Peter Bremme / Ulrike Fürniß / Ulrich Meinecke (Hrsg.)

Never work alone

Organizing – ein Zukunftsmodell für Gewerkschaften

280 Seiten | 2007 | EUR 19.80 | sFr 35.10
ISBN 978-3-89965-239-0

 

Kurztext: Wie gelingt es Gewerkschaften in den USA, Großbritannien und Australien trotz schwierigster Rahmenbedingungen erfolgreich neue Betriebe zu organisieren und Mitglieder zu werben? Eine Antwort ist Organizing – ein Zukunftsmodell auch für deutsche Gewerkschaften.

Inhalt & Leseprobe:

VSA_Bremme_ua_Never_work_alone_.pdf88 K

Organizing ist mehr als bloße Mitgliederwerbung: Als kreative Arbeitsmethode zielt es vor allem darauf ab, in Unternehmen, Institutionen und öffentlichen Verwaltungen Fuß zu fassen, dort Einfluss zu gewinnen sowie Tarifvertäge abzuschließen. Dazu reicht es nicht abzuwarten, dass KollegInnen sich von allein an die Gewerkschaft wenden. Es kommt darauf an, zielgerichtet Kontakte zu Beschäftigten aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen – als Kunde, bei öffentlichen Aktionen vor dem Betrieb oder auch bei Hausbesuchen. Organizing meint eine ganze Palette gewerkschaftsinterner, betriebsnaher und öffentlicher Aktivitäten.

Dieses Buch stellt Modelle und Ansätze des Organizings vor. Die Autorinnen und Autoren berichten nicht nur von einschlägigen Erfahrungen aus den USA, Australien und Großbritannien, sie beschreiben zudem erste Schritte des Organizings in Deutschland wie die Lidl-Kampagne und das ver.di-Projekt im Hamburger Wach- und Sicherheitsgewerbe.

Mit Beiträgen von Frank Werneke (Leseprobe), Peter Bremme / Ulrike Fürniß / Ulrich Meinecke (Leseprobe), Heiner Dribbusch, Stephen Lerner, Sabine Stövesand, Tom Woodruff, Michael Crosby, Sharon Graham, Agnes Schreieder, Jeffrey Raffo, Peter Bremme, Valery Alzaga, Franziska Bruder, Ringo Bischoff / Frank Kornberger

Die Herausgeber:
Peter Bremme
ist Leiter des Fachbereichs "Besondere Dienstleistungen" beim Landesbezirk Hamburg von ver.di. Ulrike Fürniß ist Gewerkschaftssekretärin im Fachbereich "Besondere Dienstleistungen" und Leiterin des Referats "Freie und Selbständige" beim Landesbezirk Hamburg von ver.di. Ulrich Meinecke ist Leiter des Fachbereichs Handel beim Landesbezirk Hamburg von ver.di.

