Die schwierigen Zeiten halten an. Pablo Nerudas »Ode an das Buch« hilft weiterhin.

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Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg (Hrsg.)

Mehr als ein Ballhaus

Von Stübens Etablissement zum Mamara Dügün Salonu
Das Buch zur Revue von Volkmar Hoffmann und Margret Markert

120 Seiten | 2001 | EUR 17.80 | sFr 31.70
ISBN 3-87975-822-0

 

Der Abriss des letzten historischen Festsaals Wilhelmsburgs, des heutigen türkischen Hochzeitsaals, ist beschlossen. Seine Geschichte lässt sich nicht konservieren. Aber die Erinnerung an diesen Ort sind in diesem Buch festgehalten.

Stübens Saal ist ein Geschichtsbuch. Er ist fast das einzige Gebäude, das sowohl für die einheimische Bevölkerung, als auch für die Migranten ein zentraler Versammlungsort war und ist. Ein Ort, der Menschen in dem Gefühl vereinigte: dass es etwas mehr gibt als den Arbeitstag, einen Ort gemeinsamer Geschichte.
Das Buch dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Gebäudes mit seinen Veranstaltungen und schildert auch die Entstehung der Abschiedsrevue, die von der Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen begleitet wurde. Die erinnerten Geschichten auf die Bühne zu bringen und sie als Buch herauszubringen, ist ein Weg, dem kollektiven Bewusstsein eines Ortes auf die Spur zu kommen.

Inhalt:
Vorwort
1. Der Anfang vom Theater
2. Zoff und Zauber
3. Kein leerer Raum
4. Mehr als ein Ballhaus: Szenen – Material – Geschichte
5. Wir haben da gesessen und es wurde nicht und wurde nicht
6. Hochzeitslandschaft im Neonlicht
7. Man spürt das Herz
8. Rückblick, Ausblick, Cha Cha Cha
9. Dilettenten! Runter von der Bühne!
Anhang

