Harry Nick

Gemeinwesen DDR

Erinnerungen eines überzeugten Parteigängers und streitbaren Ökonomen

240 Seiten | 2003 | EUR 20.50 | sFr 36.30
ISBN 3-89965-013-1 1

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Das Wissen über den Alltag der Menschen im untergegangenen Gemeinwesen DDR muss unter dem über sie gekippten Müll hervorgeholt werden. Nicht zuletzt, weil auch und gerade in der DDR neben "offiziellen" Gesetzen, Vorschriften und

Verlautbarungen "informelle" Regeln und stillschweigende Übereinkünfte eine große Rolle spielten.

Aus dem Vorwort:

"Was also kann der Leser erwarten? Vor allem Berichte und Kommentare über die wirtschaftliche Entwicklung der DDR, über gesellschaftspolitische und wirtschaftspolitische Konzepte, über Debatten, die hierüber in der DDR geführt wurden. Auch über theoretische Debatten unter DDR-Ökonomen, die den theorie-ökonomisch nicht vorgebildeten Leser nicht überfordern werden. Über DDR-Lebensweise auch. Über Ursachen des politischen und wirtschaftlichen Versagens. Darüber, wie es jemandem erging und ergeht, der bewusster, überzeugter Parteigänger dieses Gemeinwesens DDR war.

Es ist über weite Strecken eine streitbare Schrift. Auch in Auseinandersetzung mit immer noch verengten Auffassungen mancher DDR-Aktivisten über Ursachen des Niedergangs. Und natürlich über Erklärungen des wirtschaftlichen 'Absturz Ost' nach der Wende.

Ich lag, seitdem ich wissenschaftlich arbeite, fast immer mit irgend jemandem im öffentlichen, publizistisch ausgetragenen Streit. Und war von Anfang an ganz in der Streitkultur befangen, wie sie von Marx, Engels, Lenin geschaffen worden war, und die in anderer sozialwissenschaftlicher Literatur nicht üblich ist: Dinge und Personen beim Namen nennend, polemisch, manchmal die Fragen zuspitzend. Eines nur kann ich versichern: Fairness im Umgang auch mit Widersachern war und ist für mich selbstverständlich. Auch über Kultur und Unarten von Meinungsstreit habe ich mich in diesem Bericht ausführlich geäußert."

Harry Nick, Jahrgang 1932, war Student, Assistent, Oberassistent und Dozent an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, bis 1989/1990 Professor an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Nicht erst seit der Wende setzt er sich als streitbarer Zeitgenosse mit aktuellen Problemen der Ökonomie auseinander; zu seinen besonderen Anliegen gehört, die Ursachen für das Scheitern der DDR und des osteuropäischen Sozialismusprojektes als Ganzem zu erforschen.

 

