Frédéric Lordon

"Aktionärsdemokratie" als soziale Utopie

Über das neue Finanzregime und Wirtschaftsdemokratie
Raisons d'Agir
Aus dem Französischen von Martina Wörner und Axel Eberhardt

128 Seiten | 2003 | EUR 12.00 | sFr 21.70
ISBN 3-87975-874-3 1

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Lordon analysiert die gewachsene Macht der institutionellen Anleger durch die Ausbreitung der Pensionsfonds und kritisiert die "Aktionärsdemokratie" als fehlgeleitetes politisches Projekt und unsoziale Utopie.


In den USA und in Großbritannien übersteigt das Volumen der Pensionsfonds längst das Sozialprodukt. Durch zunehmende Börsenkapitalisierung und Sozialstaatsprivatisierung werden sie weltweit zu einer zentralen ökonomischen Instanz. Die Unternehmen werden einem verschärften Druck zur Wertschöpfung ausgesetzt; das unternehmerische Risiko verschiebt sich vom Unternehmer und Aktionär auf die Beschäftigten; der Hauptanteil des Mehrwerts wird – zuungunsten der Lohnentwicklung – vom Aktionär reklamiert. Darüber hinaus dringt durch die Verkopplung der deregulierten Aktienmärkte und der Sammelanlagegelder die Instabilität der Finanzmärkte zunehmend in das Herz der Realökonomie ein.

Frédéric Lordon wendet sich zudem gegen die Vorspiegelung der Shareholder-Gesellschaft als einer neuen »Agora« mit Aktionären als Citoyens, die selbst von Vertretern der Linken vertreten wird. Zwar wird durch das Kollektivsparen in Aktien formell das Eigentum an Kapital in die Hände auch der Beschäftigten gelegt, doch davon weit entfernt ist die reelle Kontrolle der Fondsverwaltung und damit der Machtausübung auf den Finanzmärkten. Faktisch bleiben die Lohnarbeiter-Aktionäre unterlegen; die Ablösung des ausgezahlten Salärs durch Aktienanteile ist nur in Wachstumsphasen vorteilhaft.

In der Perspektive fordert Lordon die Rückkehr zu einem Projekt der Demokratisierung der Wirtschaft, bei dem das Finanzsystem nicht mehr das a priori der politischen Überlegung ist.

Der Autor:
Frédéric Lordon ist Ökonom und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre National de la Recherche Scientifique.

