Wie in diesen schwierigen Zeiten unsere Arbeit charakterisieren? Eine Zeile aus Pablo Nerudas »Ode an das Buch« hilft.

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Michael Sommer / Cornelia Brandt / Lothar Schröder (Hrsg.)

Im Netz@work

E-Mail – Intranet – Internet:

Aufbruch, Überwachung, Regeln

200 Seiten | 2003 | EUR 12.80 | sFr 23.20
ISBN 3-87975-880-8 1

Titel nicht lieferbar!

 

Wenn immer mehr ArbeitnehmerInnen mit, in und über Netzwerke verbunden arbeiten, geht es auch um "Online-Rechte for Online-Beschäftigte" – sie werden in diesem Buch dargestellt.


Internet und Intranet, Telearbeit, virtuelle Teamarbeit, E-Learning- oder Wissensmanagementkonzepte bergen Risiken und Chancen für die Beschäftigten. Um die Chancen zu nutzen, müssen die Interessen der ArbeitnehmerInnen in den Blick genommen werden: Dies trägt dazu bei, ihren Schutz und ihre Rechtssicherheit zu erhöhen, den Erfahrungsaustausch zu initiieren, gelungene Lösungsmodelle bekannt zu machen und dort, wo negative Auswirkungen erlebt werden, Verbesserungen durchzusetzen.

In diesem Band geben ExpertInnen für die Onlinerechte von Beschäftigten praxisnahe Basisinformationen, die für die soziale Gestaltung dieser Nutzung selbst unabdingbar sind. Ihre Themen sind u.a.:
– Partizipation in digitalen Netzwerken
– Den »gläsernen Arbeitnehmer« verhindern
– Betriebs- und Dienstvereinbarungen

Die HerausgeberInnen: Michael Sommer ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Cornelia Brandt ist Referatsleiterin, Lothar Schröder ist Leiter des Bereichs Technologie und Innovationspolitik im Bundesvorstand der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Leseprobe 1

