Werner Thönnessen

Mein Tor zur Welt

Ein Lebensweg als Gewerkschafter und Intellektueller
Herausgegeben von Jens Becker
Mit einem Vorwort von Oskar Negt

 

200 Seiten | 2005 | EUR 16.50 | sFr 29.50
ISBN 3-89965-125-1 1

Titel nicht lieferbar!

 

Kurztext: Die Autobiographie eines facettenreichen, für emanzipatorische Gewerkschaftspolitik engagierten Lebenswegs im Aufstieg und Niedergang des "golden age" der BRD.


Werner Thönnessens Autobiographie gibt Einblick in eine sich politisierende Studierendengeneration der frühen Bundesrepublik und in eine der interessantesten, dynamischsten und erfolgreichsten Entwicklungsphasen der bundesdeutschen Gewerkschaften, insbesondere der IG Metall in der Ära Otto Brenner (1954-1972), die sich zu einer der mitgliederstärksten und einflussreichsten Industriegewerkschaften in den kapitalistischen Metropolen formierte.

Dem Autor gelingt ein authentischer Einblick in die für damalige Verhältnisse innovative Zusammenarbeit von jungen Intellektuellen wie Fritz Opel, Hans Matthöfer, Jakob Moneta (später Oskar Negt, Michael Schumann u.a.) und den Gewerkschaften. Errungenschaften, die heute in ihrem Bestand bedroht sind, wie Mitbestimmung, Autonomie, Wirtschaftsdemokratie, Humanisierung der Arbeit und Lebensqualität, wurden in dieser Zeit gewerkschaftspolitisch erfolgreich angegangen.

Zugleich fällt das Ende der Ära Brenner in eine Zäsur der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte mit Wirtschaftsrezession, Notstandsgesetzen und Großer Koalition. Thönnessen berichtet von den Umbrüchen dieser Jahre und verdeutlicht exemplarische Konfliktlinien zwischen Gewerkschaften und "großer Politik" (Ludwig Erhard, Karl Schiller u.a.). Einen weiteren Abschnitt markieren Thönnessens Tätigkeit als stellvertretender Generalsekretär des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes IMB in Genf (1971 bis 1989) und seine aktuelle Deutung von "Internationalisierung" und "Globalisierung" aus Gewerkschaftssicht.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Otto Brenner Stiftung und der Hans und Traute Matthöfer Stiftung.

