Joachim Bischoff

Entfesselter Kapitalismus

Transformation des europäischen Sozialmodells

224 Seiten | 2003 | EUR 16.50 | sFr 29.60
ISBN 3-89965-034-4

 

Der Diskussionsstand über den gegenwärtigen Kapitalismus, seine Struktur und Entwicklungstendenzen ist alles andere als eindeutig. Seit der Auflösung der Systemkonfrontation zwischen den staatsozialistisch geprägten Gesellschaften und den westlichen Demokratien prägt das Stichwort "Globalisierung" die politischen Debatten. Aber kann dies als Hinweis auf eine fest etablierte neue kapitalistische Ordnung genommen werden?


In diesem Buch wird diese These widerlegt und – mit Bezugnahmen u.a. auf die Theorien der Frankfurter Schule sowie auf Gramscis Begriff der "passiven Revolution" – der Frage nachgegangen: Welche Widersprüche entwickeln sich im fordistischen, keynesianischen oder sozialstaatlich regulierten Kapitalismus? Was ist der Hintergrund für die Herausbildung des neoliberalen Primats der kapitalistischen Konkurrenz und der damit verbundenen Selbstzerstörung dieses Typus der kapitalistischen Marktgesellschaft?

Die Rückkehr zur Marktsteuerung erscheint nicht nur den politischen Eliten in den hochentwickelten Ländern, sondern auch großen Teilen der Bevölkerung als unverzichtbar, obwohl der Entwicklungsabschnitt, der dadurch zurückgenommen und zerstört wird, auf der gesellschaftlichen Steuerung der kapitalistischen Ökonomie basierte. Die Gesellschaft wird erneut dem Wettbewerb des Kapitals ausgesetzt: Lässt sich dieser Prozess der Selbstzerstörung stoppen und was wäre – im nationalen, europäischen und globalen Rahmen – die gesellschaftliche Alternative?

Leseprobe 1

Einleitung
Globalisierung und die amerikanische Herausforderung (Auszüge)


"Seit bald vier Jahrzehnten gibt es eine fest etablierte neue kapitalistische Ordnung, die den 'organisierten', den 'fordistischen', den 'keynesianischen', den 'sozialdemokratischen' Kapitalismus abgelöst hat. Für die neue Ordnung hat sich die Kategorie 'globaler Kapitalismus' durchgesetzt. Diese Kategorie 'global' bezeichnet die Ausdehnung und Verdichtung des Welthandels, die Entwicklung von multinationalen zu transnationalen Unternehmen, die Entwicklung eines weltweit vagabundierenden, von rationalen Produktivitätserfordernissen abgelösten, nur seiner spekulativen Eigenlogik folgenden Finanzkapitals, sowie schließlich die scheinbar weltweite Angleichung von Wirtschaftspolitiken, die primär auf die Verbesserung mikroökonomischer Verwertungsbedingungen ausgerichtet ist. Aus einer 'internationalen Ökonomie' hat sich eine historisch neuartige 'globale Ökonomie' entwickelt. Im Zuge der genannten Tendenzen ... tritt eine Veränderung im Verhältnis von Staat und (Welt-)Wirtschaft ein – eine Veränderung, die nicht weniger implikations- und folgenreich ist als der Übergang vom liberalen zum organisierten Kapitalismus, an welchem sich die klassische kritische Gesellschaftstheorie vor gut 70 Jahren abgearbeitet hat." (Dubiel 2003: 862)

So eindeutig, wie in dieser These unterstellt, ist der Diskussionsstand über den gegenwärtigen Kapitalismus, seine Struktur und Entwicklungstendenzen m.E. nicht. Schon die Vielfalt der Bezeichnungen für den Kapitalismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts verweist auf ungeklärte Probleme. Unbestritten prägt seit der Auflösung der Systemkonfrontation zwischen den staatsozialistisch geprägten Gesellschaften und den westlichen Demokratien das Stichwort "Globalisierung" die politischen Debatten. Der globalisierte Kapitalismus ist seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zu einem der wichtigsten Themen und zu einem Schlagwort mit höchster Medienwirksamkeit geworden. Aber kann dies als Hinweis auf eine fest etablierte neue kapitalistische Ordnung genommen werden? Ich teile diese These nicht, die Gründe sind im Folgenden zu entwickeln.

