Pierre Bourdieu

Interventionen 1961-2001

Band 2: 1975-1990
Herrschende Ideologie & wissenschaftliche Autonomie; Laien und Professionelle der Politik; Erziehung und Bildungspolitik
Raisons d'Agir | Aus dem Franz. von Franz Hector und Jürgen Bolder

136 Seiten | 2003 | EUR 12.00 | sFr 21.70
ISBN 3-89965-016-6

 

Band 2 der vierbändigen Zusammenstellung politischer Stellungnahmen Bourdieus reicht von der Gründung der Zeitschrift "Actes de la recherche en sciences sociales" 1975 bis zur Konkretisierung der bildungspolitischen Reformvorschläge Ende der 1980er Jahre.

Das Programm der Zeitschrift "Actes" liest sich als eine beispielhafte Formulierung von Pierre Bourdieus Bemühungen um eine Autonomie der Soziologie, die die Produktion der herrschenden Ideologie in Frage stellt. Zu den wichtigsten Voraussetzungen hierfür zählt er ein unabhängiges Veröffentlichungsorgan und den Bruch mit dem akademischen Formalismus sowie der normierenden Standardisierung, Hierarchisierung und Lenkung der Sozialforschung.

Die Präsidentschaftswahl 1981 nimmt Bourdieu zum Anlass, die zunehmende Trennung zwischen Professionellen und Laien der Politik sowie ihre Folgen für die sich verstärkende Logik der Apparate zu analysieren. Mit dem öffentlichen Eintreten für die Kandidatur des Komikers Coluche bringt er seine Kritik an der Abgeschlossenheit der politischen Welt zum Ausdruck.

Weitere Anlässe für Interventionen sind die Unterstützung der Solidarnosc in Polen, die sich in seine Forderungen nach einer Eigenständigkeit der Intellektuellen gegenüber der Politik – auch der (staats-)sozialistischen – einordnet. Dieses Engagement ist zugleich Teil einer beständigen Reflexion über die Autorität der »Sprachrohre« und der Delegierten.

Fortgesetzt werden in diesen beiden Jahrzehnten zudem die Bemühungen um ein fortschrittliches Bildungs- und Hochschulsystem. Seine Appelle und Analysen hierzu veröffentlicht Bourdieu seit 1982 als Mitglied des renommierten Collège de France.

Pierre Bourdieu (1930-2002) war Professor für Soziologie am Collège de France in Paris.

Von ihm erschienen bei VSA in der Reihe "Schriften zu Politik & Kultur" bisher vier Bände. Der VSA-Verlag führt die von Pierre Bourdieu und Franz Schultheis begründete Reihe "Raisons d’Agir" mit Einführungstexten zu zenralen gesellschaftspolitischen Themenstellungen fort. Die bisher erschienenen Bände der Reihe sind weiterhin über UVK (Konstanz) zu beziehen.

