Harald Neubert

Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei

Eine Einführung

100 Seiten | 2001 | EUR 7.60 | sFr 14.00
ISBN 3-87975-820-4 1

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Antonio Gramsci war Historiker und Philosoph, Journalist, Literatur- und Kulturkritiker, Politiker, Parteiführer und Theoretiker der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Er verarbeitete den zeitweiligen Aufstieg des Faschismus in Europa, die widersprüchlichen Entwicklungstendenzen der Modernisierung der kapitalistischen Metropolen in der Zwischenkriegszeit und den in Russland unternommenen Versuch der Transformation in eine sozialistische Gesellschaft. Und: Gramsci hatte ein Gespür für die sich abzeichnende neue gesellschaftliche Betriebsweise des Kapitals (Fordismus) und die sich daraus ergebende Anforderung, marxistische Theorie und Politik auf die Höhe der Zeit zu bringen.

In dieser Einführung werden wesentliche Aspekte näher betrachtet, mit denen Gramsci das marxistische Denken der 20er und 30er Jahre, die Revolutions- und Sozialismustheorie und die kommunistische Politik bereichert, vertieft und korrigiert hat. Harald Neubert stellt Bausteine in Gramscis politisch-theoretischem Entwicklungsgang vor.

Antonio Gramsci vertrat eine – von heute aus betrachtet – sehr weitsichtige These:
»Marx leitet intellektuell eine Geschichtsepoche ein, die vermutlich Jahrhunderte dauern wird, nämlich bis zum Verschwinden der politischen Gesellschaft und dem Aufkommen der regulierten Gesellschaft.«

Inhalt
1. Person und Werk Gramscis
2. Unterschiedliche Rezeptionen
3. Gramscis Revolutionsverständnis in der sich verändernden Realität der 20er Jahre
4. Aspekte des marxistischen Theorieverständnisses
5. Zu Struktur- und Funktionsproblemen in der marxistischen Gesellschaftstheorie
6. Hegemonie und Machtausübung
7. Die Rolle der Partei und der subjektiven Faktoren
8. Gramsci und das Scheitern sozialistischer Ordnungen
9. Nationale und internationale Dimensionen der Arbeiterbewegung
Personen- und Sachregister

Der Autor:
Harald Neubert, Prof. Dr., Jahrgang 1932, 1952 - 57 Geschichtsstudium an der Universität Leningrad, 1964 Promotion an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum frühen Mittelalter Italiens; 1970 - 1990 Lehrstuhlleiter bzw. Direktor des Instituts für internationale Arbeiterbewegung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Berlin; 1974 Habilitation mit einer Arbeit zur Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung der neuesten Zeit; Forschungen und Veröffentlichungen zur Geschichte, Politik und Theorie der Arbeiterbewegung, vornehmlich kapitalistischer Länder Europas, zur Entwicklung der europäischen Nachkriegsordnung und des Ost-West-Verhältnisses.

