Dieter Thiele / Reinhard Saloch

Auf den Spuren der Bertinis

Ein literarischer Spaziergang durch Barmbek

144 Seiten | 2002 | EUR 12.80
ISBN 3-87975-896-4 1

Titel nicht lieferbar!

 

Ralph Giordano hat in den "Bertinis" seine Kindheits- und Jugenderlebnisse als Sohn einer von der nationalsozialistischen Rassenpolitik bedrohten italienisch-jüdischen Familie in Hamburg verarbeitet. Daher rührt auch der Barmbekische Anteil des Romans.


 

Leser und Leserinnen, die Genaueres über reale Schauplätze und Zeitverhältnisse wissen wollen, bekommen Aufschluss in diesem Buch.

Die Autoren haben bereits zahlreiche Gruppen "auf den Spuren der Bertinis" durch ihren Stadtteil geführt. Sie ermöglichen es nunmehr, ihrem literarischen Spaziergang in dieser mit vielen Abbildungen illustrierten Buchveröffentlichung nachzugehen. In einem Exkurs gehen Dieter Thiele und Reinhard Saloch auch auf den Bestseller "Neger, Neger, Schornsteinfeger" ein, die Jugenderinnerungen von Giordanos "Lebensfreund" Hans Jürgen Massaquoi.

"Beim Spaziergang suchen wir Schauplätze auf, an denen die Bertinis sich aufgehalten haben, und gehen Wege nach, die die Bertinis gegangen sind. Wir stellen dar, wie die Schauplätze, die Wege nach unserer Kenntnis zwischen 1925 und 1945 beschaffen waren. Es versteht sich, dass wir nicht an der Oberfläche haften bleiben, sondern historische Substanz geben wollen. So sprechen wir auch über Milieus und Zeitverhältnisse, mit denen die Bertinis in Berührung gekommen sind. Wir gehen auf eklatante Besonderheiten Barmbeks ein, die im Erfahrungsbereich der Bertinis lagen und doch im Roman nicht vorkommen. Und wir erzählen am Rande von Lebensumständen und Schicksalen anderer Menschen im Barmbeker Raum, die sich sozusagen als Folie eignen, von der die Bertinis sich plastischer abheben. Die zeitgeschichtliche Folie malen wir in vier Exkursen weiter aus."

Die Autoren:
Reinhard Saloch und Dieter Thiele sind Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Barmbek und

veranstalten seit vielen Jahren den beliebten Rundgang "Auf den Spuren der Bertinis".

 

 

Rezensionen

BARMBEK (BTS). Dieter Thiele und Reinhard Saloch von der Geschichtswerkstatt Barmbek führen Literatur- und Geschichtsfreunde seit über zehn Jahrcn "auf den Spuren der Bertinis" durch Barmek. Auf vielfachen Wunsch haben sie den literarischen Spaziergang zu Ralph Giordanos Schicksalsroman über die eigene Familie (bis 1946/47) in einem Buch veröffentlicht. Barmbek ist der Hauptschauplatz des Romans, der unterhaltsam und farbig die besondere Lage und das Leben einer jüdisch-nichtjüdischen "Mischfamilie" während des Nationalsozialismus schildert. Dieter Thiele und Reinhard Saloch suchen beim Spaziergang wichtige Schauplätze der Bertinis auf. So beschreiben sie die früheste "Heimat" der Bertini-Brüder, die im Buch als "Lindenallee" benannte nördliche Hufnerstraße samt Nachbarschaft. Weitere Stationen sind das "Schulgefängnis" Johanneum, in dem die beiden Bertinis anfangs unter ihrer Armut und sozialen Benachteiligung, später unter der rassistischen Diskriminierung litten und das "Café Kaiser" an der Fuhlsbüttler Straße, dem Swing-Treffpunkt der Jugendlichen. An insgesamt zehn Stationen können Leserinnen und Leser den Bertinis mit dem Buch unter dem Arm "nachspüren". In einem Exkurs schweifen die Autoren ein wenig vom Roman ab und gehen auf den 1999 veröffentlichten Bestseller "Neger, Neger, Schornsteinfeger" ein. Darin berichtet Giordanos Freund Hans Jürgen Massaquoi, alias "Mickey", über seine Jugenderinnerungen in Barmbek. Unser Tipp: Für jüngere und ältere Barmbeker sowie Zugereiste ist "Auf den Spuren der Bertinis" eine interessante Lektüre, die Harald Ehlers mit ausgewählten Fotos ergänzt hat. (Hamburger Wochenblatt)