Leseprobe 1

Die libertäre Tradition der Linken wiederfinden

Mit zehn anderen Intellektuellen (und durch Hunderte weitere Unterschriften ergänzt) haben Sie letzten Montag einen Aufruf zur Unterstützung Polens verbreitet, der eine harsche Kritik an der französischen Regierung ist. Diese Kritik schien um so heftiger, als sie sich gegen eine sozialistische Regierung richtete.
Angesichts von Ereignissen wie in Warschau gibt es keine Ausflüchte, man muss sich äußern und muss handeln können. Aber wie? Die einzige Möglichkeit für einen gewöhnlichen französischen Bürger läuft über die französische Regierung. In diesem Sinn war in unserem Text von Polen die Rede, und zwar nur von Polen. Es schien uns besonders unverzeihlich, dass eine sozialistische Regierung, die mit Recht vorgibt, mit einem moralischen Anspruch zu handeln, nicht zumindest eine klare und sofortige symbolische Verurteilung des Gewaltstreichs vorgenommen hat. Man tut so, als gäbe es keine andere Möglichkeit als den Krieg oder nichts. Das ist bequem, wenn man nichts tun oder das Nichtstun rechtfertigen will. Doch es gibt tatsächlich, wenn man sich bemüht, ein ganzes Arsenal ökonomischer oder symbolischer Waffen. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung hat die Regierung angefangen, einige davon hervorzuholen; jetzt muss sie noch gezwungen werden, sie auch wirklich einzusetzen. Aber ich komme auf diesen Punkt zurück: Was ist anormal daran, sich an die Regierung zu wenden? Da es sich um eine Angelegenheit der Außenpolitik handelt, kann nur sie für uns effizient sprechen und agieren. Wir haben ihr unsere Macht auf diesem Gebiet übertragen. Wir haben Ansprüche an sie. Als Intellektuelle verfügen wir über das Privileg, dieses Recht eines jeden Bürgers mit einer gewissen Effizienz ausüben zu können. (Auch wenn die Veröffentlichung unseres Aufrufs auf gewisse Schwierigkeiten gestoßen ist…) Man hätte vielleicht darauf warten sollen, bis uns der Präsident der Republik einen Monat später beim Geplauder am Kamin erklärt, was er über Polen denkt und was er dazu im Stillen bei den "Gipfel"-Gesprächen hat äußern können. Zwanzig Jahre Fünfte Republik haben die elementaren demokratischen Reflexe verkümmern lassen. Eine Regierung soll und muss zur Ordnung gerufen werden. Es gab Ihre "ethische" Reaktion gegenüber der Repression in Polen, aber die Initiative einiger Unterzeichner für einen gemeinsamen Aufruf mit der CFDT geht viel weiter. Inwiefern rechtfertigt die polnische Krise Ihrer Ansicht nach die Erklärung einer Art Notstand für die intellektuelle Bewegung?
In unserer gegenwärtigen Herrschaftsform konzentrieren die Regierungen alle Macht auf sich. Und dies scheint mir eine unheilvolle Situation zu sein. Vor allem dann, wenn die Machthaber den Eindruck haben, aufgrund volkstümlicher Strömungen berechtigt, eingesetzt und getragen zu sein, bei denen nicht sichtbar wird, wie sie sich äußern können. Die einzige effiziente Gegenmacht, die ich sehe, ist intellektuelle Kritik und gewerkschaftliches Handeln. Ich glaube, dass die Intellektuellen wie alle Bürger zu jeder Zeit ein Recht auf kritische – was nicht negativ bedeutet – Wachsamkeit haben. Vor noch nicht allzu langer Zeit beklagte man das Schweigen der Intellektuellen. Doch sobald sie sich äußern, ist es skandalös. Das heißt logischerweise, dass man den Intellektuellen und darüber hinaus allen Bürgern keine anderen Rechte zugesteht, als sich zugunsten der Regierung zu äußern. In diesem Punkt ließ unser Aufruf tief blicken. (Sartre hätte ihn "Idiotenfalle" genannt.) Er hat lächerliche, dumme, schamlose, aber auch beunruhigende Äußerungen hervorgerufen: Ich denke an die Angriffe gegen Yves Montand oder gegen die "Linksintellektuellen", aber auch an eines Kanapa[1] würdige Unterscheidungen unseres Kulturministers, wenn er die "perfekte Loyalität" der kommunistischen Minister der typisch "strukturalistischen" Inkonsequenz der Intellektuellen entgegenstellt.