Leseprobe 1

Vorwort

Wilhelmsburg am Rande des Hamburger Hafens. Ist das ein Ort, der kulturell etwas zu bieten hat? Im Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg gehörten Feste zu den Selbstverständlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Wo hart gearbeitet wird, da wird auch ordentlich gefeiert, dafür war die Elbinsel bekannt. Es gab Zeiten, in denen vergnügungssüchtige Hamburger am Wochenende die Elbdampfer bestiegen, um sich in Wilhelmsburg zu amüsieren. Stübens Gesellschaftssaal am Vogelhüttendeich war so ein Ort, wo das Kontrastprogramm zum beschwerlichen Fabrikalltag lief. Doch das ist lange her. Nun soll der alte Saal abgerissen werden. Stübens Saal ist ein Geschichtsbuch. Alte Menschen erinnern sich an die Vielfältigkeit des kulturellen Lebens dort. Betagte Orchestermusiker, Chorleiter und Sänger berichten von ihren Auftritten, von Pfiffen und brausendem Applaus. Ruder- und Boxveteranen kramen in ihren Erinnerungskisten Fotos von Wettkämpfen und Vereinsjubiläen hervor. Alte Damen, die vor Erinnerungsfreude wieder ganz jung werden, schwärmen von rauschenden Ballnächten und den kleinen Liebesaffären, die diese Feste so mit sich brachten. Nachbarn aus der Straße erinnern sich auch an die Zeiten, in denen nicht gefeiert werden durfte oder konnte, als der Tanzsaal zum Gefangenenlager zwangsverwandelt wurde, als das Rote Kreuz die Sturmflut-Geschädigten mit warmer Suppe versorgte. Stübens Saal - das Etablissement der Erinnerungen. Stoff, aus dem die kleinen Träume und Sehnsüchte gewoben sind, mit denen man über den Alltag hinauswuchs. Horst Königstein hat diesen Stoff am Beispiel der Altonaer Schilleroper zu einer Geschichte gewoben: "Wenn die Erinnerungen noch einmal - brüchig - zusammengeheftet werden, stiftet die Musik die Dramaturgie. Plötzlich erscheint das Leben wie inszeniert - meist von anderen: der Kaiser, der strenge Lehrer, der Offizier im Ersten Weltkrieg, der Bürokrat in der Republik, der Blockwart im Dritten Reich, die Entnazifizierer, die Wirtschaftskapitäne, die Beamten von der Sozialversicherung. Zwischen den Auftritten der anderen konnte man sich in Nischen zurückziehen: Straßenmusik, ein Cafe´, ein Tanzetablissement, ein Variete´, ein Kino, ein Circus. Die Musik, die dort gespielt wurde, bündelte die alltäglichen Erfahrungen und nahm die Sehnsüchte und Wünsche auf. Die Begleitmusik vernichtete die Wünsche nicht - sie half sie aufbewahren. Für diese Bilder gibt es in unseren Städten nur noch wenig Denkmäler. Kinos und Variete´s wurden Supermärkte, die Cafe´s bekamen Standardeinrichtungen und die von Hand gemachte Musik starb aus. Nur wessen Lust an versteckten Wunschbildern groß genug ist, der kann diese Denkmäler alltäglicher Sehnsüchte noch entdecken ..." Stübens Saal ist der letzte erhaltene Festsaal im Viertel. Hier fand alles statt, was Wilhelmsburgs Kultur ausmachte. Stichwort Arbeiterkultur: der im prunkvoll-überladenen Stil der Jahrhundertwende eingerichtete Saal war Versammlungsort und Bühne für die große Politik. Sogar Rosa Luxemburg sprach hier zum deutsch-polnischen Proletariat. Das für Wilhelmsburg so typische lebhafte Vereinsleben fand hier statt, die vielen Maskeraden, die Tanzveranstaltungen unter dem Motto "beschwingter Feierabend" Modenschauen ortsansässiger Textilkaufhäuser, die legendären Boxveranstaltungen und schließlich die türkischen Hochzeiten. Zu guter Letzt wurde der Saal mit seinem leicht maroden Charme für Filmdreharbeiten entdeckt. Eine Zukunft für den letzten historischen Festsaals Wilhelmsburgs wird es nicht geben, und seine Geschichte lässt sich nicht konservieren. Doch die Erinnerungen an diesen Ort lassen sich bündeln. Eine Abschiedsrevue, inszeniert von der Geschichtswerkstatt, ließ einhundert Jahre Festkultur in Stübens Gesellschaftssälen bis zum heutigen "Marmara Dügün Salonu" Revue passieren. Ein Spektakel, das quer durch die Zeiten und Sparten Musik und Politik, Tanz, Akrobatik, Theater und sogar Boxer auf die Bühne brachte. Das Buch zur Revue handelt von einem untergehenden Stück kulturellen Lebens in Wilhelmsburg. Stadtteilgeschichte schreibt sich mit der Erinnerung seiner Bewohner; Erinnerung ist auch eine zentrale Kategorie von Kunst. Aus der Erinnerung Geschichten zu formen und sie auf die Bühne zu bringen, ist ein Weg, dem kollektiven Bewusstsein eines Ortes auf die Spur zu kommen. Das Buch schildert diesen Prozess und dokumentiert die Entstehung der Abschiedsrevue. Es gibt auf diese Weise ein lebhaftes Bild von der Vitalität, aber auch von der kulturellen Zerrissenheit eines Stadtteils, der auf der Suche nach seiner zukünftigen Identität ist.