Leseprobe 1

Auf den Spuren der Bertinis (Einleitung)

Dies ist ein Buch zu einem literarischen Spaziergang. Wir haben im Laufe von zwölf Jahren schon mehr als zwanzig Gruppen "auf den Spuren der Bertinis" durch Barmbek geführt. Natürlich ist das Buch wie der Spaziergang in erster Linie für Leserinnen und Leser des Giordanoschen Romans bestimmt. Wer die Romanfiguren nicht kennt - und sei es nur aus dem Fernsehfilm -, wird ihnen nicht am historischen Ort nachspüren wollen. Beim Spaziergang suchen wir Schauplätze auf, an denen die Bertinis sich aufgehalten haben, und gehen Wege nach, die die Bertinis gegangen sind. Wir stellen dar, wie die Schauplätze, die Wege nach unserer Kenntnis damals – etwa zwischen 1925 und 45 – beschaffen waren. Es versteht sich, dass wir nicht an der Oberfläche haften bleiben, sondern historische Substanz geben wollen. So sprechen wir auch über Milieus und Zeitverhältnisse, mit denen die Bertinis in Berührung gekommen sind. Wir gehen auf eklatante Besonderheiten Barmbeks ein, die im Erfahrungsbereich der Bertinis lagen und doch im Roman nicht vorkommen. Und wir erzählen am Rande von Lebensumständen und Schicksalen anderer Menschen im Barmbeker Raum, die sich sozusagen als Folie eignen, von der die Bertinis sich plastischer abheben. Die zeitgeschichtliche Folie malen wir in vier Exkursen weiter aus. Es liegt auf der Hand, dass solche Ausführungen eben deshalb von Interesse sind, weil in den Roman ein gut Teil lokaler zeitgeschichtlicher Realität eingearbeitet ist. Eingearbeitet, nicht übernommen. "Die Bertinis" heißen mit gutem Grund Roman. Sie sind keine Dokumentarerzählung, obschon ein Roman mit dokumentarischem Einschlag. Die dokumentarischen Züge sind aufs Engste mit dem autobiografischen Gehalt verknüpft, wenn nicht durch diesen bedingt. Doch auch für den autobiografischen Gehalt dürfte gelten, dass das Faktische mit der Freiheit behandelt ist, die einem fiktionalen Erzähler gestattet und geboten ist. "Die Bertinis" wären schwerlich der gelungene Roman, der sie sind, würde sich das Faktische nicht den gestalterischen Absichten fügen. Darum ist es nicht verwunderlich, dass sich zwischen unseren Ermittlungen und dem Bild, das der Roman zeichnet, gelegentlich Differenzen ergeben. Dass wir selber uns nicht anheischig machen, alle Dinge richtig zu sehen, ist ja selbstverständlich. Auf Beispiele des freien Umgangs mit Details der dinglichen und gesellschaftlichen Welt werden wir wiederholt zu sprechen kommen. Seltener werden sich Hinweise darauf ergeben, dass auch Vorbilder von Romanfiguren - wo sie denn auszumachen sind - bei der Transposition in die Romansphäre umgemodelt wurden. Hier nur ein Beispiel: Jedesmal schlägt Alf Bertini seinem Vater schnöde den Herzenswunsch ab, einen Enkel nach dem verehrten (doch im Stich gelassenen) frühen Förderer des Alten, Alberto, zu nennen. Tatsächlich ist der jüngste Enkel, Ralph Giordanos Bruder, nach seinem Großvater Rocco genannt. Zwar haben wir es in den "Bertinis" mit einem 'allwissenden' Erzähler zu tun, aber er schwebt nicht gleich hoch über allen Personen, sondern er nähert sich immer wieder der Erlebnisperspektive Romans an, der ja auch die zentrale Figur ist. Viele Leserinnen und Leser sehen in Roman ein anderes Ich des Autors (der übrigens nicht mit dem Erzähler identisch ist). In der Tat gibt es einen simplen, unmissverständlichen Fingerzeig: Was anders sollten "Die Bertinis" sein als "das Buch", das Roman schreiben wollte? - An der herausgehobenen Rolle Romans liegt es, dass manchmal, wenn wir "die Bertinis" sagen, eigentlich nur oder vorwiegend Roman gemeint ist, weniger seine Brüder Cesar und Ludwig und noch weniger die ganze Kleinfamilie. Doch jedesmal skrupulös zu unterscheiden, würde unsere Darstellung ungebührlich komplizieren, denken wir. Der Anfangserfolg der "Bertinis" beruhte darauf, dass sie einerseits eine ›von Hause aus‹ ganz unalltägliche Familie sehr farbig schildern und anderseits die besondere Lage und das besondere Los jüdisch-nichtjüdischer "Mischfamilien" während der NS-Zeit an einem nacherlebbaren Beispiel breit darstellen. Diese besondere Situation, die im Erscheinungsjahr des Buches (1982) noch wenig bekannt war, einem großen Leserkreis nahegebracht zu haben, und zwar mit emotionaler Tiefenwirkung, ist für sich schon ein bleibendes Verdienst. Der anhaltende Erfolg des Buches verdankt sich vornehmlich seinen literarischen Qualitäten, seiner erzählerischen Eindringlichkeit (viele Figuren und Szenen sind so leicht nicht zu vergessen), seiner ausdrucksstarken, bildkräftigen Sprache. Ein Wesensmerkmal des "Bertini"-Stils ist auch eine gewisse Neigung zum Überschwang, zum Bizarren, Barocken, die gelegentlich kritischen Lesern als Schwäche erscheinen mag (eine von der Stärke nicht zu trennende Schwäche). Die Gliederung unseres Buches folgt dem Spaziergang. Die Kapitel sind dessen Stationen zugeordnet.