In den Jahrzehnten der Systemkonfrontation war es üblich, den Unterschied der Gesellschaftsformation geographisch zu klassifizieren (Ost-West-Konflikt, westliche Demokratien); zudem existierte eine große Scheu, die hochentwickelten Industriegesellschaften als kapitalistisch auszuweisen. "In Westdeutschland durfte das existierende Wirtschaftssystem in den 1950er und 1960er Jahren auf keinen Fall als kapitalistisch bezeichnet werden... Mit der Durchsetzung der neoliberalen und monetaristischen Doktrinen im Verlauf der 1980er Jahre wurden die Akteure dieser Wirtschaftsweise dann selbstbewusster." (Conert 2003: 1) Erst mit dem Ende des Systemgegensatzes wurde es üblich, wieder von Kapitalismus zu sprechen. Was aber macht die Qualität der hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften aus? Kann man von globalem Kapitalismus sprechen, der dann in Europa und Amerika seine Führungszentren hat? Dubiel verweist auf eine weitere kritische Dimension: Über Jahrzehnte gab es in der marxistischen oder kritischen Gesellschaftstheorie eine Kontroverse darüber, wie denn die beständig in Umwandlung begriffene bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung wissenschaftlich zu erfassen sei. Zum Verständnis der konkreten Formen hat der dogmatisch erstarrte Marxismus-Leninismus fast nichts beigetragen (vgl. Jung 1986, Holz 1995 oder Wagenknecht 2003), weshalb die kritische Gesellschaftstheorie (Adorno, Benjamin, Horkheimer, Marcuse u.a.) und später der westliche Marxismus (vgl. Anderson 1978) Bezugspunkt für die theoretisch-politische Selbstverständigung waren.

Bei allen Vorbehalten, die man gegenüber der kritischen Gesellschaftstheorie geltend machen kann, ist Dubiel in der Einschätzung zuzustimmen, dass jede entwickelte Kapitalismuskritik um eine Auseinandersetzung mit den Thesen der Frankfurter Schule (vgl. dazu Bischoff/Lieber 2000) nicht herumkommt. Dies gilt – auf den ersten Blick möglicherweise überraschend – auch heute noch.

Den entscheidenden Grund hat Adorno Ende der 1960er Jahre selbst umrissen: "Innerhalb der Gesamtentwicklung der bürgerlichen Welt haben fraglos die Vereinigten Staaten ein Extrem erreicht. Sie zeigen den Kapitalismus gleichsam in vollkommener Reinheit, ohne vorkapitalistische Restbestände. Nimmt man, im Gegensatz zu einer freilich hartnäckig verbreiteten Meinung, an, dass auch die anderen nicht-kommunistischen und nicht der Dritten Welt zugehörigen Länder auf einen ähnlichen Zustand sich hinbewegen, so bietet für einen Menschen, der weder in bezug auf Amerika noch auf Europa naiv sich verhält, Amerika die fortgeschrittenste Beobachtungsposition." (Adorno 1968: 736) Amerika gilt zu Beginn des 21. Jahrhunderts insofern immer noch als fortgeschrittenste Beobachtungsposition, als der angelsächsische Typus des Kapitalismus mit seinem Sozialmodell den europäischen Gesellschaften beständig als letztlich allein zukunfts- und überlebensfähig vorgehalten wird.

Globalisierung oder Kulturkampf der unterschiedlichen Wirtschaftskulturen im Kapitalismus?

Während Dubiel auf die Entwicklungstendenz "Globalisierung" abhebt, sind andere Zeitgenossen vom verschärften Wettbewerb unter den verschiedenen hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften gefesselt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich hat der Diskurs, demzufolge sich das Land seit längerem in einer Phase des ökonomischen, politischen und militärischen Niedergangs befindet, starke Resonanz gefunden (vgl. dazu Baverez 2003). In den Kernländern Europas – Frankreich, Deutschland und Großbritannien – sorgen die schwache Kapitaldynamik und die jahrzehntelang aufgeschobene Modernisierung dafür, dass in ganz Europa die Befürchtung existiert, im internationalen Wettbewerb abgehängt zu werden. Mindestens auf der Ebene der öffentlichen Meinung und der politischen Debatte steht daher für Deutschland und Europa die Frage im Vordergrund, wie man den "Reformstau" überwinden kann.