Michael Sommer / Cornelia Brandt / Lothar Schröder
Offener Zugang ins Netz Im Jahr 1999 kündigte die Unternehmensleitung von Xerox eine tiefgreifende Umstrukturierung mit Geschäftsstellenschließungen und Verlagerungen an. Mit einer Kampagne der Betriebsräte mit der Gewerkschaft HBV gegen den geplanten Sozialabbau und die angekündigten Entlassungen wurden Beschäftigte, Öffentlichkeit und Medien erfolgreich mobilisiert.[1] Eine eigene Homepage hatte einen wichtigen Beitrag zum schnellen Informationsaustausch geleistet. Im März 2001 konnten die Xerox-Beschäftigten jedoch die Kampagnenwebsite "xexit" nicht mehr erreichen. Das Unternehmen hatte den Zugang gesperrt. Außerdem konnten Beschäftigte keine E-Mails mehr an die HBV / ver.di schicken. Diese neue Form einer "Aussperrung" zeigt die Bedeutung einer gewerkschaftlichen Kernforderung: Alle Beschäftigten müssen freien Zugang ins Netz haben, auch während der Arbeitszeit. Das Projekt "Onlinerechte für Beschäftigte" der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, unterstützt durch den Deutschen Gewerkschaftsbund, will mit diesem Buch das Thema Netz-Rechte für Netz-Beschäftigte auf die Tagesordnung setzen. Digitalisierung und Vernetzung haben unsere Arbeitswelt in den letzten Jahren grundlegend verändert. Immer mehr Menschen verbringen einen wachsenden Teil ihrer Arbeitszeit im Netz. Beschäftigte wie auch ihre betrieblichen Interessenvertretungen brauchen in den Betrieben offenen Zugang zu Internetdiensten, um mit ihrer Gewerkschaft kommunizieren zu können. Technisch ist es inzwischen möglich, jeden Schritt im Internet lückenlos zu kontrollieren. In Deutschland wird immer mehr Überwachungssoftware eingesetzt, obwohl dem "Big Brother im Betrieb" enge rechtliche Grenzen gesetzt sind. Der "gläserne Arbeitnehmer" ist in vielen Betrieben schon Realität geworden. Ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz muss rechtliche Sicherheit und Klarheit schaffen und die Privatsphäre auch am Arbeitsplatz schützen. Die neuen Medien machen Arbeit mobil. Dies bringt veränderte Arbeitsbedingungen und -belastungen mit sich, neue Risiken, aber auch neue Chancen. Nutzen sollten wir die Chancen elektronischer Modernisierung unserer Arbeit. Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich auszutauschen, schnell und zeitnah zu informieren, weiterzubilden und zu qualifizieren. Dieses Buch gibt dazu Anregungen. Die Computertechnik durchdringt immer stärker die Arbeitswelt. Wir wollen uns die Reichweite des Internets für unsere eigene Arbeit zu Nutze machen. Betriebliche Interessenvertretungen und Gewerkschaften müssen verstärkt in elektronischen Netzen präsent sein und das Internet zu einem strategischen Instrument weiterentwickeln. Traditionelle Formen gewerkschaftlicher Information und Kommunikation müssen durch netzgestützte Formen ergänzt werden. Davon können wir in vielfacher Hinsicht profitieren. Es geht um Schnelligkeit und Reichweite, Qualität und Zielgenauigkeit, Kampagnen- und Konfliktfähigkeit. Und es geht um internationale Zusammenarbeit, "digitale" Beteiligung an und Transparenz von Willensbildungsprozessen und auch um die Ansprache von Beschäftigtengruppen, die bisher eher gewerkschaftsfern waren. ExpertInnen für die Onlinerechte am Arbeitsplatz stellen in diesem Buch Initiativen und Konzepte für die soziale Gestaltung des digitalen Umbruchs der Arbeitswelt vor. Es enthält Beiträge zur Partizipation in digitalen Netzwerken, zur Verhinderung von Big Brother im Betrieb und stellt ein kleines "Handbuch" für die Arbeit im Netz mit Checklisten, Dienst-, Betriebsvereinbarungen und anderen nützlichen Hinweisen zur Verfügung. Berlin, den 30.1.2003 [1] Siehe dazu den Beitrag von Walter Kubach "Vom Netz getrennt".