Leseprobe 1

Vorwort

"Schreib das auf!", habe ich in den letzten Jahren öfter Freunden, Bekannten gesagt. Manchen hat es auch von selber danach verlangt. "Ich schreibe Flaschenpost", sagte mir mein vor kurzem verstorbener Hausgenosse Ralf Schröder, früher Lektor im Aufbauverlag, in der DDR zu fünf Jahren Gefängnis (im so genannten Janka-Prozess) verurteilt, überzeugter Sozialist bis zu seinem Lebensende. Er meinte damit, er schreibe sich von der Seele, nicht darauf vertrauend, dass das jemals auch gefunden werde, irgendwen überhaupt interessieren könnte. Ich kenne mehrere solcher unverzagter "Flaschenpost"schreiber. Es ist die Angst, dass vieles verloren gehen könnte, was nicht nur von Historikern gebraucht wird. Als ich, auf eine schwarzmalerische Äußerung über die soziale DDR-Wohnwelt vor allem in den "Plattensiedlungen" allergisch reagierend, mich entschloss aufzuschreiben, was ich selber in solchem Plattenbau erlebte – der Leser wird dies im dritten Abschnitt nachlesen können –, habe ich mühsam alle erreichbaren Unterlagen, Protokolle, Rechnungen der Hausgemeinschaftsleitungen (HGL) zusammengetragen, ausgewertet. Gibt es die noch? "Schreib das auf!" ist wichtig, weil Vorgänge in dieser untergegangenen sozialistischen Gesellschaft DDR nicht nur unter dem heute, auch von Staats wegen, über sie gekippten Müll hervorgeholt werden müssen, sondern auch aus den politisch zugerichteten DDR-offiziell-authentischen Quellen, den Gesetzen, Vorschriften und Verlautbarungen. Nicht zuletzt auch, weil überhaupt in diesen Gesellschaften informelle Regeln, stillschweigende Übereinkünfte eine große Rolle spielten. Vor allem aber: weil es sich um einen ernsthaften sozialistischen Versuch gehandelt hat, der letztlich misslungen, missraten war. Und weil dieses Scheitern, dieser Neubeginn ein historisch singulärer Vorgang war, der Hirn und Herz aller, die diesen Kapitalismus nicht als das Ende der Geschichte ansehen wollen, sehr lange noch beschäftigen wird. In der Fülle solcher Berichte sehe ich manche Lücke. Fast alle Politbüromitglieder haben sich in Büchern geäußert, DDR-Minister und deren Stellvertreter auch, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission und sein Stellvertreter. Dass nicht ein einziger Werks- bzw. Kombinatsdirektor das getan hat, wird, sollte das so bleiben, ein schwerer, nicht zu behebender Verlust sein. Mein Bericht soll dazu beitragen, dass solches Versäumnis nicht auch den DDR-Gesellschaftswissenschaftlern vorgehalten werden muss. Und von denen, deren Beruf die theoretisch-ideologische Befestigung dieses, wie sich zeigte, nicht zukunftsfähigen Modells gewesen war, kann natürlich auch Auskunft verlangt werden. Dieser Lebensbericht ist einer, der äußerlich langweiliger kaum sein kann: Kindheit, Schule (Abitur), Studium, Assistent, Oberassistent und Dozent an der Hochschule für Ökonomie in Berlin, Dozent und Professor an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Ich habe tatsächlich, sehe ich von einer viermonatigen Beschäftigung zwischen Abitur und Studienbeginn im Walzwerk Hettstedt ab, nur zwei Arbeitsstellen gehabt. Und selbst meine Arbeit über fast drei Jahrzehnte an der Akademie begann und beendete ich in derselben Funktion, als Forschungsbereichsleiter eines etwa zwanzigköpfigen Kollektivs von Professoren, Dozenten, Assistenten und vor allem von Doktoranden, das sich mit sozialen und ökonomischen Problemen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts beschäftigte. Ich bin nie befördert worden. Ich bin aber auch verwöhnt worden. Schließlich bekam ich mit 35 Jahren eine ordentliche Professur, was durchaus ungewöhnlich war. Ich erhielt die kleineren Ausgaben fast aller großen Orden der DDR, den Vaterländischen Verdienstorden (in Bronze), den Nationalpreis der DDR (III. Klasse im Kollektiv), den Orden Banner der Arbeit (Stufe II). Mir wurde der Ehrentitel "Verdienter Hochschullehrer der DDR" verliehen. Aber Reisekader war ich nicht; meine erste Reise ins westliche Ausland ging im April 1989 nach Österreich, und auch das war eine Art stillschweigendes Versehen. Ob ich, wie ich vermute, von Natur aus eher faul als fleißig bin, hatte und hat für mich immer noch nicht praktisch etwas zu bedeuten. Vor meinem 65. Geburtstag (1997) habe ich alle aufgehobenen Publikationen aufgelistet. Es waren (davon, in Klammern, nach der Wende): Bücher, Broschüren 23 (6), Beiträge in Büchern und Broschüren gleichfalls 23 (6), Artikel in Zeitschriften 140 (28), Zeitungsartikel (ohne Rezensionen und Leserbriefe) 128 (45). Da ich nicht zu den allgemein interessierenden Persönlichkeiten gehöre, werde ich meine persönlichen Haltungen, Meinungen, meine subjektiven Sichten zu Fragen äußern, die allgemeines Interesse erwarten können. Auf persönliche Lebensumstände und Auffassungen, von denen ich das nicht annehmen kann, werde ich, von wenigen Abschweifungen abgesehen, nicht eingehen. Was also kann der Leser erwarten? Vor allem Berichte und Kommentare über die wirtschaftliche Entwicklung der DDR, über gesellschaftspolitische und wirtschaftspolitische Konzepte, über Debatten, die hierüber in der DDR geführt wurden. Auch über theoretische Debatten unter DDR-Ökonomen, die allerdings auch den theorieökonomisch nicht vorgebildeten Leser nicht überfordern werden. Über DDR-Lebensweise auch. Über Ursachen des politischen und wirtschaftlichen Versagens. Darüber, wie es jemandem erging und ergeht, der bewusster, überzeugter Parteigänger dieses Gemeinwesens DDR war. Es ist über weite Strecken eine streitbare Schrift. Auch in Auseinandersetzung mit m.E. immer noch verengten Auffassungen mancher DDR-Aktivisten über Ursachen des DDR-Niedergangs. Und natürlich über Erklärungen des wirtschaftlichen "Absturzes Ost" nach der Wende. Ich bin zuversichtlich, dass meine Überlegungen auch denjenigen Leser nicht langweilen werden, der den Großteil der hierüber erschienenen, kaum noch übersehbaren Literatur gelesen hat. Vor einigen Passagen – sie beginnen mit dem Abschnitt über die "Ökonomie der vergegenständlichten Arbeit" – muss ich den Nichtökonomen allerdings warnen. Sie könnten diesem Leser wie ein Theorieüberfall erscheinen. Man kann sie auch überschlagen, es sind ohnehin nur wenige Seiten. Wer sie dennoch liest, wird aber einen Eindruck von durchaus dramatischen und aufschlussreichen Vorgängen in der DDR gewinnen. Ich lag, seit ich wissenschaftlich arbeite, fast immer mit irgendjemandem im öffentlichen, publizistisch ausgetragenen Streit. Und war von Anfang an ganz in der Streitkultur befangen, wie sie von Marx, Engels, Lenin geschaffen worden war und die in anderer sozialwissenschaftlicher Literatur nicht üblich ist: Dinge und Personen beim Namen nennend, polemisch, manchmal die Fragen zuspitzend. Eines nur kann ich versichern: Fairness im Umgang auch mit Widersachern war und ist für mich selbstverständlich. Auch über Kultur und Unarten von Meinungsstreit habe ich mich in diesem Bericht ausführlich geäußert. Berlin, im Dezember 2002