Leseprobe 1

1. Person und Werk Gramscis

Antonio Gramsci, an dessen Lebenswerk in den letzten Jahren das Interesse von Wissenschaftlern, Publizisten, Politikern wiederum gewachsen ist, war ein vielseitiger Mensch - Historiker und Philosoph, Journalist, Literatur- und Kulturkritiker, Politiker, Parteiführer und Theoretiker der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung. Dieses Interesse hat sehr unterschiedliche Gründe. Marxisten wenden sich seinem Werk besonders deshalb zu, weil sie meinen, dass in seinem Beitrag zum marxistischen Denken viele konstruktive Anregungen enthalten sind, die geeignet sein können, die derzeitige Krise des Marxismus zu überwinden. Darin allein erschöpft sich aber nicht das heutige Interesse an seiner Person und seinem Werk. Die umfangreiche Literatur über Gramsci macht das breite Spektrum der Motivationen deutlich, mit denen man sich ihm zuwendet. [1] Zu nennen wären außer seinem spezifischen Beitrag zum Marxismus und zur kommunistischen Politik seiner Zeit die Bedeutung, die Gramsci für das geistige und politische Leben Italiens in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen besaß, sowie seine weitreichenden gesellschaftstheoretischen und gesellschaftspolitischen Erkenntnisse, die über den Marxismus hinausgriffen, also nicht nur für die Entwicklung des Marxismus Bedeutung besaßen und noch immer besitzen. Allerdings trifft man auch auf viele einseitige, selektive und oberflächliche Interpretationen seines Werkes. Um seine Person und sein Lebenswerk verstehen und einordnen zu können, bedarf es einer gewissen Kenntnis seines Werdegangs, der allgemeinen politischen Entwicklung Italiens und Europas sowie der politischen und ideologischen Situation in der Arbeiterbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde Gramsci 1891 auf Sardinien in der Familie eines kleinen Staatsangestellten albanischer Herkunft als eins von sieben Kindern. Ein Unfall als Kleinkind führte zu einer körperlichen Deformierung, die seinen Gesundheitszustand dauerhaft beeinträchtigte. 1911 erhielt er aufgrund seiner ausgezeichneten schulischen Leistungen ein Stipendium für ein Studium an der Universität in Turin, dem damaligen Zentrum der italienischen Arbeiterbewegung. 1915 wurde er Redakteur der örtlichen sozialistischen Zeitung Turins »Grido del popolo« (»Ruf des Volkes«). In der Sozialistischen Partei gehörte er während des Ersten Weltkrieges zu denjenigen, die entschieden die Teilnahme Italiens am Krieg und vor allem die Haltung der Parteiführung zu diesem Krieg ablehnte. 1917 übernahm er die Funktion des Sekretärs der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei und des Direktors von »Grido del popolo«. Im November 1917 begrüßte Gramsci die russische Oktoberrevolution und wünschte, dass es in Italien zu einer ähnlichen Entwicklung kommt. Im Mai 1919 gründete er zusammen mit Palmiro Togliatti und anderen Mitstreitern die Zeitschrift »L'Ordine Nuovo« (»Die neue Ordnung«) und begann eine prinzipielle Auseinandersetzung mit der reformistischen Führung der Sozialistischen Partei. Er verfasste einen Bericht »Für eine Erneuerung der Sozialistischen Partei«. [2] In dieser Zeit hat Gramsci eine Vielzahl journalistischer Beiträge zu geistig-kulturellen und parteipolitischen Themen verfasst. 1920-21 war er maßgeblich an den revolutionären Bewegungen der Arbeiter in Oberitalien beteiligt, so an der Bildung von Fabrikräten, am Generalstreik (im April 1920) und an Fabrikbesetzungen (im September 1920). Über die Erfahrungen mit den Fabrikräten hatte Gramsci einen Bericht verfasst, den er im Juli 1920 an das Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) nach Moskau schickte. [3] Auf dem II. Kongress der Kommunistischen Internationale bezog sich W. I. Lenin ausdrücklich auf diesen Bericht des Vorstandes der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei, hielt deren Kritik an der Partei(führung) und