Michael Sommer / Lothar Schröder / Michael Schwemmle (Hrsg.)

Neu denken – Neu handeln

Arbeit und Gewerkschaften im digitalen Kapitalismus

296 Seiten | 2001 | EUR 15.30 | sFr 27.40
ISBN 3-87975-838-7 1

Titel nicht lieferbar!

 

Wie verändert sich die industriell geprägte Arbeitswelt unter dem Einfluss von Tertiarisierung und Digitalisierung? Wie kann vor diesem Hintergrund »lebenslanges Lernen« möglich werden? Wie gelingt es, allen Menschen eine »anständige Arbeit« zu sichern?
Was ist anders im »digitalen Kapitalismus«? War die »New economy« nur eine kurze Episode? Wie schaffen wir es, Brücken über die »digitale Kluft« zu bauen, die einzelne Gesellschaften und die gesamte Menschheit auf der Nord-Süd-Achse spaltet?
Gelingt endlich die Humanisierung der Globalisierung und die Regulierung der internationalen Finanzmärkte?
Was folgt aus all dem für die Gewerkschaften? Wie stellen sie sich im internationalen Kontext neu auf, um mit der Globalisierung der Märkte Schritt zu halten? Worin liegt die Chance, aber auch die historische Aufgabe von ver.di? Müssen sich die Gewerkschaften zu »e-unions« wandeln und eine netzgestützte Kommunikation mit ihren Mitgliedern entwickeln?

Die Autorinnen und Autoren bieten in diesem Buch Antworten auf diese Fragen an. Es ist zugleich eine Festschrift für den langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Postgewerkschaft Kurt van Haaren, der im September 2001 als Vorsitzender der Union Network International verabschiedet wurde.

Rezensionen

»Ursprünglich als Festschrift für den langjährigen Vorsitzenden der Postgewerkschaft Kurt von Haaren veröffentlicht, bündelt sich hier der Stand der Diskussionen, die eine dringend gebotene Neupositionierung der Gewerkschaften, speziell in den Dienstleistungsbereichen, derzeit erreicht hat. Autoren wie Frank Bsirske, Oskar Lafontaine und Herbert Kubicek greifen den Denkansatz von Peter Glotz auf, der in seinem Beitrag die zentrale Frage stellt: ›Finden die Gewerkschaften einen Weg, eine Toleranz der Lebensstile zu akzeptieren, mit Multiple Modernities zu leben und vom Genossen und Kollegen auf den Kunden umzustellen?‹ Gut, dass hierzu auch die Erkenntnis gehört, sich den durch Vernetzung und Digitalisierung veränderten Arbeits- und Kommunikationswelten nicht nur anzupassen, sondern diese auch zu nutzen. Zugleich vereint das Buch eine Reihe von Sichtweisen, die in der gängigen Management-Literatur zur ›New Economy‹ fehlen - mal ganz abgesehen davon, dass sich die Wirtschaftsverlage bisher an den Begriff des ›digitalen Kapitalismus‹ kaum herantrauten - weshalb auch immer.«
VER.DI Publik