Leseprobe 1

Oskar Negt
Zum Geleit Was sind die Bedingungen, unter denen ein öffentlich gemachter Lebensbericht des absichernden Schutzes eines Geleitwortes bedarf? Das ist schwer zu sagen. Ich muss deshalb sogleich bekennen, dass ich unter dem parteilichen Blickwinkel eines Freundes einige Aspekte dieses Geleitschutzes für den Autor verfasse. Es ist eine ganz und gar ungewöhnliche Autobiografie, die Werner Thönnessen hier vorlegt; sie ist im Lapidarstil verfasst, so als ginge es hauptsächlich um eine aktenkundige Berichterstattung; aber unter der Oberflächenhärte der Feststellungen brodeln gleichsam die Gefühle. Keineswegs nur jene, die aus der Verachtungsquelle nichtswürdigen Handelns anderer stammen, sondern auch die der Liebe, dem Respekt vor der Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit anderer, ja dem romantischen Erinnerungsempfinden. Das Außergewöhnliche und Spektakuläre dieses biografischen Textes besteht vor allem, um es auf einen Punkt zuzuspitzen, darin, dass er von einem Gewerkschafter geschrieben ist, der seiner Organisation auf verschiedenen Arbeitsplätzen fast ein halbes Jahrhundert loyal gedient hat. Mit loyal meine ich etwas sehr Konkretes, man kann es als eine Art hippokratischen Eid eines Gewerkschaftsfunktionärs betrachten, der mit Leib und Seele dabei ist, einen Schwur abzulegen: "Handle nie so, dass du deiner Organisation gewollt oder durch ungewollte Nebenfolgen Schaden zufügst, selbst wenn du durch das Verhalten anderer allen Grund dazu hättest." Diese Form der Loyalität mag ein Motiv dafür gewesen sein, dass Thönnessen mehr als ein Jahrzehnt nach der unerwarteten Kündigung seines Arbeitsvertrages hinreichend Mut und Kraft geschöpft hatte, eine Erfahrungsbilanz seines zutiefst vom Gewerkschaftsgedanken geprägten Lebens vorzulegen. Gewerkschaftsbiografien und Lebenserinnerungen gibt es, wie man weiss, in nicht unbeträchtlicher Zahl. Mir ist jedoch keine Autobiografie bekannt, in der sich der Verfasser (übrigens ohne Netze der Ghostwriter oder vorformulierender Berater) auf eine derartige Höhe der persönlichen Selbstaussetzung begibt, wie dieser Text "Mein Tor zur Welt" von Werner Thönnessen. Es ist ja gerade das Problem von Gewerkschaftsfunktionären, dass sie den inneren Kampfplatz ihrer Persönlichkeit im Umgang mit dem angeblich zwingend Objektiven völlig verdrängen. Die Rechte des Subjekts brechen bei Thönnessen eruptiv hervor. Jedenfalls im Rückblick auf die durchaus erfolgreiche Karriere eines geachteten und weltweit agierenden Gewerkschaftsfunktionärs. Ob er auch während seiner Amtszeit so deutlich Gefühle hätte äußern können, das bleibt offen. Gleichwohl: Auch in den nachträglichen Lebensbetrachtungen vieler Gewerkschaftsfunktionäre bleibt das Subjektive eingemauert. Es trifft genau das zu, was Sartre einmal ironisierend, aber durchaus nicht verächtlich von Marx gesagt hatte: Bei ihm beginne der Mensch erst, wenn er den ersten Lohn empfange. Privates gehört nicht in die Öffentlichkeit, und schon gar nicht die subjektiven Empfindungen und leidenschaftlichen Gefühlsregungen von Menschen, die sich der Erledigung historisch-objektiver Aufgaben mit ihrem Leben gewidmet haben. Dass die Einwände und Angriffe gegen diesen autobiografischen Entwurf aus der Ecke jener kommen werden, die alles als unpassend und unlegitimiert betrachten, macht Geleitschutz erforderlich, den ich gerne übernehme. Die Gewerkschaften sind heute in einer miserablen Situation. Sie stehen in ihrer Defensivstrategie mit dem Rücken zur Wand. An allen Frontabschnitten werden Rückschläge gemeldet. Die führenden Leute in den Gewerkschaften wissen das, aber nur wenige sind bereit, eine neue Selbstverständigungsdebatte zuzulassen oder gar zu eröffnen. Ein wesentliches Element dieser Selbstverständigungsdebatte ist die Aufarbeitung der eigenen Entwicklungsgeschichte, ist Erinnerungsarbeit. Der Autobiografieentwurf Werner Thönnessens, gleichsam eines Insiders des Gewerkschaftsgeschehens, könnte Anlasspunkt für eine Wiederaneignung der eigenen Brüche der gewerkschaftlichen Erfolgsgeschichte sein. Das ist nicht so allgemein-unverbindlich gemeint, wie es klingt. Als ich Werner Thönnessen Ende der 1950er Jahre persönlich kennen lernte, war sein Name bereits mit der Aura eines Vermittlers von kritischer Gesellschaftstheorie und emanzipatorischer Gewerkschaftspraxis besetzt. Thönnessen kam 1957 zur IG Metall, zunächst für die Neuordnung der Bibliothek zuständig, dann immer stärker in ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Otto Brenner eingebunden, hatte dieser von Adorno promovierte Industriellensohn Verbindungslinien markiert, die in den Köpfen der Jüngeren als Traumgeflecht auftraten: Philosophisch-soziologische Bildung durch die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos, politische Arbeit im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), Einbindung von beidem in den Handlungsspielraum der IG Metall, schon damals eine der größten Einzelgewerkschaften der Welt. Viele kompetente, politisch erfahrene und klassenbewusste Männer und Frauen bewegten sich damals im Umkreis dieser Metall-Gewerkschaft, von der charismatischen Führungspersönlichkeit Otto Brenners angezogen und gebunden. Aber niemand verkörperte dieses produktive Dreiecksverhältnis von kritischer Gesellschaftstheorie, politischer Charakterbildung und konkreter Gewerkschaftspraxis so entschieden und geradlinig wie Werner Thönnessen. Er war dann auch für gut anderthalb Jahrzehnte der Garant dafür, dass Gesellschaftsanalysen im Umkreis der Frankfurter Schule und politische Perspektiven, die im SDS-Zusammenhang entwickelt wurden, Eingang in gewerkschaftliches Handeln fanden und dann immer stärker auch Inhalt und Zielsetzung der gewerkschaftlichen Arbeit mit bestimmten. Thönnessen selbst ist aufrichtig genug, in seinem autobiografischen Text auch jene zu benennen, denen er in diesem politischen Zusammenhang Förderung, Schutz und Kritik verdankt. Aber immer sind es in solchen Großorganisationen doch Einzelne, von denen das Gelingen riskanter Prozesse abhängt. Als auf dem Höhepunkt der Notstandsopposition Adorno mit einer kleinen Truppe von Mitarbeitern zum IG Metall-Vorstand marschierte, um den versammelten Gewerkschaftsfunktionären in seiner Sprache die Dringlichkeit von Massenaktionen zu verdeutlichen, war dem eine Entwicklung vorausgegangen, für die vor allem Thönnessen verantwortlich zeichnete. Das Komitee "Notstand der Demokratie" hatte seinen festen Sitz im IG Metall-Gebäude, hier wurden die Analysen einer Reihe von politischen Intellektuellen gebündelt. Jürgen Seiferts sehr schnell zum Bestseller gewordenes Buch "Notstand der Demokratie" wurde von hier aus in Tausenden von Exemplaren verteilt. Eine so intensive und wechselseitig produktive Verbindung zwischen kritischer Gesellschaftstheorie und Gewerkschaftspolitik hat es nach dem Weggang Thönnessens nie wieder