deren Vorschläge »im wesentlichen für richtig«, da sie »mit allen Grundprinzipien der III. Internationale durchaus übereinstimmen«. [4] Am 21. Januar 1921 kam es in Livorno zur Spaltung der Sozialistischen und somit zur Gründung der Kommunistischen Partei, deren Leitung Amadeo Bordiga übernahm. Gramsci gehörte zu ihren Mitbegründern. Doch hat er später diese Entwicklung kritisch bewertet. Zunächst hoffte er, dass die sich formierende kommunistische Fraktion innerhalb der Sozialistischen Partei mehrheitsfähig werden und die Führung der Partei übernehmen könnte. [5] Ihm ging es nicht um eine Spaltung der Partei, sondern um den Ausschluss der Reformisten in der Überzeugung, dass die Mehrheit der Mitgliedschaft kommunistisch und revolutionär eingestellt und die gesamte Partei für die angestrebte Erneuerung zu gewinnen wäre. Die Entwicklung verlief also anders. Die vollzogene Spaltung entsprach somit nicht Gramscis Intentionen. Es war nicht nur nicht gelungen, die ganze Partei für die revolutionäre Orientierung zu gewinnen, sondern nicht einmal die Mehrheit ihrer Mitgliedschaft hatte sich der Kommunistischen Partei angeschlossen. Im überlieferten Fragment einer Niederschrift von 1922 oder 1923 schrieb er: »Die Spaltung von Livorno (die Lostrennung der Mehrheit des italienischen Proletariats von der Kommunistischen Internationale) war ohne Zweifel der größte Triumph der Reaktion.« [6] Im Sinne der historischen Mission des Proletariats und der Leninschen Revolutionstheorie glaubte er damals jedoch an das Streben des Proletariats, »seine Einheit und Homogenität als Klasse zu finden und sich gleichzeitig an die Spitze der anderen Volksklassen zu stellen, die die Freiheit nicht erringen können, wenn sie nicht die Führung des revolutionären Proletariats akzeptieren«. [7] Dass sich nur eine Minderheit der Partei in der KPI zusammenfand, führte er auf die »verhängnisvolle« Rolle der reformistischen Führer zurück. [8] Die kommunistische Partei hatte sich auf der Grundlage eines Gründungskonsenses dreier Gruppierungen - aus »Maximalisten«, »Abstentionisten« und »Ordinovisten« [9] - formiert, die auf die Dauer nicht kompatibel waren, so dass in ihr bald neue Konflikte auftraten, die zugleich auch Reaktionen der Komintern aus Moskau hervorriefen. Das Haupthindernis für die Formierung der neuen Partei war die Position Bordigas, der die Teilnahme am Parlament, die Arbeit in den Gewerkschaften, die Formierung einer Massenpartei sowie die Bereitschaft zu breiten Bündnissen ablehnte und die Partei als Elite von Berufsrevolutionären entwickeln wollte. Das Partei- und Revolutionskonzept Bordigas stieß bekanntlich von Anfang an auch auf heftige Kritik Lenins: »Unzweifelhaft sind Gen. Bordiga und seine Fraktion der ›kommunistischen Boykottisten‹ (Comunista astensionista) im Unrecht, wenn sie die Nichtbeteiligung am Parlament verfechten.« [10] Vom Mai 1922 bis Herbst 1923 weilte Gramsci als Vertreter der KPI beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale in Moskau, wo er mit Lenin selbst zusammentraf und zugleich die schwierigen Verhältnisse des im Aufbruch befindlichen Sowjetrusslands unmittelbar kennenlernte. Kennengelernt hat er dort auch seine Frau, Julia (Giulia) Schucht. [11] Während seines Aufenthaltes in Sowjetrussland erfuhr er im Oktober 1922 vom Marsch der italienischen Faschisten auf Rom, vom Siegeszug des Faschismus in seinem Lande, der dem Faschistenführer (und ehemaligen Direktor der sozialistischen Parteizeitung »Avanti!«), Benito Mussolini, das Amt des italienischen Ministerpräsidenten einbrachte. In den Jahren bis 1926 wurde sodann schrittweise die faschistische Diktatur in Italien etabliert. Nach seinem Aufenthalt in Sowjetrussland lebte Gramsci vom Herbst 1923 bis Mai 1924 in Wien. Nach Italien konnte er erst nach den Parlamentswahlen 1924 zurückkehren, da er als gewählter Abgeordneter zunächst Immunität erhielt. Unter dem Zwang, aus der neuen Lage für die Partei entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen, und gestützt auf die von Lenin vorgegebene Linie der Komintern - als Vertreter der KPI beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hatte Gramsci an deren IV. Kongress (Nov.