Pierre Bourdieu

Interventionen 1961-2001

Band 1: 1961-1980
Kolonialkrieg & revolutionäres Bewusstsein; Erziehung & Herrschaft; Gegen die Wissenschaft von der politischen Enteignung
Raisons d'Agir | Aus dem Franz. von Franz Hector und Jürgen Bolder

128 Seiten | 2003 | EUR 12.00 | sFr 21.70
ISBN 3-87975-875-1

 

Die auf vier Bände angelegte thematisch-chronologische Zusammenstellung politischer Stellungnahmen Bourdieus dokumentiert seine Laufbahn als engagierter Wissenschaftler und »kollektiver Intellektueller«.

Pierre Bourdieus öffentliche Wortmeldungen seit den Dezemberstreiks in Frankreich 1995 lösten eine erhitzte Diskussion um sein Engagement und Angriffe von Journalisten und Medienintellektuellen aus. Dabei hatte Bourdieu bereits seit Beginn der 60er Jahre, d.h. seit der Konfrontation mit dem Algerienkrieg, immer wieder Stellung bezogen. Seit dieser Zeit datiert auch seine Abgrenzung sowohl von der Haltung des Lektionen erteilenden Wissenschaftlers als auch vom Spontaneismus des »freien Intellektuellen«.

Diese noch zu seinen Lebzeiten initiierte Edition stellt nicht nur zahlreiche schwer zugängliche und unveröffentlichte Texte zur Verfügung. Es geht insbesondere um die Illustration eines wissenschaftlichen Entwicklungsweges, der in seinen historischen Kontext eingeordnet wird. Verdeutlicht wird die Wachsamkeit für politische und soziale Probleme.

So lässt sich eine Spielart der politischen Intervention verfolgen, die Sozialwissenschaft und Militanz nicht als einen Gegensatz, sondern als zwei Seiten derselben Analysearbeit, Entschlüsselung und Kritik der sozialen Realität betrachtet, um zu ihrer Veränderung beizutragen. Zugleich wird veranschaulicht, wie die Soziologie selbst durch das politische Engagement und durch die Reflexion über die Bedingungen dieses Engagements bereichert wird.

Der Autor: Pierre Bourdieu (1930-2002) war Professor für Soziologie am Collège de France in Paris.