gegeben; zu Beginn der Kampagne für eine 35-Stunden-Woche wurden auf mehreren Ebenen Versuche gemacht, Gewerkschaftspolitik wieder stärker in kritischen Wissenschaftspositionen zu begründen. Aber je deutlicher die Rückschläge im Zusammenhang dieser Arbeitszeitverkürzungspolitik eintraten, desto mutloser wurden viele Gewerkschaftsfunktionäre, kritische Gesellschaftstheorie in ihren jeweiligen Handlungsfeldern als Orientierungsmedium wieder aufzunehmen. Aber es geht mir in diesem Geleitwort nicht in erster Linie um eine Bewertung vergangener und gegenwärtiger Gewerkschaftspolitik. Im Vordergrund steht die Persönlichkeit Werner Thönnessens. Als wir uns zum ersten Mal Auge in Auge und bewusst begegneten, befand ich mich gerade im hilflosen Zustand des Opfers einer politischen Intrige. In meiner Amtszeit als SDS-Vorsitzender der Frankfurter Gruppe, die sich nicht nur durch mich seit vielen Jahren in Konflikt mit dem SPD-Vorstand befand, hatte ich engere Beziehungen zu Hochschulen der DDR und natürlich auch, was damals unmittelbar damit verknüpft war, zur FDJ aufgebaut. Das reichte aus, mich in die Ecke eines Stalinisten zu rücken. Ich stellte mich im Frankfurter SDS zur Wiederwahl und wurde mit einer erdrückenden Mehrheit abgewählt. Dem vorausgegangen waren, wie ich später erfahren konnte, intensive Beratungen der Studierenden der Akademie der Arbeit, deren Jahrgänge praktisch Kollektivmitglieder des SDS wurden. Hier ist unter aktiver Mithilfe später führender Genossen die Entscheidung getroffen worden, mich abzuwählen. Nichts von dem hatte ich auch nur gerüchteweise gehört; die totale Überraschung ging deshalb in eine buchstäbliche Versteinerung über. Ich nahm das Ergebnis wortlos zur Kenntnis und es war augenblicklich eine völlig eisige Stimmung im Raum. Als erster meldete sich Werner Thönnessen und kritisierte dieses ungewöhnliche, auf Geheimabsprachen beruhende Verfahren scharf; aber mit dieser Kritik richtete er gleichzeitig den Blick auf einen Ausweg aus dieser Misere. Er schlug mir die Gründung eines Marx-Arbeitskreises vor, der der politischen Bildung von SDS-Mitgliedern dienen sollte. Die erstarrte Atmosphäre lockerte sich allmählich und es kam, nachdem auch ein anderer wichtiger Mentor des SDS, Gerhard Brandt, diese Idee unterstützte, zu einer lebendigen Diskussion über die theoretischen Grundlagen sozialistischer Politik und über die Notwendigkeit einer am Marxschen Denken orientierten Selbstverständigungsdebatte. Ich gründete diesen Arbeitskreis, und in der Friedrichstraße 7, wo ich wohnte, war für Studierende sehr verschiedener Fachrichtungen eine Art Bildungszentrum entstanden. Ich muss erklären, warum mir diese Situation immer vor Augen trat, als ich die autobiografischen Aufzeichnungen Thönnessens las. Abgewählt zu werden ist bestimmt immer ein harter Akt von Persönlichkeitskränkung; viel schlimmer war jedoch für mich die plötzliche Wahrnehmung eines intriganten Geheimspiels, dessen Regeln mir nicht bekannt waren und die ich auch nie erlernen wollte. Es bedarf einer Menge Energie, um in einer derart gestörten Balance im Umgang mit Menschen, die offiziell als solidarische Genossen auftreten, Unbefangenheit und Vertrauen wiederherzustellen. Thönnessens noble Haltung mir gegenüber hatte mich wieder aufgerichtet. Es muss eben Menschen geben, die sich öffentlich für andere einsetzen. Davon gibt es im Leben Werner Thönnessens eine große Zahl; in Kurzportraits bedankt er sich bei ihnen, manchmal in geradezu bewegenden Worten. Wären sie nicht als hilfreiche Freunde dagewesen, hätte er gut auch in seiner Gewerkschaftskarriere zerbrechen können; denn das Gestrüpp von gebrochenen Zusagen, verletzenden Kompetenzbeschränkungen, misstrauischen Kontrollen und dem, was man heute wohl mit Recht Mobbing-Taktiken nennen könnte, ist riesengroß gewesen. Nennt man diese Unterwelt von Intrigen, so muss man um so mehr die gradlinige Gewerkschaftstreue und die Leistung dieses Menschen, nicht nur in der Brenner-Ära (da war er ja geschützt), sondern vor allem als stellvertretender Generalsekretär des Internationalen Metallarbeiterbundes mit Respekt und Bewunderung einschätzen. Auf diesen Posten, der in Absprache mit Otto Brenner wohl nur als Übergangsstation zum Generalsekretär vorgesehen war, ist er, unter Aufbietung trickreichen Ausgrenzungsaufwandes von Brenners Nachfolgern (gewiss auch anderer Einflussfunktionäre im Genfer Apparat des IMB), bis zur vorzeitigen Beendigung seines Dienstes festgenagelt worden. Das ist eine Verletzungslinie in seinem biografischen Bericht, der Trauer und Bitterkeit anhaftet. Plausible Gründe dafür sind schwerlich ausfindig zu machen; er selbst verweist auf die Blockade durch die besondere Konstruktion des Generalsekretariats in Genf: Nie sollte der Generalsekretär aus dem selben Land stammen, aus dem der Präsident als repräsentative Figur kommt. Warum nun aber über Jahrzehnte der deutsche IG Metall-Vorsitzende Präsident des Internationalen Metallarbeiterbundes sein musste, lässt sich kaum begreifen. Denn selbst in der Sozialistischen Internationale sind diese symbolischen Präsidentenposten regelmäßig und in kürzeren Abständen ausgewechselt worden. Wie immer das gewesen sein mag, eines scheint mir klar zu sein: Werner Thönnessen ist, weder als Charaktertyp noch im politischen Zuschnitt seiner Persönlichkeit, ein gleichsam normaler Gewerkschaftsfunktionär. Eigensinnig und unbotmäßig im Führungsstil und mit organisatorischer Kompetenz ausgestattet, mag dieser Sohn eines Grubeningenieurs und Arbeitgeberpräsidenten genügend Eigenschaften in seiner Person angesammelt haben, denen allen der Stallgeruch einer üblichen Arbeiterkarriere fehlte. Alois Wöhrles ironisch distanziert Werner Thönnessen zugewandter Satz: Was suchst du exotischer Vogel in unseren grauen Gemächern? bezeichnet offenbar genau die Gefühlslage, mit der vielleicht auch viel weniger wohlgesinnte Aufstiegsfunktionäre diesen Vogel betrachteten. Aber auch die Antwort Thönnessens ist für ihn charakteristisch: Wenn es schon mit dem exotischen Vogel seine Richtigkeit haben sollte, dann stelle ich mein Leben darauf ab zu beweisen, dass ich der richtige Mensch in den richtigen Gemächern bin. Werner Thönnessen öffnet sich in diesem biografischen Bericht in einer für einen Gewerkschaftsfunktionär völlig unüblichen Weise; das wird ihm auch nachträglich nicht nur Zustimmung und Freunde einbringen. Dass er sich diesem Risiko von erneuten Verletzungen aussetzt, ist Ausdruck von Charakterstärke und ungebrochenem Kampfgeist. Das Buch ist ein Zeitdokument. Der Autor lebt seit langem in Frankreich, auch das ein Hinweis auf kulturelle Prägungen, die deutsch-französischen Grenzgebieten entspringen. Beachtung und Erfolg wünsche ich diesem Buch, das in redlicher Gesinnung geschrieben ist und die eigenen Erfahrungszusammenhänge als Türöffner zum Weltverständnis begreift. Hannover, im Januar 2005