Leseprobe 2

8. Rückblick, Ausblick, Cha Cha Cha

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In der Auswertung der Revue stecken schon im Keim die Ideen für ein neues Theaterprojekt. Eine Suche nach Stoffen. Als wir einen der Akteure aus der Revue, den Boxer Jörg Knappe, gemeinsam mit seiner Frau für dieses Buch interviewten, erzählte er uns, dass er selbst vor über dreißig Jahren zum letzten Mal im Stübensaal geboxt habe. Er sei nach der Revue, nach seinem Training beim WSV 93, auf der Rückfahrt zu seinem Wohnort Harburg, öfter in Wilhelmsburg durch die alten Straßen gefahren, in denen er aufgewachsen ist. Eine kleine Geschichte, die uns nicht mehr aus dem Kopf geht, am Rande der Stüben-Revue. "Wenn ich für Geschichte zuständig bin, muss ich natürlich darauf achten, welches die Geschichten sind, die so einen Gehalt haben, dass sie an vergangene Geschichte oder Strukturen erinnern." Dieser Satz von Margret ist für uns eine Art Credo unserer gemeinsamen Arbeit. Zumindest war er es bisher. Wir hatten uns zusammengesetzt,um die Revue Revue passieren zulassen, und um über neue Projekte zu fantasieren. Hätten wir das Stück vor zwanzig Jahren gemacht, so wäre sicher Widerstand unser Thema gewesen, das Verhindern des drohenden Abrisses. Wir hätten uns dafür eingesetzt, dass die Türken im Saal bleiben und feiern können. Heute erscheint das nicht mehr sinnvoll. Die Nutzung des Saales geht ihrem Ende entgegen, der Betrieb ist nur unter Auflagen möglich. Es ist uns gelungen, den Geist des Hauses noch einmal wiederzubeleben, mit allem was dazugehört: das Publikum, das Bühnengeschehen, die Art und Weise, wie das Publikum auf das Geschehen im Saal und auf der Bühne einwirkte - das alles ist früher wohl ähnlich gewesen. Wir haben in großem Maße Erwartungen und Erinnerungen bestätigt, wir haben in geringem Maße andere Töne angeschlagen und provoziert, wir haben kaum zum Klischee erstarrte Bilder gebrochen oder korrigiert. Für ein zukünftiges Projekt würden wir uns wünschen, dass wir mehr Mut dafür entwickeln, die Geschichte einer kritischen Revision zu unterziehen, mehr vergangene Ereignisse zu beurteilen anstatt nur 1:1 abzubilden. Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, uns vorher schon eine Perspektive zu leisten, eine klare Position zu haben: An manchen Stellen blieben in der Revue lediglich Effekte übrig, weil wir übersehen hatten, dem Publikum Hintergrundinformationen zu vermitteln. Nach den Trubel-Szenen mit Boxen und Livemusik wurde es plötzlich ganz still im Saal, und ausgemergelte Männer in Unterhemden und Arbeitshosen betraten bei spärlicher Beleuchtung die Bühne. Viele Zuschauer kannten nicht den Hintergrund, aber sie spürten, dass da etwas Trauriges, Tragisches in Szene gesetzt wurde, wurden berührt und waren ergriffen. Die Interviews mit Besuchern zeigten uns im Nachhinein, dass wir das Publikum verführt hatten, ohne den meisten den Inhalt klar zu machen: in Stübens Gesellschaftssälen waren während des Krieges russische Zwangsarbeiter untergebracht. Wir hatten nicht mit der Geschichte, die wir erzählen wollten, berührt, sondern mit gedämpftem Licht, abgearbeiteten Gestalten und traurigen Liedern in einer fremden Sprache. Bei dieser Berührung blieb es. Wenn von Szenen allein Folklore, also traurige oder fröhliche, düstere oder helle, bunte Bilder übrig bleiben, dann ist das zu wenig. Wobei manche Folklore auch durch fehlende Information, sei es in der Inszenierung selbst, oder im Programmheft, entstand. Stellung zu beziehen hätte zum Beispiel bedeuten können, der türkischen Geschichte des Saales in den letzten fünfzehn Jahren, nicht nur mehr - oder überhaupt - Bedeutung zu geben, sondern den Wechsel von dem deutschen Stübens Gesellschaftssaal zu einem türkischen Marmara Dügün Salonu auch szenisch zu hinterfragen. Ein Hamburger Theatermacher hatte im Nachhinein die Idee, dass man den Auftritt des Bandonion-Orchesters von türkischen Saz-Spielern hätte unterbrechen lassen können, nach dem Motto '"Das war' s, geht nach Hause, wir sind jetzt dran, wir übernehmen". Und was dann passiert - da hätte ein Bogen zur Situation des Stadtteils geschlagen werden können. Statt dessen haben wir eine Erinnerung bedient, wie sie von einem Großteil des Publikums gewünscht wurde: Es war eine schöne Zeit, das ist