Rezensionen

Politische Literatur
Deutschlandfunk

Montag, den 17.3.2003, 19:15-20:00 Uhr Frédéric Lordon: "Aktionärsdemokratie als soziale Utopie? Über das neue Finanzregime und Wirtschaftsdemokratie".
VSA-Verlag, Hamburg 2003
Ein Beitrag von Birgid Becker, Moderation: Karin Beindorff Die strukturelle Arbeitslosigkeit, bei uns gerade knapp unter der 5 Millionen Grenze angekommen, bringt allerhand Ideen zu ihrer Beseitigung hervor, Ideen allerdings, die sich meistens als Luftnummern entpuppen. Versprochene neue Arbeitsplätze erweisen sich nicht selten als schlechtbezahlte Jobs, gepriesene Selbstständigkeit als Sprung in die Pleite und wenn tatsächlich einmal in nennenswertem Umfang neue Arbeit winkt, werden anderswo massenhaft Arbeitsplätze wegrationalisiert. Eine zeitlang galt die Aktie als neue Wunderwaffe der Volkswirtschaft. Nicht mehr nur Arbeit , sondern an der Börse gehandelte Unternehmensanteile und die Dividenden darauf sollten ein Einkommen garantieren. Und nicht nur das: das Problem der Gerechtigkeit, des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital sollte elegant gelöst werden. Von Aktionärsdemokratie war die Rede, als soziale Utopie wurde sie gar gehandelt. Der französische Gesellschaftswissenschaftler Frédéric Lordon hat sich dieser Versprechen angenommen. Die Frage im Titel ist eine rein rhetorische. "Aktionärsdemokratie als soziale Utopie – Fragezeichen – titelt Frederic Lordon, und dass er, Kapitalismuskritiker, früherer Mitstreiter des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, nun keinerlei Heilserwartungen an das Geschehen auf dem Börsenparkett richtet, überrascht nicht. Es hat noch keinen linken oder neomarxistischen Theoretiker – sei er Soziologe, Ökonom oder Politologe - gegeben, der dem Finanzinstrument 'Aktie’ viel abzugewinnen wusste. Und was als Instrument nicht taugt, die Aktie, kann nun schwerlich Positives generieren – Demokratie etwa. Der Überraschungseffekt muss also zwangsläufig klein bleiben. Wenn die Titelfrage beantwortet werden soll, dann mit einem zweifachen Nein. Nein – aus einer "Aktionärsdemokratie" erwächst keine soziale Utopie, sondern ein gesellschaftspolitisches Desaster, meint Lordon zum ersten . Und ein zweites, gleichsam noch davor geschaltetes Nein meint: eine "Aktionärsdemokratie", ein demokratisches Gebilde der Aktienbesitzer, kann es ohnedies gar nicht geben. Im Jahr 2000, aus diesem Jahr stammt das französische Original, die deutsche Übersetzung ließ drei Jahre auf sich warten, im Jahr 2000 sieht Frederic Lordon das französische Wirtschaftssystem an einem Scheideweg – noch nicht vollends in den Bahnen des US-amerikanischen Finanzmarktsystems, aber doch auf dem Weg dahin. Im Sog des US-Kapitalmarktes beobachtet Lordon, beginnend in den Achtzigern, eine zunehmende Deregulierung der Finanzmärkte, parallel dazu, so wörtlich, eine "Konzentration der Kollektivspartätigkeit" – vulgo: Anleger zieht es verstärkt in Fondsanlagen, deren Marktposition auf diese Weise stärker wird. Für sich genommen benennt Lordon damit recht unspektakuläre Phänomene, denen er jedoch eine geradezu umwälzende Wirkung zuschreibt. Zitat: "Der springende Punkt (ist), dass die Finanzwirtschaft das Erscheinungsbild der Gesellschaft von Grund auf verändern könnte." Und mit dem Gestus des Mahners heißt es weiter: "Die sich abzeichnenden Veränderungen sind so tief greifend, dass man sich schon die Zeit nehmen sollte, zweimal darüber nachzudenken. Man sollte auch nicht gedankenlos zusehen, wie sich Reformen und Ereignisse abspulen, die hinter dem Rücken der Betroffenen die Gesellschaft in eine Zukunft führen, in der sich alles um den Vermögensbesitz dreht, und aus der die Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit verändert hervorgehen wird." Dem trotz aktueller Börsen-Baisse im Kern immer noch intakten Markt-Enthusiasmus in weiten Kreisen der Öffentlichkeit erteilt Lordon eine gründliche Absage, genauer: mehrere Absagen auf den vielfältigsten Ebenen des Finanzmarktgeschehens. Die Unternehmen, die Anleger, die Volkswirtschaft als Ganzes – nach Lordons Darstellung, die zum Teil vom Detailreichtum eines wirtschaftswissenschaftlichen Proseminars ist, gibt es im Reigen der Finanzmarktakteure keine einzige Partei, die uneingeschränkt Nutznießer ist. Nicht die Unternehmen, weil sie unter dem Druck der von ihnen verlangten Wertschöpfungsprinzipien ihre Unternehmensführungen normieren und sich irrationalen Bewertungskriterien unterwerfen müssen. Nicht die Anleger, die sich vor allem dann, wenn sie Lohnanteile in Aktienanteile an ihren Unternehmen wandeln, die Risiken des Marktes aufbürden lassen. Nicht unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sei das deregulierte Finanzmarktgeschehen von Segen, meint Lordon, denn ein seiner Natur nach instabiler Finanzmarkt lasse sich nicht von der Sphäre der Realwirtschaft trennen. Einfacher ausgedrückt: Stimmt es an den Wertpapierbörsen nicht mehr, werden früher oder später auch die börsenfernen Wirtschaftsbereiche leiden – mit dieser These bestätigt Lordon Befürchtungen, wie sie gerade jetzt wieder, im Zeichen der aktuellen Börsenbaisse, kursieren. Gleichwohl gibt sich Lordon nicht als Apologet eines alsbald zu erwartenden, finalen Börsenbebens: Etliche 'Wenns’ stellt er der Apokalypse voran: Zitat: "... wenn in der Zwischenzeit kein institutioneller Lernprozess einsetzt, wenn keine verlässlichen Sicherheitsvorkehrungen zur Überwachung der Finanzmärkte gefunden werden, wenn der Wachstumsglaube an die Märkte hoffnungslos zerstört ist, wenn die Geldpolitik von den Ereignissen überrollt wird, wenn die Verlagerungseffekte hin zu einer sicheren Anlage keine makroökonomische Lösung mehr bieten ... Wenn all dies einträte, dann allenfalls sieht Lordon das Jahr 1929, das Jahr des großen Börsenkrachs, heraufdämmern, und er gesteht zu: Zitat: "Das ist allerdings eine lange Kette von Bedingungen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass dies gleichzeitig eintrifft nicht zwingend ist, sind diese Annahmen nicht unrealistisch. Die Apokalypse ist im wahrsten Sinne des Wortes kontingent: Dass sie hereinbricht, ist weder zwangsläufig noch unmöglich." Lässt er sich denn auf Lordons Gedankenwelt ein, dann wird dem Leser nach gut drei Vierteln der Lektüre ein Gegenbild zu jener Börsenwelt aufgezeigt, die Wirtschaftszeitungen