Karl Heinz Roth

Der Zustand der Welt

Gegen-Perspektiven

96 Seiten | 2005 | EUR 8.80
ISBN 3-89965-138-3 1

Titel nicht lieferbar!

 

Kurztext: Ein spannender Versuch, die ungeheure Komplexität der gegenwärtigen globalisierten Welt synthetisch zu fassen und mit Überlegungen zu möglichen Umrissen einer sozialistischen Transformationsperspektive zu konfrontieren.


In diesem Essay unternimmt der Sozialhistoriker Karl Heinz Roth den herausfordernden Versuch, die sozialökonomischen Verhältnisse in den Kriegs- und Schattenökonomien der Peripherie, in den Schwellenländern, in den asiatischen Wachstumsregionen und in den kapitalistischen Metropolen USA und Europa zusammenzudenken. In einer historischen Vergleichsperspektive werden für die gesellschaftliche Umbruchsperiode seit den 1970er Jahren globale Zyklen sowohl ökonomischer Restrukturierung als auch sozialer Kämpfe ausgemacht – angefangen bei den Kleinbauern im "Trikont" über die chinesischen Wanderarbeiter bis hin zu den Lohnabhängigen in Hightech-Betrieben in den Metropolen, aber auch den Hartz-IV-Opfern hierzulande.

Roth macht bei seinem Unterfangen, die komplexe Entwicklungsdynamik zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu begreifen, auch seinen analytischen Rahmen transparent: Die Weltsystemtheorie eines Immanuel Wallerstein, die Kondratieffschen "Langen Wellen", Karl Polanyis "Great Transformation", der Blick des französischen Sozialhistorikers Fernand Braudel auf die Dynamik des Kapitalismus, die Kritik der politischen Ökonomie bei Karl Marx und die Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Postkeynesianismus gehen bei ihm eine produktive Synthese ein.

Heraus kommt der Vorschlag, die Erfahrungen des weltweiten sozialen Widerstands mit einer Analyse der aktuellen globalen Entwicklungstendenzen zu kombinieren und daraus eine Gegenperspektive zu entwickeln, die die Fehler der vergangenen sozialistischen Transformationsvorstellungen vermeidet. Die Diskussion ist eröffnet.

Der Autor:

Karl Heinz Roth, Historiker, Mitarbeiter der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts und Mitherausgeber der Zeitschrift Sozial.Geschichte, lebt in Bremen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozial-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Letzte Buchveröffentlichung zusammen mit Angelika Ebbinghaus (Hrsg.): Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945, Hamburg 2004.