Leseprobe 1

Michael Sommer
Zur Einführung Seit der Eintragung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft in das Vereinsregister am 2. Juli 2001 ist Kurt van Haaren nicht mehr Vorsitzender der DPG, deren Existenz ab dieser historischen Sekunde beendet war. Beim Weltkongress der Union Network International (UNI) im September 2001 in Berlin gibt er auch sein Mandat als erster Präsident dieser im Weltmaßstab größten internationalen Gewerkschaftsorganisation zurück. Die vorliegende Festschrift, entstanden aus dem Anlass von Kurt van Haarens Rückzug aus der ersten Reihe, soll eine Art Abschiedsgeschenk sein. Kurt van Haaren hat die Deutsche Postgewerkschaft von 1982, als er dem zum DGB-Vorsitzenden gewählten Ernst Breit nachfolgte, bis zur Verschmelzung der DPG mit vier anderen Gewerkschaften zu ver.di im Jahr 2001 geführt. Diese knapp zwei Dekaden werden sicherlich nicht als Zeiten der Stabilität in die Geschichte eingehen. Der Vormarsch des Neoliberalismus, der Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme, die deutsche Wiedervereinigung, die Globalisierung der Märkte und das Internet als neue Basistechnologie: Damit sind nur einige der historischen Umwälzungen genannt, die jener Epoche ihren Stempel aufgedrückt und nicht zuletzt auch die Bedingungen gewerkschaftlicher Arbeit zum Teil fundamental verändert haben. Für die DPG war die »Ära van Haaren«, von der bei einem Zeitraum von 19 Jahren wohl mit Fug und Recht die Rede sein darf, ebenfalls eine Epoche tiefgreifender Umbrüche. Vor allem drei große Herausforderungen hatte die DPG in dieser Phase zu bestehen:   Zum einen war dies der radikale privatwirtschaftliche Umbau des staatlichen Kommunikationssektors durch die diversen »Postreformen«,   zum zweiten die Schaffung einer einheitlichen Postgewerkschaft für ganz Deutschland,   zum dritten die Übernahme einer Schrittmacherrolle bei der Modernisierung der gewerkschaftlichen Organisationslandschaft, die in der Gründung der ver.di im Jahr 2001 ihren »krönenden Abschluss« fand. Die DPG hat diese Herausforderungen unter Kurt van Haarens Führung allesamt glänzend gemeistert. Die Zerschlagung und Privatisierung der Deutschen Bundespost mussten den harten Widerstand einer damals fest in den Traditionen des öffentlichen Dienstes verankerten Postgewerkschaft hervorrufen, die Liberalisierung und Regulierung der Kommunikationsmärkte verlangten ihre ganze Gestaltungs- und Durchsetzungskraft. Die DPG hat in diesen Auseinandersetzungen gegen den politischen Main-stream für einen sozialstaatlichen Reformkurs gestritten und an Profil und Einfluss gewonnen; sie hat – am Ende in vierwöchigen Streiks – für die Beschäftigten sozialen Schutz und Sicherheit beim Übergang in die neuen Verhältnisse erkämpft. Und es ist Kurt van Haaren und seinen MitstreiterInnen trotz der Aufsplitterung des DPG-Organisationsbereichs gelungen, »den Laden zusammenzuhalten«, die DPG in ihrer Geschlossenheit zu konsolidieren und zu stärken. Die Integrationskraft des Vorsitzenden war gleichermaßen gefordert, als es darum ging, aus zwei Postgewerkschaften in Ost und West eine gesamtdeutsche Organisation zu formen. Am 1. November 1990, knapp ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde die einheitliche DPG für ganz Deutschland begründet. Kurt van Haaren hat sich mit seiner ganzen Autorität dafür stark gemacht, dass der Prozess des Zusammenwachsens beider Gewerkschaften von Gleichberechtigung, Respekt, gegenseitigem Zuhören und solidarischer Unterstützung geprägt war – vor allem deshalb konnte er zum Erfolg führen. Das letzte historische »Projekt«, das die DPG unter Kurt van Haarens Ägide ab Mitte der 90er Jahre in Angriff nahm, war die Neuordnung der gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen, die aufgrund tiefgreifender sozioökonomischer Veränderungen zur gebieterischen Notwendigkeit geworden war. Mit dem – für eine Gewerkschaft eher unkonventionellen – Auftrag an die Unternehmensberatungsgesellschaft Booz.Allen und Hamilton, die Entwicklung im Organisationsbereich und -umfeld der DPG zu überprüfen, nahm ein langwieriger Prozess seinen Anfang, der über die Zwischenstation des Verbunds zwischen IG Medien, HBV und DPG schließlich im Jahr 2001 im »Mega-Merger« dieser drei Gewerkschaften mit der ÖTV und der DAG