unser Saal, und wir wollen ihn genau so abgebildet haben. Die Arbeiterkultur, wie wir sie gezeigt haben, die gibt es - bis auf ein paar Relikte wie das Bandonion Orchester- nicht mehr. Und die bloße Nostalgie, "wir waren einmal ganz stark, wir hatten eine eigene Kultur, das Publikum war immer begeistert", die erklärt nichts. Viele Besucher hätten sich gewünscht, dass wir ausschließlich die vermeintlich schönste Zeit im Leben, zumindest die schönste Zeit im Saal-Leben gezeigt hätten: zwischen 1948 und 1970. Uns ist noch deutlicher geworden, dass wir "Theater mit Auflage" machen wollen: Geschichte auf die Bühne bringen und durch die Art der Darstellung Stellung beziehen. Inwieweit das auch Spaß machen kann - in diesem Punkt gibt es nicht nur offene Fragen, sondern auch Lust, neue Wege zu probieren. Das Gegenteil von Spaß haben wir bis zur Neige erlebt. Wir hatten uns entschieden, einen Schlinger- und Konsenskurs zu fahren, es uns weder mit dem Ordnungsamt, noch mit den Pächtern zu verderben, damit die Revue in diesem Saal überhaupt stattfinden konnte. Bei unseren letzten Projekten war dies ganz anders gewesen. Schon bei der Vorbereitung des Fährstaßen-Theaters stießen wir auf allgemeines Wohlwollen, da das Projekt eingebettet war in die 325-Jahr-Feierlichkeiten von Wilhelmsburg. Die örtliche Polizei unterstützte uns durch die Beruhigung des fließenden Verkehrs und auch in Vorbereitung und Finanzierung gab es keine nennenswerten Schwierigkeiten. Die Begleitumstände waren dieses Mal extrem kompliziert, was vor allem mit der ungeklärten rechtlichen Betriebs- und Abrissssituation des Saales zu tun hatte, aber sicherlich auch mit dem Thema Ein- und Auswanderung, welches (auch für viele Besucher der Revue) über die Frage "Wem gehört der Saal?" zu der Frage "Wem gehört Wilhelmsburg?" führt. Was könnte unser nächstes Thema, unser nächstes Stück sein? Etwas mit Event-Charakter, "runter von der Bühne", im Hafen gespielt? Die Stüben-Revue mit ihren Stärken, gerade aber auch mit ihren Vermeidungen, wie der Inszenierung der türkischen Geschichte des Saals, wies uns auf Themen wie Einwanderung und miteinander/nebeneinander/gegeneinander/Leben in Wilhelmsburg hin. Im Reiherstieg-Viertel in Wilhelmsburg gibt es viele Kulturvereine, Läden, in denen türkische Männer sitzen, Karten spielen und rauchen, unter einem Bild von Atatürk. Das ist das eine, was man hier beobachten kann, die Traditionsvereine. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Telefonläden, in denen man für relativ wenig Geld nach Zuhause, mit Istanbul oder Ghana, telefonieren kann. Beide Pole, Kulturverein und Telefonladen, markieren ein Spannungsfeld: ein Bedürfnis nach Rückzug in vertraute Räume, die den kulturellen Hintergrund, aus dem man kommt, abbilden, oder abzubilden scheinen. Gleichzeitig die Notwendigkeit, diese Verbindung ständig wiederherstellen zu müssen, den Kontakt mit der Heimat nicht abreißen zu lassen; man kommuniziert miteinander, oder man baut sich Satellitenschüsseln ans Fenster. Man lebt hier - aber auch mit Leib und Seele? Man bewegt sich in einem geschützten Raum, von dem aus es immer schwieriger wird, die Beziehungen zu festigen, die man braucht, um hier Wurzeln zu schlagen, um hier eine Chance zu haben. Was ist eigentlich der Inhalt dieser Telefonate in den Telefonläden? Welche Geschichten werden dort transportiert? Und welche Geschichten werden aus der Heimat hierher transportiert? Eine Seniorin betonte beim Interview, dass viel zu viele Ausländer hier seien, die Hälfte könnte wieder nach Hause fahren. Dann erzählte sie die Geschichte, wie sie sich mit einer neu ins Haus eingezogenen kurdischen Familie bekannt gemacht hat: indem sie ihnen die Hand schüttelte. Wir könnten Geschichten erzählen von Begegnungen, von Erwartungen Alteingesessener und von Hoffnungen hinzugezogener Fremder. Körperlose Geschichten von Telefonen, Satellitenschüsseln und Internet, körperliche von Händeschütteln, Schulterklopfen, Begrüßungsküsschen. Kammerspiel-Atmosphäre bräuchte man, man müsste runter von der Bühne, mit Spaß und Tiefgang beim Aufspüren sozialer wie geschichtlicher Krisenherde. So wird unser nächstes Stück sein. Vielleicht. Auf jeden Fall bleiben wir in Wilhelmsburg am Ball.

Leseprobe 3



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