Rezensionen

Der Zustand der Welt Bei aktuellen Diskussionen in linken Zirkeln um den Zustand der Welt und um linke Perspektiven herrscht Verwirrung allerorten: Was bedeutet eigentlich heutzutage Kapitalismus? Leben wir noch im Imperialismus, im postimperialistischen Empire oder eher in einer postindustriellen Moderne? Was ist angesagt? Kampf für oder gegen Arbeit? Die neue Suche nach der sozialen Frage? Die Öffnung zu neuen sozialen Bewegungen oder eher der Kampf gegen alle, die es noch nicht begriffen haben mit der richtigen Wert- und Kapitalismuskritik? Oder gar die neue Linkspartei? Aus dem ständig wachsenden Stapel von Grundsatz-, Abgrenzungs- und Standorterklärungen sowie Welterklärungsmanifesten und Ideologietraktaten diverser linken Strömungen springt meist eher der traurige Zustand der Linken in diesem Lande ins Auge als irgendein Erkenntnisgewinn. Um so erfrischender gestaltet sich die Lektüre des Essays aus der Feder des Bremer Sozialhistorikers Karl Heinz Roth, der sich dem schwierigen Vorhaben gewidmet hat, auf knapp hundert Seiten eine fundierte Diskussionsgrundlage über linke Gesellschaftskritik und gesellschaftliche Praxis vorzulegen. Dieses Vorhaben, so darf vorweg verraten werden, ist durchaus als gelungen zu bezeichnen. Der Autor - selbst als "Alt-Autonomer" ein Protagonist der Radikalen Linken seit den Achtundsechzigern - hebt sich mit seinem Essay in mehrfacher Hinsicht wohltuend von diversen Traktaten anderer größerer und kleinerer Persönlichkeiten dieser politischen Gefilden ab. Denn jenseits von einem in diesen Kreisen oft gepflegten inquisitorischem Ideologengehabe, aufdringlicher Rechthaberei und lustvoller Identifizierung von angeblichen Renegaten, zeichnet sich die Argumentationsweise Roths durch geistige Offenheit und materialistischer Analysefähigkeit aus. Schon eingangs wird aus der Lektüre ersichtlich, dass der Autor von derartigem Gehabe in solchen Kreisen Abstand nimmt und Diskussionen in neuen sozialen Bewegungen sucht. Der Essay ist schließlich zum Teil einer Überarbeitung eines Vortrages bei der Jahrestagung 2005 von ATTAC Deutschland entsprungen, welcher der Autor niveauvolle und rege Diskussionsfreude bescheinigt. Die Suche nach neuen Ufern in der linken Theoriedebatte wird in dem Essay auch mit einer erfrischend forschen Auseinandersetzung mit der Marxschen Kapitalanalyse angestoßen. Auf Anregung der Marx´schen Aufforderung, seine Kritik der politischen Ökonomie als epochal gebunden zu verstehen und ständig weiter zu entwickeln, verweist Roth auf Leerstellen des Marxschen Denkens (u.a. Weltmarktanalyse und Staatskritik; so genanntes Wert-Preis-Transformationsproblem etc.) und stellt im Hinblick auf die aktuelle Zwangs- und Sklavenarbeit in vielen Teilen der Welt das marxsche Theorem von der "doppelt freien Lohnarbeit" begrifflich in Frage. Eine zeitgemäße linke Theorie, so Roth, dürfe nicht bei der Marxschen Theorie stehen bleiben, sondern muss diese durch Hinzuziehen neuer linker Theoriebausteine verändern und erweitern. Dem aktuell vorherrschenden linken Reformismus hingegen bescheinigt der Autor zwar eine "durchdachte Programmatik" jedoch zugleich mehrere Gefahren: Nationalismus, Staatenkonflikte sowie Verblendung der abhängigen Beschäftigung im Glauben an einen guten und sozialen Kapitalismus: "Wir sollten uns mehr einfallen lassen als ein Remake des nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etablierten goldenen Zeitalters der Sozialstaatlichkeit, auch wenn die Perspektive inzwischen auf ein kontinental erweitertes politisches Territorium - neben Europa vor allem auch Lateinamerika - projiziert ist", so Roth. In seinen Überlegungen zu einem zeitgemäßen sozialistischen Transformationsprozess fordert der Autor eine Abkehr von den "Strukturen einer wie immer auch verfassten staatlichen Gouvernementalität". Statt auf linke Parteien mit ihrem Postengehabe und ihren Reformversprechungen zu setzen, fordert Roth die grundsätzliche und spektrenübergreifende Orientierung auf "soziale Gerechtigkeit, Existenzsicherung und sozialen Gleichheit". Konkret benennt er als Anknüpfungspunkte im Trikont die Sicherstellung der elementaren Überlebensbedingungen sowie in den Metropolen Kampagnen zur Abschaffung der Erbschaftssteuer, kommunale Interventionen gegen städtische Privatisierungsmaßnahmen sowie als organisatorische Perspektive den Aufbau eines Netzwerkes gesellschaftlicher AkteurInnen von unten mit transnationaler Orientierung: Die National- und Supranationalstaaten sind nicht mehr unsere Adressaten, sondern nur noch ein Problem. Karl Heinz Roth gibt mit diesem Essay eine überaus lesenswerte wie zugleich brauchbare Anregung - gespickt mit einer Fülle von Verweisen auf Texte und Debatten zum Zeitgeschehen - für eine spektrenübergreifende linke Theorie- und Praxisdebatte, die alle diejenigen als Bereicherung erfahren werden, die an einem offenen und gemeinsamen Austausch über den gegenwärtigen Zustand des Kapitalismus und die Bedingungen seiner Abschaffung interessiert sind. Al C. Karl Heinz Roth: Der Zustand der Welt. Gegen-Perspektiven, VSA-Verlag, Hamburg 2005, 94 S., 8,80 Euro terz (Düsseldorfs Stattzeitung für Politik und Kultur) 09.05