Bezogen auf das System der sozialen Sicherheit, den Bildungsbereich, aber auch die Regulierung des Arbeitsmarktes herrscht hektische Betriebsamkeit. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern den europäischen Sozial- oder Wohlfahrtsstaat. Die diesen Veränderungen unterliegende These ist, dass der Sozialstaat "'ein rent-seeking system' ist, das vielfach Einkommensschichten alimentiert, die nach Kriterien sozialer Bedürftigkeit keiner staatlichen Unterstützung bzw. Umverteilung bedürften". (Priddat 2003: 373) Es wäre in dieser Sichtweise folgerichtig, die Tatbestände des "rent-seeking" aufzudecken und entsprechende Veränderungen einzuleiten. Allerdings ist der Nachweis der ungerechtfertigten Aneignung gesellschaftlichen Reichtums empirisch so kompliziert, dass sich die Vordenker des Kapitalismus mit dem generellen Verdacht zufrieden geben können: "Der deutsche Sozialstaat besteht heute nicht mehr allein aus den fünf Sozialversicherungssystemen (Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege-, Renten- und Unfallversicherung) und der Sozialhilfe, sondern aus einem Subventionskomplex, der aus Steuererleichterungen und Zahlungen für viele Bedürfnisse besteht, die sich im Laufe der Zeit erst unter den Mantel des Sozialen geschoben haben." (ebd.) Entscheidend für die Mobilisierung der entsprechenden gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zur radikalen Veränderung des Sozialstaates ist nicht der Nachweis und die Debatte über die konkreten Fälle des "rent-seeking", sondern der vordergründig einleuchtende Aspekt einer Blockade des Wirtschaftswachstums. Aber selbst hier ist eine Unsicherheit unübersehbar. "Deutschland ist ein Wohlfahrtsstaat mit einem ausgebauten, auf Umverteilungen beruhenden Sozialsystem, das reformbedürftig ist, weil die Finanzierung dieser Umverteilungen eine Last bildet, die sich nachteilig auf das Wachstum auszuwirken beginnt... Solange Deutschland wirtschaftlich ein Wachstumsstaat war, konnte die Politik auch ein Wachstum der Sozialpolitik betreiben, d.h. deren Finanzierung sicherstellen." (ebd.) Der Radikalumbau des Sozialstaates erfolgt demnach, weil die finanziellen Fundamente erodiert sind; die Argumentation mit vermeintlichen "rent-seeking-Tatbeständen" dient nurmehr der Legitimation der großflächigen Eingriffe.

Unsicherheit existiert schließlich in der Frage, ob die Umverteilung für die Abflachung des Wirtschaftswachstums verantwortlich ist oder aber die Abschwächung des Wirtschaftswachstums den Sozialabbau erzwingt, womit sich dann die irreale Hoffnung auf eine erneute Beschleunigung der Kapitalakkumulation verbindet. Was vor Jahren mit der Forderung nach einem "Ruck" zur Überwindung der vermeintlichen Lethargie der Gesellschaft begann, ist mittlerweile in "großflächige" Umbauprojekte (Arbeitsmarkt, Altersrente, Krankenversicherung etc.) umgeschlagen, die von der Politik als historisch einmalig und nur mit den Veränderungsprozessen im ausgehenden 19. Jahrhundert vergleichbar ausgewiesen werden. Die Generalinventur aller gesellschaftlichen Regelungen und ihr zügiger Umbau soll dem Ziel dienen, endlich wieder den nationalen oder gar den europäischen Kapitalismus auf den globalisierten Märkten wettbewerbsfähig zu machen. "Maßstab für die Wettbewerbsfähigkeit dieser großräumigen, nationalen oder (welt)regionalen Wirtschaftskulturen ist dabei deren Fähigkeit, vor neuen Herausforderungen zu bestehen, mit denen die Akteure je nach Stand der wirtschaftlichen Entwicklung konfrontiert werden." (Abelshauser 2003: 11)