Inhalt:

Vorwort

Die erste Wende – Von Polen in den Südharz


Polen unter deutschem Stiefel
Wie Unterschiede sich in Feindschaft verwandeln
Der Napola entronnen
Polnisch ist verboten
Eine Fahrkarte für 1000 Reichsmark
Juden
Untauglich fürs Militär?
Die falsche "Topfdeckeltheorie"
Auf der Flucht
Die erste Wende war radikaler
Bibelstunden
Freie Deutsche Jugend
Bildungsanstrengungen – Über Bücher
Der missglückte schriftstellerische Versuch
Wohl dem, der Glück mit seinen Lehrern hat
"Ich hab’ mal richtig gearbeitet" – Über die Arbeiterklasse

Das "rote Kloster" – An der Hochschule für Ökonomie


Kaderschmiede für das ganze Deutschland
Aktivisterei
Nichts ist zu gut für die Arbeiter- und Bauernkinder
"Wir lieben uns!"
Das kollektive Selbststudium
Auswählen ist die Kunst des Studierens
Anspruchsvolle Kapitalismustheorie, flache Sozialismustheorie
Bodo M.
"Baumann, hilf!"
Die erste Reibung mit dem "Dritten Weg"
Die Diplomarbeit
Die Sache mit dem "Dritten Weg" ist nicht entschieden.
Meine ersten Lehrversuche: Studenten, Fernstudenten, Unternehmer
"Kapitalisten studieren Kapitalismus"
Meine Doktorarbeit über die Stallbauten
Von Charakter bin ich Zivilist