-Dez. 1922) teilgenommen - begann er bereits von Moskau aus eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Sektierertum, Maximalismus und dem elitären Berufsrevolutionarismus Bordigas. An Togliatti schrieb er am 18. Mai 1923 aus Moskau: »Man muss im Innern der Partei einen Kern von Genossen schaffen, die keine Fraktion darstellen, die ein Maximum an ideologischer Homogenität besitzen und so in der Lage sind, der praktischen Aktion ein Maximum an Einheitlichkeit der Führung zu geben.« [12] An Mauro Scoccimarro schrieb er am 5. Januar 1924 aus Wien: »Ich habe auch ein anderes Konzept /als das Bordigas, - H. N./ von der Partei, ihrer Funktion, ihren Beziehungen, die zwischen ihr und der Masse der Parteilosen, zwischen ihr und der Bevölkerung im allgemeinen hergestellt werden müssen.« [13] Und in einem Brief an Togliatti und Umberto Terracini, ebenfalls aus Wien, vom 9. Februar 1924 begründet er noch ausführlicher sein Parteiverständnis und somit seine Kritik an Bordigas Konzept. »Ich denke, dass der Moment gekommen ist, der Partei eine andere Richtung als die zu geben, die sie bisher hatte. Es beginnt nicht nur in der Geschichte unserer Partei, sondern auch in der unseres Landes eine neue Phase ... In unserer Partei hat man einen weiteren gefährlichen Aspekt beklagt: sich gegenüber jeglicher Aktivität der einzelnen zu enthalten, die Passivität der Masse der Partei, die stumpfsinnige Sicherheit derer, die an alles denken und alles voraussehen ... Der Fehler der Partei besteht darin, in den Vordergrund und in abstrakter Weise das Problem der Organisation der Partei gestellt zu haben, woraus sich sodann ein Apparat von Funktionären herausbildete, die sich gegenüber der offiziellen Linie orthodox verhalten. Man glaubte und glaubt noch immer, dass die Revolution allein von der Existenz eines solchen Apparates abhängt, und man endet schließlich im Glauben, dass dessen Existenz die Revolution hervorbringt ... Die Partei ist nicht konzipiert als das Ergebnis eines dialektischen Prozesses, in dem sich die spontane Bewegung der revolutionären Massen und der organisierende und führende Wille des Zentrums vereinen...« [14] Von Wien aus war es ihm sodann leichter, direkten Einfluss auf die Konsolidierung der Partei und ihre Entwicklungsrichtung zu nehmen. In diese Zeit fällt die Gründung der Zeitung L'Unità, deren erste Nummer am 12. Februar 1924 in Wien erschien und die bald, vom August 1924 an, zur Parteizeitung erklärt wurde. Im Verlaufe des Jahres 1924 setzte sich Gramsci mit seiner politischen Orientierung in der Partei durch, so dass ihm weniger durch einen formellen Beschluss als vielmehr de facto die Führung der Partei zufiel. Es war vor allem das Ergebnis der Auseinandersetzungen in der jungen Partei mit dem Parteivorsitzenden Amadeo Bordiga wegen dessen Sektierertums und revolutionären Radikalismus - Erscheinungen, die damals auch in anderen kommunistischen Parteien verbreitet waren. Es ging um die Einschätzung des Faschismus, um die Rolle der Partei, um Teilnahme oder Nichtteilnahme der Kommunisten an Parlamentswahlen, um das Verhältnis zur Sozialdemokratie usw. Für den III. Parteitag der KPI, der im Januar 1926 im französischen Lyon stattfand, verfasste Gramsci, wohl unter Mitarbeit Togliattis, Programmthesen, die auf dem Parteitag selbst beschlossen wurden, wodurch die wesentlich von Gramsci geprägte Linie der Partei bestätigt wurde. [15] Um tiefer in das Wesen von Politik im Allgemeinen und die Funktion politischer Parteien im Besonderen einzudringen, widmete sich Gramsci in jener Zeit verstärkt auch der Geschichte Italiens im 19. Jahrhunderts in deren Verbindung von