Amerika als fortgeschrittene Beobachtungsposition

Die Hegemonie der USA auf ökonomischem und damit konjunkturellem Terrain ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts unbestritten. Diese Überlegenheit des US-Kapitalismus und die damit gesetzte Herausforderung im Wettbewerb innerhalb der globalen Ökonomie basiert auf einem spezifischen Produktionsregime, das der Wirtschaftskultur der Vereinigten Staaten günstigere Ausgangsbedingungen sichert. "Die Produktionsregime der führenden Akteure auf dem Weltmarkt lassen sich am Anfang des 21. Jahrhunderts im Wesentlichen zwei großen Modellen zuordnen, die sich gemessen am Typus ihrer institutionellen und organisatorischen Ausprägung hinreichend unterscheiden, ihrerseits aber wiederum Raum für zahlreiche empirische Varianten lassen. Das erste lässt sich als korporative Marktwirtschaft charakterisieren, deren Spielregeln und Akteursbeziehungen von den Unternehmen und ihren Marktverbänden koordiniert werden. Kennzeichnend für die korporative Marktwirtschaft ist eine weitgehend autonome, selbstverwaltete Organisation der wirtschaftlichen Akteure, die ihre Beziehungen in kooperativem Geiste gestalten, und eine aktive Rolle des Staates, die freilich selten über produktive Ordnungspolitik hinausgeht... Das zweite Modell – das der liberalen Marktwirtschaft – unterscheidet sich davon durch seine 'unkoordinierte', dem liberalen Prinzip der vollständigen Konkurrenz verpflichtete Marktorientierung. Dabei sind seine Akteursbeziehungen weder völlig dereguliert, noch fehlt es ihm gänzlich an Institutionen... Diesem Modell lassen sich im Kern die angelsächsischen Länder zu ordnen." (Abelshauser 2003: 10f.)

Dieser Unterschied und Wettbewerb von zwei Produktionsregimen und darauf aufbauenden Wirtschaftskulturen gibt Anlass zu der Frage, ob wir uns nicht an einer welthistorischen Schwelle oder Passhöhe befinden, wo aus der Dämmerung eine neue globale Form der Souveränität auftaucht, die Hardt/Negri (2002) "Empire" nennen. Tendenziell verschwindet – so ihre These – die nationalstaatliche Souveränität und mit ihr auch die bisherigen Rivalitäten und militärischen Auseinandersetzungen um Rangfolge und Vorherrschaft (Hegemonie). Zwar sehen wir immer noch Reste von unterschiedlichen Produktionsregimen, aber das global agierende Kapital schafft sich mehr und mehr eine "geglättete Welt" mit einer neuen Ordnung. Als Folge der Veränderungen der bisherigen Produktionsprozesse "wurde die führende Rolle industrieller Fabrikarbeit erschüttert, kommunikative, kooperative und affektive Arbeit rückte statt dessen an die erste Stelle. Durch die Postmodernisierung der globalen Ökonomie wird der Reichtum mehr und mehr durch das geschaffen, was wir biopolitische Produktion nennen, durch die Produktion des gesellschaftlichen Lebens selbst. Darin überschneiden sich die Sphären des Ökonomischen, des Politischen und des Kulturellen zunehmend und schließen einander ein." (Hardt/Negri 2002: 11) Auch unter dieser neuen Ordnung des "Empire" nehmen die USA eine herausgehobene oder privilegierte Position ein, was aber mit einer auf nationalstaatlicher Souveränität beruhenden Hegemonie nichts mehr zu tun haben soll. "Die Vereinigten Staaten bilden nicht das Zentrum eines imperialistischen Projektes, und tatsächlich ist dazu heute kein Nationalstaat in der Lage. Der Imperialismus ist vorbei." (Hardt/Negri 2002: 12) Diese These, dass im 21. Jahrhundert kein kapitalistisch strukturierter Nationalstaat mehr die Hegemonie oder Weltführung beanspruchen könne, lässt sich leicht mit Verweis auf die aktuelle unilaterale Hegemonialpolitik der USA sowohl gegenüber "Schurkenstaaten" und anderen Ländern der Dritten Welt (Iran, Syrien, Kuba etc.), aber auch gegenüber "Old Europe" in Zweifel ziehen. Wer sich entgegen der Sichtweise von Negri und Hardt zum Verständnis der weltpolitischen Entwicklungstendenzen nach dem Ende der Systemkonfrontation auf den Begriff eines "neuen Imperialismus" berufen will (vgl. dazu Harvey 2003, Mann 2003), kommt um eine sozioökonomische Fundierung nicht herum (vgl. dazu Bischoff 2002a).