Leseprobe 2

Jens Becker
Emanzipatorische Gewerkschaftspolitik als Daueraufgabe
Vorbemerkungen zu einer überfälligen Autobiographie "Objektivistische Darstellungen lassen das subjektive Engagement, den auf die ständige produktive Änderung der gegebenen Zustände und Verhältnisse gerichteten Willen des Darstellenden außer acht und geben Abbildungen, welche der Änderung und Entwicklung keine Impulse verleihen."
Bert Brecht Als Werner Thönnessen 1953 mit seinem Soziologie-Studium an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a.M. begann, war noch wenig von jenem gesellschaftspolitischen Aufbruch zu spüren, der das restaurative Klima der Adenauer-Ära nachhaltig verändern sollte. Seiner Sozialisation und Erziehung nach bürgerlich-katholisch geprägt, sollte er in die Fußstapfen seines Vaters treten, der seine Karriere 1927 als Hochofenassistent bei dem Stahlriesen ARBED in Saarbrücken begann und sie nach dem Zweiten Weltkrieg bei den zur "Régie des Mines de la Sarre" gewordenen Saargruben fortsetzte. Doch anders als die große Mehrheit der Jahrgangskohorte 1929, die man auch als Bestandteil der Wiederaufbaugeneration der durch Westintegration und Wirtschaftaufschwung sich entwickelnden Bundesrepublik Deutschland bezeichnen kann, wählte Werner Thönnessen einen anderen Weg. Anstelle der – vom Vater anvisierten – Karriere in der "freien" Wirtschaft trat er in den Dienst der IG Metall, deren damaliger Erster Vorsitzender, Otto Brenner*, Wert auf den Rat von kritischen Intellektuellen legte und diese in die engsten Führungszirkel der IG Metall integrierte. Diese, damals in der Praxis der deutschen Gewerkschaften unübliche Kombination aus Facharbeitern und Intellektuellen, wurde zu einem der vielen Erfolgsfaktoren der IG Metall auf dem Weg zur zeitweilig größten Industriegewerkschaft der "freien" Welt. Zuvor – während seines nicht vollendeten Medizinstudiums in Paris und Mainz – engagierte sich Thönnessen in katholischen Studentenorganisationen, deren befreiungstheologischer Impetus eine gewisse Nähe zu einer Vision des demokratischen Sozialismus durchaus erahnen lässt. Der Bruch mit diesem Milieu vollzog sich nach Thönnessens Umsiedlung nach Frankfurt am Main. Hier trat er dem Sozialistischen Studentenbund (und später der SPD) bei, hörte Vorlesungen bei den Anfang der 1950er Jahre aus dem US-amerikanischen Exil zurückgekehrten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, den führenden Köpfen der als kritische Gesellschaftstheorie bekannten "Frankfurter Schule". Seine Konfrontation mit Adornos kritischer Gesellschaftstheorie scheint einer Offenbarung gleich zu kommen. Werner Thönnessens Darlegungen aus jenen Frankfurter Tagen, Studium, innerorganisatorische Auseinandersetzungen im SDS und sein Weg zur IG Metall – oft waren es Personen, aber auch Glück und Intuition, die ihm weiterhalfen. Dies ist freilich auch der Dynamik, dem Esprit und der Vitalität eines Mannes geschuldet, der 1957 mit dem damals noch weitgehend ignorierten Thema "Frauenemanzipation – Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung, 1863-1933" bei Adorno promovierte. Von großer Bedeutung waren aber auch die sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen, unter denen Thönnessen insbesondere seit Beginn seiner Tätigkeit bei der IG Metall 1957 agierte. Wiederholt verwies sein Lehrer Adorno mit Marx auf jene Gesetzmäßigkeit, der sich die kapitalistische Ökonomie bei Strafe ihres Untergangs nicht entziehen kann und die auch politisches und gewerkschaftliches Handeln bis heute prägt: "Und es gilt insgesamt (...), dass die kapitalistische Wirtschaft und damit die kapitalistische Gesellschaft in dem Augenblick, wo sie stagniert, wo sie sich nicht ausbreitet, in unmittelbarer Gefahr der Krise und damit in unmittelbarer Gefahr ihres eigenen Untergangs ist, dass im Kapitalismus – das ist geradezu ein Wesensgesetz – das was ist, sich überhaupt nur dadurch erhalten kann, dass es sich erweitert und dass es sich ausbreitet." Welche Lehre lässt sich daraus für die Praxis ziehen? Eine – meines Erachtens bis heute – wichtige gewerkschaftspolitische Prämisse hat Fritz Opel folgendermaßen formuliert: "Und die Gewerkschaften können unter den Verhältnissen der spätkapitalistischen Periode, die denen der frühkapitalistischen, in der sie entstanden, in vielem so unähnlich und in den Grundfragen doch so gleich ist, ihre geschichtliche Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie das richtige theoretische Verständnis für Gegenwart und Zukunft finden." Dies müsse – im Bunde mit kritischen Wissenschaftlern – als praktisch-theoretische Aufgabe begriffen werden, damit die Gewerkschaften in der Lage seien, "die Entwicklung in die Bahnen einer demokratischen Integration zu lenken." Im Grunde spielt Opel mit dieser anspruchsvollen Formulierung auf die schrittweise Transformation der bestehenden Herrschafts- und Produktionsweise an. Diese Zielsetzung findet sich implizit in den Beschlüssen der diversen Gewerkschaftstage. Damit gab es Anknüpfungspunkte zu den Neuen Sozialen Bewegungen, respektive zur Studentenbewegung, die sich im Kampf gegen die Notstandsgesetze 1967 manifestierten. Die Nähe der IG Metall zur kritischen Wissenschaft offenbaren auch die diversen Zukunftskongresse, etwa zur Automation, auf die Thönnessen ebenfalls eingeht. Die erste Nachkriegsrezession markiert eine Zäsur. Schien sich die Expansion des Kapitalismus in der Prosperitätsphase der 1950er und frühen 1960er Jahre eindrucksvoll zu bestätigen, verdeutlichten die darauffolgenden Krisen seine Instabilität. So hatte sich beispielsweise in Deutschland zunächst der von Ludwig Erhard und Vertretern der neoklassischen Theorie verbreitete Trugschluss durchgesetzt, dem zufolge in der sozialen Marktwirtschaft "Wohlstand für alle" in Reichweite sei. Dagegen setzte sich in der Großen Koalition (1966-1969) – sehr zum Verdruss der Ordoliberalen, die weiterhin das einzelne Wirtschaftssubjekt ins Zentrum rückten und den Staat lediglich als Hüter des Wettbewerbs betrachteten – die Erkenntnis durch, die Finanz- und Wirtschaftspolitik des Staates könne dazu beitragen, ein hohes Beschäftigungsniveau