oder Anlegermagazine präsentieren. Einen Kontrapunkt zum Herkömmlichen zu liefern – das allein spricht durchaus für dieses Buch, und vielleicht ist der Frustrationspegel des einen oder anderen Telekom-Aktionärs hoch genug geklettert, um mit einer derart konträren Sicht der Dinge in Fühlung zu gehen. Schwer aber macht es Lordon all den Lesern, die sich nach drei Vierteln der Lektüre immer noch an den Titel erinnern – war da nicht der Begriff Demokratie gefallen? Aktionärsdemokratie? Abgesehen von einigen Einsprengseln zuvor, ist auf Lordons Gedanken zur Aktionärsdemokratie tatsächlich bis zum fünften und letzten Kapitel zu warten. Womöglich muss der Leser sich so lange gedulden, weil dies letzte Kapitel auch den Kampf im eigenen Lager berührt. Schließlich ist die Vorstellung, dass sich über eine Stärkung der Rolle von Aktionären der ersehnten gerechteren Teilhabergesellschaft näher kommen ließe, eine Vision, die auch in linken Kreisen gehegt wird. Ihre Blütezeit haben diese Träume von der Aufhebung der Trennung von Arbeit und Kapital via Aktie allerdings bereits hinter sich, Lordons Philipika wider eine falsche Aktienromantik ist fast schon Allgemeingut. Brisanter aber wird Lordons Ablehnung der Aktie als Demokratisierungsvehikel, wenn er die Brücke zum Pensionsfonds herstellt. In Frankreich schon etablierter, hat diese Anlageform als betriebliche Sparform für das Alter in Deutschland ja gerade erst ihren Startschuss erhalten – und sie ist in Lordons Augen geradezu prädestiniert für falsche Romantik, weil ihr das positive Attribut eines Gesellschaftsprojektes angeheftet wird. Da geht es um die Rettung der Renten und nicht zuletzt, wie es die ersten betrieblichen Sparformen in Deutschland zeigen, geht es auch darum, die Fonds mit besonderen ethischen Kriterien auszustatten. Lordon erteilt gleichermaßen dem versprochenen Demokratiemehrwert wie dem ethischen Nutzen eine Absage: Zitat: "Man muss die Dinge sehen, wie sie sind. Die Durchsetzung jeder noch so wünschenswerten politisch-ethischen Klausel belastet zwangsläufig die wirtschaftliche Rentabilität des Unternehmens. Und wenn sich andererseits einige Fälle von Unternehmen finden, die ethisch verantwortungsvoll handeln und gleichzeitig realwirtschaftliche Rentabilitätsraten vorweisen können, die über dem Branchenschnitt liegen, dann fällt das unter die Rubrik 'die Besten können sich das leisten’." In keiner Aufmachung also, auch nicht im ethischen Gewand, finden der Finanzmarkt, seine Akteure, seine Erscheinungsformen Gnade vor den Augen Lordons. Seine Kritik ist absolut und damit, leider, auch überraschungsarm. Allerdings: Was die Streitschrift Frederic Lordons dennoch lesenswert macht, auch außerhalb globalisierungs- und kapitalismuskritischer Kreise, ist ihr konsequentes Wider-den-Strich-Bürsten ökonomischer Mehrheitsmeinungen. Und ein dissonanter Ton hat im Gleichklang der Börsenbriefe, Anlegerzeitungen und Wirtschaftsmagazine seinen Reiz. Birgid Becker war das über Frédéric Lordon: Aktionärsdemokratie als Soziale Utopie? Übersetzt von Martina Wörner und Axel Eberhardt, erschienen beim VSA-Verlag. Das Buch hat 127 Seiten und kostet 12,00 €.