Mit diesem Plädoyer, die gesellschaftlichen Betriebsweisen des Kapitals (Produktionsregime) in das Zentrum einer theoretischen Auseinandersetzung zu rücken, ist keineswegs beabsichtigt, die Veränderungen auf dem Terrain der nationalen Souveränität und der internationalen Politik für nebensächlich zu erklären. Im Gegenteil: Die Internationalisierung der Produktion und des Tauschverkehrs hat unbestreitbar tiefgreifende Konsequenzen für das Verhältnis des politischen Feldes und seiner Institutionen zu den zivilgesellschaftlichen Strukturen mit dem Unterbau einer entwickelten kapitalistischen Ökonomie. Die sozialistische Linke muss diese theoretisch-politischen Herausforderungen aufgreifen. Es geht nicht nur um ein Verständnis der Entwicklungslinien in der internationalen Politik, sondern – darauf insistieren Hardt und Negri zu Recht – es geht auch um die Aneignung der Veränderungen auf dem Terrain des politischen Feldes. Was Hardt und Negri als Transformation der nationalstaatlichen Souveränität zum Problem erheben, wird von neoliberal-konservativen Theoretikern in ähnlicher Weise als Tendenz der Ablösung des Nationalstaates durch den "Marktstaat" gefasst. "Ein großer, epochaler Krieg ist soeben zuende gegangen. Die verschiedenen, miteinander im Wettbewerb stehenden Systeme des gegenwärtigen Nationalstaats (Faschismus, Kommunismus, Parlamentarismus), die miteinander einen Krieg ausfochten, erhielten ihre Legitimation durch das Versprechen, den Wohlstand ihrer Bürger zu verbessern. Der Marktstaat offeriert eine andere Übereinkunft: er will die Chancen der Leute maximieren." (Bobbit 2002: XXVI)

Zur Beurteilung des Niedergangs des souveränen Nationalstaats und dessen Konsequenzen für die Zivilisation des 21. Jahrhunderts muss aber zuvor eine Verständigung über die Veränderungen des Produktionsregimes erfolgen. Insofern gilt die von Poulantzas (2002: 55) formulierte Methodik: "Auch wenn das Feld des Staates durch die Produktionsverhältnisse abgegrenzt wird, so kommt diesem nichtsdestoweniger eine spezifische Rolle in der Konstitution dieser Verhältnisse zu. Die Beziehung des Staates zu den Produktionsverhältnissen ist meist eine Beziehung zu den gesellschaftlichen Klassen und dem Klassenkampf." Die Herausbildung unterschiedlicher Kapitalismustypen – angelsächsischer und rheinischer Kapitalismus – und deren Entwicklungstendenzen sind zu klären. Für unsere Fragestellung ist in diesem Zusammenhang festzuhalten:
  Wir sind in der globalisierten Ökonomie nicht nur mit unterschiedlichen nationalen oder regionalen Kapitalismen, Wirtschaftskulturen und Entwicklungsstadien konfrontiert, sondern es geht um einen scharfen Anpassungswettbewerb von angelsächsischem und rheinischem Kapitalismus.  Von einer offenen Konstellation kann m.E. keine Rede mehr sein. Im Unterschied zu Abelshauser ist hier die These zu begründen, dass sich in den 1990er Jahren die Erosion des "rheinischen Kapitalismus" beschleunigt hat.  Gleichwohl können wir noch von einem Übergang in ein neues Entwicklungsstadium sprechen, das von W.F. Haug beispielsweise als High-tech-Kapitalismus bezeichnet wird.