zu sichern. Von nun war die auf Keynes zurückgehende Bedeutung einer staatlichen Nachfragepolitik und eines staatlichen deficit spending im Krisenfalle hegemonial. Sowohl bei der Sozialdemokratie als auch bei den Gewerkschaften "entstand Stabilitätsoptimismus", der sich im deutschen Stabilitätsgesetz (1967) und dem Konzept der "Globalsteuerung" widerspiegelte. Somit schien die Dynamik der kapitalistischen Ökonomie, eingehegt durch den interventionsbereiten Staat und starke Gewerkschaften, dauerhafte Verteilungsspielräume zu garantieren. Entsprechende Organisationserfolge – die IG Metall erreichte in den 1960er Jahren bei den abhängig Beschäftigten ihrer Branchen einen Organisationsgrad von bis zu 43% – und tarifpolitische Fortschritte (40-Stunden-Woche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall etc.) kennzeichneten die starke Gestaltungsmacht der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Bekanntlich stieß die "sozialdemokratisch-keynesianische Symbiose" mit den Ölpreisschocks und der "Stagflation" der 1970er Jahre, jener Mischung, aus Nullwachstum, Inflation und Unterbeschäftigung, an ihre Grenzen. Letztlich ebnete die eher schwache Konjunkturentwicklung der 1980er Jahre, begleitet von hohen Unternehmensprofiten, Rationalisierung, struktureller Arbeitslosigkeit selbst bei steigenden Wachstumsraten und der Entstehung eines neuen, auf Tertiarisierung und Computerisierung basierenden, kurz: "postfordistischen" Produktionstyps den Weg für die neoliberale Wende in der Wirtschaftstheorie und notabene in der Wirtschaftspolitik. Gleichwohl waren sich Otto Brenner und seine engsten Mitarbeiter Fritz Opel und Werner Thönnessen, der zu Brenners Pressechef avancierte und dem es gelang, die biedere Pressearbeit der IG Metall zu revolutionieren (s.u.), darüber im Klaren, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen konnten. Von daher setzte die IG Metall insbesondere in der Ära Brenner (1954-1972) nicht nur auf die Tarifpolitik, sondern auch auf das politische Mandat der Gewerkschaften. Letzteres unterstrich Brenner, wenn er in einem der vielen von Opel oder Thönnessen vorbereiteten Beiträge zur "Wirtschaftsdemokratie" festhielt: "In einer Privatwirtschaft wie der unseren erscheint die betriebliche Mitbestimmung als Abschlagszahlung auf die ausgebliebene demokratische Umgestaltung der gesamten Wirtschaft. Die überbetriebliche Mitbestimmung fehlt. In einer Wirtschaftsdemokratie dagegen wären betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung untrennbar zu einem Ganzen zu verbinden." Man sieht, selbst in Zeiten großer gewerkschaftlicher Einflussmöglichkeiten war den Verantwortlichen klar, dass mehr getan werden müsste, als – wie im Falle der IG Bau Steine Erden oder anderer "gemäßigter" Gewerkschaften – sozialpartnerschaftlich zu agieren. Letztlich ging es der von Brenner geprägten Gewerkschaftspolitik um die Demokratisierung der Gesellschaft – ein langfristig gesehen durchaus revolutionär zu nennendes Ziel, das auf einen langen Atem angewiesen ist: Das Bohren dicker Bretter im Sinne Max Webers. Die vorliegende Autobiographie lebt von Thönnessens Insiderwissen über die deutsche und internationale Gewerkschaftsbewegung. Sie berichtet von gewerkschaftlichen Transformationsstrategien, tarifpolitischen Konflikten und Thönnessens Arbeit als Pressechef. Am Beispiel des "Bonner Kompromisses" von 1963 und der "Konzertierten Aktion" von 1967 verdeutlicht Thönnessen exemplarisch Konfliktlinien zwischen Politik (Ludwig Erhard bzw. Karl Schiller) und Gewerkschaften. Vieles ließe sich hinzufügen. Deutlich wird bei der Lektüre, wie Brenners Charisma die IG Metall prägte. Thönnessens Verhältnis zu Brenner geht über die organisationsübliche Loyalität hinaus. Wie viele eher "linke" Gewerkschafter, die mit dem 1. Vorsitzenden zu tun hatten, kennzeichnet Verehrung das Verhältnis zu Brenner. Dort, wo es Thönnessen für nötig hält, etwa bei der offenbar von Eugen Loderer hintertriebenen Zusage, ihn zum Generalsekretär des Internationalen Metallarbeiterbundes (IMB) zu ernennen, bestimmt der Zorn des Geschädigten die Textführung. Als Pressechef hatte Thönnessen auch viel mit dem verunsicherten, weil im Schatten Brenners stehenden Zweiten Vorsitzenden der IG Metall zu tun. So ist es nicht verwunderlich, gleichwohl jedoch unredlich, wenn Brenners Vertrauensmann von Loderer und seinen Beratern nach Brenners überraschendem Tod 1972 brüskiert wurde. Thönnessens Distanz zu Brenners Nachfolger ist unübersehbar. Das ist nachvollziehbar und spricht für die Glaubwürdigkeit des Zeitzeugen. Überhaupt verdeutlicht der Abschnitt Vier ("18 Jahre im Dienst der Eisernen Internationale") einmal mehr die Relevanz internationaler Gewerkschaftspolitik. Thönnessen glänzt hier mit biografischen Darstellungen und reflexiver Deutung, um sozusagen post festum den Phänomenen "Internationalisierung" und "Globalisierung" aus Gewerkschaftssicht auf die Spur zu kommen. Einer innerhalb und außerhalb von Gewerkschaftskreisen leider wenig bekannten Organisation wie dem IMB widerfährt durch Thönnessen die notwendige Würdigung! Was bleibt? Thönnessens subjektives Engagement ist einer emanzipatorischen Gewerkschaftspolitik gewidmet, die darauf abzielt, über das Bestehende hinaus zu denken und zu handeln. Objektive Tatsachen vermischen sich mit subjektiven Deutungsangeboten und dem Appell, aktiv einzugreifen, latente oder manifeste Konflikte offensiv auszutragen. Dies mag seit geraumer Zeit unmodern erscheinen, bleibt aber gerade angesichts der ungelösten sozial-ökologischen Frage merkwürdig modern. Thönnessen schildert seinen facettenreichen Lebensweg in einem Zeitalter, in dem der flexible Agenda-Mensch die Tagesordnung bestimmt, in dem, frei nach Adorno, die meisten mit dem Stachel löcken, um sich anzupassen, in dem Wirtschaft und Politik mit der Parole hausieren gehen "Sozial ist, was Arbeit schafft", was impliziert: Arbeit für jeden Preis. Mit 75 Lebensjahren und rund 50 wechselvollen Jahren gelebt für die Arbeiterbewegung ist Thönnessens Stachel wider eine zunehmend unmenschlich werdende Welt gerichtet. Es sind ihm dabei zahlreiche Leser zu wünschen!

