Klaus Kleinau

Im Gleichschritt, marsch

Der Versuch einer Antwort,
warum ich von Auschwitz nichts wusste.
Lebenserinnerungen eines NS-Eliteschülers
der Napola Ballenstedt

110 Seiten | 1999 | EUR 12.80
ISBN 3-87975-761-5 1

Titel nicht lieferbar!

 

In NS-Deutschland und in den besetzten Gebieten gab es bis 1939 15 Nationalpolitische Erziehungsanstalten (Napolas); 27 weitere, davon drei für Mädchen, wurden bis zum Ende des Krieges gegründet. In diesen Heimschulen wurden mehrere tausend Schüler erzogen, die die spätere Elite des Staates bilden sollten.

Sie alle haben – sofern sie den Krieg überlebten – diese Erziehung auf sehr unterschiedliche Weise verarbeitet; bei nicht wenigen saßen und sitzen die erlernten »Ideale« noch nach Jahrzehnten in den Köpfen fest.

Klaus Kleinau schildert seine Schulzeit in der Napola Ballenstedt im Harz, in die er 1938 aufgenommen wurde. Sein lebendiger Erinnerungsbericht und zahlreiche Fotos und Dokumente veranschaulichen die Ausbildung des nationalsozialistischen Führungsnachwuchses. Außerdem beschreibt er seine schwierige Ablösung von dieser Prägung nach Kriegsende, seine langsame Bewusstwerdung über den verbrecherischen Charakter des Staates, zu dessen Führungspersonal er ausgewählt und erzogen worden war.

Rezensionen

"Vom NS-Elite-Schüler zum Antifaschisten" ( ... )
"Der Wert dieses Buches, das reich illustriert ist mit autobiographischen Fotos, ist auf verschiedenen Ebenen zu suchen. Zum einen vermittelt es aufgrun der detaillierten subjektiven Erinnerungen eines Betroffenen eine Menge an Wissen über das damalige Erziehungssystem. So gehörte militärischer Drill nicht nur zum Alltag, er war der Alltag. Andererseits hat der Leser die Chance, aus den Selbstreflexionen des Autors zu lernen. Insbesondere junge Leute, so erhofft sich Klaus Kleinau, sollen erkennen, 'sich von keinerlei gesellschaftlichen, politischen und religiösen Zwängen vereinnahmen zu lassen, sondern, wenn es sein muss, daraus auszubrechen und kehrt zu machen, bevor es zu spät ist.'"
Walsroder Zeitung