Warum jetzt ein Bündnis mit der CFDT? Die Gründe liegen auf der Hand: Diese Organisation zeigte unmittelbar, vor jeder anderen Institution, die Reaktion, die man sich von allen Gewerkschaftsbewegungen angesichts der militärischen Niederwalzung einer Gewerkschaftsbewegung gewünscht hätte. Dieses normale Verhalten scheint nur aufgrund der anormalen Demission der Organe der Arbeiterbewegung außergewöhnlich zu sein. Es sind nicht wir, die als einzigen Gesprächspartner die CFDT gewählt haben. Aber warum erschien Ihnen dieses Bündnis zwischen Intellektuellen und Gewerkschaften notwendig?
Zunächst wegen seines symbolischen Wertes, weil dadurch an etwas erinnert wurde, was eine der Besonderheiten der Solidarnosc-Bewegung war. Allein das konnte schon ein Beitrag zur Verteidigung von Solidarnosc sein. Aber es gab auch eine gewisse Übereinstimmung in der Analyse der polnischen Situation. Solidarnosc ist eine große, nicht militarisierte Arbeiterbewegung, die durch das Militär zerschlagen worden ist; und auch eine Bewegung gegen den Staatssozialismus. Die Macht, sich die Gesellschaft vorzustellen, die Gesellschaft zu ändern, lässt sich nicht delegieren, und vor allem nicht an einen Staat, der sich das Recht herausnimmt, für das Glück der Bürger ohne sie zu sorgen, wenn nicht sogar gegen sie. Diese mehr oder weniger revolutionäre Macht der Transformation lässt sich nicht an die Männer des Apparats delegieren, die stets dazu bereit sind, Männer des Staatsapparats zu werden. Das ist es, woran die polnische Bewegung erinnert hat: das Scheitern eines Systems, bei dem die Bewegung von oben ausgehen sollte. Heißt das, Sie gehen davon aus, dass sich ein permanentes Bündnis zwischen den Intellektuellen und der CFDT herausbilden müsste?
Bei diesem Punkt muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich denke, dass unser gemeinsamer Aufruf ein Einzelfall ist und dass man, falls sich Ähnliches wiederholen sollte, Punkt für Punkt neu diskutieren müsste. Abgesehen davon habe ich den Eindruck, dass die CFDT gegenwärtig die ganze antiinstitutionelle Strömung "ausdrückt", sagen manche, "wiedergefunden hat", sagen andere, die einen wichtigen Bestandteil der Linken in Frankreich bildet. Es hat den Mai 68 und die Kritik des Bildungssystems gegeben; es hat die Ökologie und die Infragestellung einer ganzen Lebensweise gegeben; es hat die feministische Bewegung gegeben; es hat, und das ist nicht unwichtig, die Kritik der Apparate gegeben, des Zentralismus, die Kritik der hierarchischen Beziehungen und der Autoritätsbeziehungen in Unternehmen, Schule, Familie etc. All dies hat die CFDT am besten verstanden und ausgedrückt: aufgrund ihrer Position, die sie im Konkurrenzfeld der verschiedenen Gewerkschaften und insbesondere im Hinblick auf die CGT einnimmt, aufgrund der besonderen Merkmale ihrer Aktivisten, die dem Symbolischen und den Formen symbolischer Herrschaft gegenüber besonders sensibel sind. Aber dazu bräuchte man eine sehr genaue Analyse.
Das Treffen zwischen den Intellektuellen und der CFDT lässt sich vielleicht dadurch erklären: Beide Seiten merken, dass sich die antiinstitutionellen Strömungen seit dem 10. Mai schlecht oder kaum vertreten fühlen. Man könnte denken, dass alles, was in den Programmen und Versprechungen nicht enthalten ist, alles, was nicht in den Apparaten, Kongressen, Programmen und Plattformen kleingehackt worden ist, nicht existieren würde. Man vergisst, dass in der französischen Gesellschaft, aus soziologischen Gründen, die ich jetzt nicht genauer darlegen kann, in den letzten zwanzig Jahren ein beachtlicher politischer Erfindungsreichtum vorzufinden war, und dass es in der intellektuellen Welt und anderswo Orte gibt, wo diese Arbeit weitergeht. Kurz, man kann nicht sagen, dass die Phantasie an der Macht ist. Können sich die Intellektuellen sozial und politisch eigenständig ausdrücken? Und ist die Verbindung mit der sozialen Bewegung nicht sehr problematisch?