Widersprüche des globalen Kapitalismus

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir mit Blick auf die dominante Gesellschaftsformation "Kapitalismus" mit einem veritablen Paradox konfrontiert: "Dass die kapitalistische Wirtschaftsform auf absehbare Zeit alternativlos ist, bestreitet heute kaum noch jemand. Aber so richtig freuen wollen sich darüber die wenigsten." (Herzinger 2003: 747) Nicht einmal die entschiedenen Vordenker des Kapitalismus sind mit seiner gegenwärtigen Verfassung zufrieden. "Der Kapitalismus hat zwar alle Prophezeiungen seines Untergangs überlebt – ebenso die Gegenmodelle, die von den Untergangspropheten empfohlen worden waren. Sein schlechtes Image aber hat er behalten." (ebd.)

Mehr noch: Das Image verschlechtert sich gleichsam täglich, weil die siegreiche Formation eine massive Veränderung durchläuft und sich dabei in große Widersprüche verwickelt. In der Tat sind es nicht die Kapitalismuskritiker, die dem "globalisierten oder flexiblen" Kapitalismus zu schaffen machen. Die Lobredner der kapitalistischen Marktwirtschaft nehmen überrascht zur Kenntnis, dass mit dem Verschwinden der staatssozialistischen Diktaturen über die gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnisse sich zwar befreiende Erleichterung breit gemacht hat, aber eine Erneuerung der Kapitalismuskritik ist ausgeblieben. Dem Kapitalismus sind selbst die intellektuellen Kritiker abhanden gekommen. "Erstaunlicherweise gibt es ... auch keine Renaissance ernstzunehmender politischer Ökonomie. Intellektuell anspruchsvolle Kapitalismuskritik müsste wohl damit beginnen, die Sündenbocktheorie zu überwinden und zu fragen, ob es sich beim Kapitalismus nicht eher um eine Gans handelt, die goldene Eier legt, weswegen vom Schlachten dringend abzuraten wäre." (Bohrer/Scheel 2003: 746) Vor dem Hintergrund der geschichtlichen Katastrophen und Erfahrungen im 20. Jahrhundert ist es verständlich, wenn die konzeptiven Ideologen des Kapitalismus immer noch vom Trauma des "Schlachtens" beherrscht sind. Die praktisch handelnden Akteure sahen sich allerdings schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht als Schlachtvieh, sondern angesichts der Akkumulations- und Verteilungszwänge mehr der Gefahr des Verhungerns ausgesetzt. Schon damals antwortete der Ökonom John Maynard Keynes auf die vermeintliche Bedrohung, durch hohe Löhne, Sozialabgaben und Steuern um den wohlverdienten Ertrag der Kapitalinvestition gebracht zu werden: "Kurz, wir dürfen die Gans, die goldene Eier legt, nicht verhungern lassen, bevor wir sie nicht zu ersetzen wissen. Stattdessen müssen wir ihre Eier besteuern." (Keynes 1930: 12) Das Schlüsselproblem ist also doppelter Natur: einerseits die effektive Besteuerung der Erträge des Kapitals und andererseits die Entwicklung einer Alternative zur Profit- oder Marktsteuerung; in beiden Punkten sind – darin haben die Ideologen der kapitalistischen Formation Recht – die Kritiker nicht weitergekommen.

Die Kritik am kapitalistischen System resultiert aus der Verarbeitung der praktisch-gesellschaftlichen Widerspruchs- und Krisenkonstellationen. Der Staatssozialismus wurde niederkonkurriert, die Systemauseinandersetzung beendet und die sozialstaatliche Umverteilung schrittweise rückgängig gemacht. Mit der "New Economy" schien eine neue Entwicklungsphase erreicht: "Nachdem Euphorie in Hybris umschlug, Konjunkturzyklen und Krisen als endgültig überwunden deklariert wurden im Fieberwahn der 'New Economy', hat uns die Wirklichkeit eingeholt. Seit drei Jahren verzeichnen wir globale Stagflation, ausgelöst durch den größten Börseneinbruch seit langem. Die äußeren Feinde besiegt, sieht sich der marktwirtschaftliche Kapitalismus nur noch inneren Feinden ausgesetzt." (Fischer 2003: 790f.) Die Zukunft des Kapitalismus erscheint zu Beginn des 21. Jahrhunderts keineswegs in strahlendem Licht: gnadenlose, radikale gesellschaftliche Veränderungen, die in nahezu alle sozialen Teilbereiche und Subsysteme eingreifen, um sie für das 21. Jahrhundert fit zu machen; wachsende soziale Unterschiede in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern und im System der Globalökonomie, was sich in gravierenden Finanz- und Wirtschaftskrisen niederschlägt.


