiesen. Mit Niedersachsen (1994), Bayern (1995) und Brandenburg (2002) hat sie ihre Kampffähigkeit auch außerhalb der klassischen Streikzentren unter Beweis gestellt. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang der Arbeitskampf 1993 in den neuen Bundesländern gegen den rechtswidrigen Tarifbruch von Gesamtmetall. Diese Streikbewegungen unterstreichen, dass eine Integration der neuen Länder in den gewerkschaftlichen Handlungszusammenhang erfolgreich praktiziert wurde. Die neu gewonnene regionale Flexibilität erweitert die Handlungsspielräume der IG Metall und kann als zusätzliche Druckmöglichkeit auf Arbeitgeber und Unternehmerverbände wirken. 8.
Die IG Metall ist durch die verschiedenen Varianten der Streikanlage und die flexiblen Kampfformen für die Gegenseite weniger berechenbar. Dieses Moment der Unkalkulierbarkeit erschwert den Unternehmen den Einsatz von Streikbrechern und die Vorbereitung von Produktionsverlagerungen. 9.
Bei der Weiterentwicklung der Streikkonzepte und -formen ist darauf zu achten, dass die strategischen Optionen nicht auf die "neuen" Ansätze verengt werden. Das gilt auch für das Flexi-Streik-Konzept des Jahres 2002. Ein Zugewinn an Flexibilität in der Kampfführung ergibt sich erst durch die Möglichkeit, über eine Vielzahl von Arbeitskampfansätzen als Organisation tatsächlich auch verfügen zu können. Anders ausgedrückt: "Eine flexible Arbeitskampfplanung muss flexibler sein als der Flexi-Streik im Jahre 2002, sie muss sich die unterschiedlichsten strategischen Optionen offen halten. Das reicht vom traditionellen Schwerpunktstreik über mehrtägige befristete Streikaktionen bis hin zu Tagesstreiks mit hoher Frequenz zwischen Ausstand und Wiederaufnahme der Produktion." (Peters/Schild, 2002: 554) 10.
Die Bedeutung der Aktions- und Kampfformen unterhalb der Schwelle des Erzwingungsstreiks ist gewachsen. Die Warnstreikaktivitäten der letzten beiden Jahrzehnte sind Ausdruck dieser Entwicklung. Trotz guter Beteiligung stehen Warnstreiks heute teilweise unter Kritik. In vielen Betrieben hat sich ein immer wiederkehrender Ablauf eingeschlichen, der die Aktionen auch für die Geschäftsleitungen kalkulierbar macht. Will die IG Metall die Rolle des Warnstreiks als politisierendem Faktor in Tarifrunden festigen bzw. ausbauen, wird sie über neue Aktionsformen nachzudenken haben, die auch Überraschungsmomente einschließen. Auch die "Arbeitsteilung" zwischen flexiblem Erzwingungsstreik und Warnstreik steht zur Debatte. Dabei muss gelten: Die befristeten Wechselstreiks nach der Urabstimmung sind keine bezahlten Warnstreiks. Sie werden ggf. über mehrere Wochen hinweg und mit wechselnder Dauer und Intensität praktiziert; sie stellen hohe Anforderungen an die kämpfenden Belegschaften. 11.
Der Kampf gegen die Aussperrung darf nicht aus dem Fokus gewerkschaftlicher Arbeitskampfkonzeptionen verdrängt werden. Die in den 1990er Jahren praktizierten Streikstrategien sind keine Garantie dafür, dass auch zukünftig der Einsatz der Aussperrung unterbleibt. Letztlich können die gewerkschaftlichen Konzepte nur die politische Hürde für das Arbeitgeberlager, einen Aussperrungsbeschluss zu verhängen, erhöhen; und sie können die politisch-rechtlichen Ausgangsbedingungen für den Kampf gegen Aussperrung verbessern. Darüber hinaus hat es das Arbeitgeberlager auch zukünftig selbst in der Hand, ob es zu "heißer" und auch "kalter" Aussperrung kommt. Aus diesem Grund muss sich die IG Metall zukünftig wieder verstärkt auf den Widerstand gegen die Aussperrung in all ihren Formen systematisch vorbereiten – und zwar innerhalb wie außerhalb der Streikgebiete. Auf Arbeitskämpfe ohne Aussperrung vertrauen zu wollen, wäre eine gefährliche Illusion. 12.
In diesem Zusammenhang muss sowohl in der innerorganisatorischen als auch in der gesellschaftlichen Debatte im Vordergrund stehen, dass der § 146 SGB III auch weiterhin eine Restriktion für die Kampffähigkeit der IG Metall darstellt. Diese Einschränkung der Tarifautonomie und des Streikrechts kann durch die Entwicklung neuer Strategien nur teilweise kompensiert werden. Dem Arbeitgeberlager steht mit der "kalten" Aussperrung ein rechtlich und politisch unzulässiges Eskalationspotenzial zur Verfügung, mit dem die Kräfteverhältnisse massiv zu Ungunsten der Gewerkschaften verschoben werden können und jeder Streik mit einem existenziellen Risiko für die Gewerkschaft verbunden ist. Eine Änderung des Anti-Streikparagrafen 146 SGB III bleibt unerlässlich. 13. Grundsätzlich stellen die flexiblen Streikstrategien neue und weitreichende Anforderungen an Koordination und Kommunikation zwischen allen Ebenen der Organisation. Während im traditionellen Schwerpunktstreik die Logik des politischen und ökonomischen Drucks vor Ort weitgehend mit der Strategie der gesamten Streikanlagen identisch war, kann dies heute und auch zukünftig auseinander fallen. In flexiblen Streikansätzen werden der Wechsel von Streikmaßnahmen und Produktion nach einer Vielzahl komplexer Kriterien, wie etwa mögliche Fernwirkung usw., entschieden. Damit das ständige "rein und raus" von Belegschaften nicht als chaotisches "hin und her" empfunden wird, müssen die Beschäftigten es selbst für effektiv und richtig halten, d.h. die der Streikstrategie zugrunde liegenden Überlegungen plausibel nachvollziehen können. Eine solche Einsicht ergibt sich nicht von selbst, sondern muss in ausführlichen Diskussions- und Kommunikationsprozessen entwickelt werden. Arbeitskampfstrategien können unter diesen Bedingungen – ebenso wenig wie die Forderungsformulierung – von oben entwickelt und vorgeben werden; sie erfordern die breite Einbeziehung von Funktionären und Mitgliedern. Nur durch einen kontinuierlichen gewerkschaftlichen Diskussionsprozess kann es letztlich gelingen, flexible Arbeitskampfkonzepte zu entwickeln, die eine rasche Mobilisierung ermöglichen und die notwendige Verbreitung der Kampfbasis sicherstellen. 14.
Arbeitskampfstrategien müssen zukünftig in verstärktem Maße über den nationalen Rahmen hinaus gedacht werden. Gewerkschaften sind gut beraten, wenn sie ihre Infrastruktur der Kommunikation und Koordinierung über die bestehenden Ansätze hinaus weiterentwickeln. Neben den inhaltlichen Absprachen über tarifpolitische Ziele auf der europäischen Ebene ist auch eine intensive Zusammenarbeit bei Fragen des Streikbruchs und der Produktionsverlagerung vonnöten. Die "Frankfurter Erklärung" der Vorsitzenden der europäischen Metallgewerkschaften weist in diese Richtung.
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen kann und sollte die innerorganisatorische und gesellschaftliche Debatte um die Zukunft des Arbeitskampfes von der IG Metall offensiv mit dem Bewusstsein angegangen werden, dass "grundsätzliche Argumente gegen das Instrument Streik in der Bevölkerung und besonders bei den Beschäftigten der Branche einen sehr schwachen Resonanzboden, dafür aber viele Widerstände fänden".[2] [1] So der Befund von Repräsentativbefragungen im Rahmen der IG Metall-Zukunftsdebatte; IG Metall Zukunftsreport 2001: 143f.
[2] So das Institut für Demoskopie Allensbach in einer Umfrage nach dem Arbeitskampf 2002.