Leseprobe 2

Michael Sommer / Lothar Schröder
Eine e-Union für e-Europe?
Gewerkschaftliche Arbeit im Netz Intel-Chef Andy Grove wird der Satz zugeschrieben, es werde in Zukunft keine "Internet-Unternehmen" mehr geben, sondern nur noch Unternehmen, die das Internet im umfassenden Sinne für ihre Zwecke einzusetzen verstehen – andernfalls werde es sie überhaupt nicht mehr geben. Gilt dies auch für Gewerkschaften? Müssen auch die Interessenvertretungen der Arbeitnehmerschaft sich "im Sinne von e-Organisationen neu definieren" und "das Internet in den Mittelpunkt ihrer Zielsetzung und ihrer Strategie stellen" (Darlington 2001: 250)? Vieles spricht nach unserer Einschätzung für diese These. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Gewerkschaften das Netz in ihrer Alltagsarbeit nutzen – das tun sie längst[1] –, sondern ob es gelingen wird, das Internet als strategisches Instrument zur Stärkung, Modernisierung und Demokratisierung der Gewerkschaftsbewegung zu gebrauchen. Medium und Message Was könnte, was muss eine "e-Union" sein? Zunächst einmal wird sie eine Gewerkschaft sein müssen, die einen zumindest doppelten Anspruch hat: Zum einen sollte sie in der Lage sein, die vielfältigen Möglichkeiten auszuschöpfen, die die modernen Informations- und Kommunikationstechniken zur Verbesserung ihrer Arbeit eröffnen. Gleichzeitig aber muss die e-Union sich auch als Interessenvertretung der Beschäftigten in einer zunehmend vom Internet geprägten Wirtschaft begreifen und bewähren. Spätestens beim Debakel der "New economy" hat es sich gezeigt, dass abhängig Beschäftigte auch im "digitalen Kapitalismus" kollektive Interessenvertretung brauchen – und die e-Union muss diese sein. Dies ist einfacher gesagt als getan, verlangt es doch von Gewerkschaften, eingefahrene Gleise zu verlassen, sich um neue, nicht der klassischen Klientel entstammende Zielgruppen zu kümmern und andere als die gewohnten Themen aufzugreifen (vgl. Schröder 2001). Es reicht dabei bei weitem nicht, sich virtuos des Internets zu bedienen – die e-Union muss auch etwas zu kommunizieren haben, muss den Menschen, die sie noch gewinnen will oder die sie schon organisiert hat, vor allem in der Sache etwas bieten können. Marshall Mc Luhan hat wohl nur eingeschränkt Recht: Das Medium ist nicht auf Dauer die Message! Eine wunderbar gestaltete Gewerkschafts-Website, die den Mitgliedern keinerlei nützlichen Inhalt erschließt, wird diese nicht allzu lange interessieren. Umgekehrt hilft auch ein erstklassiger Tarifvertrag wenig, wenn die begünstigten Beschäftigten mangels gewerkschaftlicher Kommunikationskompetenz davon nichts erfahren. Die e-Union muss beides haben: Eine relevante Message und das adäquate Medium! Und dieses Medium ist das Internet – nicht immer, aber immer öfter ... Zwingende Gründe für die e-Union Es gibt wenigstens drei zwingende Gründe für Gewerkschaften, sich auf den Weg zur e-Union zu begeben und das Netz zur zentralen Plattform ihrer Kommunikationsstrategie zu machen:   Erstens sind Internet, Intranet und E-Mail in großen Teilen der Arbeitswelt bereits die mit Abstand relevantesten Kommunikations-, Informations- und Kooperationsmedien. Eine Mitarbeiterbefragung bei knapp 4.000 Beschäftigten der Telekom-Tochter T-Systems-CSM hat z.B. gezeigt, dass nur noch 35% der Kolleginnen und Kollegen das schwarze Brett als gelegentliche Informationsquelle nutzen. 90% der Beschäftigten in diesem Unternehmen gehen dagegen ins Intranet, um sich kundig zu machen. Sie schätzen dieses elektronische Informationsangebot in seiner Bedeutung ähnlich hoch ein wie das persönliche Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen. Gewerkschaften, die wahrgenommen werden und mitreden möchten, müssen allein schon aus diesem Grund im Netz präsent sein.   Sie sollten dies zweitens auch deshalb, weil andere – Arbeitgeber, Karriereberater, Jobvermittler – Gleiches tun: Gewerkschaften "sind nicht die einzigen Organisationen, die Arbeitnehmern Dienstleistungen via Internet anbieten" (Diamond und Freeman 2001: 23), sie haben im Cyberspace ernst zu nehmende Konkurrenz! Viele Unternehmensleitungen haben B2E-Initiativen gestartet – ein Kürzel, das für "business-to-employee" steht. Bei DaimlerChrysler z.B. firmiert diese unter der Parole "Network the workforce!" und zielt darauf, die Beschäftigten komplett in die elektronische Infrastruktur des Konzerns einzubinden und ihnen auf dieser Basis auch persönliche Services anzubieten. Sie finden dort u.a. Informationen über Belegschaftsaktien, die Entwicklung der Pensionsfonds, Marktplätze für Kauf und Verkauf von Jahreswagen, Versicherungsangebote, interne Jobbörsen usw. Gewerkschaften, die sich nicht in vergleichbarer Weise zu präsentieren verstehen, laufen Gefahr, als Insassen des Jurassic-Parks zu gelten.   