Leseprobe 2

Kapitel 2
Kindheitsparadies "Sandkiste"

Station 2: Der kleine Platz bei der Kreuzung Rübenkamp/Hufnerstraße Mit der Einschulung, heißt es im Buch, seien die Bertini-Brüder "aus dem Garten Eden ihrer Kindheit" vertrieben worden. Wollen wir diesen Garten Eden zu lokalisieren versuchen, so kommt neben dem eigentlichen Zuhause zu allererst die "Sandkiste" in Betracht, jene Anlage im spitzen Winkel von Hufnerstraße und Rübenkamp. (An ihrer Stelle befindet sich heute eine fast ungestaltete 'Restfläche': ein Stück Rasen, einige Frühlingsblumen, ein bisschen Randbepflanzung.) In der Form, in der Roman / Ralph sie in Erinnerung behalten hatten, ist die "Sandkiste" erst 1928 hergerichtet worden; da war Ralph immerhin schon sieben Jahre alt. Ein Gegenstück hatte sie in der Dreiecksanlage nördlich der Unterführung Fuhlsbüttler Straße. (Dort ist beim Wiederaufbau nur eine sonderbare Straßenerweiterung übrig geblieben: halb Parkraum, halb verbreiterter Bürgersteig.) Die Rübenkamp-Anlage hat vor 1928 vielleicht nicht viel anders ausgesehen als heute, außer dass sie dichter mit Bäumen bestanden war, wie ein Luftbild vom Anfang der 20er Jahre zeigt. Jedenfalls war Platz genug da, dass sich eine größere Gruppe erwachsener Menschen versammeln konnte. Dies ist aus der Einladung zu einer SPD-Veranstaltung ebendort im Jahr 1927 zu schließen. Damals wanderten Straßenfotografen umher, die Kinder aufforderten, für ein Gruppenfoto zu posieren; später konnten alle Beteiligten Abzüge erwerben. Aus der "Sandkiste" besitzen wir mehrere solcher Fotos. Die Kinderschar ist auf allen gewaltig, was zumindest bestätigt, dass der Andrang groß war. Auf einem Foto ist auch der Wärter festgehalten, dem die Kinder - wie wir vom Erzähler erfahren - das Leben so schwer machten. (Man stelle sich das einmal vor: In solch einer kleinen Anlage, auch im 'Gegenstück' an der Fuhlsbüttler Straße und den ungezählten weiteren, gab es einen eigenen Wärter. In Parks sah man ständig die "Optiker" unterwegs, die Abfallsammler, die Papierstücke und ähnliches aufspießten. In kleinen Anlagen übernahmen die Wärter diese Aufgabe mit. Es waren meist ältere Männer, die sich ein Zubrot verdienten. Solcherlei Arbeitskraft war damals nicht viel wert. Anderseits wurde manchen Dingen, die der Allgemeinheit dienen, größerer Wert beigemessen als heute: z.B. der Pflege der Grünanlagen.) Zum Teil sind Romans "Sandkisten"-Erlebnisse individueller Art: Die frühe Erfahrung seines Fabuliertalents (beim "Wasserfallspiel"); die Erfahrung seiner Führungsqualitäten (als Häuptling des "Stamms"); die erste Begegnung mit Mickey, dem späteren Freund ("Barmbeks einzigem Farbigen"); die bittere unwiderrufliche Verstoßung (als Heinzelmann Scholz ihn schmäht: "Judennees"). Die Begegnung mit Mickey ereignet sich bei einem jener Scharmützel zwischen Jungenhorden verschiedener Straßen oder Quartiere, die allgemein Kloppe genannt wurden: ein Usus, der sich viele Jahrzehnte gehalten hat und keineswegs auf Barmbek beschränkt gewesen ist. (Wiewohl die Barmbek-Uhlenhorster 'Heimatforscherin' Wiepking ihn bis auf die Raufereien Barmbeker und Winterhuder Hütejungen in dörflicher Zeit zurückführen wollte, was uns entschieden zu einseitig scheint und zu weit hergeholt.) Auf der planierten Dreiecksfläche stellten übrigens ehemalige Reichsbannerleute nach dem Kriege (1946/47) eine Baracke auf, die der SPD Hamburg-Nord als Kreisbüro und Veranstaltungsort diente (bis 1962). Doch das fällt schon nicht mehr in die "Bertini"-Zeit, die erzählte Zeit des Buchs. - Anders der Barackenkomplex auf der Höhe der "Sandkiste" an der Westseite des Rübenkamps, der als Versorgungsheim der Wohlfahrtsbehörde in den 20er Jahren gebaut worden war. Dort waren, so der Erzähler, nach dem Krieg britische Soldaten einquartiert, unter ihnen "Jack the Socialist", der Roman und Cesar zu ihrer größten Verblüffung klarmachte, dass er sie für Deutsche halte, was sonst. Die Versorgungsbaracken standen sozusagen vor der Kulisse des weitgeschwungenen Hochbahnviadukts, eines der markantesten Bauwerke Barmbeks. Mit seinen "gelben Wägelchen" blieb es als einer der frühesten visuellen Stadtteileindrücke im Bewusstsein der Brüder haften.