Risorgimento, ökonomischer Modernisierung und sozialer Spaltung des Landes. Im selben Jahre 1926 schrieb er eine unvollendet gebliebene Arbeit über die »Frage des Südens«, die bemerkenswerte Erkenntnisse zur italienischen Geschichte und zur Gesellschaftstheorie enthält. [16] Noch vor seiner Anfang November 1926 erfolgten Verhaftung sandte er Anfang Oktober einen alarmierenden Brief an das ZK der KPdSU nach Moskau, der wesentliche Positionen Gramscis zur inneren Verfasstheit und zu den Formen innerparteilicher Konflikte in einer kommunistischen Partei sowie zum Internationalismus im Rahmen der als Weltpartei verstandenen Komintern enthält. Er ging in bemerkenswerter Weise davon aus, dass die Komintern-Mitgliedschaft die Selbstbestimmung der KPI nicht beeinträchtigen dürfe. [17] Ihm ging es, kurz gesagt, um einen toleranten Umgang zwischen Vertretern unterschiedlicher Auffassungen in der Partei, um innerparteiliche Demokratie und um einen Internationalismus, bei dem die auch von ihm gebilligte Führungsrolle der KPdSU der freiwilligen Anerkennung seitens der anderen Parteien bedürfe. [18] Verhaftet wurde Gramsci trotz parlamentarischer Immunität am 8. November 1926. 1927 fand ein Prozess gegen ihn statt, bei dem er zu einer mehr als zwanzigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. In der Kerkerhaft verfasste Gramsci Tagebuchaufzeichnungen (seine Gefängnishefte), die sein eigentliches Hauptwerk (von mehr als 3000 Seiten) bilden, ergänzt durch eine Vielzahl inhaltsreicher Briefe an Angehörige und Freunde. Und aus der Zeit bis zu seiner Verhaftung sind zahlreiche journalistische und publizistische Schriften, Dokumente aus der parteipolitischen Tätigkeit sowie Studien zur italienischen Nationalgeschichte überliefert. [19] Seine gesamte Hinterlassenschaft ist ein Zeugnis seiner gewaltigen Denkkraft, seiner umfassenden Bildung, seines politischen Engagements, seines unermüdlichen Fleißes, seiner Lebenskraft und seiner großen Menschlichkeit, zugleich Zeugnis des fortschreitenden Zerfalls seiner Gesundheit. An 27. April 1937 verstarb er an den Folgen der Kerkerhaft in einer römischen Klinik. In diesem Beitrag ist es nicht möglich, das Gesamtwerk Gramscis mit dessen Themenvielfalt zu behandeln. Es ist lediglich beabsichtigt, einige wesentliche Aspekte näher zu betrachten, mit denen er das damalige marxistische Denken, die marxistische Revolutions- und Sozialismustheorie und die kommunistische Politik bereichert, vertieft und korrigiert hat. [20] Doch selbst dieses Anliegen muss begrenzt bleiben, da es in einem kurzen Überblickswerk nicht möglich ist, den ganzen Reichtum von Gramscis Gedanken auszuschöpfen. Um jedoch dem Leser nicht subjektive Auslegungen der theoretischen und politischen Auffassungen Gramscis zu suggerieren, sondern ihm zu ermöglichen, sich selbst ein Urteil zu bilden, werden ausführliche Zitate angeführt. Was Gramsci darüber hinaus zur Literatur, darunter auch zur Trivialliteratur, zum Theaterleben, zur Pädagogik, zur Sozialpsychologie, zum politischen Stellenwert von Alltagsbewusstsein, zur Religion usw. geschrieben hat, kann in diesem Beitrag nicht in Betracht gezogen werden. Anmerkungen [1] Eine zusammenfassende Bibliographie von 6000 Arbeiten über Gramsci hat 1989 die Gramsci-Stiftung in Rom veröffentlicht: Bibliografia gramsciana. Being a bibliographic compilation of 6000 publications in 26 languages on the life and thought of Antonio Gramsci by John M. Cammett. Diese Arbeit wird von amerikanischen Gramsci-Forschern an der University of Notre Dame namens der inzwischen gegründeten International Gramsci Society in Form regelmäßig erscheinender Newsletter fortgesetzt. John M. Cammett hat in Nr. 5 vom November 1995 in Newsletter nun auch eine Bibliographie von Gramsci-Editionen in den verschiedenen Sprachen zusammengestellt: A Bibliography of the Works of Antonio Gramsci. Publications of His Writings in 27 Languages: 1930-1995.