Leseprobe 1

Einleitung

Trotz seiner ganzen Armseligkeit liefert uns das Konzept der "Neuen Ökonomie" zumindest eine beachtenswerte Erkenntnis. Etwas "Neues" impliziert einen "Wandel". Und wenn sich etwas "geändert" hat, dann deshalb, weil der Kapitalismus – im Gegensatz zu dem, was die Standardökonomen, diese virtuosen Sozialtechnokraten, glauben – keinen universellen und unveränderlichen Gesetzen unterliegt, sondern von der Geschichte mitgerissen wird und sich dabei ständig wandelt. Während auf die Fordismus-Krise, die Anfang der 1970er Jahre ausbrach, eine lange Phase folgte, in der die künftige Entwicklung offen und schemenhaft erschien, zeichnet sich jetzt, fast dreißig Jahre später, ein neues Zeitalter des Kapitalismus ab. Die Gesetzmäßigkeiten eines neuen Akkumulationsregimes gewinnen jedenfalls immer deutlicher an Kontur. Während die Vereinigten Staaten schon den Weg dieses finanzwirtschaftlich dominierten Kapitalismus eingeschlagen haben, in dem die Rentenfonds eine strategische Schlüsselrolle spielen, befindet sich Europa und insbesondere Frankreich noch am Scheideweg – aber wie lange noch? Normalerweise beklagt man diese atlantische Zeitverschiebung. Diesmal ist sie vielleicht sogar eine Chance. Und weil Versuche am lebenden Objekt Gedankenexperimenten vorzuziehen sind, vor allem, wenn es sich dabei um ein Selbst-Experiment anderer handelt, ist es hilfreich, das finanzkapitalzentrierte Akkumulationsregime der USA, das mindestens seit einem halben Jahrzehnt so viel Glanz ausstrahlt, etwas näher zu betrachten. Ein oberflächlicher Blick darauf lässt einen spontan an ein Wunder glauben. Mehr noch: Es entsteht der Eindruck, man müsse sich selbst schleunigst auf diesen Königsweg begeben und dürfe keine Zeit verlieren. Es geht hier überhaupt nicht darum, die außerordentliche Performanz der amerikanischen Volkswirtschaft herunterzuspielen. Aber man muss deswegen auch nicht wie die Anhänger der "New Economy" in einen Zustand ekstatischer Bewunderung verfallen. Und man kann die Ungleichgewichte und die Spannungen, die sich bis heute angehäuft haben, durchaus ansprechen. Auch die Frage nach der Art von Gesellschaft, die diese Ökonomie hervorbringt, ist berechtigt und verdient gestellt zu werden. Während das Lohnverhältnis das Herzstück des Fordismus bildete, muss man das Schaltwerk des neuen Akkumulationsregimes in der Finanzsphäre suchen. Dort befinden sich auch die beiden Kraftfelder, die das neue Akkumulationsregime ein- und ausgerichtet haben, nämlich die Deregulierung der Vermögensmärkte einerseits und die Konzentration der Kollektivspartätigkeit andererseits. Die Protagonisten der Deregulierung hatten, ohne es zu wissen, eine wahre Eingebung, als sie auf die Idee kamen, die Liberalisierung der Finanzmärkte "big bang" zu nennen. Diese Umwälzungen ereigneten sich Mitte der 80er Jahre, und die Schockwellen, die dieser Urknall auslöste, breiten sich immer weiter aus. Um zu verstehen, was sich gegenwärtig unter der Regentschaft der Rentenfonds abspielt, muss man auf diese Zeit zurückkommen, in der durch die Gründung der Geldmärkte tatsächlich die institutionellen Grundlagen für die gegenwärtige Macht der Aktionäre geschaffen wurden. Es beginnt also alles mit der Deregulierung. Sie markiert den grundlegenden Einschnitt, die Bresche, durch die sich alle späteren Vorstöße zur Durchsetzung eines finanzgetriebenen, das heißt vom Finanzkapital dominierten, Wirtschaftssystems ihren Weg bahnten. Am Ende dieses Weges hatte sich die Wirtschaft tiefgreifend verändert. Ein solcher Wandel hatte zuletzt vor einem halben Jahrhundert stattgefunden. Man muss auf dieses wenig beachtete, aber doch so folgenschwere Urbeben, auf diese "Ersterschütterung" zurückkommen, um zu zeigen, durch was für ein außerordentliches Paradox das neue Akkumulationsregime auf den Weg