Zum dritten stehen Gewerkschaften vor dem Problem, dass die klassischen, überwiegend papiergebundenen, im Betrieb verteilten oder ausgehängten Medien einen größer werdenden Teil der Belegschaften schlicht nicht mehr erreichen. Heute bekommen viele Beschäftigte – Telearbeiter, mobile Außendienstler, Outgesourcte, Freelancer – das "schwarze Brett" am Kantineneingang überhaupt nicht mehr zu Gesicht, sie kennen das Betriebsratsbüro allenfalls noch aus der Erinnerung, man kann ihnen auch kein Flugblatt am Werkstor in die Hand drücken und mit ihnen ins Gespräch kommen. Auch deshalb müssen solche traditionellen Formen betrieblicher Information und Kommunikation durch zeitgemäßere elektronische Varianten ergänzt und ersetzt werden. Lernen vom e-Business? Die Potenziale der e-Union Die e-Union steht aber nicht nur deshalb auf der Tagesordnung, weil die Verhältnisse die Gewerkschaften dazu zwingen. Wichtiger ist, dass eine elektronische Modernisierung realen Nutzen für die Arbeitnehmerorganisationen und ihre Mitglieder bringen kann. Obwohl Gewerkschaften sich nicht als Wirtschaftsunternehmen verstehen, nicht gewinnorientiert arbeiten, sondern demokratisch aufgebaute Interessenvereinigungen sind, muss es bei der konzeptionellen Gestaltung der e-Union keinesfalls schaden, bestimmte Prinzipien des elektronischen Business zur Kenntnis zu nehmen, vielleicht sogar von ihnen zu lernen ... Dies gilt zum einen für eine Reihe von Zielgrößen, die auch im gewerkschaftlichen Kontext von Belang sind:   Auch Gewerkschaften profitieren von der Senkung der Transaktionskosten, wie sie durch die Digitalisierung von Prozessen möglich wird. Die 1.500 E-Mails an die Belegschaft von "Pixelpark", mit denen ver.di die Bildung eines Betriebsrats in diesem klassischen new-economy-Unternehmen initiiert hat, waren so furchtbar teuer nicht – zumal wenn man sie mit den klassischen, ungemein personal- und zeitaufwendigen Methoden vergleicht, mit denen das schwierige Terrain unorganisierter Betriebe üblicherweise beackert wird.   Gewerkschaften können ebenso wie kommerzielle Unternehmen ihre Reichweite – ihre Märkte, wenn man so will – via Netz ausdehnen. Sie kommen an andere Zielgruppen heran, können geografische Distanzen leichter überbrücken und räumlich verstreute Beschäftigte leichter erreichen.   Elektronische Formen lassen erweiterte Präsenzzeiten zu – z.B. durch Call-Center oder netzgestützte Beratungsformen – und sie können Reaktionszeiten verkürzen. Auch Gewerkschaftsmitglieder wissen es zu schätzen, wenn sie außerhalb herkömmlicher Bürozeiten Auskünfte bekommen oder auf ihre Eingaben binnen kurzer Frist Antwort erhalten.   Dies hat etwas mit besserem Service zu tun – Gewerkschaften können im Netz zusätzliche, qualitativ höherwertige Dienstleistungen theoretisch "rund um die Uhr" anbieten, dies wiederum dürfte der "Kundenbindung" – hier der Bindung zwischen Mitgliedern und Organisation – durchaus zuträglich sein. Zum anderen lohnt auch der Blick auf die Methoden, die diese Potenziale erschließen können:   Eine Stärke des e-Business ist die Möglichkeit zur "Disintermediation", zur Ausschaltung von Zwischenstufen in der Vertriebskette. Auch gewerkschaftliche Informations-, Kommunikations-, vielleicht sogar Entscheidungswege – sowohl "top-down" als auch "bottom-up" – sollten von dieser Direktheit und Unmittelbarkeit profitieren können.   Gleiches gilt für die Option der Personalisierung von Services, die für netzgestütztes Business charakteristisch ist. Wer auf die Seite von Amazon kommt, wird dort mit Namen begrüßt und erhält Vorschläge, die auf seinen bisherigen Erwerbungen und angegebenen Interessen basieren. Es gibt bereits gewerkschaftliche Websites – das "workingfamilies"-Portal der AFL-CIO z.B. –, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren.   Auf der Basis bestimmter persönlicher Präferenzen oder Eigenschaften lassen sich virtuelle Gemeinschaften im Netz bilden – solche "communities" eröffnen die Möglichkeit, über räumliche Entfernungen hinweg Interessengruppen zu formen, zu diskutieren, die gewerkschaftliche Willensbildung zu beeinflussen. Dies kann die Debattenkultur in einer Gewerkschaft beleben, neue Bindungen begründen und vor allem solchen Gruppen zugute kommen, die aus welchen Gründen auch immer Schwierigkeiten haben, sich auf klassischen Wegen – durch Teilnahme an Versammlungen – in die Diskussionsprozesse einzubringen. Eine e-Union kann insgesamt die Qualität gewerkschaftlicher Informations- und Kommunikationsprozesse nachhaltig verbessern – diese dürften in puncto Reichhaltigkeit, Intensität und