Leseprobe 3

Werner Thönnessen
Schlussbetrachtung In der Schule lernte ich lateinische Sprüche wie memento mori oder mors certa – hora incerta oder media vita in morte sumus. Das konnte ich zwar übersetzen, verstand aber trotzdem nicht die Bedeutung. Ich hatte keine Ahnung vom Tod, bis mein Vetter mit elf Jahren starb. Ich weinte und trauerte, zum ersten Mal war das Unwiderrufliche in mein Leben getreten. Seitdem ist mir die Fragilität und Endlichkeit der menschlichen Existenz immer bewusster geworden, ebenso wie die der Zugehörigkeit zur Gattung homo sapiens, die seit Hunderttausenden von Jahren die Erde bevölkert. Sie hat phantastische politische, kulturelle und wissenschaftliche Leistungen vollbracht und schreckliche Verbrechen gegen sich selbst begangen. Immer gab es Unterdrücker und Unterdrückte, Hochkultur der Herrschenden und Elend der breiten Massen und den utopischen Traum der Erlösung – auf Erden oder im Jenseits. Unser heutiges Leben beruht auf dieser teils glorreichen, teils schrecklichen Vergangenheit. Im Boden liegen die Skelette von Milliarden unserer Vorfahren. In ihrer materiellen Hinterlassenschaft sind sie uns gegenwärtig, viele ihrer frühen Schriften sind überliefert, und wir können uns damit auseinandersetzen. So ist der Tod vergangener Generationen in gewisser Weise überwunden, weil sie ein Erbe hinterlassen haben, das wir fortentwickelt und in die Welt von heute integriert haben. Wir besitzen die Möglichkeit, aus der Vergangenheit zu lernen anstatt sie zu wiederholen. Immer noch stellen wir uns die uralten Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Nur für die Gläubigen ist der Tod kein schmerzliches, unwiderrufliches Ereignis. Ich gehöre seit langem nicht mehr zu ihnen und bin jedes Mal, wenn jemand stirbt, den ich gut kannte, erschüttert. Ein Dreivierteljahrhundert lebe ich nun. Viele Menschen, die mir nahe standen, habe ich verloren, seit mein Vetter gestorben ist. Manche sind im hohen Alter friedlich gestorben, einer, den wir noch vor wenigen Monaten in Indien besuchten, wurde Opfer eines Verkehrsunfalls. Andere hat der Krebs qualvoll dahingerafft, einige sind ermordet worden, weil sie für die Sache der Unterdrückten stritten. Das Ende liegt auch vor mir, wenn ich aus dem Fenster sehe. Dort befindet sich der Dorffriedhof, dort wartet ein Doppelgrab auf uns. Ich lebe also – ohne all zu große Beunruhigung – buchstäblich mit dem Tod vor Augen, in der Hoffnung, die verbleibenden Jahre in körperlicher und geistiger Gesundheit verbringen zu können. Meine Frau, meine Söhne, meine Freunde sind in diese Hoffnung eingeschlossen. An meinem 60. Geburtstag war ich Gast am Gewerkschaftstag der IG Metall in Berlin und veranstaltete eine Feier im Kreis meiner Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen und Freunde. Vorangegangen war eine Gratulation auf dem Kongress. Ich wurde vom Präsidium aufgerufen, eine Kollegin überreichte mir einen Rosenstrauß, der 1. Vorsitzende, Franz Steinkühler, stieg vom Podium herab, kam zu mir und gratulierte mit einem langen Händedruck und freundlichen Worten, die er bei meiner Party wiederholte. Die geplante Laudatio hielt mein Freund Karl Heinz Janzen. Damit war ich sehr zufrieden. Als ich siebzig wurde, war ich bereits zehn Jahre pensioniert und fragte mich, ob ich vielleicht in Vergessenheit geraten war. Es reizte mich, den Test zu machen, indem ich ein wahres Fest veranstaltete. Den Rahmen dafür gab das Schlosshotel in dem nahe gelegenen Badeort Divonne. Dort hatten wir im gleichen Jahre wohnen können, weil die Kasse die Kosten für unsere Kur trug. Mein Plan gelang über Erwarten gut. Es war alles perfekt – die alten und neuen Freunde fanden sich ein, die nächsten Verwandten kamen, das Essen und die Weine waren vorzüglich, ich wurde so reich beschenkt und geehrt, besonders in der Festrede meines Freundes Michael Schumann, dass es mir fast peinlich wurde. Das Ständchen, das mir meine Söhne Patrick (Saxophon) und Fedor (Klavier) brachten, rührte mich zu Tränen. Am nächsten Tag luden wir diejenigen, die nicht zurückfahren mussten, in unser Haus nach Cuvat ein. Auch dieses Fest war gelungen. Nun steht der 75. Geburtstag bevor. Ich weiß nicht, was dann geschehen wird, nur, dass es eine Wiederholung des siebzigsten nicht geben kann. Beim Nachdenken über mein Leben, das ich hier geschildert habe, kann ich einige bittere Erfahrungen nicht übergehen – wer wäre frei davon? Auf dem IMB-Kongress in Kopenhagen 1989 kandidierte der bisherige Generalsekretär Herman Rebhan aus Altersgründen nicht mehr. Zu seinem Nachfolger wurde Marcello Malentacchi gewählt, ein Schwede italienischer Herkunft, der Automobilarbeiter und Funktionär von Svenska Metal gewesen war und danach lange dem IMB-Sekretariat in Genf als ausgezeichneter Fachmann für Gesundheit am Arbeitsplatz angehört hatte. Wegen der völlig ungetrübten Beziehung zu ihm erwartete ich gerade von ihm nicht Böses. Aber kurz nach seiner Wahl eröffnete er mir, ich könne mein Programm bis Ende des Jahres abwickeln, danach sei Schluss, was ich für 1990 geplant habe, sei für ihn ohne Interesse. Ich wollte das zunächst nicht glauben. Ich war in mein Amt gewählt und konnte nicht entlassen werden. Als ich mich deswegen an die IG Metall wandte, wurde bestätigt, dass ich ausscheiden müsse. Nach den Gründen brauchte ich nicht viel zu fragen. Mir war durchaus bewusst, dass ich im Laufe von 18 Jahren diesen und jenen Spitzenfunktionär vor den Kopf gestoßen hatte, dass ich kein bequemer Typ war. Loderer hatte mich einmal in Wien bei einem Festabend leicht angeheitert erlebt. Na und? Ich war nicht in mein Amt gewählt worden, weil ich den Ruf hatte, ein Konformist zu sein. Und abgesehen von meinen erbitterten jahrelangen Streitigkeiten mit Herman Rebhan, von denen ein Ordner mit seinen berüchtigten, mit blauem Filzstift auf gelbem Papier geschriebenen Zurechtweisungen in stets beleidigendem Ton zeugt, hatte ich nie zu Ärger oder Klagen Anlass gegeben. Dennoch waren die Machtverhältnisse so klar, dass ich keinerlei Aussicht auf erfolgreiche Gegenwehr hatte. Mit der Aussicht auf die bevorstehende Trennung ging ich im zweiten Halbjahr 1989 meiner Arbeit nach. Meine Frau und ich hatten geprüft, was aus uns und unserem Haus in einem Genfer Vorort werden könne. Klar wurde, dass wir dort nicht bleiben konnten. Also begab sie sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Wie schon zuvor beim Umzug von Frankfurt nach Genf wollten wir nicht schlechter leben, als wir es gewöhnt waren. Wir wollten keine Wohnung und kein Mietverhältnis, sondern unser eigenes Haus. Dabei war uns behilflich, dass wir immer noch das Frankfurter Haus besaßen, das seit unserem Unzug nach Genf vermietet war und für das wir 33 Jahre eine Hypothek abgetragen hatten. Wir verkauften es, sobald meine Frau etwas Geeignetes gefunden hatte, und wir erzielten dabei einen Preis, der haargenau dem entsprach, was wir für das neue Objekt auf den Tisch legen mussten. Es liegt in einem Dorf mit 600 Einwohnern, jenseits der Schweizer Grenze im französischen Departement Hoch-Savoyen. Genf ist von dort über die Autobahn in 35 Minuten zu erreichen, wir wohnen also nicht zu weit entfernt von unseren Söhnen. Der Wechsel von Genf nach Frankreich fiel uns leicht. Mit diesem Land sind wir seit frühester Jugend eng verbunden – so stark, dass wir unseren Umzug als Heimkehr empfanden. Mit der Sprache haben wir kein Problem, und anfängliche Befürchtungen, wir könnten als "Fremde", dazu noch als Deutsche, missliebig sein, zerstreuten sich rasch. Wir nehmen am dörflichen Leben Anteil und sind völlig integriert. In der einzigen ortsansässigen Kneipe mit Hotel treffe ich auf Bekannte, die mich duzen und zu einer Runde einladen, die ich erwidere, wie es hier Brauch ist. Über meine