Leseprobe 1

Einleitung der französischen Herausgeber
Texte und Kontexte einer spezifischen Art politischen Engagements Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit meiner Aufforderung an die Forscher, die Verteidigung ihrer Autonomie in Angriff zu nehmen und die ihrem Beruf zugrundeliegenden Werte geltend zu machen, möglicherweise diejenigen unter ihnen schockiere, die lieber in ihrem Elfenbeinturm eingeschlossen blieben und in einem Eingreifen außerhalb der akademischen Sphäre einen gefährlichen Vorstoß gegen die vielbeschworene und zu Unrecht mit wissenschaftlicher Objektivität gleichgesetzte "Werturteilsfreiheit" sehen. (…) Ich bin aber überzeugt, dass die Errungenschaften der Wissenschaft um jeden Preis in die öffentliche Debatte – wo sie tragischerweise nicht zu finden sind – eingebracht werden müssen.
Vorwort zu Gegenfeuer 2, 2001, S. 8f. Die öffentlichen Interventionen Pierre Bourdieus seit den Streiks vom Dezember 1995 wurden oft heftig verurteilt, vor allem von Journalisten und Medienintellektuellen, deren Macht in seinen Arbeiten über das Fernsehen und den Journalismus untersucht wurde. Man warf ihm vor, das politische Engagement erst "in vorgerücktem Alter" entdeckt zu haben, seinen wissenschaftlichen Ruhm zu missbrauchen oder sich auf antiquierte intellektuelle Figuren zu beziehen. Was offensichtlich vor allem schockierte, war, dass ein Gelehrter sich auf diese Weise einmischte und die Lanze der Kritik in die politische Sphäre hineintrug: Warum stieg dieser "Mandarin" hinab "auf die Straße"? Die öffentlichen Eingriffe des Soziologen gehen jedoch bis auf den Beginn seiner intellektuellen Laufbahn zurück, genauer die frühen 60er Jahre und den Krieg in Algerien. Ein ständiges Nachdenken über die "sozialen Bedingungen der Möglichkeit" seines politischen Engagements haben ihn seither dazu gebracht, sich ebenso von einer Lektionen erteilenden Wissenschaftsgläubigkeit abzugrenzen wie von dem Spontaneismus, der bei den "freien Intellektuellen" so verbreitet ist. Das Ziel dieser selbstverständlich unvollständigen Textsammlung besteht nicht nur darin, die zahlreichen "politischen" oder "kritischen" Texte zusammenzubringen, die, häufig schlecht zugänglich oder in anderen Sprachen veröffentlicht, mit Unterstützung von Marie-Christine Rivière den Archiven des Collège de France entnommen worden sind. Es besteht vor allem darin, einen Zugang zu eröffnen: als Einladung zur Lektüre eines oft neutralisierten und aufgrund seiner akademischen Rezeptionsbedingungen unzugänglichen Werkes; als Sammlung von Analysen, Gesprächen und Gelegenheitstexten, oft zweitrangigen Texten, die sich manchmal in ausgearbeiteterer, "wissenschaftlicherer" Form in Büchern wiederfinden. Es soll, über die in ihren historischen Kontext gestellten Etappen im Werdegang des Soziologen, aufgezeigt werden, dass es einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Einmischung gibt: durch die Arbeit der Umformung sozialer Antriebe in kritische Anstöße, die der Soziologie die Bedeutung oder die Nützlichkeit verleiht, ohne die sie nach den Worten Durkheims "keine Stunde Mühe wert wäre", aber auch die Wachsamkeit, durch die Sozialwissenschaft zum Bruch mit den durch die "Aktualität" banalisierten sozialen und politischen Problemen beiträgt, indem sie sie unter einem neuen Blickwinkel betrachtet. Mit bestimmten thematischen Schwerpunkten (wie Erziehung, Meinungsumfragen, die Autonomie des Intellektuellen und des Journalismus) haben wir uns für eine chronologische Reihenfolge entschieden und in historische oder biographische Erinnerungen Texte eingeschoben, die sie mit Rückblicken des Autors auf ihren jeweiligen Entstehungszusammenhang verbinden. Über diesen Weg wird die Genese einer spezifischen Art politischer Intervention nachgezeichnet: Sozialwissenschaft und Militanz sind nicht nur keine Gegensätze, sondern können als die beiden Seiten derselben Analysearbeit aufgefasst werden, als Entzifferung und Kritik der sozialen Wirklichkeit unter dem Blickwinkel ihrer Veränderung. Der in den nachfolgenden Texten sichtbar gemachte Werdegang macht deutlich, wie sehr die Soziologie selbst durch das politische Engagement und das Nachdenken über die Bedingungen dieses Engagements bereichert wird. "Die Zeit ist gekommen, die veraltete Alternative zwischen Utopismus und Soziologismus zu überwinden, um soziologisch fundierte Utopien vorschlagen zu können. Dafür wäre es nötig, dass die Spezialisten der Sozialwissenschaften gemeinsam die Beschränkungen aufbrechen, denen sie sich im Namen einer entstellten Idee von Wissenschaftlichkeit unterworfen glauben. (...) Die Sozialwissenschaften haben ihren (im Übrigen immer noch bestrittenen) Zutritt zum Status einer Wissenschaft mit einem ungeheuren Verzicht erkauft: Aufgrund einer Selbstzensur, die zu einer regelrechten Selbstverstümmelung führt, haben sich die Soziologen – und ich als Erster, der ich so oft die Verlockung zu Prophezeiung und Sozialphilosophie verurteilt habe – dazu gezwungen, als Zeichen einer mangelhaften und ihren Urheber diskreditierenden wissenschaftlichen Einstellung, alle Versuche zurückzuweisen, eine ideale und allgemein gültige Vorstellung der sozialen Welt aufzuzeigen."