Leseprobe 1

Vorbemerkung

Dieser Essay geht auf zwei Vorträge zurück, die ich am 24. April als Gastreferent auf der Jahrestagung 2005 von Attac Deutschland und am 31. Mai 2005 vor dem Bündnis gegen den Sozialkahlschlag des Bremer Sozialplenums gehalten habe. Es handelte sich dabei um argumentative Sondierungen, durch die ich klären wollte, welche Bedeutung eine Analyse der aktuellen Weltläufte für die immer dringlicher gewordene mittel- bis langfristige konzeptionelle Orientierung der neuen Sozialbewegungen haben kann. Sie fanden vor heterogenen Diskussionsforen statt: Einmal vor einem erst jüngst entstandenen und europaweit vernetzten Gremium und zum andern vor einer lokalen Assoziation linkssozialistischer Basisgruppen, deren wechselhafte Geschichte teilweise bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Diesen unterschiedlichen Konstellationen trug ich durch teilweise erhebliche Gewichtsverlagerungen innerhalb der komplexen Thematik Rechnung, präsentierte dessen ungeachtet aber einen identischen Argumentationsrahmen. Im vorliegenden Text habe ich die ursprünglich gewählten Themen gleichgewichtig in vier voneinander separierten Abschnitten zusammengeführt, wobei ich die kritischen Kommentare der beiden Diskussionsforen berücksichtigt habe. Bevor ich damit beginne, möchte ich meinen Diskussionspartnern dadurch meinen Dank abstatten, dass ich sie kurz vorstelle. Attac Deutschland feierte vom 22. bis 24. April in 2005 Mannheim seinen fünften Geburtstag. Bislang kannte ich die deutsche Sektion von Attac, die 2001 nach den Ereignissen von Genua entstanden war, noch weniger als ihre übrigen europäischen Netzwerke; mehr als ihre "BasisTexte" und die wichtigsten Veröffentlichungen der Mitglieder ihres Wissenschaftlichen Beirats – von Ulrich Brand bis Jörg Huffschmid – hatte ich nicht gelesen.[1] Wahrscheinlich hatte die Einladung damit zu tun, dass die "Hauptberuflichen" und die Aktivistinnen und Aktivisten dieser "globalisierungskritischen" Initiative ihre Traktanden zu bündeln gedachten, und zwar in die Richtung der "sozialen Frage" – aber das war nur eine Vermutung. Eine Bruchlandung wegen allzu gravierender Meinungsverschiedenheiten war somit nicht auszuschließen. Da aber Attac der Ruf vorausgeht, offen und dialogbereit zu agieren, würde es wohl auch in einem solchen Fall einigermaßen höflich zugehen – anders als in den Zirkeln der zersplitterten "Linksradikalen", wo es in solchen Fällen kein Pardon gibt. Diese Befürchtungen erwiesen sich rasch als gegenstandslos. Mein Vortrag fand ein breites Echo, und im Anschluss daran bildete sich spontan eine Arbeitsgruppe, in der auf hohem Niveau diskutiert wurde, und von der ich viel gelernt habe. Vor und nach meinem Statement und dieser Diskussionsrunde nahm ich an mehreren Arbeitsgruppen und Plena teil, hinzu kamen sehr aufschlussreiche Gespräche mit den Gastgeberinnen und Gastgebern. In Attac Deutschland sind drei Generationen assoziiert, die sich auf die Kohorten der Sechzig-, Fünfunddreißig- und Zwanzigjährigen verteilen und sich in der Gründungsphase auf bemerkenswerte Weise miteinander verständigt hatten. Die "Jungen", zumeist Studierende, suchen in den transnationalen Netzwerken energisch nach einer glaubwürdigen Alternative. Die "Mittleren" sind skeptisch-pragmatisch eingestellt und lassen sich nur auf realistisch erscheinende Etappenziele ein, was sich in penibel durchgeplanten Kampagnen und bewusst auf das Machbare begrenzten NGO-Aktivitäten niederschlägt. Hinzu kommen die "68er" bzw. "70er", die sich nach dem Niedergang der Sozialrevolten zu Beginn der 1980er Jahre resigniert in die für sie erreichbaren beruflichen Nischen zurückgezogen hatten, erst im Kontext der Weltsozialforen der letzten Jahre neue Hoffnung schöpften und es dann "noch einmal wissen" wollten. Sie setzten sich mit den "Mittleren" und den "Jungen" zusammen und arbeiteten – lange vor der inzwischen in Gang gekommenen Historisierung der "roten" Jahrzehnte – ihre vergangenen Fehler auf. Am Ende dieser intensiv geführten Debatte stand die Vereinbarung, auf traditionelle Organisationsformen zu verzichten, keine inneren Hierarchien zuzulassen, alle Probleme bis zum Konsens auszudiskutieren und eine basisdemokratische Binnenstruktur aufzubauen, die durch gegenseitigen Respekt geprägt ist. Attac ist