Es ist in der Tat schwierig, mit intellektueller Kritik tatsächlich wirkungsvoll zu sein. Es geht darum, intellektueller Kritik eine soziale Macht und sozialer Kritik eine intellektuelle Kraft zu geben; und von vornherein sowohl die Haltung eines "Weggefährten" zu vermeiden, der alles im Namen der Disziplin schluckt, als auch den leninistischen Traum vom Intellektuellen, der einen Arbeiterapparat diszipliniert. Es ist sicher, dass die Lage eines freien – oder, wenn man will, "unverantwortlichen" – Intellektuellen die Voraussetzung einer freien politischen Analyse und insbesondere einer freien Analyse der Politik ist. Ich meinerseits möchte diese Position ohne Einschränkungen gegen all die "Verantwortlichen" verteidigen, denen die Interessen der Organisationen dem Interesse für die Wahrheit vorgehen, gegen alle, die mit einer kommunistischen Partei auf der Zunge sprechen. Das Haupthindernis für neue Beziehungen zwischen den Intellektuellen und der Arbeiterbewegung erwächst aus der Konvergenz zwischen der Arbeitertümelei einiger aus der Arbeiterklasse stammender Führungskräfte in den Organisationen der Linken und dem Anti-Intellektualismus einiger Intellektueller, die sich der Apparate der Linken bedienen, um ihre Position als Intellektuelle zu stärken. Auch hier müsste man die Analyse weiterentwickeln und präzisieren.
Um auf die Aktion für Polen zurückzukommen, denke ich, dass das Zusammentreffen zwischen den Intellektuellen und einer großen Gewerkschaftsbewegung zweifellos die beste Methode ist, diese Handlung so effizient wie möglich zu machen und den Druck auf die Regierung zu verstärken. Die Intellektuellen haben seit Zola kein einziges neues Aktionsmittel erfunden; sie leiden unter der Ineffizienz der Petition und dem damit einhergehenden Starkult. Ich möchte hinzufügen, dass die Logik der Petition – die immer eine Initiative, also einen logischen Ausgangspunkt voraussetzt – tendenziell ein Milieu spaltet, das aufgrund seiner funktionalen Logik zu persönlicher Konkurrenz verurteilt ist. Daher habe ich seit langer Zeit die Utopie formuliert, eine Gruppe von Intellektuellen zu bilden, deren Unterschrift kollektiv wäre, deren Texte von dem für ein bestimmtes Thema Kompetentesten unter ihnen geschrieben wäre und von einem Schauspieler gelesen werden würde. In diesem Sinn ist für mich die Sendung von Montand und Foucault auf Europe 1 beispielhaft, die eine solche Aufregung bei unseren Machthabern – aber auch beim Publikum, und das ist am wichtigsten – hervorgerufen hat. Ist Ihre aktuelle Aktion eine Kriegserklärung an die französische kommunistische Partei?
Ich möchte zumindest antworten, dass die PCF, die angeblich so um den inneren Frieden in Polen besorgt ist (und die Teil der französischen Regierung ist), wahrscheinlich die Macht unterschätzt hat, die ihr als älterer Tochter der (kommunistischen) Kirche zusteht, für den inneren Frieden Polens zu handeln. Es reicht, sich die Resonanz vor Augen zu führen, die die bemerkenswerten Äußerungen Berlinguers[*] hatten, um die Schwere der Komplizenschaft der PCF zu ermessen.
Wenn Polen nicht Chile ist, dann, weil A nicht gleich A ist: Das Prinzip der Identität löst sich auf und mit ihm die Identität der Intellektuellen. Gespräch mit René Pierre und Didier Éribon, aus: Libération, 23.12.1981, S. 8f.
[1] Jean Kanapa, Journalist der Humanité, war die Verkörperung des stalinistischen Sektierertums. "Man muss eine Katze eine Katze und einen Kanapa einen Kanapa nennen", hätte Sartre gesagt (Anm. d. frz. Hrsg.).
[*9 Enrico Berlinguer hatte als Vorsitzender der KPI den Putsch in Polen eindeutig verurteilt (Anm. d. Übers.).