gebracht wurde: dieser Finanzmarkt, der dem Idealtyp der neoliberalen Theorie näher kommt als alle seine Vorgänger, und dessen Verallgemeinerung sich die Befürworter dieser Theorie so sehr wünschen, wurde in Frankreich vom Staat eingeführt, und zwar von einem Staat, in dem eine Linksregierung das Zepter in der Hand hielt. Natürlich reicht es nicht aus, diese Geschichte so lapidar wiederzugeben. Und natürlich sollte man auch nicht die endogenen wirtschaftlichen Notwendigkeiten verschweigen. In Betracht zu ziehen sind die Zwänge eines Landes, das in hohem Maße in die Weltwirtschaftsbeziehungen eingebunden war. Man sollte auch das ideologische Klima, das damals fast weltweit herrschte, mit bedenken. Und doch bleibt dieser alles in allem weitgehend souveräne politische Akt, dieser Regierungsbeschluss, sich der finanzkapitalistischen Orientierung[*] der Wirtschaft nicht zu widersetzen, erklärungsbedürftig. Aber die Regierung leistete diesem Modell nicht nur keinen Widerstand, sie machte es sich vollständig zu Eigen. Die Verblendung, mit der sie dabei zu Werke ging, wirft ebenfalls Fragen nach der Sozialgeschichte der Macht – oder nach der Sozialgeschichte der Linken an der Macht auf (Kapitel 1). Die Rentenfonds, die ein Jahrzehnt später aus dem Boden schossen, fanden jedenfalls ein perfekt bestelltes Feld vor. Was wir hier über diese Rentenfonds sagen, beruht zum einen auf einer empirischen Analyse und zum anderen auf bösen Vorahnungen. Die amerikanische Wirtschaft lässt bereits die Züge eines zur Reife gelangten finanzgetriebenen Regimes erkennen. Tagtäglich wird deutlich, welche Rolle die großen Kollektivsparfonds darin spielen, und welche Folgeerscheinungen daraus entstehen. Die amerikanischen Erfahrungen können auch einen ersten Eindruck davon vermitteln, was die Einführung eines solchen Regimes in Frankreich bedeuten würde. Einen Vorgeschmack davon hat man ja schon durch das zunehmende Gewicht der angelsächsischen Kapitalfonds bei der Zusammensetzung des Eigenkapitals französischer Unternehmen bekommen. Nun ist aber die starke Präsenz der Rentenfonds in den Schaltzentralen der Wirtschaft ganz offensichtlich kein Segen. Paradoxerweise gibt es zahlreiche Firmenchefs, die davon ein Lied singen könnten. Sie hatten lange Zeit die Macht der Kapitaleigner eingedämmt. Und folglich wendet sich die Rückeroberung der Macht in den Unternehmen durch die Kapitalbesitzer auch gegen sie, weil sie nämlich als erste mit den neuen Geboten der Wertschöpfung konfrontiert werden. Natürlich stellt dieser Profitzwang keinen unüberbrückbaren Gegensatz zu den ideologischen Weltsichten der Firmenchefs dar, und zumindest auf dieser prinzipiellen Ebene ist eine Übereinkunft verhältnismäßig leicht herzustellen! Wie wir noch sehen werden, sind aber die Wege zur Wertschöpfung manchmal nicht eindeutig, und jeder macht sich dazu, je nach der eigenen Lage, seine Gedanken. Deshalb sind in der Praxis Divergenzen möglich. Und die Vormundschaft der Aktionäre kann sich als belastend erweisen, vor allem dann, wenn die Kapitalbesitzer und ihre Vertreter auf den Gedanken kommen, der Unternehmensführung Sichtweisen aufzuzwingen, die im Widerspruch zu einer ausgesprochen industriellen Wertschöpfungslogik stehen (Kapitel 2). Diese Unstimmigkeiten sind gewiss nicht sehr angenehm. Man kann sich jedoch ohne Weiteres vorstellen, dass die Stellung des Firmenchefs in dieser Hinsicht nicht die ungemütlichste von allen ist, wenn man ihre Unannehmlichkeiten mit der Lage der Lohnarbeiter vergleicht. Die nämlich – so wird es jetzt mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten immer deutlicher – wurden auf den letzten Platz im Wirtschaftsgefüge gedrängt, dorthin, wo alle Probleme kulminieren, wo alle Spannungen und Gegensätze ausgetragen werden und wo die Kosten des Systemwandels anfallen – die