in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft endete. Kurt van Haaren hat diesen Prozess unermüdlich mit vorangetrieben, machte Zweiflern dessen historische Dimension deutlich und propagierte stets die »Strahlkraft« des Zusammenschlusses. ver.di mag viele Mütter und Väter haben – ohne Kurt van Haaren wäre sie sicherlich so nicht Wirklichkeit geworden. Der vorliegende Band enthält Beiträge renommierter Autorinnen und Autoren zu Fragestellungen, die Kurt van Haaren über seine Alltagsarbeit hinaus in den vergangenen Jahren besonders am Herzen lagen, die er in nationalen und internationalen Zusammenhängen – u.a. als Mitglied der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur Informationsgesellschaft und im »Information Society Forum« der Europäischen Union – intensiv erörtert und zu deren Klärung er manche Impulse gegeben hat. Wie verändert sich die industriell geprägte Arbeitswelt unter dem Einfluss von Tertiarisierung und Digitalisierung? Was wird aus dem »Normalarbeitsverhältnis«? Entsteht im chaotischen Auf und Ab der Internet-Wirtschaft ein neuer Beschäftigtentypus mit neuen Freiheiten, neuen Abhängigkeiten und veränderten Schutzbedürfnissen? Welche Qualifikationen brauchen ArbeitnehmerInnen in einer wissensbasierten Dienstleistungsökonomie, wie kann »lebenslanges Lernen« möglich werden? Und wie gelingt es, allen Menschen eine »anständige Arbeit« zu sichern, um Juan Somavias Zielformel aufzugreifen? Was ist anders im »digitalen Kapitalismus« (Peter Glotz)? War die »New Economy« nur eine kurze Episode? Wie kann im 21. Jahrhundert eine zivile Bürgergesellschaft gestaltet werden, auf welchen Fundamenten lässt sich in Zeiten der Individualisierung überhaupt noch Gemeinwohl gründen? Wie schaffen wir es, Brücken über die »digitale Kluft« zu bauen, die einzelne Gesellschaften und die gesamte Menschheit auf der Nord-Süd-Achse spaltet? Gelingt endlich die angesichts wachsender Widerstände überfällige Humanisierung der Globalisierung, nicht zuletzt die Regulierung der internationalen Finanzmärkte? Und last but not least: Was folgt aus all dem für die Gewerkschaften? Wie (re)agieren sie inmitten dieser historischen Umwälzungen? Wie stellen sie sich im internationalen Kontext neu auf, um mit der Globalisierung der Märkte Schritt zu halten? Worin liegt die Chance, aber auch die historische Aufgabe der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft? Müssen sich die Gewerkschaften zu »e-unions« wandeln, neue Wege der Interessenvertretung und der netzgestützten Kommunikation mit ihren Mitgliedern gehen? Werden sie am Ende tatsächlich zu reinen Dienstleistern, die »ihre Mitglieder bei der Organisation ihres Selbstständigen-Daseins coachen«, wie dies Dagmar Deckstein und Gundula Englisch vorhersagen? Der vorliegende Band bietet Antworten auf diese Fragen an – Prognosen, Analysen, Vorschläge, manchmal auch »nur« neue Fragen. Er gibt Denkanstöße, vermittelt Orientierungen, aber keine Sicherheiten. Außer einer einzigen: Gewerkschaften können es sich inmitten der technologischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Umbrüche unserer Zeit nicht erlauben, bloßes »business as usual« zu betreiben. Wir müssen neu denken und neu handeln, wollen wir in einem veränderten Umfeld starke Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten in ihrer ganzen bunten Vielfalt bleiben. Aber wir dürfen dabei nicht in modernistische Beliebigkeit abgleiten, dürfen nie vergessen, dass Gewerkschaften in erster Linie solchen Werten verpflichtet sind, die nicht an der Börse gehandelt werden. Kurt van Haaren hat immer für diese Kombination gestanden: Bereit zur von ihm oft zitierten »Bitternis der Analyse«, offen für neue Ideen, begierig zu lernen, aber unverrückbar fest in seiner linken und demokratischen Grundüberzeugung und unbeugsam in seinem Einsatz für die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Er mag sich in den 19 Jahren als DPG-Vorsitzender nicht selten wie weiland Sisyphos vorgekommen sein, der auf dem Umschlag zu diesem Buch abgebildet ist. Aber wer Kurt van Haaren gut kennt und wer zudem Renan Demirkans einfühlsamen Essay in diesem Band gelesen hat, wird das Wort von Albert Camus vielleicht besser verstehen: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen!« In diesem Sinne: Weiterhin viel Glück Kurt!