Leseprobe 1

Vorwort "Im Gleichschritt, marsch!" – das war von 1933, von meinem ersten Schuljahr an, bis zum Ende des Krieges 1945 immer das gleiche Kommando. Es erklang auf dem Pausenhof der Schule, auf dem Marsch zur Turnhalle, später beim Jungvolk, das auf den Straßen der Stadt marschierte – in einer langen Reihe, in Uniform und in Reih und Glied: "links, zwei, drei, vier..." Es waren Kommandos, denen wir zu gehorchen hatten, acht lange Jahre, sieben davon auf der Napola, mit offizieller Bezeichnung NPEA, Nationalpolitische Erziehungsanstalt. In den letzten Jahren ist ausführlich über diese Schulen geschrieben worden,[1] und der WDR III hat im September 1987 im Fernsehen eine Dokumentation mit dem Titel "Napola. Erziehung zur Elite im 3. Reich" gebracht. Bis zum Beginn des Krieges gab es 15 Napolas; 27 weitere, davon drei für Mädchen, wurden bis zum Ende des Krieges gegründet, die meisten davon in Österreich, aber auch in allen anderen vom Deutschen Reich annektierten Gebieten, u.a. im Sudetenland, in Böhmen und Mähren, in Oberschlesien, im Warthe-Gau, im Elsass und als "Reichsschulen" in den Niederlanden und in Belgien. Es waren ausschließlich Heimschulen, untergebracht in ehemaligen Klosterschulen, in Schlössern und Pensionaten, in der Kadettenanstalt wie in Potsdam und später auch in Neubauten, wie z.B. in Ballenstedt am Harz. Diese Schulen unterstanden zunächst dem Reichserziehungsminister, ab 1938 wurde die gesamte Schulaufsicht dem SS-Obergruppenführer August Heißmeyer übertragen. Die Schüler wurden nach rassischen Merkmalen, nach geistigen und körperlichen Fähigkeiten und nach charakterlichen Eigenschaften ausgewählt, deren Bewertung der nationalsozialistischen Ideologie unterlag. Das Ziel war, für alle Berufsgruppen, vor allem für den Offiziersnachwuchs bei der Waffen-SS, eine geistig hochqualifizierte und politisch zuverlässige Elite zur Verfügung zu haben. Die Schüler der Adolf-Hitler-Schulen dagegen sollten später einmal den politischen Führungskader bilden, um den Führungsanspruch der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) auf allen Lebensgebieten zu verwirklichen. Der Großteil der so herangezüchteten "Elite der Nation" ist, da der "Endsieg" ausblieb, für seine Zwecke nicht mehr zum Einsatz gekommen, viele Schüler sind im Krieg gefallen. Wie sie nach dem "Endsieg" in Großdeutschland und in den eroberten Gebieten ihre Aufgaben erfüllt hätten, ist in gewisser Weise vorstellbar. In diesem Buch geht es darum, wie ich als Napola-Schüler diese Erziehung erlebt habe und auf welche Weise ich mich nach dem Krieg mit dieser Prägung auseinandergesetzt habe. Im ersten Teil beschäftige ich mich ausschließlich mit der Napola. Ich habe bewusst darauf verzichtet, auf die ganze Vielfalt der Erlebnisse einzugehen und nur solche ausgewählt, die vor allem den psychologischen Hintergrund nationalsozialistischer Erziehung erkennen lassen. In besonderem Maße verdeutlichen das die in diesem Buch abgebildeten Fotos, die Zeugnisformulare und eine Reihe ausgewählter Briefe und Berichte. Da ich selbst erst sehr spät begriffen habe, wie es um diese Erziehung bestellt war, und erleben musste, daß diese verlogenen Ideale auch noch gegenwärtig in den Köpfen von ehemaligen Mitschülern und Erziehern festsitzen, habe ich versucht, mich in die längst vergangenen Erlebnisse hineinzudenken, sie für mich selbst zu reflektieren und sie so, vor allem für junge Menschen, transparent zu machen. Sie sollten daraus lernen, sich von keinerlei gesellschaftlichen, politischen und religiösen Zwängen vereinnahmen zu lassen, sondern, wenn es sein muss, daraus auszubrechen und kehrt zu machen, bevor es zu spät ist. "Ganze Abteilung, kehrt!" ist deshalb auch der zweite Teil überschrieben. 50 Jahre hatte ich Zeit zum Nachdenken: Wie habe ich diese Zeit genutzt? Wann habe ich gelernt, Fragen zu stellen? Wer hat mir dabei geholfen? In welchen Gruppierungen ist über den Nationalsozialismus nachgedacht worden? Und schließlich: Wann war ich bereit, mich in die lange Reihe der Kollektiv-Schuldigen einzureihen? Anfang des Jahres 1995 erhielt ich eine Einladung zum "großen Schultreffen der Ehemaligen der Napola in Ballenstedt". Es hieß darin u.a.: "Liebe Altkameraden! Nützen wir die verbleibende Zeit und die Jahre, die uns noch geschenkt werden, zur Pflege unvergesslicher und treuer Kameradschaft." Einer der Teilnehmer hat mir von diesem Treffen ehemaliger Altkameraden mit ihren Lehrern und Erziehern berichtet: Es war geprägt von dem alten Geist, der nach mehr als 50 Jahren lebendig geblieben war... Unsere Lehrer sind zumeist bald nach dem Kriege in den Schuldienst zurückgekehrt. Viele davon haben als Oberstudiendirektoren namhafte Gymnasien und Internate geleitet. – In welchem Geiste mögen sie die jungen Menschen in der Bundesrepublik erzogen haben?! Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Sie stimmen traurig und zornig zugleich. Aber letzten Endes sind es nicht nur Fragen an die anderen, sondern vor allem Fragen an mich selbst. Nicht: Warum ist das alles so gewesen, sondern: Warum bin ich so gewesen. Nicht: Warum haben wir von Auschwitz nichts gewusst, sondern: Warum habe ich von Auschwitz nichts gewusst. Ich habe versucht, diesen Fragen im zweiten Teil meines Berichts nachzugehen, obwohl ich mir im Klaren bin, dass all die Bemühungen zur Entschuldigung und Rechtfertigung nichts an der Tatsache von Auschwitz ändern können. Denn in der deutschen Geschichte wird die kurze Zeit des Nationalsozialismus letzten Endes nicht an Siegen oder Niederlagen, an Erfolgen oder Misserfolgen gemessen werden, sondern allein an Auschwitz.

[1] Siehe v.a. die – auch die Adolf-Hitler-Schulen umfassende – Gesamtdarstellung von Harald Scholtz: NS-Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates. Göttingen 1973, den Dokumentarbericht von Horst Ueberhorst (Hrsg.): Elite für die Diktatur. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten 1933-1945. Düsseldorf 1969, sowie die psychoanalytisch ausgerichtete Studie von Christian Schneider, Cordelia Stillke, Bernd Leineweber: Das Erbe der Napola. Versuch einer Generationengeschichte des Nationalsozialismus. Hamburg 1996.

Inhalt:

Vorwort
Im Gleichschritt, marsch!
Im Kindergarten
Beim Jungvolk
Auf der Napola
Elternbriefe
KLV – Kinderlandverschickung
Luftwaffenhelfer
Beim Arbeitsdienst
Notabitur auf der Napola
Ausbildung bei der Waffen-SS
Im Einsatz an der Front
In Kriegsgefangenschaft
Ganze Abteilung, kehrt!
Wieder zu Hause
Im Wandervogel
Auf der pädagogischen Hochschule
40 Jahre Lehrer
Abkürzungen
Glossar

Quelle: https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/im-gleichschritt-marsch-1/