Schnelligkeit erheblich profitieren, und zwar   in der organisationsinternen Vertikalen – von "unten" nach "oben" und umgekehrt: Im e-business-Jargon "M2U" ("member to union") bzw. "U2M" ("union to member");   ebenso in der organisationsinternen Horizontalen – zwischen einzelnen Mitgliedern ("M2M"), Organisationsgliederungen, Personengruppen und Interessengemeinschaften und natürlich auch   über die Grenzen der Organisation hinaus: Gewerkschaften können mittels des Netzes besser über sich informieren, haben aber auch die Möglichkeit, auf diesem Weg ihre eigene Wissensbasis in beträchtlichem Maße zu verbessern. Last but not least sollte die e-Union an demokratischer Substanz zulegen können: Einmal dadurch, dass sich in einer solchen Organisation bisherige Informationshierarchien abflachen werden. Im idealtypischen Fall wird in der e-Union jedwede digitalisierbare Information für alle Mitglieder in leicht auffindbarer Weise zugänglich sein – Protokolle, Strategiepapiere, Tarifverträge, Kongressanträge usw. Auf einem solchen Weg dürften sich nicht nur Informationsvorsprünge reduzieren und qualifizierte Beteiligungsmöglichkeiten erweitern lassen; auch die Transparenz von Entscheidungen sollte sich erhöhen, ebenso die "accountability" – nennen wir es auf deutsch: die Kontrollierbarkeit – der haupt- und ehrenamtlichen Entscheidungsträger. Der Kollege von der Basis sollte in einer "Cyberunion" (Shostak 1999) leichter Antworten auf die immer wieder und zu Recht gestellte Frage finden, was die Hauptamtlichen denn so mit seinen Mitgliedsbeiträgen anstellen. Und er müsste – wenn diese Antworten unbefriedigend ausfallen – seine Einwände und Beschwerden auf direktem elektronischen Weg an die Spitze der Organisation richten können, ohne einen mehrstufigen Instanzenweg gehen zu müssen. Auf diesem Weg eröffnet die e-Union mehr Chancen direkter Partizipation – hier verhält es sich bei Gewerkschaften nicht anders als bei anderen Organisationen, die auf Regeln repräsentativer Demokratie gründen. Im Netz lassen sich die Meinungen der Mitglieder zu bestimmten Entscheidungsalternativen – z.B. im Vorfeld einer Tarifrunde – vergleichsweise leicht erheben, im Netz können sich auch Initiativen "von unten" leichter Gehör verschaffen. Und natürlich sind im Netz auch Wahlen möglich. Allerdings stoßen wir hier immer wieder auf das Problem, dass viele Gewerkschaftsmitglieder eben noch nicht im Netz und deshalb von diesen Formen der Meinungs- und Willensbildung strukturell ausgeschlossen sind. Deshalb werden sich derartige Optionen direkter Demokratie solange nur ergänzend nutzen lassen, solange das Problem des "digital divide" innerhalb der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft nicht zufrieden stellend gelöst worden ist. e-Union und e-Europe: Das ver.di-Projekt "int.unity" Große und begründete Hoffnungen verbinden sich mit dem Projekt "e-union" vor allem im gesamten Aktivitätenspektrum der transnationalen Kooperation (vgl. u.a. Munck u. Waterman 1999; Lee 1999; Shostak 1999: 205ff.; Hodkinson 2001). Eine funktionsfähige grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit ausländischen Partnerorganisationen und supranationalen Dachverbänden ist angesichts der rasant fortschreitenden Internationalisierung von Märkten und Unternehmen und der forcierten "Europäisierung" politischer Entscheidungsstrukturen und -prozesse für Gewerkschaften längst zur zwingenden Notwendigkeit geworden. Diese Kooperation muss – was Häufigkeit, thematische Breite und inhaltliche Tiefe anbetrifft – nachhaltig intensiviert, erweitert und auf Dauer angelegt werden, wenn die Interessenvertretungen der Arbeitnehmer mit den angedeuteten ökonomischen und politischen Prozessen Schritt halten wollen. Gefordert ist damit eine neue Qualität des gewerkschaftlichen Internationalismus über Organisations-, Staaten- und Sprachgrenzen hinweg. Traditionelle Verfahren der internationalen Gewerkschaftsarbeit – im Wesentlichen die Durchführung gemeinsamer Kongresse und Gremiensitzungen sowie der Austausch von Delegationen in mehr oder minder großen zeitlichen Abständen – sind angesichts dieser Herausforderung an ihre Grenzen geraten. Sie überfordern aufgrund des hohen Zeit- und Kostenaufwands – u.a. für inhaltliche Planung, Reisevorbereitungen, An- und Abreise, Hotelunterkünfte – und wegen ihrer hohen Abhängigkeit von Kopräsenz und Synchronizität spätestens dann die zeitlichen und monetären Budgets der Akteure, wenn internationale Projektteams mit hoher Frequenz tagen müssen, um problemadäquate Ergebnisse erzielen zu können. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Option an Bedeutung, herkömmliche "Face-to-face"-Formen internationaler gewerkschaftlicher Kommunikation und Kooperation durch neue, netzbasierte Varianten elektronischer Zusammenarbeit zu ergänzen, die gemeinsames Arbeiten "anytime, anyplace" – also auch asynchron und unter Überbrückung geografischer Distanzen – ermöglichen. Dies umschreibt exakt das Hauptanliegen des Projekts "int.unity",[2] das ver.di zu Beginn des Jahres 2002 gemeinsam mit der britischen CWU (Communications Workers Union) und UNI Europa (Union Network International), dem europäischen Arm der größten Gewerkschaftsinternationalen der Welt, gestartet hat.[3] Es geht bei diesem Projekt darum, die Zusammenarbeit der beteiligten Gewerkschaften in wichtigen, sie gemeinsam berührenden Themenfeldern auf eine tragfähige Grundlage im Internet zu stellen. Virtuelle internationale Projektteams der mitwirkenden Organisationen sollen dabei auf der Basis einer ihren Bedürfnissen angepassten BSCW-Plattform (Basic Support for Cooperative Work) in effizienter, qualitativ hochwertiger Form und in einem europäischen Kontext aktuelle gewerkschaftliche Problemlagen erörtern, "best-practices" austauschen und sich auf gemeinsame Analysen und Handlungsempfehlungen verständigen. int.unity zielt dabei nicht nur auf die Überwindung geografischer Distanzen via Netz, sondern auch auf die Absenkung der Sprachbarriere, einem nach wie vor schwerwiegenden Problem internationaler Gewerkschaftskooperation: Der besondere "Gag" des Projektes ist die Implementierung innovativer Sprach(übersetzungs)technologie (deutsch-englisch), die es den beteiligten Akteuren ermöglichen soll, im Rahmen des Projekts in ihrer Muttersprache zu kommunizieren und zu arbeiten, d.h. Mitteilungen, Informationen und Dokumente in der jeweils eigenen Sprache anzufertigen, die dann maschinell – mit Unterstützung eines "menschlichen Evaluators" – möglichst fehlerfrei und verständlich in die jeweils andere Sprache übersetzt werden. Unter anderem sollen dabei die deutsch-englischen Wörterbücher sukzessive um die einschlägige gewerkschaftliche Terminologie erweitert, gemeinsame Standards für die Abfassung der Quelltexte erarbeitet und die Benutzerfreundlichkeit der Übersetzungssoftware verbessert werden. Einen erfolgreichen Projektverlauf vorausgesetzt, könnte "int.unity" wesentlich dazu beitragen, nicht nur die Zusammenarbeit gewerkschaftlicher Organisationen, sondern auch die alltägliche Kooperation europäischer Betriebsräte und sämtlicher Akteure des europäischen sozialen Dialogs in einer anspruchsvolleren, kostengünstigeren und komfortableren Form zu ermöglichen – und damit einen wichtigen Baustein zum Gesamtgebäude eines sozialen und inklusiven "e-Europe" beisteuern. Literatur
Darlington, R. (2001): Die Entstehung der e-Union. Einsatz von IuK-Technologien bei britischen Gewerkschaften. In: Sommer u.a. 2001, S. 250-263.
Diamond, W. J., Freeman, R.. B. (2001): Will Unionism prosper in Cyberspace? The Promise of the Internet for Employee Organization, Working Paper 8483, National Bureau of Economic Research, Cambridge, MA, September 2001.
Hodkinson, S. (2001): Reviving Trade Unionism: Globalisation, Internationalism & the Internet, Working Paper Presented to the 29th Joint Sessions of Workshops, European Consortium for Political Research, Grenoble, France, April 2001.
Lee, E. (1999): Trade Unions, Computer Communications and the New World Order. In: Munck u. Waterman 1999, S. 229-243.
Munck, R., P. Waterman (Hrsg.) (1999): Labour worldwide in the Era of Globalization, Houndmills/New York 1999.
Schröder, L. (2001): Und sie bewegt sich doch. In: Sommer u.a. 2001, S. 195-215.
Shostak, A. B. (1999): Cyberunion. Empowering labour through computer technology. Armonk 1999.
Sommer, M. / L. Schröder / M. Schwemmle (Hrsg.) (2001): Neu denken – neu handeln. Arbeit und Gewerkschaften im digitalen Kapitalismus. Hamburg 2001. Ausgewählte Links zu ver.di-Websites und -Projekten im Netz
www.verdi.de
www.verdi-innotec.de
www.projekt-be-online.de
www.connexx-av.de
www.intunity.org
www.mediafon.net
www.onforte.de
www.onlinerechte-fuer-beschaeftigte.de
www.quid.de [1] Siehe hierzu die am Ende des Beitrags abgedruckten Links zu ausgewählten ver.di-Websites und -Projekten.
[2] Das Akronym "int.unity" steht für den Projekttitel "Building up an international trade union community in the net".
[3] "int.unity" wird von der Europäischen Union aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF Artikel 6 – "Innovative Maßnahmen") kofinanziert. Neben den genannten Gewerkschaftsorganisationen wirken als technische Projektpartner die Orbiteam Software GmbH und das Institut der Gesellschaft zur Förderung der Angewandten Informationsforschung e.V. an der Universität des Saarlandes (IAI e.V.) mit.