Beziehungen zu Frankreich habe ich eine längere, noch unveröffentlichte Monografie in Französisch verfasst, die ich gern jedem Interessenten zukommen lasse. Bei den letzten Kommunalwahlen sprach ich mit dem Bürgermeister über eine Kandidatur für den Gemeinderat. Er war bereit, mich auf seine überparteiliche Liste zu nehmen. Sobald ich aber hörte, dass es fünf weibliche Kandidatinnen gab, nahm ich davon Abstand. Alle fünf Frauen wurden gewählt. Dies war mein einziger Ausflug in die Kommunalpolitik. Die Umstellung auf das Rentnerdasein war für meine Frau und mich nicht einfach. Im Gegensatz zu unserem Zusammenleben während der 33 Jahre meiner Berufstätigkeit war ich nun den ganzen Tag zu Hause, wir mussten uns damit arrangieren. Anfangs fehlte mir meine Arbeit. Sie war ja nicht nur Berufstätigkeit, sondern Lebensinhalt gewesen. Ich hatte viele Pläne aufgeschrieben, wie und womit ich meine gewonnene Freiheit und Freizeit ausfüllen wollte, aber meine Traurigkeit war lange Zeit zu stark, irgendetwas zu unternehmen. Allmählich überwand ich diesen Zustand und begann, mein neues Leben in die Hand zu nehmen. Elly und ich unternahmen zusammen Reisen: nach Japan und Indien, nach Zypern und Südafrika – überall gab es Freunde wieder zu sehen. Wir fuhren nach Metz zu Ellys mehr als 100 Jahre alter Tante und zu Familientreffen nach Deutschland. Gelegentlich nahm ich an politischen Konferenzen teil (IBFG, IG Metall, Otto Brenner Stiftung, Sozialistische Internationale, "Loccumer Initiative"). Wir praktizieren ausgiebig die schon früher erlernte Kunst des "savoir vivre", gehen mit unseren Söhnen und mit Freunden essen, haben Gäste oder sind eingeladen, gehen in Konzerte und Ausstellungen. Ich lernte mit dem Computer umzugehen, ich musste es, weil meine Handschrift schwer zu lesen ist. In drei Jahren habe ich ein umfangreiches Netz aufgebaut, zu den Söhnen und zu Freunden in aller Welt, täglich absolviere ich über Internet ein großes Informationsprogramm. Manchmal schreibe ich Beiträge für das Magazin der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und für die Hamburger Zeitschrift "Sozialismus". Sonstige Versuche, mich als freier Journalist zu betätigen, verliefen nur frustrierend. Ich habe das ganz aufgegeben. Die Themen, die ich behandele und die Akzente, die ich setze, sind den Redaktionen, gleich welcher Richtung, nicht willkommen. Selbst wenn es sich nur um die Richtigstellung einer erwiesenen Falschmeldung handelt, erfolgt keine Reaktion, ganz zu schweigen von Erwiderungen auf einseitige Kommentare. Auch die Leserbriefspalten sind mir verschlossen – ganz im Gegensatz etwa zu meiner Zeit als IG Metall-Pressechef, als ich stets zu Wort kam, wenn ich es verlangte. Einen begonnenen Dialog mit dem "Gewerkschaftsexperten" der FAZ habe ich wegen dessen totaler Verblendung rasch wieder beendet. Nach einer nur für den Familienkreis bestimmten Chronik war ich seit Anfang 1999 – bei großen Unterbrechungen – mit dieser Autobiografie beschäftigt. Sie wurde im September 2004 fertig. Nach nochmaliger Lektorierung durch einige Freunde, an erster Stelle nenne ich Jens Becker, wird sie hoffentlich bald das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Dann werde ich mehr Zeit haben für alles Mögliche, das ich nicht als Pflicht, sondern als Vergnügen empfinde. Langeweile kenne ich nicht, eher schon die "Qual der Wahl" zwischen den so genannten Hobbies. Fast immer begleitet mich Musik – Vivaldi, Purcell, Telemann, Bach, Mozart, Schubert, Schumann, Brahms, Beethoven, Chopin, Débussy und Jazz aus den fünfziger und sechziger Jahren. Meine Frau spielt die Komponisten auf dem Flügel – und manchmal singen wir Bachs "Willst Du Dein Lieb’ mir schenken". Zweimal wurde allerdings meine "Ruhe" als Pensionär im letzten Jahr unterbrochen, und das kam so: Ein bei der ILO in Genf arbeitender Freund gab mir im Juni 2002 einen Brief mit der Bemerkung, in diesem Fall könne die ILO nichts tun – ob ich mich dafür interessiere? Ich begann zu lesen und sagte spontan: "Ja, das übernehme ich". Es ging um die Beschwerde eines Österreichers, der im Sudan gearbeitet und dort Bleivergiftungen unter seinen sudanesischen Gehilfen festgestellt hatte. Er fand heraus, dass die Vergiftungen von bleihaltigem Staub herrührten, der bei der Arbeit freigesetzt wurde. Er berichtete dies seinen Vorgesetzten und forderte die Anwendung eines Nass-Verfahrens, bei dem der Staub niedergeschlagen worden wäre, anstatt sich in der Atemluft auszubreiten. Die Antwort der Firma war zunächst eine Verwarnung, dann die fristlose Entlassung. Nach Hause zurückgekehrt, begann der Österreicher, die von ihm festgestellten Missstände öffentlich anzuprangern. Die Firma antwortete mit einer Schadensersatzklage, verlor aber den Prozess. Ich setzte mich mit dem Augenzeugen in Verbindung, er besuchte mich, wir arbeiteten einen Schlachtplan aus und drohten der Firma mit erneuter Publikation ihrer menschenfeindlichen Praktiken. Das einzig greifbare Ergebnis war die Veröffentlichung eines ausführlichen Artikels in der "Zeit" im Januar 2003. Auch dieser löste keinerlei Reaktion aus, was um so erstaunlicher ist, als es sich um Europas größten Touristik-Konzern TUI mit Sitz in Hannover handelt. Zu diesem Unternehmen gehörte eine inzwischen verkaufte Tochtergesellschaft, die im Sudan tätig gewesen war. Vorstandsvorsitzender der verantwortlichen Firma war ein Dr. Michael Frenzel, der nun an der Spitze von TUI steht und mit der schmutzigen Vergangenheit nichts zu tun haben will. Diese Kampagne kostete mich Zeit und Geld, und das Ergebnis war trotz des "Zeit"-Artikels höchst unbefriedigend, vor allem für die erkrankten Sudanesen. Nach diesem Ereignis, mit dem mich meine berufliche Vergangenheit wieder eingeholt hatte, musste ich mir eingestehen, dass ich als pensionierter Einzelkämpfer gegen die Macht multinationaler Konzerne wenig ausrichten kann. Am Ende will ich nur das Positive in meinem Leben hervorheben. Meine Entscheidung, für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Benachteiligten, neuerdings der durch den globalen Kapitalismus um ihre Lebenschancen Betrogenen, mich einzusetzen, habe ich nie bedauert – im Gegenteil! Ich finde das Schauspiel der nur auf ihren Gewinn und Lifestyle Versessenen so widerlich, dass ich mich gern mit den bescheideneren Verhältnissen, die der Kampf für eine gute Sache mit sich bringt, zufrieden gebe, im vollen Bewusstsein dessen, dass ich damit dennoch zum privilegierten Teil der Menschheit gehöre. Das einzugestehen, gebietet die Ehrlichkeit. In der solidarischen Gemeinschaft der nationalen und internationalen Arbeiterbewegung habe ich einen lebenswerten Ort gefunden, den ich gegen nichts eintauschen würde. Dort habe ich nach bestem Wissen und mit allen meinen Kräften gearbeitet. Dabei habe ich die Licht- und Schattenseiten der menschlichen Existenz kennen gelernt und glaube, keine Illusionen zu haben. Ich habe "Mein Tor zur Welt" gefunden und bin hindurch gegangen. Fest steht für mich, dass die Welt veränderbar, verbesserungsbedürftig und -fähig ist. Gewiss waren meine Erwartungen und Hoffnungen größer als meine praktischen Möglichkeiten – aber das ist eine Lektion, die jeder lernen muss, der sich auf die Aktion, auf Politik einlässt. An der Überwindung bedrückender Verhältnisse konnte ich mitwirken – zu einem, aufs Ganze gesehen, gewiss bescheidenen Teil. Oft bin ich gescheitert, weil der Gegner zu stark war – und immer noch ist. Ich bin und bleibe Optimist, überzeugt, dass es mit vereinten Kräften den Benachteiligten gelingen wird, die richtigen Antworten auf die falschen Verhältnisse zu finden. Das den Jüngeren zu vermitteln, ist die Absicht dieser Darstellung. Gelingt mir auch das, so habe ich nicht vergeblich gelebt, gewirkt und geschrieben.