Leseprobe 2

Über Michel Foucault
Das Engagement eines "spezifischen Intellektuellen" Beim Tod von Roland Barthes sagte Michel Foucault: "Ich habe einen Freund, einen Kollegen verloren." Heute kann ich dasselbe sagen. Und nur das gibt mir das Recht, von ihm und seinem Werk zu sprechen. Ich möchte gerne verdeutlichen, was wahrscheinlich am wenigsten augenscheinlich war: die Konstanz und Kohärenz, die theoretische und praktische Strenge. Die Konstanz eines intellektuellen Projekts, die Konstanz einer Lebensweise intellektuellen Lebens. Zu Beginn wollte er den Bruch (was einige seiner berühmten Apophtegmen[1] über den Tod des Menschen erklärt und entschuldigt): den Bruch mit dem umfassenden Anspruch dessen, den er den "universellen Intellektuellen" nannte und der häufig mit dem philosophischen Projekt gleichgesetzt wurde; wobei er aber der Alternative zwischen Nichts über alles und Alles über Nichts entgehen wollte. Um zu erfinden, was er den "spezifischen Intellektuellen" nannte, musste man tatsächlich darauf verzichten, "als Herr über die Wahrheit und Gerechtigkeit sprechen zu dürfen", auf den Status des "moralischen und politischen Gewissens", auf die Rolle des Sprechers und Mandatsträgers. Und tatsächlich hat er immer wieder klar gemacht, dass es auf dem Gebiet des Denkens keine Delegation gibt. Doch ohne in den illusorischen Kult des Denkens in der ersten Person zu verfallen. Er wusste besser als jeder andere, dass die Spiele um die Wahrheit Spiele um die Macht sind, und dass die Macht und das Privileg den Bemühungen zugrunde liegen, die Wahrheit der Mächte und der Privilegien zu enthüllen. Das absolutistische Denken des universellen Intellektuellen wollte Michel Foucault durch detaillierte Arbeiten ersetzen und an die Quellen selbst zurückgehen – ihm verdanken wir, dass ganze Bereiche historischer Überlieferung ans Tageslicht gebracht wurden, die von den Historikern ignoriert worden waren –, ohne aber dabei auf die größten Ansprüche des Denkens zu verzichten. Auch wenn er die Großtuerei der großen moralischen Überzeugung ablehnte – darüber lachte er gerne –, hat er immer die allzu bequeme und so verbreitete Unterscheidung zwischen intellektuellen Investitionen und politischem Engagement abgelehnt. Die politischen Aktionen, die er mit Leidenschaft, Strenge und bisweilen einer Art rationaler Wut unternahm, verdankten sich nicht dem Gefühl, über die letzten Wahrheiten und Werte zu verfügen, das die Pharisäer der Politik und anderswo kennzeichnet. Bei ihm richtete sich der kritische Blick zunächst auf die eigene Praxis, und er war unter diesem Aspekt der reinste Vertreter dieser neuen Art von Intellektuellen, die es weder nötig haben, sich über die Triebfedern und Motive intellektueller Tätigkeiten zu täuschen, noch sich Illusionen machen über ihre Wirksamkeit, sie zu erfüllen, im vollen Bewusstsein ihrer Gründe. Nichts ist gefährlicher, als eine so subtile, komplexe, perverse Philosophie auf eine Lehrbuchweisheit zu reduzieren. Ich behaupte gleichwohl, dass das Werk von Foucault aus einem ständigen Ausloten des Übertretens der sozialen Grenze besteht, die mit Wissen und Macht untrennbar verbunden ist. Daher rührt wahrscheinlich schon von Anfang an mit seiner ersten Untersuchung Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im klassischen Zeitalter der Vernunft, sein Interesse an der sozialen Genese des Schnitts, der sich im Asyl zwischen dem Normalen und dem Pathologischen manifestiert. Diese Untersuchung einer der entscheidendsten sozialen Grenzen, die der Vernunft zugrunde liegen, bedeutet zugleich eine Überschreitung der Schranke, die das Nichtgedachte von Marx begrenzt (häufig hat Foucault, der gerne äußerte, die beste Art, einen Denker der Vergangenheit zu denken, bestehe darin, sich seiner zu bedienen, um ihn zu überschreiten, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen). Auch wenn man leicht manch ausgesprochen marxistische Behauptung in Wahnsinn und Gesellschaft oder in der Geburt der Klinik finden kann, hat Foucault festgestellt, dass die psychiatrische Internierung, die psychologische Normalisierung der Individuen und die Strafanstalten für jemanden, der nur ihre ökonomische Funktion in Betracht zieht, wahrscheinlich nur von begrenztem Wert sind. Dessen ungeachtet spielen sie in der Maschinerie der Macht eine eminent wichtige Rolle. Daraus