Kosten für eine neu ausgerichtete Wirtschaftspolitik, für die Veränderung der Konkurrenzformen und jetzt auch für die finanzkapitalistische Orientierung der Wirtschaft. Es ist nicht nur so, dass die Rentabilitätsraten, die von den Anlegern gefordert werden, dadurch realisiert werden, dass der Anteil der Löhne bei der Verteilung des erwirtschafteten Mehrwerts zurückgedrängt wird. Vielmehr reicht die Macht der Aktionäre fortan soweit, dass die Anleger eine Art garantiertes Mindestkapitaleinkommen[**] einfordern können. Die Lohnmasse ist zu einer Ausgleichsvariablen geworden und hat den Charakter einer Restgröße angenommen. Diese Rolle spielte früher der Profit. Hinter diesem grundlegenden Rollentausch zwischen dem Lohn und dem Profit steckt eine enorme Umverteilung des wirtschaftlichen Risikos zwischen Kapitalisten und Arbeitern (Kapitel 3). Die Entwicklung der Rentenfonds belastet nicht nur das Verhalten der Akteure. Die ganze Makroökonomie ist davon betroffen. Der Einfluss der Finanzwirtschaft durchdringt auch die makroökonomischen Funktionszusammenhänge. Zwei Auswirkungen dieses Prozesses sind besonders bedeutsam. Die erste betrifft die fortschreitende Integration der privaten Haushalte in das Räderwerk der Finanzwirtschaft. Die Folge davon ist, dass die Nachfragebildung in immer stärkerem Maße von den Märkten abhängt. Auf Grund dieser Verknüpfung würden sich natürlich die Auswirkungen eines ernsten Finanz-Crashs zu einem großen Teil auf die realwirtschaftliche Sphäre übertragen. Und die Wahrscheinlichkeit eines solchen Crashs ist erheblich größer geworden, da ja die Rentenfonds – und das ist die zweite Auswirkung – zur Verstetigung einer chronischen Überbewertungsblase beitragen, indem sie nämlich zum einen ihre liquiden Mittel auf den Markt pumpen, und zum anderen aus der Hausse der Kurse schöpfen, die sie durch ihre finanziellen Rentabilitätsforderungen in die Höhe treiben (Kapitel 4). Es obliegt künftig den Zentralbanken, die Finanzmärkte zu überwachen und zu verhindern, dass Kurssprünge das Wachstum beeinträchtigen. Allerdings ist diese Aufgabe äußerst delikat, da die Geldpolitik in neuartigen Zwickmühlen steckt. Doch das Wesentliche steckt wahrscheinlich anderswo, außerhalb der Ökonomie: Der springende Punkt besteht darin, dass die Finanzwirtschaft das Erscheinungsbild der Gesellschaft schließlich von Grund auf verändern könnte. Die Welt der Rentenfonds reproduziert sich nicht ausschließlich durch ökonomische Sachverhalte und Nachweise, sondern auch dadurch, dass sie eine implizite Politik – und manchmal sogar eine soziale Utopie – befördert. Einigen schwebt nämlich vor, die Macht über das Kapital dadurch zurückzuerobern, dass man den gesparten Teil des Lohneinkommens in Aktienbesitz überführt. Auf diese Art soll der Idee, dass die Arbeiter die wahren Eigentümer sind, wenn sie einmal die Aktien der Unternehmen in ihren Händen halten, eine institutionelle Form gegeben werden. Andere gehen noch weiter und träumen von einer politischen Gesellschaft, die von Grund auf nach dem Vermögensprinzip neu strukturiert werden soll. Garantieren die Finanzmärkte nicht eine Art permanentes Wahlrecht, und ist die Vollversammlung der Aktionäre nicht eine neuartige Agora, ein Verhandlungsplatz, auf dem man über all das berät, was unser gemeinsames Schicksal ausmacht, nämlich den Werdegang unserer Vermögenswerte? Man wird überrascht sein, wie weit dieses Projekt einer Aktionärsdemokratie tragen kann. Ist sie eine Nachbildung der politischen Demokratie oder ersetzt sie diese geradezu – mit ihren Versammlungen, ihrer Börsen-Erziehung, die Aktionärs-Bürger herausbilden soll, und mit ihrem sozialen Band aus gemeinsamen finanziellen Interessen? So zeichnet sich hinter dem finanzgetriebenen Akkumulationsregime eine "Rentenfonds-Gesellschaft" ab, die vom Vermögensbesitz