Inhalt:

Vorwort
von Armin Schild

1. Streik und Zukunft der Gewerkschaften


1.1 Weshalb Streik?
1.2 Die Rolle der Gewerkschaften
1.3 Streikinhalte und Streikgegenstände
1.4 Politisierung
1.5 "Politischer" Streik
1.6 Sind Streiks überholt? Streiks und die Zukunftsfähigkeit der Gewerkschaften

2. Streik im Strukturwandel
Folgen von Massenarbeitslosigkeit, flexiblem Kapitalismus und pluralisierter Klassengesellschaft für die Streikfähigkeit der Gewerkschaften


2.1 Zeitdiagnose: eine Welt der Instabilität und Krise
2.2 Das schwierige Geschäft der Solidarität in einer von Massenarbeitslosigkeit geprägten Gesellschaft
2.3 Streiks im flexiblen Kapitalismus
2.4 Zukunft der Gewerkschaft

3. Streik und Aussperrung in der Rechtsprechung


3.1 Grundsätze des Arbeitskampfrechts
3.2 Kampfmittel des Kapitals: "heiße" und "kalte" Aussperrung
3.3 Das Verbandssystem des Kapitals

4. Anforderungen an eine Arbeitskampfkonzeption der Zukunft


4.1 Mehr Flexibilität
4.2 Kampf gegen Aussperrung
4.3 Aktivierung von Produktionswissen und übergreifende Kooperation
4.4 Die subjektive Dimension gewerkschaftlicher Kämpfe
4.5 Die politische Dimension

5. Formwandel des Arbeitskampfes


5.1 Traditioneller Schwerpunktstreik – Erfahrungen aus dem Arbeitskampf 1984
5.2 Die Lehren aus 1984: Debatte über neue Streikkonzepte zu Beginn der 90er Jahre
5.3 Klassisches Konzept in neuer Umgebung – Der Streik für den Stufentarifvertrag in den neuen Bundesländern
5.4 "Kombi-Streik" oder Schwerpunktstreiks bei "Finalproduzenten" – Streikkonzepte und Streik 1994 und 1995
5.5 Mit "Flexi-Streik" ins neue Jahrhundert

6. Warnstreiks – betrieblicher Widerstand – soziale Bewegung


6.1 Warnstreikpraxis der IG Metall
6.2 Betrieblicher Widerstand gegen Aussperrung
6.3 Im Spannungsfeld von Zentralität und Dezentralität
6.4 Arbeitskampf als soziale Bewegung

7. Perspektiven des Streiks – Thesen (Leseprobe)


Anhang
Literatur
Bildnachweis

Autorenreferenz

Richard Detje ist Mitarbeiter von WISSENTransfer und Redakteur der Zeitschrift Sozialismus, Hamburg. Christoph Ehlscheid ist Gewerkschaftssekretär im Bildungszentrum Sprockhövel der IG Metall. Hermann Unterhinninghofen ist Gewerkschaftssekretär in der Vorstandsverwaltung der IG Metall, Frankfurt.

Zurück