Inhalt:

Michael Sommer
Zur Einführung

Arbeit jenseits des Industrialismus ...


Juan Somavia / Duncan Campbell
Sozialer Dialog und anständige Arbeit im digitalen Zeitalter
Gerhard Bosch
Dienstleistungsgesellschaft: Strukturwandel, Arbeitsbedingungen, Leitbilder der Gewerkschaften
Johann Welsch
Die Arbeitswelt der Internetökonomie – Neue Vision der Arbeit?
Joachim Zepelin
Das Tal der Zukunft?
Arbeiten und Gewerkschaften im »Silicon Valley«
Martin Baethge
Kommunikativität und Wissen
Basisqualifikationen moderner Dienstleistungen

Digital und global – Der Kapitalismus nach der »New Economy«


Peter Glotz
Der digitale Kapitalismus und die Gewerkschaften
Siegmar Mosdorf
1000 Welten und eine zivile Bürgergesellschaft
Warum die »New Economy« die »New Society« braucht
Herbert Kubicek
Die digitale Kluft – auch eine Herausforderung für die Gewerkschaften
Oskar Lafontaine
New Economy, Finanzmärkte und die Spielräume der nationalen Politik
Hans Küng
Die ethische Dimension der Globalisierung
Michael Schwemmle
Brauchen Hungernde denn das Internet?
Informations- und Kommunikationstechniken und Dritte Welt

Gewerkschaften – neu denken, neu handeln ...


Lothar Schröder
Und sie bewegt sich doch
Frank Bsirske
ver.di – Zukunftschance der Gewerkschaftsbewegung
Dieter Schulte
Gewerkschaften in der Informationsgesellschaft
Philip Jennings
UNI – eine globale Gewerkschaft in einer globalen Wirtschaft
Roger Darlington
Die Entstehung der e-union
Einsatz von IuK-Technologien bei britischen Gewerkschaften
Dagmar Deckstein/Gundula Englisch
Wer, wenn nicht wir?

»... und am Ende auch einen Vorsitzenden«


Renan Demirkan
Dorade in Salzkruste
Ein Nachmittag mit Kurt van Haaren – am 25. Juni 2001

Autorenreferenz

Martin Baethge, Professor für Soziologie an der Universität Göttingen; Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI), Göttingen Gerhard Bosch, Professor für Soziologie an der Universität - Gesamthochschule Duisburg; Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt am Institut Arbeit und Technik (IAT), Gelsenkirchen Frank Bsirske, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), Berlin Duncan Campbell, Senior Economist bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) – Abteilung für Beschäftigungsstrategie, Genf Roger Darlington, Leiter der Forschungsabteilung der Communication Workers Union (CWU); Vorsitzender der britischen Internet Watch Foundation, London Dagmar Deckstein, Journalistin bei der »Süddeutschen Zeitung«, München Renan Demirkan, Schauspielerin für Theater, Film und Fernsehen (u.a. Förderpreis NRW, Grimme-Preis, Goldene Kamera), Autorin (letzter Roman »Es wird Diamanten regnen vom Himmel«), Köln Gundula Englisch, Journalistin, Filmemacherin, Geschäftsführerin der VIA-Media GmbH, München Peter Glotz, Professor für Medien und Gesellschaft am Institute for Media and Communications Management (MCM) der Universität St. Gallen Philip Jennings, Generalsekretär der Union Network International (UNI), Nyon Herbert Kubicek, Professor für Angewandte Informatik (Informationsmanagement und Telekommunikation) an der Universität Bremen Hans Küng, Professor (em.) für Theologie an der Universität Tübingen; Präsident der »Stiftung Weltethos«, Tübingen Oskar Lafontaine, Bundesminister der Finanzen a.D., Ministerpräsident des Saarlandes a.D., ehemaliger Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Saarbrücken Siegmar Mosdorf, MdB, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Berlin Lothar Schröder, Leiter des Bereichs Technologie/Innovation beim Bundesvorstand der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), Berlin Dieter Schulte, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Berlin Michael Schwemmle, Geschäftsführer der Input Consulting GmbH, Stuttgart Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Genf Michael Sommer, Stellvertretender Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), Berlin Johann Welsch, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden Joachim Zepelin, Journalist bei der »Financial Times Deutschland«, San Francisco

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