zusammengehalten wird. Das müsste ausreichen, um zu erahnen, dass nicht alle Menschen daran teilhaben werden. Die Aktionärs-Bürger ihrerseits werden in der Praxis schnell begreifen, wo sich die wahre Macht befindet, und dass ihre individuellen Ersparnisse nichts sind. In der Gesellschaft der Vermögensbesitzer zählen nur die kollektiven Sparanlagen, die von den großen Kapitalsammelfonds verwaltet werden. Und dort liegt die wahre Aktionärsmacht (Kapitel 5). Die sich abzeichnenden Veränderungen sind so tiefgreifend, dass man sich schon die Zeit nehmen sollte, zweimal darüber nachzudenken. Man sollte auch nicht gedankenlos zusehen, wie sich Reformen und Ereignisse abspulen, die hinter dem Rücken der Betroffenen die Gesellschaft in eine Zukunft führen, in der sich alles um den Vermögensbesitz dreht, und aus der die Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit verändert hervorgehen wird. Doch der Diskurs zur ökonomischen Rechtfertigung der gegenwärtigen Entwicklung ist überall hegemonial, und die Kräfte, die für die Übernahme des amerikanischen Modells, für die Sanktionierung der Aktionärsmacht und für die finanzkapitalistische Orientierung des Kapitalismus unter der Schirmherrschaft der Rentenfonds kämpfen, waren noch nie so stark. Hinzu kommt eine Kraft, die noch schädlicher ist als der Leichtsinn und die Fehleinschätzung der Firmenchefs, weil sie noch schwerer wahrnehmbar ist als diese. Die Rede ist von der unmittelbaren, kurzfristig angelegten Problemlösungspolitik, für die gute lokale Gründe ausreichen, um folgenschwere Reformen durchzuführen, die meist nicht oder nur äußerst schwer rückgängig gemacht werden können. Noch ist es nicht zu spät, aber es ist höchste Zeit, die Rentenfonds ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Es muss kritisch hinterfragt werden, welchen Einfluss diese Fonds auf die Wirtschaft und auf die Gesellschaft ausüben, damit nicht ein weiteres Mal eine Mischung aus ideologischem Geschrei, diskretem Druck von Lobbyisten und betriebswirtschaftlicher Kurzsichtigkeit dazu führt, dass eine weitere Kreuzung einfach überfahren wird. Wenn doch nur die politische Demokratie noch einmal zu Wort käme, bevor wir in der Aktionärsdemokratie angelangt sind ... [*] In der politischen Diskussion in Frankreich ist für diesen Vorgang der Begriff der "financiarisation" geläufig. Er bezeichnet den relativen Aufstieg einer Kapitalverwertungslogik, die sich primär an den Interessen des Finanzkapitals und weniger an denen des Industriekapitals orientiert. (Anm. d. Übers.)
[**] Das garantierte Mindestkapitaleinkommen ist eine Anspielung auf den garantierten Mindestlohn SMIG (salaire minimum interprofessionnel garanti), der mittlerweile in den SMIC (salaire minimum interprofessionel de croissance) umgewandelt wurde. (Anm. d. Übers.)

Inhalt:

Einleitung
1. Die Linke und die Finanzwirtschaft:
Rückblick auf eine paradoxe Geschichte

Die Deregulierung der Finanzwirtschaft: halb gewollt – halb überrollt
Unvorhergesehenes, Enttäuschungen, Paradoxien
2. Im Macht-Werk der Finanzwirtschaft
Die Entstehung der Aktionärsmacht
Die Unternehmen unter "Wertschöpfungsdruck"
Unsichere Wertschöpfungspfade
3. Die Arbeitnehmer tragen alle Risiken
Der "Shareholder value" als garantierter Mindestlohn des Kapitals
Wenn das Kapital das wirtschaftliche Risiko abwälzt
4. Eine aus dem Gleichgewicht geratene Makroökonomie
Die Instabilität der Finanzmärkte erfasst die Schaltzentralen der RealwirtschaftDie Zentralbanken und die SpekulationsblaseVon einem Börsenkrach zum nächsten

5. Die Rentenfonds als politisches Projekt und soziale Utopie
Das Trugbild vom "Rentenfonds-Sozialismus"
Der trügerische Schein des Belegschaftsaktionariats
Die "Aktionärsdemokratie" als neue soziale Utopie
Liegt das Heil in der Ethik?
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