Keine Ökonomie der vergegenständlichten Arbeit – Gemeinwesen DDR


Sisyphusarbeit gegen Systemdefekte
Ein Glücksfall wider Willen
"Mehr Aufmerksamkeit der Ökonomie der vergegenständlichten Arbeit!"
"Nick hat taube Ohren..."
Ökonomie der Produktionsfonds
Fondsvorschuss bzw. Kapitalvorschuss als wirtschaftliche Größen
Sozialismus und wissenschaftlich-technische Revolution
Warum "nachholende Modernisierung"?
Der Streit über diese "relative Eigenlogik der Produktivkraftentwicklung"
Produktivkraftrevolution und Nachhaltigkeit
Ein neues ökonomisches System muss her!
Die Vorgabe: das sowjetische Modell
Die Aufholperiode der staatssozialistischen Wirtschaften
Warum in der Industrialisierungsphase relativ erfolgreich und warum danach nicht mehr?
Ein neuer Wachstumstyp verlangte ein neues ökonomisches System
Die DDR macht den Vorreiter
Der Streit um das Eigentum. Gesellschaft – Betrieb – Individuum
Auch Selbstverwaltung konnte nicht erfolgreich sein
Cavtad/Dubrovnik 1980, 1981, 1982, 1984, 1985, 1986
Volkseigentum, Gesellschaft und Individuum
Der Streit um die "Muttermale". Geldwirtschaft und Leistungsprinzip
Die mutige Rebellion, von der wenig überdauerte
Für die "Einbürgerung" von Geldwirtschaft und Leistungsprinzip
Der Streit um den Gewinn im Sozialismus
"Marktwirtschaft – Legende und Wirklichkeit"
Die Neoliberalen: Marktwirtschaft ist sozial, demokratisch und effizient, die Planwirtschaft von allem das Gegenteil
Ich habe mich geirrt, die Neoliberalen aber deswegen nicht weniger
Über Werbung
Ist die kapitalistische Marktwirtschaft eine "Leistungsgesellschaft"?
Wirtschaftliche Rationalität?
Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR
Werner Lamberz
Otto Reinhold
Der Mentor: Jürgen Kuczynski
Nur wer seine Ambitionen durchschaute, konnte seine Ideen genießen
Der Streit um die wissenschaftlich-technische Revolution
"Marx hat doch Recht!"
Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben
Technikfreak?
Kommt forschen von "forsch"?
"Der glücklichste Tag ist auch ein trauriger"
"Herrenabende"
Parteilehrjahr
"Schulen der sozialistischen Arbeit"
Ich bin unzuverlässig
Mir kann keiner
Die lange Hand des Genossen Günter Mittag
"Ich bin ein überzeugter Demokrat"
Was an diesem Satz unwahr ist
In Freundesland war ich nie in der Fremde
Vortragsreisen, Erlebnisreisen
Vier Monate in der Sowjetunion
Wer das in einer Fremdsprache erzählen kann, für den ist sie nicht mehr fremd
Bei Freunden zu Gast
Eine abenteuerliche Reise
Die letzten Male
Wie konnte das geschehen?
"Uns geht die Demokratie höchstens bis an die Knie"
Die Leiden der mittleren Ebenen
Die Macht der informellen Regeln
Die vielen Geschlossenheiten in der geschlossenen Gesellschaft
Privilegien
Der sozialistische Gang im Wohngebiet
Dieser sozialistische Versuch ist gescheitert
1. Der Dauermangel
Fortschreitender Substanzverzehr
Stockungen im Fluss der Reproduktion
Verschwendung und unrationelle Wirtschaftsorganisation
Totale Monopolisierung und Außenhandel
Minderung des materiellen Lebensniveaus
2. Die Hauptursache des Dauermangels
3. Die notwendigen Veränderungen des wirtschaftlichen Lenkungsmechanismus waren mit dem politischen System der DDR nicht vereinbar
4. Kann eine sozialistische Gesellschaft kräftigere Antriebe für wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftliche Effektivität (in einem engeren Sinne) entwickeln?
Ein paar Folgerungen

Wende und Nachwende


Ein Gefühl der Befreiung
Gewittergrollen, DDR-Witze
Unsicherheit, Ratlosigkeit
"Hast du denn den wirtschaftlichen Niedergang nicht gesehen?"
Angekommen
"Wendet euch nicht und haltet den Mund"
Das Dialogpapier von SED und SPD 1987
Die getäuschten Wendeaktivisten
Was bewahrenswert gewesen wäre
Widersprüchliche Erfahrungen
Der Streit um die Ursachen des Absturzes
Gegensätzliche Wertungen
Wie war eine Wirtschaftswunder-Prophetie nur möglich?
Wer brachte den relativ größeren Schuldenberg in die deutsche Einheit?
Wie kommt dann dieser der DDR angelastete Schuldenberg zustande?
Je höher die Gehälter der Abwickler, desto größer die DDR-Schulden
Die offizielle Nach-Wende-Politik blamiert die Totalitarismusdoktrin
Die Abwicklung der DDR-Elite
Kirche im Sündenfall
Strafrente
Ehre ihrem Andenken
Und noch einen Apfelbaum pflanzen!
Unerhörter Mut und unerhörte Feigheit
"Wir sind es alle nicht gewesen. Der Pförtner war es."
Unappetitliches
Es helfen nur Schonungslosigkeit, Ehrlichkeit
Die Wessis und die Ossis
Der Streit unter den Linken – "In großer Sorge"
Intellektuellenfeindlichkeit
Strömungen, Richtungen. Die Rechten, die Linken und die Mehrheit
Da kannst du gar nichts machen – ob du Recht hast oder nicht
Was bleibt? Hat es sich gelohnt?
Weltanschauung, Weltanschauungsstaat, DDR
Warum rackert man sich ab?

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