Inhalt:

Oskar Negt
Zum Geleit (Leseprobe)
Jens Becker
Emanzipatorische Gewerkschaftspolitik als Daueraufgabe
Vorbemerkungen zu einer überfälligen Autobiographie (Leseprobe)

Werner Thönnessen: Mein Tor zur Welt


Einleitung
1. Prägende Erfahrungen der frühen Jahre
Mein zweites Leben in Saarbrücken
Vergangenheitsbewältigung und "Französisierung"
Meine Resozialisierung
Die Auseinandersetzung mit dem Vater
2. Mein Weg in die Zukunft
Zwei "Rückgliederungen" des Saarlandes
Student in Paris
Reformtheologie
Fortsetzung in Mainz?
Ade Mainz, Ade Medizin
Hinwendung zur Kritischen Theorie
Die Spaltung des Sozialistischen Deutschen Studentenverbandes (SDS)
Ostkontakte
Lehrling in der Frankfurter Schule
Promotion bei Adorno

Bildteil


3. Die Ära Brenner aus meiner Sicht – 13 Jahre bei der IG Metall
Meine Einstellung
Westintegration gegen Neuordnung
Rückkehr der IG Metall in die Metall Internationale
Schauplatz Europa
Meine Arbeit für den IG Metall-Vorsitzenden und im Apparat
Pressechef
Internationale Erfahrungen (USA / Israel / Algerien / Prag)
Innenpolitische Auseinandersetzungen
Vom Kampf um Mitbestimmung zur Einflussnahme als Aufsichtsratsmitglied in einem transnationalen Unternehmen
Exkurs: Globalisierung
Krise und Anpassung
Die Bonner Kompromisse: Ludwig Erhard und Karl Schiller
Soziale Auseinandersetzungen und Arbeitskämpfe in der "Ära Brenner"
Maschinen statt Menschen – Rationalisierung und Automation
Die Zukunft vorbereiten
Aktionen mit Hans Matthöfer
Das Ende der Ära Brenner
Weggefährten
Skandale im Gewerkschaftshaus
4. 18 Jahre im Dienst der Eisernen Internationale
Der Aufstieg des IMB nach 1945
Wechsel im Amt des Generalsekretärs und die Anfänge meiner Tätigkeit beim IMB
Highlights aus 18 Jahren IMB
Südafrika – ein Exempel gewerkschaftlicher Solidaritätsarbeit
Weitere regionale Aktivitäten und Perspektiven des IMB
5. Nach der Pensionierung – Leben in Frankreich
Familiäres
Schlussbetrachtung (Leseprobe)
6. Ausgewählte Bibliographie

Autorenreferenz

Jens Becker, Politikwissenschaftler, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. Oskar Negt, Jahrgang 1934, war bis zur Emeritierung 2002 Professor für Soziologie an der Universität Hannover. Werner Thönnessen, Jahrgang 1929, politisch aktiv seit der Befreiung vom Nationalsozialismus, lebt seit Mitte 1989 als freier Schriftsteller und Journalist in Frankreich.

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