Inhalt:

Einleitung: Globalisierung und die amerikanische Herausforderung
Globalisierung oder Kulturkampf der unterschiedlichen Wirtschaftskulturen im Kapitalismus? / Amerika als fortgeschrittene Beobachtungsposition / Widersprüche des globalen Kapitalismus (Leseprobe) / Vielfalt der Kapitalismen? / Kapitalismus-Kritik / Verschwinden des politischen Subjektes / Monopol und Akkumulationsdynamik

Kapitel 1
Vom liberalen Kapitalismus zum Regime des Shareholder value

Shareholder value-Kapitalismus / Der Übergang vom Managerkapitalismus zum Shareholder value / Gesellschaftskapital als sich selbst aufhebender Widerspruch / Machtverhältnisse im Unternehmen (Corporate Governance) / Auflösung der Deutschland AG – Niedergang des rheinischen Kapitalismus / Machtstruktur im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts

Kapitel 2
Passive Revolution und Neoliberalismus

Die verkannte Revolution / Passive Revolution und Fordismus / Benedetto Croce und der politische Liberalismus / Amerikanismus und Fordismus / Passive Revolution in den 1930er Jahren / Passive Revolution am Ende der fordistischen Entwicklungsetappe / Von der Krise der Globalsteuerung zur neoliberalen Deregulierung

Kapitel 3
Die Transformation des Sozialstaates

Keynesianischer Wohlfahrtsstaat / Verlust der Zinssouveränität / Globalisierung – Mythos und Realität / Globalisierung: eine neue Qualität? / Spekulation = Umverteilung von Reichtum / Unterwerfung des Nationalstaats / Europäische Währungs- und Wirtschaftsunion / Globalisierung und Politik / Sozialstaatsabbau ohne Alternative?

Kapitel 4
Überwindung des rheinischen Kapitalismus

Vom "Organisierten Kapitalismus" zur Marktöffnung / Fordismus / Angelsächsischer oder Shareholder value-Kapitalismus / Imperiale Überdehnung / Umwandlung des rheinischen Kapitalismus

Kapitel 5
Strukturen des Aktionärskapitalismus

Neoliberalismus als herrschende Ideologie / Neoliberalismus und Vulgärökonomie / Passive Revolution und Regime der Vermögensbesitzer / Verselbständigung der Finanzsphäre / Neues Produktionsmodell? / Gesellschaftliche Betriebsweise / Neue Betriebsweise oder Interregnum? / Gibt es eine postfordistische Betriebsweise des Kapitals? / Stellungskrieg ohne Ende?

Kapitel 6
Politische Ökonomie der Unsicherheit oder Steuerung der Ökonomie?

Chronische Finanz- und Fiskalkrise / Marktöffnung für soziale Dienstleistungen und öffentliche Güter / Vermarktlichung der Arbeitskraft und Kapitalisierung öffentlicher Dienste / Exception culturelle / Umbau der Gesellschaften / Kritik des Sozialstaatsmodells und der Regulationsweise / Neoliberales "Weiter so"? / Der "Dritte Weg" der europäischen Sozialdemokratie / Eine Alternative der sozialistischen Linken? / Aufhebung des Kapitalverhältnisses / Wirtschaftliche Elite

Kapitel 7
Fortführung des amerikanischen Jahrhunderts?

Die amerikanische Supermacht im Zeitalter der Globalisierung / Was folgt dem Finanz-Crash? / Ökonomische Schwäche der Supermacht 207

Literatur

Zurück