Leseprobe 3



Inhalt:

Michael Sommer / Cornelia Brandt / Lothar Schröder
Offener Zugang ins Netz

Im Netz@work
Wie kann Arbeit im Netz sozial gestaltet werden?


Claudia Schertel
Was auch der normale User wissen sollte
Internet und Intranet
Karl-Heinz Brandl
Elektronische Arbeit
Von der Telearbeit zur E-Work
Claudia Rudolph
Lernen im Netz

Die gläsernen Beschäftigten
Welche Rechte haben Beschäftigte im Netz?


Gerrit Wiegand
Big Brother am Arbeitsplatz
Peter Wedde
Auf dem Weg zu einem Arbeitnehmerdatenschutzgesetz
Walter Kubach
Vom Netz getrennt
Die Erfahrungen der Xerox-Betriebsräte

Partizipation in digitalen Netzwerken


Anja Linnekugel/Cornelia Brandt
Online-Einsatz für Beschäftigte
Michael Sommer / Lothar Schröder
Eine e-Union für e-Europe?
Gewerkschaftliche Arbeit im Netz
Gerd Rohde
Online-Rights for Online-Worker
Eine UNI Kampagne
Eric Lee / Lothar Schröder
Virtuelle Arbeitskämpfe – Was können sie?
Ein virtuelles Interview