[2] Per un rinnovamento del partito socialista. In: A. Gramsci: Antologia degli scritti. Hrsg. von C. Salinari u. Mario Spinella, Rom 1963, Bd. I, S. 57ff.
[3] Il movimento dei Consigli di fabbrica, ebda., S. 36ff.
[4] W.I. Lenin: Thesen über die Hauptaufgaben des zweiten Kongresses der Kommunistischen Internationale. In: Lenin: Werke, Bd. 31, S. 187
[5] Dies war der Tenor des Artikels Gramscis »La frazione comunista«, in: Avanti!, edizione piemontese, vom 24. Oktober 1920.
[6] Zit. nach Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del partito comunista italiano nel 1923-1924. Rom 1962, S. 102
[7] Ebda., S. 101
[8] Siehe hierzu auch Paolo Spriano: Storia del Partito comunista italiano. Bd. 1 Da Bordiga a Gramsci. Turin 1967, S. 120f.
[9] Als Maximalisten verstand man diejenigen Kommunisten, die jegliche Ziele kommunistischer Politik an die sozialistische Revolution als Voraussetzung knüpften, diese unterhalb der Schwelle der Machtergreifung für unrealisierbar hielten, als Abstentionisten diejenigen, die aufgrund ihrer maximalistischen Positionen die Teilnahme am bürgerlichen Parlament, die Mitarbeit in reformistischen Gewerkschaften usw. strikt ablehnten, als Ordinovisten die von Gramsci geführte Gruppe um die Zeitschrift L'Ordine Nuovo.
[10] W. I. Lenin: Der »linke Radikalismus«, die Kinderkrankheit im Kommunismus. In: Lenin: Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 5, Berlin 1973, S. 517 u. 567. In diesem Sinne schrieb später, am 30. Juli 1925, Luigi Longo, der zur Gruppe um Gramsci gehörte und damals Vorsitzender des Kommunistischen Jugendverbandes war, in L'Unità: »Für Bordiga befinden sich alle für die Revolution nützlichen Kräfte bereits in der Partei. Jegliches Bemühen, außerhalb der Partei Bündnispartner zu suchen, stellt deshalb für Bordiga eine Abweichung, einen nicht zu rechtfertigenden Kompromiss dar.« (I »punti della sinistra« sono per l'unità del Partito?, zit. in: Spriano, Storia del Partito, a.a.O., S. 486
[11] Julia Schucht, 1896 in Genf geboren, entstammte einer russischen Familie, die wegen revolutionärer Gesinnung als Emigranten lange Zeit in Frankreich, der Schweiz und in Italien gelebt hatte. 1915 war sie nach Russland zurückgekehrt, wo sie als Musiklehrerin tätig war. An der Seite Gramscis hatte sie sich nach 1923 nur kurze Zeit in Italien aufgehalten und war noch vor Gramscis Verhaftung 1926 nach Moskau zurückgekehrt, wo sie sodann mit den zwei Söhnen aus dieser Ehe lebte. Ihre um neun Jahre ältere Schwester Tatjana war 1915 nicht mit ihrer Familie nach Russland zurückgekehrt; sie blieb in Rom, wo sie eine Anstellung als Lehrerin für Naturwissenschaften hatte. Während Gramscis Haft kümmerte sie sich um ihn, besorgte ihm Bücher usw. und war seine vertrauensvolle Partnerin eines intensiven Briefwechsels.