also mehr als eine "Kampagnen-NGO", die sich aus transnationaler Perspektive für die Re-Regulierung der Finanzmärkte,[2] gegen die neoliberale und militaristische Politik der EU-Kommission sowie auf nationaler bzw. lokaler Ebene gegen den Privatisierungsausverkauf der kommunalen Betriebe und die Demontage der sozialen Sicherungssysteme stark macht. Ihr Problem ist dabei zweifellos eine Tendenz zur "Stellvertreterpolitik": Ihre Initiativen zielen nicht darauf ab, den Prozess der Selbstorganisation von unten gegen die voranschreitende soziale Existenzbedrohung in Gang zu bringen und/oder zu beschleunigen. Ihre Anhänger haben sich vielmehr darauf verständigt, durch medienwirksam vorangetriebene Kampagnen Druck auf die politischen Eliten auszuüben und sie zu einer "staatsreformistischen" Abkehr von ihrem neoliberalen Deregulierungswahn zu veranlassen. Über die mittelfristigen Aussichten eines solchen Ansatzes kann man geteilter Meinung sein, und bei der bevorstehenden Bündelung der bisherigen Initiativen auf die Durchsetzung einer global greifenden sozialen Gerechtigkeitsperspektive wird dieses Problem besonders akut werden. Aber auch dann, wenn die Initiative von Attac bei diesem Versuch zur Neuorientierung an ihre Grenze stoßen sollte, wäre sie keineswegs umsonst gewesen. Von den basisdemokratischen Binnenstrukturen, der Professionalität und dem Konsensprinzip dieser in etwa 200 lokalen Initiativen assoziierten Gruppierung können die Reste der "Linksradikalen" nur träumen, und wir können nur hoffen, dass ihre kommunikativen Erfahrungen und Lernprozesse in den zu erwartenden sozialen Massenkämpfen der nächsten Jahre spürbar bleiben. Bei den Aktivistinnen und Aktivisten des Bremer Sozialplenums handelt es sich dagegen um alte Bekannte. Mit einigen arbeite ich seit der Sozialrevolte der 1960er und 70er Jahre zusammen. Andere, die sich erst in den letzten Jahren als junge Studierende auf die Suche nach alternativen Ufern gemacht hatten, konnte ich bei ihren Aktionen beobachten, etwa vor eineinhalb Jahren beim Bremer Uni-Streik gegen die Einführung von Studiengebühren, und dabei eine entschlossene und zugleich genau durchdachte Vorgehensweise bewundern, die die selbst gesetzten Grenzen bewusst nicht überschritt. Zwischen diesen Polen der Zwanzig- und Sechzigjährigen kooperieren wie bei Attac drei Generationen miteinander, die sich entsprechend ihrem breiten Orientierungsspektrum erheblich ausdifferenziert haben. In ihrem Bündnis befindet sich eine international vernetzte Initiative zur Unterstützung von Flüchtlingen und MigrantInnen, eine selbstorganisierte Solidarische Hilfe für Erwerbslose, ein Antirassistisches Büro, linksgewerkschaftliche Gruppierungen und eine phantasievolle Karawane-Gruppe zur Unterminierung des Schengener Grenzregimes. Sie sind das Salz der lokalen Alternativen, seit Jahren aktiv und wegen allfälliger Rückschläge – zuletzt bei ihren jüngsten Mobilisierungsversuchen gegen die im Januar in Kraft getretene Streichung der Arbeitslosenhilfe – ständig in Gefahr, ihren Stellenwert zu unterschätzen und ihre Erfolge zu übersehen. So hatte eine Woche vor der Veranstaltung eine Großdemonstration gegen den regionalen Sozialabbau im öffentlichen Dienst sowie im Bildungs- und Gesundheitswesen stattgefunden, die auf eine Initiative des Bündnisses zurückging. In der Tat war die Schlussphase der anschließenden Diskussion durch diese Problematik geprägt. Zuvor hatte es jedoch eine Reihe von Beiträgen gegeben, durch die Schwachstellen und Argumentationslücken nachgewiesen und wichtige Ergänzungsvorschläge gemacht wurden. Trotz dieser nicht nur örtlichen Nähe war mein Vortrag vor diesem Gremium keineswegs ein "Heimspiel". Dem Risiko des Attac-Gastredners stand hier die Gefahr gegenüber, dass sich der Blick auf die Weltläufte und die in ihrem Kontext allmählich erkennbar werdenden alternativen Handlungsmöglichkeiten nicht in die sehr spezifische lokale Konstellation zurückvermitteln ließen – trotz ihrer unzweideutigen internationalen Verbindungen. Darüber hinaus spielte aber auch vor diesem Forum das Problem einer systemimmanenten Reformpolitik eine gewichtige Rolle. Die durch den Sozialkahlschlag Betroffenen hatten kurz zuvor der Schröder-Fischer-Regierung bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und dem