Das kleine Handbuch der Online-Worker


1. Internet und Intranet
Kleines Online-Alphabet – Wörterbuch für Internet und Intranet
Partizipation in digitalen Netzwerken. Internet und Intranet nutzen und aktiv gestalten – Trends, Chancen, Risiken
Aus der Praxis für die Praxis: Nutzungsbeispiele. Organisation der Betriebsratsarbeit und Informationsbeschaffung durch Intra- und Internet
Regeln der digitalen Kommunikation
Top-Ten-E-Mail-Regeln
Den "gläsernen Arbeitnehmer" verhindern. Grenzen der Überwachung durch den Arbeitgeber
Interessenvertretung ist gefordert – Betriebsrat muss handeln. Schutz vor Überwachung durch das Betriebsverfassungsgesetz
Für die Telekommunikation gelten eigene Gesetze. Datenschutz bei der Nutzung von E-Mail, Internet und Intranet
Empfehlungen für Regelungen in Betriebs- und Dienstvereinbarungen
Für die Praxis: Checkliste
Handlungsmöglichkeiten für Betriebs- und Personalräte. Was ist im Betriebsverfassungsgesetz und Personalvertretungsgesetz geregelt?
2. Telearbeit
Organisationsform / Kurzbeschreibung / Bisherige Erfahrungen
Chancen & Risiken von Telearbeit
Alternierende Telearbeit gestalten
FAQ "Telearbeit" – 31 Fragen und 31 Antworten
Was und wie regeln? Vereinbarungen und Tarifverträge
3. E-Learning
Hand aufs Herz: Anforderungen an die Lern- und Arbeitsorganisation
Checkliste
Zu Hause lernen
Beispiele aus der Praxis – Gestaltungshinweise
Alles was recht ist. Betriebsratsrechte und betriebliche Weiterbildung
Mensch und Maschine: Anforderungen an eine ergonomische Lernsoftware
Besser werden – Ein Musterfragebogen

Autorenreferenz

Karl-Heinz Brandl, Geschäftsführer ver.di-innotec gGmbH sowie Technologie- und Datenschutzberater für Betriebs- und Personalräte, Experte bei OnForTe, Frankfurt a.M. Cornelia Brandt, Dipl. Soziologin, Referatsleiterin Innovations- und Technologiepolitik im ver.di Bundesvorstand, Mitglied des ver.di-Projekts OnForTe, Berlin Walter Kubach, Starkstromelektriker, von 1980 bis 2002 bei der Firma Xerox als Kundendiensttechniker tätig. Etwa 20 Jahre gewerkschaftlich orientierte Betriebsratsarbeit, geprägt durch die Praxis im betrieblichen Alltag, Mundelsheim. Eric Lee, Herausgeber des Netzinformationsdienstes LabourStart (www.labourstart.org) und Autor des Buches "The Labour Movement and the Internet: The New Internationalism" sowie weiterer Publikationen zum Thema "Gewerkschaften im Netz", London. Anja Linnekugel, Diplom Kommunikationswirtin, Beratung und Konzeption bei der wegewerk Medienlabor GmbH (Fullservice-Kommunikationsdienstleister, der ausschließlich für den nichtkommerziellen Sektor wie z.B. NGO’s, Gewerkschaften arbeitet), Berlin. Gerhard Rohde, Leiter der Abteilung für Fach- und Führungskräfte, Union Network International (UNI), Nyon (Schweiz) Claudia Rudolph, Dipl.-Betriebswirtin, Mitarbeiterin OnForTe, Bremen. Claudia Schertel, Rechtsanwältin, Leiterin des Projektes OnForTe, Langen. Lothar Schröder, Leiter der Abteilung Innovations- und Technologiepolitik beim ver.di Bundesvorstand, Berlin. Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB), Berlin Peter Wedde, Prof. Dr. jur, Hochschullehrer am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Frankfurt a.M. Gerrit Wiegand, Dipl. Inform., ehemaliger Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "quid! – Das Siegel für Qualität im Datenschutz", heute Geschäftsführer der mainis IT-Service GmbH, Offenbach.

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