[1] Diese Aufgabe, in die öffentliche Debatte einzugreifen, setzt eine andere Art von "politischer Rede" voraus, das Herstellen eines anderen Blickwinkels auf die Politik. "Wir sind rundum von Politik umgeben. Wir baden in der immer gleichen und wechselnden Flut des täglichen Geschwätzes über die Chancen und Verdienste untereinander austauschbarer Kandidaten. Wir haben keinen Bedarf für die Leitartikler der Tages- und Wochenzeitungen oder ihre Analysen, die in Wahlzeiten aufblühen und dann, nach kurzem Aufenthalt in der Bestsellerliste, als Futter für die Ideenhistoriker zu den vergilbten Sammlungen der Bouquinisten wandern: Ihre Autoren bieten uns auf allen Kanälen und in allen Sendern ›Gedanken‹, die nur deswegen so leicht aufgenommen werden, weil es sich um ›Gemeinplätze‹ handelt. Alles kann gesagt und unendlich oft wiederholt werden, weil in Wirklichkeit nichts gesagt wird. Und unsere Berufsdebattierer, die sich zu festgelegter Stunde treffen, um die Strategie eines bestimmten Politikers zu diskutieren, das Image oder das Schweigen eines anderen, enthüllen die Wahrheit ihres Spiels, wenn sie die Hoffnung aussprechen, dass ihr Gesprächspartner nicht einverstanden sein möge, ›damit es zu einer Debatte kommt‹. Die Vorschläge über die Politik sind, wie das leere Gerede über das Wetter, von flüchtiger Substanz, und das ständige Vergessen, das die Entdeckung seiner außerordentlichen Gleichförmigkeit verhindert, ist es, was den Fortgang des Spiels erlaubt."[2] Der Soziologe befindet sich folglich nicht nur mit den Professionellen der Politik (Abgeordneten, Gewerkschaftsdelegierten usw.) im Konflikt, sondern auch mit denen, die Pierre Bourdieu die "Doxosophen" nennt – den Professionellen der politischen Analyse und des halbgebildeten Diskurses über das Politische: politischen Journalisten, Medienintellektuellen und anderen Essayisten. Wenn es ihm zufolge zum Bruch mit diesen Diskursen kommen muss, dann nicht nur aufgrund ihrer "wissenschaftlichen Irrtümer", sondern auch aufgrund der Gemeinplätze und Täuschungen, die sie in die öffentliche Debatte einbringen. Die soziologische Kritik ihrer sozialen Funktion scheint einen wahren "Anschlag auf die Normen sozialer Wohlanständigkeit" zu bilden, weil sie eine Überschreitung der "geheiligten Grenze zwischen der Kultur und der Politik, dem reinen Denken und der Trivialität der Agora" voraussetzt".[3] All dies ist dann auch in den jüngsten Kritiken an den politischen Interventionen des Soziologen enthalten: von den "Wissenschaftlern", die ihn beschuldigen, die Wissenschaft zu kompromittieren, indem er den "Magier" spielt, bis zu den Hauptakteuren in Politik und Medien, die ihm das Recht auf Intervention bestreiten, gerade weil er nicht zu "ihnen" gehört. Die Interventionen von Pierre Bourdieu bringen letztendlich die "nicht wohlmeinende Absicht" seiner Soziologie zum Vorschein, die er gleichwohl so definiert: "(Die Soziologie) widersetzt sich der Besonderheit des akademischen Wohlverhaltens, die zum Rückgriff auf erprobte Gegenstände verleitet; aber sie widersetzt sich ebenso den falschen Kühnheiten des Essayismus und der arroganten Unbesonnenheit des Prophetismus. Sie will die Alternative vermeiden, in der diejenigen eingeschlossen sind, die lieber mit Sartre falsch liegen, als mit Aron Recht zu haben oder, umgekehrt, die Alternative zwischen dem entschiedenen Humanismus, den man für generös, und der ernüchterten Gleichgültigkeit, die sich für hellsichtig hält, und versucht, die Gegenwart möglichst weitgehend den üblichen Erfordernissen wissenschaftlicher Erkenntnis zu unterwerfen."[4] Die soziologische Analyse trifft nicht nur auf "Widerstände": Es ist die Natur des politischen Objektes selbst, die Probleme bereitet, insofern die "Fakten" nämlich nicht gegeben, sondern von all denen vorkonstruiert sind, die deren Interpretation in Abhängigkeit von eigenen Interessen bestimmen. Die Illusion, es mit unmittelbar zugänglichen "Problemen der Gegenwart" zu tun zu haben, bildet das erste Hindernis, das überwunden werden muss. "Es ist solange nicht daran zu denken, die Gegenwart wissenschaftlicher Analyse zu unterziehen, wie man nicht mit der Illusion gebrochen hat, sofort unmittelbar all das verstanden zu haben, was üblicherweise das Verhältnis zu dieser unmittelbaren Gegebenheit sozialer Erfahrung definiert. Der Bruch liegt darin, das in Frage zu stellen, was außer Frage, als Evidenz erscheint, diese Art von Evidenz, die sich moralischer Empörung, militanter Sympathie oder rationaler Überzeugung gegenüber durchsetzt. Die soziale und mentale Distanz zwischen der öffentlichen Debatte und der wissenschaftlichen Problemsicht ist in diesem Fall so groß, dass der initiale Bruch den Eindruck erweckt, er sei das Ergebnis eines Vorurteils."[5] Dieser Wille, "die Dinge durch Verwissenschaftlichung zu politisieren" und "die Politik zu denken, ohne politisch zu denken", hat sich schon in den ersten Arbeiten von Pierre Bourdieu über Algerien gezeigt. Und die gesamte Soziologie von Pierre Bourdieu bleibt, nach den Worten von Abdelmalek Sayad, "von dieser ersten Lernerfahrung geprägt".[6] [1] "Monopolisation politique et révolutions symboliques" (1990), in "Propos sur le champ politique, Presses Universitaires de Lyon, 2000.
[2] "Penser la politique", Actes de la recherche en sciences sociales, März 1988, Nr. 71/72, S. 2-3.
[3] Ebd.
[4] "La science et l’actualité", Actes de la recherche en sciences sociales, März 1986, Nr. 61, S. 2-3.
[5] Ebd.
[6] Abdelmalek Sayad, Gespräch in MARS, 1966, Nr. 6.