entstehen die Analysen in Überwachen und Strafen über die Allgegenwart der Macht: Die Machtbeziehungen sind Bestandteil der Reproduktionsverhältnisse, der Familien, der Kleingruppen, der sexuellen Beziehungen, der Institutionen. Und finden sich vielleicht vor allem in den Köpfen. Hier stößt man wieder auf die rein philosophische Überschreitung als den Versuch, das Ungedachte, das Undenkbare, das Tabu, zu denken, also das, was das Denken beschränkt und verbietet, was sich dahinter verbirgt. Das Ungedachte zu erforschen, das bedeutet zunächst, eine Geschichte der Kategorien des Denkens und der Erkenntnis zu machen, die durch sie erlaubt und zugleich verboten werden. Diese im Sinne Kants kritische Absicht wird in einer Sozialgeschichte verwirklicht, die mit der gewöhnlichen Geschichte der Historiker wenig zu tun hat – wenn man nicht an diese beispielhaften Ausnahmen denkt, wie an die Arbeiten von Dumézil, einem der Vorbilder Foucaults, oder an Die drei Ordnungen von Georges Duby. Deutlich sichtbar in Die Ordnung der Dinge wirkt dieser Ansatz auch in Die Geburt der Klinik, der Sozialgeschichte der klinischen Sichtweise und des medizinisch gelehrten Blicks, und in der Geschichte der Sexualität. Darin ähnelt er Bachelard und Canguilhem, denen er immer die Treue gehalten hat, aber auch Cassirer in Struktur und Funktion oder Individuum und Kosmos, deren Blick sich auf die Wahrheit im Moment ihres Werdens, also dem fruchtbaren Irrtum richtete, und überschreitet die Grenzen ihres Ungedachten, indem er an einer materialistischen Geschichte ideeller Strukturen arbeitet. Aber vor allem gilt Foucaults höchste Aufmerksamkeit dem Irrtum, indem er vor allem die Wissenschaften untersucht, bei denen die Grenze zwischen Irrtum und Wahrheit am schwächsten ausgeprägt ist, Wissenschaften, die am stärksten ideologieverseucht sind, wie die klinische Medizin oder die Psychopathologie, um dadurch das Nichtgedachte der Wissenschaft, das Unbewusste der Wissenschaften des Denkens zu enthüllen. So wie die Geschichte der Erkenntnis permanent an Irren und Scheitern erinnert – in Wahnsinn und Gesellschaft beispielsweise mit dem Irrtum bei den Beobachtungen des Körpers angesichts einer fehlenden richtigen Gewebeanalyse –, ist auch die Hermeneutik des Subjekts, wie sie in der Geschichte der Sexualität vorgeschlagen wird, eine Geschichte des Irrens und der Gewalt, die paradoxerweise niemals so sichtbar wird wie in den Disziplinen – in allen Bedeutungen des Wortes –, die das aufgeklärte Verständnis des liberalen Reformismus erfunden hat, um das menschliche Verhalten zu kontrollieren, nämlich die Psychologie, das Krankenhaus und die Humanwissenschaften. Die Disziplin, die Verbindung von Wissen und Macht, realisiert sich zuallererst in einer Sprechweise. Und hier muss die Überschreitung ihre Waffen außerhalb der Überlieferung, jenseits der Welt kanonischer Lehrmeister finden, bei den Häretikern, natürlich bei Nietzsche, aber auch bei Sade, Artaud, Bataille, Roussel, Blanchot und Deleuze. Bei Nietzsche führte die Philologie zur Soziologie. Die gesellschaftliche Kritik der Vernunft führt zu einer gesellschaftlichen Kritik der Sprache, der wichtigsten Begrenzung des menschlichen Denkens. Das sprachliche Tabu, aber vor allem vielleicht die durch das Verbot erzwungene Übertretung, die Pflicht zur Freiheit, das erpresste Geständnis erinnern daran, dass die Macht im Wissen, aber auch Wissen in der Macht liegt; Erkenntnis, einschließlich der Selbsterkenntnis, ist den Effekten der Macht ausgesetzt. Die Moral wird von der Politik beherrscht. Ich hätte dieses Denken gerne besser beschrieben, das verbissen auf der Suche nach der Herrschaft über sich selbst war, also der Herrschaft über die eigene Geschichte, die Geschichte der Denkkategorien, die Geschichte des Willens und der Wünsche. Aber auch dieses unerbittliche Bemühen, diese Verweigerung des Opportunismus in der Theorie wie in der Praxis, in den Lebensweisen wie bei den politischen Entscheidungen, die Foucault zu einer unersetzlichen Gestalt machen. Erschienen unter dem Titel "Le plaisir de savoir" in Le Monde am 27.6.1984 ist dieser Text eine Hommage auf "Michel Foucault, Philosoph und Professor am Collège de France, gestorben am Montag, den 25. Juni, in Paris im Alter von 57 Jahren."
[1] Apophtegmen (griech.) sind prägnante Aussagen (Anm. d. Übers.).