Siehe auch www.neverworkalone.de

Rezensionen

Neues Deutschland 15.06.07 | Serie: Organizing
Alte Methode, neues Gewand?
Deutsche Gewerkschaften sind gespalten, wenn es um "Organizing"-Taktiken geht Von Haidy Damm Wie Gewerkschaften in Deutschland neue Ideen des Organizing umsetzen – oder auch nicht. Organizing als Methode, neue Mitglieder, aber auch ein neues Selbstverständnis in den Gewerkschaften zu etablieren, ist umstritten. Auf den ersten Blick scheint die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sich an die Spitze der Bewegung gesetzt zu haben. Doch auch die anderen DGB-Gewerkschaften haben sich kreativ mit der Frage des Mitgliederschwundes auseinandergesetzt. Wenn auch unter einem anderen Namen. "Organizing ist Veränderung," sagt Verdi-Vize Frank Wernecke. "In einer sich stetig wandelnden Welt benötigen auch Gewerkschaften Veränderung." Sein Gewerkschaftskollege Peter Bremme wird deutlicher: "Nach der Analyse des "Turn-around-Papiers" des DGB bleiben den Gewerkschaften noch vier Jahre, wenn wir nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken wollen." Organizing biete da eine Entwicklungsperspektive, die weit über die reine Mitgliederwerbung hinausgehe, so der Hamburger Gewerkschafter. "Gewerkschaft – das sind die Leute vor Ort" Gute Erfahrungen hat die Dienstleistungsgewerkschaft neben der Lidl-Kampagne mit der Kampagne "Mit Sicherheit verdienen wir mehr – Respekt und bessere Jobs" im Bewachungs- und Sicherheitsgewerbe gemacht. "Bei dieser Kampagne ist deutlich geworden, Gewerkschaften, das sind nicht die Hauptamtlichen in den Büros, das sind die Leute, die vor Ort erfahrbar sind, die sich mit den Alltagsproblemen auseinander setzen," zieht der Verdi-Fachbereichsleiter sein Resümee. "So wird Vertrauen in die Organisation geschaffen." Dass die Gewerkschaft dabei 200 neue Mitglieder gewonnen hat, erwähnt Bremme fast nebenbei. Gemeinsam mit einer Organizerin der US-amerikanische Gewerkschaft SEIU haben die Hamburger eine Strategie ausgearbeitet. Dabei ging es auch darum, die Bedingungen der Gewerkschaften in Deutschland zu berücksichtigen. "Wir haben hier eine aktive Struktur von Betriebsräten, die gilt es mit ins Boot zu holen," so Bremme. Neben der systematischen Recherche und Analyse der Situation sowie der personellen Ressourcen, wurde die Kampagne eng an den Interessen der Beschäftigten ausgerichtet. "Die Beschäftigten entscheiden, welche Fragen für sie wichtig sind," so Bremme. Dann folgt die Bildung von Netzwerken im jeweiligen kommunalen Umfeld, um so die jeweilige Organisierungskampagne "einzubetten". Zu diesem Netzwerk gehörte beispielsweise der Betriebsrat von Gruner&Jahr, der durchgesetzt hat, dass die Bewachungsfirma des Verlages nicht mehr eingesetzt wurde, bis die Forderungen der Beschäftigten umgesetzt wurden. Dieses Vorgehen, Unternehmen auf verschiedenen Ebenen direkt zu konfrontieren, hatte Erfolg. Ein seit zwei Jahren brach liegender Tarifvertrag wurde neu abgeschlossen. Während ver.di den Ansatz verfolgt, geben sich andere Gewerkschaften kritischer. Kritikpunkte sind neben einer allgemeinen Ablehnung des Konzeptes als "zu amerikanisch", dass zwar Verbesserungen erreicht würden, aber der "Kampf" nicht behandelt würde, so ein Gewerkschafter. IG BAU-Sprecherin Sigrun Heil kommentiert: "Organizing wird bei uns nicht diskutiert." Die IG BAU verzichte auf Berater von außen, mache ihre Mitgliederwerbung autark. Dabei geht auch die Baugewerkschaft seit einigen Jahren neue Wege, ohne sie Organizing zu nennen. So war sie maßgeblich an der Gründung des Europäischen Verbandes der Wanderarbeiter, EVW, beteiligt. "Allein im letzten halben Jahr hat der EVW rund eine halbe Million Euro direkt an seine Mitglieder ausgezahlt, sei es in Polen, Rumänien oder sonst wo in Europa", bilanzierte Matthias Kirchner, Geschäftsführer des EVW auf der Mitgliederversammlung Ende April. Seit einem Jahr sucht der Verband Entsende- und Saisonkräfte direkt an der Arbeitsstelle und in Unterkünften auf. Sie wollen so Mindestlohnansprüche der Entsendearbeiter am Bau oder für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft durchsetzen. Im IG Metall-Vorstand gibt man sich bedeckt bei der Frage nach Organizing-Konzepten und verweist auf die Strukturen vor Ort. "Sicher gibt es auch bei uns neue Konzepte, Mitglieder zu werben, aber wir haben unseren Tiefpunkt in der Mitgliederentwicklung bereits überwunden," so Sprecher Jörg Köther. Aber auch die IG Metall bewege sich. Als "Unite", als "Tarif aktiv" und "Besser statt Billiger" wurden besonders in Nordrhein-Westfalen "mitgliederorientierte Offensiven" gestartet. "Das klappt hier in Deutschland nicht" Den Begriff "Organizing" zu benutzen, lehnt man hier jedoch ab. "Zunächst ist die Idee für diese Kampagnen bereits entstanden, bevor Organzing hier ein Begriff war," so Wolfgang Nettelstroth, Pressesprecher der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. Zwar sei die Logik, sich direkt an die Betroffenen zu wenden, die gleiche, aber diese Strategie kenne man auch schon aus den Siebzigern. Die Unterschiede zwischen den Ländern seien aber zu groß, um die us-amerikanischen Konzepte einfach zu übertragen. Das Ziel der IG Metall-Kampagnen sei die Gründung neuer Betriebsräte. Ein Unterschied zu der Methode Organizing sei sicher, dass bei diesen Kampagnen nicht Leute von außen in die Gewerkschaften geholt würden, sondern aus dem gewerkschaftlichen Umfeld kämen, so Nettelstroth. Unterschiedlich sei auch der Adressat, so Torsten Lankau, Bezirksjugendsekretär in Nordrhein-Westfalen. "Die Idee, sich direkt ein Unternehmen vorzunehmen wie in den USA, das klappt hier in Deutschland nicht," so der Gewerkschafter. "Wir orientieren uns an Themen, die an verschiedenen Standorten vorkommen und entwickeln in unseren Kampagnen Strategien für diese übergreifenden Themen." Der Ansatz, direkt an den Bedürfnissen der Menschen anzusetzen, sei allerdings bei den verschiedenen Konzepten gleich. Bei der Frage um die Zukunft der Gewerkschaften geht es allen um mehr als reine Mitgliederwerbung. Doch wie es Frank Wernecke in dem Vorwort zu dem neuen Buch "Never work alone" formuliert, sehen es sicher nicht alle: "Organizing bedeutet also nicht weniger als ein neues Selbstverständnis: Weg von einer Organisation, die allzu oft stellvertretend für Beschäftigte deren Interessen wahrnimmt – hin zu einer Gewerkschaft, in der die Beschäftigten durch ihre aktive Beteiligung in die Lage versetzt werden, selbst ihre Interessen zu vertreten. Gewerkschaft wird so wieder zu einer durch Mitglieder getragenen Bewegung, nicht nur zu einer Service-Einheit für die Vertretung von Interessen."

Zurück