Leseprobe 2

Die öffentliche Meinung

Was man im Frankreich des 18. Jahrhunderts "Öffentliche Meinung" zu nennen beginnt, ist die öffentliche Bekundung der persönlichen Meinungen eines begrenzten, aber wichtigen Teils der Bevölkerung, der aufgrund seines gewichtigen ökonomischen und vor allem kulturellen Kapitals Anspruch auf die Ausübung politischer Macht erhebt und mit Hilfe von Flugschriften und vor allem mit einer so genannten "Meinungspresse" die politischen Machthaber beeinflussen will. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verwandelt die demokratische Vision, die aus dem "Volkswillen" die einzige Quelle politischer Legitimität macht, die öffentlich geäußerten Meinungen der "sozialen Eliten" in Meinungen des Volkes; das repräsentative politische System führt dazu, dass sich die Angehörigen der "sozialen Elite", die zu gewählten Repräsentanten geworden sind, als die natürlichen Sprecher des "Volkes" betrachten und in den von ihnen vertretenen Meinungen weniger die einseitige und begrenzte Interessensbekundung einer Klasse oder einer besonderen Gruppe sehen als die universelle Offenbarung des allgemeinen Interesses und des Allgemeinwohls. Aber erst in jüngster Zeit, in Verbindung mit dem Aufkommen neuer, von der Sozialwissenschaft erfundener Techniken, Umfragen, Fragebogen, schneller und computerisierter automatischer Bearbeitung der Antworten, hat sich der Begriff der öffentlichen Meinung gewissermaßen voll realisiert, obgleich die Existenz seines objektiven Bezugspunktes immer noch unbestimmt ist. Diese Technologie verfügt, wenn man das so sagen kann, über alles Erforderliche, um dem Begriff öffentliche Meinung eine zugleich "demokratische" und "wissenschaftliche" Grundlage zu geben, weil ja alle Welt direkt oder indirekt befragt wird und die einzelnen Meinungen methodisch erfasst und berücksichtigt werden. Ihr erstes Anwendungsgebiet war die politische Wahlforschung, wo es darum ging, die Intentionen der Wähler vor einer Abstimmung zu erfassen, wobei sie Ergebnisse liefern konnte, die aufgrund ihrer Prognosekraft spektakulär und wissenschaftlich wenig anfechtbar waren, da ihre Genauigkeit und ihre Glaubwürdigkeit durch die Wahl selbst verifiziert wurden. Diese Umfragen im Vorfeld von Wahlen erfassen tatsächlich weniger "Meinungen" im eigentlichen Sinne als Verhaltensabsichten, und dies in einem Bereich, nämlich der Politik, wo die Untersuchungssituation auf recht exakte Weise der Wahlsituation entspricht. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn im Auftrag politischer Autoritäten oder, in jüngster Zeit großer Presseorgane, die Umfrageinstitute Untersuchungen durchführen, in denen es um die Bestimmung der "Öffentlichen Meinung" geht, worunter die Meinung der Mehrheit zu extrem unterschiedlichen und manchmal sehr komplexen Problemen verstanden wird – wie Fragen zur internationalen Politik oder zur Wirtschaftspolitik –, wozu die Mehrheit der befragten Personen keine fundierte Meinung hat und sich selbst die Fragen vor der Befragung niemals gestellt hat. Auch wenn sie, vor allem aufgrund der Technik standardisierter und geschlossener Fragen, stark unterbewertet werden, weisen die explizit genannten Nichtantworten und ihre nicht zufällige Verteilung nach Geschlecht, Bildungsniveau und sozialer Kategorie darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein einer eigenen Meinung sehr ungleich verteilt ist. Anstatt diese Tatsache ernst zu nehmen, und weit davon entfernt, sich auf das Erfassen bereits bestehender Meinungen zu beschränken, produzieren die Umfrageinstitute häufig genug aus einzelnen Teilen eine "öffentliche Meinung", die in Wirklichkeit ein reines Artefakt ist, zustande gekommen aufgrund der Registrierung und statistischen Aggregation von Zustimmungen oder Ablehnungen gegenüber häufig begrifflich vagen, zweideutigen und vorformulierten Meinungen, die in den Umfragen repräsentativen Stichproben der Bevölkerung im wahlfähigen Alter unterlegt werden. Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse durch die "Meinungszeitungen", die sie oft genug bestellt haben, ist dann häufig ein politischer "Coup" mit allen Anzeichen wissenschaftlicher und demokratischer Legitimität, wodurch eine öffentliche oder private Pressure Group, die über genug ökonomische Mittel zur Bestreitung der Kosten einer Umfrage verfügt, in der Lage ist, ihrer partikularen Meinung die äußeren Anzeichen von Universalität zu verleihen, die mit der Idee von "öffentlicher Meinung" verbunden ist. Die sich ausbreitende Praxis der Meinungsumfragen hat die Funktionsweise des politischen Spiels grundlegend modifiziert: Die Politiker müssen nun diese neue und größtenteils von den Politologen kontrollierte Instanz miteinbeziehen, die angeblich – besser als die "Volksvertreter" – sagen kann, "was das Volk will und denkt". Die Umfrageinstitute spielen von nun an auf allen Ebenen der Politik eine Rolle: Sie führen vertrauliche Umfragen für politische Gruppierungen durch, um in einer Marketinglogik festzulegen, welche Wahlkampfthemen vorgeblich am meisten "bringen", und sogar, welche Kandidaten am leichtesten "gefördert" werden können, sie bilden außerdem das Herzstück der meisten politischen Sendungen großer Medienanstalten und verwandeln die Zuschauer tendenziell in Richter und Schiedsrichter der "Leistungen" der Politiker; die nationale Presse gibt permanent Umfragen zu tagesaktuellen politischen Fragen in Auftrag, um deren Ergebnisse zu veröffentlichen. In dem Maße, wie sich die scheinbar wissenschaftlichen Apparaturen vervielfältigen, die vorgeben, die Auswirkungen der Kommunikationspolitik der wichtigsten politischen Führer auf die "öffentliche Meinung" erfassen zu können, wird erkennbar, wie sich die so genannte "Politik" neu definiert. Politisches Handeln erscheint mehr und mehr als die kunstvolle Verwendung einer Vielzahl elaborierter und von Spezialisten der "politischen Kommunikation" erfundener Techniken, um "die öffentliche Meinung in Bewegung zu bringen", also die mehr oder weniger artefaktischen Einteilungen, die von den Meinungsforschungsinstituten aufgrund individueller und privater, in artifizieller Umgebung erhobener Meinungen angesichts einer Population produziert werden, die mehrheitlich nach wie vor von den Subtilitäten des politischen Spiels wenig Ahnung hat. Daher produziert eine Meinungsumfrage in allen Fällen immer denselben Effekt, der darin besteht, durch das Aufzwingen einer Problematik in Kombination mit der Aggregation isolierter Antworten eines der wichtigsten Probleme jedes politischen Handelns als gelöst erscheinen zu lassen, nämlich sowohl die individuelle Meinung als solche als auch das zu konstituieren, was vermittels der Delegation als eine kollektive Meinung präsentiert werden kann.

Leseprobe 3



Inhalt:

Einleitung der französischen Herausgeber:
Texte und Kontexte einer spezifischen Art politischen Engagements (Leseprobe)
1958-1962: Politisches Engagement in Zeiten des Befreiungskrieges
1961-1963: Kolonialkrieg und revolutionäres Bewusstsein
Revolution in der Revolution
Vom revolutionären Krieg zur Revolution
Rückblick auf die algerische Erfahrung
"Sartre und ich". Über den "totalen Intellektuellen"
1964-1970: Erziehung und Herrschaft
Die jakobinische Ideologie
Der Mai 68...
Aufruf zur Bildung von Generalständen in Unterricht und Forschung
Einige Hinweise für eine Politik der Demokratisierung
Rückblick auf die Rezeption von Les Héritiers und La Reproduction
1971-1980: Gegen die Wissenschaft von der politischen Enteignung
Die Doxosophen
Die öffentliche Meinung (Leseprobe)
Die Intellektuellen in den sozialen Kämpfen
Denen das Wort erteilen, die keine Sprache haben
Glücklich die Armen im Geiste
Register der Eigennamen

Quelle: https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/interventionen-1961-2001/