Präsidialregime Chiracs beim französischen Referendum zur EU-Verfassung eine Quittung erteilt, die in Deutschland und Frankreich ein politisches Erdbeben auslöste. Auf den nationalstaatlichen Repräsentationsebenen der Kerngruppe der Europäischen Union werden die politischen Karten jetzt neu gemischt. Die französische Linke befindet sich unverkennbar im Aufwind, und auch in Deutschland zeichnen sich im Windschatten der Winkelzüge der SPD-Spitze zu vorgezogenen Neuwahlen die Konturen eines links-demokratischen Wahlbündnisses ab, das wie in Frankreich durch die Forderung nach einem post-keynesianischen Kurswechsel in Richtung Vollbeschäftigungspolitik und sozialstaatliche Existenzsicherung geprägt ist. Im Gegensatz zu Attac, dessen Gruppierungen sich trotz ihrer parteipolitischen Distanz weitgehend mit diesem Weg zur Überwindung der neoliberalen Gegenreform identifizieren, befindet sich das Bremer Sozialplenum lediglich in einer taktischen Beziehung zu einer derartigen Perspektive: Inwieweit sollte eine linke Wahlpartei zumindest partiell als kleineres Übel unterstützt werden? Nach Lage der Dinge empfahl es sich, dieser Frage gegenüber eine globale Perspektive einzunehmen, um ihren Stellenwert einzuschätzen und zu klären, wie weit man sich auf die neuen politisch-institutionellen Handlungsspielräume einlässt. Grenzt es aber nicht an Hybris, innerhalb einer Stunde im freien Vortrag ein derart umfassendes Thema abzuhandeln? Und wie soll es dabei gelingen, den Anspruch einer transnationalen Analyse in seinem Doppelsinn einzulösen, nämlich nicht nur die Zustände des eigenen gesellschaftlichen Umfelds global vergleichend zu erörtern, sondern darüber hinaus von jenen Konstellationen auszugehen, die zweifellos die entscheidenden Brennpunkte des aktuellen Geschehens darstellen – also vom Süden und von Asien aus? Das erforderte eine völlig andere Vorgehensweise als vor einem Jahr, als ich auf einer Veranstaltung des Bremer Bündnisses über die globalen Kontexte des deutschen "Sozialkahlschlags" referiert hatte.[3] Ich musste mich somit auf jene Ausgangspunkte zurück beziehen, die ich vor über zehn Jahren in einem Essay über die weltweite "Wiederkehr der Proletarität" erarbeitet hatte.[4] Das aber war kein leichtes Unterfangen, denn die Welt hat sich seit Mitte der 1990er Jahre in rasendem Tempo gewandelt. Zwar verfolge ich wie jeder politisch interessierte Zeitgenosse die Weltläufte einigermaßen kontinuierlich, und als Wanderer zwischen verschiedenen Restströmungen der allmählich ergrauten "neuen" Linken bekomme ich auch durchaus mit, wo die wichtigen Brennpunkte und die offenen Fragen liegen. Auch die Tatsache, dass eine von mir mit herausgegebene sozialhistorische Zeitschrift neuen globalgeschichtlichen Ufern zustrebt,[5] ist da sehr hilfreich, wobei vor allem der Dialog mit dem Mitherausgeber Marcel van der Linden meine Sensibilität für die Begrifflichkeiten und Realitäten der neuen world working class geschärft hat. Hinzu kamen sporadische Kontakte mit alten Freunden, die ihre Identitäten und Vorlieben auch als Mitarbeiter nationaler wie internationaler Forschungsinstitute nicht aufgegeben haben, die aber aus nahe liegenden Gründen ungenannt bleiben möchten. Dagegen konnte ich meine eigenen aktuellen historischen Forschungsfragen nicht mit einbringen, weil sie allzu weit ab liegen. Deshalb ist der vorliegende Essay nur das zerbrechliche Produkt eines zweimonatigen Brainstorming, in das vor allem Frank Borris immer wieder hilfreich eingriff und auf die Arbeitsergebnisse und Traktanden der Materialien für einen neuen Anti-Imperialismus hinwies.[6] Von den beiden Vorträgen unterscheidet sich der vorliegende Text durch die gleichgewichtige Ausformulierung der grundlegenden Gedankengänge, durch die in ihn aus den beiden Diskussionsrunden eingeflossenen Korrekturen und Ergänzungen sowie durch einige kommentierte Literaturbelege, soweit sie für eine weiterführende Auseinandersetzung mit meinen Hypothesen unverzichtbar sind. Dass es sich bei diesem Essay nur um einen weiteren unvollständigen Versuch handeln kann, die ungeheure Komplexität der Gegenwart synthetisch zu fassen und mit einigen Überlegungen über die möglichen Umrisse einer sozialistischen Transformationsperspektive zu konfrontieren, versteht sich nach alledem von selbst.