[12] Togliatti: La formazione, S. 64
[13] Ebda., S. 150
[14] Ebda., S. 193ff.
[15] In: Antonio Gramsci: Scritti politici. Hrsg. von P. Spriano. Rom 1978, Bd. 3, S. 269-305; in deutscher Übersetzung findet sich dieses Dokument in Auszügen wie auch viele andere Zeugnisse der parteipolitischen Aktivitäten Gramscis aus jenen Jahren in: A. Gramsci: Zu Politik, Geschichte und Kultur. Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Guido Zamis. Leipzig 1980
[16] »Alcuni temi della questione meridionale«. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Schrift häufig gedruckt, so z. B. in: Antonio Gramsci: Antologia degli scritti, Bd. 2, S. 49-79; Scritti politici, Bd. 3, S. 243-265. Auch in deutscher Übersetzung erschien diese Schrift mehrfach, erstmals bereits 1955: A. Gramsci: Die süditalienische Frage. Beiträge zur Geschichte der Einigung Italiens. Berlin 1955; außerdem in: U. Cerroni: Gramsci-Lexikon. Hamburg 1979, S. 165-189; in: Zu Politik, Geschichte und Kultur, S. 188 - 215, in: Antonio Gramsci - ein vergessener Humanist? Eine Anthologie. Berlin 1991, S. 41-68. Ausführlicher über diese Schrift siehe Anm. 161 u. 179
[17] In: Scritti politici, Bd. 3, S. 232-238; deutsch in: Gramsci - vergessener Humanist, S. 69-76
[18] Ausführlicher über diesen Brief siehe unten, Abschnitt 9
[19] Siehe: H. Neubert: Die publizistischen Aktivitäten und theoretischen Leistungen Antonio Gramscis (mit einem strukturierten Überblick über seine schriftliche Hinterlassenschaft und die Abfolge ihrer italienischen und deutschen Edition). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2/1997
[20] Vorliegender Beitrag fußt auf überarbeiteten und zusammengefassten eigenen früheren Publikationen zu Gramsci, so vor allem: Einleitung zu: Antonio Gramsci - vergessener Humanist? Eine Anthologie. Berlin 1991; - Von Sozialismus und Demokratie - Antonio Gramsci. (Berlin 1991, Controvers, hrsg. von der Kommission Polit. Bildung der PDS); - Zur »Machtfrage« in der marxistischen Theorie. Der Beitrag Antonio Gramscis. Hrsg. von Helle Panke e.V., Berlin 1994; - Die Dialektik von ziviler und politischer Gesellschaft bei Gramsci und deren Dysfunktion im »realen Sozialismus«. In: Z. - Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 7/1991; - Antonio Gramscis Gesellschafts-, Macht- und Parteikonzept. In: Vielfalt marxistischen Denkens. Hrsg. von Helle Panke, Berlin 1995; - Antonio Gramsci in der Tradition des marxistischen Denkens. In: Berliner Dialog-Hefte. Zeitschrift für den christlich-marxistischen Dialog. 4/1995; - Zum Parteikonzept Antonio Gramscis. In: Uwe Hirschfeld: Gramsci-Perspektiven. Beiträge zur Gründungskonferenz des Berliner Instituts für Kritische Theorie e.V. vom 18. bis 20. April 1997 im Jagdschloss Glienicke, Berlin. Berlin/Hamburg 1998 (Argument-Sonderband Neue Folge AS 256), S. 106-117; - Antonio Gramsci - Philosophie der Praxis. (Rezension zu: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. vom Deutschen Gramsci Projekt unter der wiss. Leitung von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug. Band 7, Argument Verlag Hamburg 1996), in: Sozialismus, Hamburg, 1/1997. (Der erste Band der deutschen Edition der Gefängnishefte erschien 1991)

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