Leseprobe 3



Inhalt:

Auf den Spuren der Bertinis (Einleitung – Leseprobe)
Kapitel 1:
Heimat Lindenallee
Station 1: Die nördliche Hufnerstraße samt Nachbarschaft
Exkurs I: Juden in Barmbek
Kapitel 2 (Leseprobe):
Kindheitsparadies "Sandkiste"
Station 2: Der kleine Platz bei der Kreuzung Rübenkamp/Hufnerstraße
Kapitel 3:
Bühne der Freuden und Leiden
Station 3: Der Stadtpark
Eine Reportage: Die Bertinis vor der Kamera
Station 4: Bahnhof Saarlandstraße
Kapitel 4:
Vertraute Wege, vertraute Räume ... und ein verstockter Wirt
Station 5: Wiesendamm, zwischen Stockhausenstraße und Hufnerstraße
Kapitel 5:
Hilfe in der Bedürftigkeit, Flucht in den Tod
Station 6: Bei der Hufnerstraßenbrücke
Kapitel 6:
"Regenbogen"-Erlebnis
Station 7: Der ehemalige Dorfplatz
Exkurs II: Ada und Amandus
Kapitel 7:
Auf Mickeys Seite
Station 8: Beim Markt in Barmbek
Exkurs III: "Neger, Neger, Schornsteinfeger"
Kapitel 8:
Flohkisten, Burgen, Paläste
Station 8: Beim Markt in Barmbek
Kapitel 9:
Vom 'Schulgefängnis' zur Gelehrtenschule
Station 9: Nordseite der Bramfelder Brücke
Kapitel 10:
Swing im "Café Kaiser"
Station 10: Fuhlsbüttler Straße, gegenüber der Maurienstraße
Kapitel 11:
Gehen oder bleiben?
Station 11: Beim Bahnhof Barmbek
Exkurs IV: Das Lager überlebt, der Deportation entgangen
Epilog:
Eine Gerechte in Barmbek

Zurück