Leseprobe 3



Inhalt:

1975-80: Herrschende Ideologie und wissenschaftliche Autonomie
Die Entstehung der Actes de la recherche en sciences sociales
Wissenschaftliche Methode und soziale Hierarchie der Gegenstände
Die Produktion der herrschenden Ideologie: Aus der "Enzyklopädie der Redensarten und Gemeinplätze, die an neutralen Orten verwendet werden"
Die Königswissenschaft und der Fatalismus der Wahrscheinlichkeit
Anatomie des Geschmacks
Und wenn man über Afghanistan reden würde?
1970-1980: Politisches Engagement und ideologische Wendungen
1981-1986: Laien und Professionelle der Politik
Bekanntmachung zur Kandidatur von Coluche
Die Politik gehört ihnen
Die verpassten Gelegenheiten: nach 1936 und 1956 auch 1981?
Die libertäre Tradition der Linken wiederfinden (Leseprobe)
Die Intellektuellen und die Mächte – Rückblick auf unsere Unterstützung der Solidarnosc
Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen
Jeder Rassismus ist ein Essentialismus
Über Michel Foucault – Das Engagement eines "spezifischen Intellektuellen" (Leseprobe)
1984-1990: Erziehung und Bildungspolitik
Von einem staatlichen Gutachten zum nächsten
Universität: Die Könige sind nackt
Vorschläge für ein Bildungswesen der Zukunft
Zwanzig Jahre vor dem Bericht des Collège de France
Der Bericht des Collège de France – Erläuterungen von Pierre Bourdieu
Die Weigerung, Unternehmerfutter zu sein
Grundsätze für eine Reflexion über die Unterrichtsinhalte
Brief an die Oberschüler von Mureaux
Register der Eigennamen

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