[1] Die meisten Publikationen von Attac-Deutschland sind bislang im Hamburger VSA-Verlag erschienen. Trotz mancher allzu tagespolitisch orientierter Argumentationslinien gehören sie zum Grundbestand einer jeden transnational orientierten Analyse der aktuellen Entwicklungstendenzen des Weltsystems. Vgl. die Übersichten zu den Attac-Veröffentlichungen bei www.vsa-verlag.de --> Aus aktuellem Anlass.
[2] Und zwar durch die Einführung einer Devisenumsatzsteuer, die Etablierung umfassender Kapitalverkehrskontrollen und eine internationale Homogenisierung der Kapital- und Vermögenssteuern.
[3] Karl Heinz Roth, Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten, Februar 2004. In unterschiedlich gekürzten Versionen veröffentlicht: Umbruch in Deutschland. Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten/Teil I, in: junge Welt, Berlin, Nr. 65 vom 19.3.2004, S. 19-11; Keine Macht für niemand. Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten/Teil II, in: junge Welt, Berlin, Nr. 66 vom 20.3.2004, S. 10-11; Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten. Überlegungen zu Agenda 2010 und globalem Akkumulationsregime, in: ak – analyse & kritik, Hamburg, Nr. 482 vom 19.3.2004, S. 8-9; Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten, in: AStA Uni Hamburg/Attac Campus (Hrsg.), Bausteine für eine interventionistische Linke, Hamburg o.J., S. 26-34.
[4] Karl Heinz Roth (Hrsg.), Die Wiederkehr der Proletarität. Dokumentation der Debatte, Köln: Neuer ISP Verlag, 1994.
[5] Vgl. Karl Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus/Marcel van der Linden, Editorial, in: Sozial.Geschichte, Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts, N.F., 20 (2005), H. 1, S. 7-10.
[6] Die Konsultation ihrer Homepage erspart viele Umwege bei der Suche nach den aktuellen Brennpunkten des globalen Geschehens: www.materialien.org/texte.

Inhalt:

Vorbemerkung (Leseprobe)
1. Der neue globale Zyklus
2. Die Restrukturierung des Zyklus aus der Perspektive von unten
3. Marx testen: Die Dringlichkeit einer neuen Theoriedebatte
4. Umrisse einer erneuerten sozialistischen Alternative
Literatur

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