Ursel Hochmuth

Niemand und nichts wird vergessen

Biogramme und Briefe Hamburger Widerstandskämpfer 1933-1945.
Eine Ehrenhain-Dokumentation in Text und Bild
Hrsg. von der VVN – Bund der Antifaschisten e.V. Hamburg

256 Seiten | 2005 | EUR 17.80 | sFr 31.70
ISBN 3-89965-121-9

 

Kurztext: Mit diesem Buch wird an eine Hamburger Gedenkstätte erinnert, die für den antifaschistischen Widerstand gegen NS-Herrschaft und Krieg, für Frieden und Freiheit von besonderer Bedeutung ist.

In dem 1946 auf dem Ohlsdorfer Friedhof eingerichteten Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer haben bislang 56 Opfer des Naziregimes ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ihre Schicksale legen Zeugnis für die Kontinuität des Arbeiterwiderstandes ab und zeigen die Vielfältigkeit oppositionellen Verhaltens vom individuellen Protest über Desertion aus der Wehrmacht bis hin zum organisierten Widerstand.

Ursel Hochmuth sammelt und recherchiert seit den 1960er Jahren für die vorliegende Publikation. In den Biogrammen skizziert sie, wie diese Männer und Frauen sich gegen das Naziregime engagieren, mit diesem in Konflikt geraten und ums Leben gebracht werden. Betroffene Familienangehörige und Kampfgefährten sind einbezogen. Für die Nachkriegszeit wird festgehalten, wenn die juristische Rehabilitierung der Opfer bei bundesdeutschen Gerichten erstritten werden musste. Den Biogrammen folgen Briefe aus der Haft, dem Exil oder anderen Orten und Abschiedsbriefe.

Im zweiten Teil des Buches hat die Chronistin die fast 60jährige Geschichte des Ehrenhains dokumentiert. Eingegangen wird dabei auf die Kämpfe der Hinterbliebenen und Weggefährten, um das Andenken an die Toten zu wahren. Angehörige und Freunde stellten sich die Aufgabe, ihnen eine würdige Gedenkstätte zu schaffen, was schließlich durch Solidarität aus eigener Kraft gelingt. Hier widerspiegeln sich auch zeitgeschichtliche Konflikte mit der Obrigkeit wegen ihres Umgangs mit Menschen, die dem Naziregime widerstanden und mit dem Leben bezahlten.

"Ursel Hochmuth ist zweifellos jene Hamburger Historikerin, die in den vergangenen Jahrzehnten am meisten geleistet hat, um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus den ihm gebührenden Platz im öffentlichen Bewusstsein zu verschaffen." (Jörg Berlin, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte)

Leseprobe 1

Geleitwort der Herausgeberin


Der Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer ist im öffentlichen Bewusstsein der Hansestadt Hamburg nicht sehr tief verankert. Die Geschichte dieser Begräbnisstätte auf dem Friedhof Ohlsdorf ist eng verbunden mit der Nachkriegsentwicklung, den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nach der Befreiung vom Faschismus. Der Umgang mit dem Andenken an die Kämpferinnen und Kämpfer gegen den Faschismus verrät indessen viel über das politische Klima in der jungen Bundesrepublik, zeugt von Verdrängung und Kontinuität.

Dass es den Ehrenhain gibt und dass es ihn noch gibt, ist ein Verdienst von Angehörigen und Weggefährten der Ermordeten.

Und dass die Geschichte des Widerstands vor und neben den Männern und Frauen des 20. Juli 1944 nicht völlig in Vergessenheit geraten ist, verdanken wir motivierten GeschichtsforscherInnen wie Ursel Hochmuth, die mit dieser Arbeit einen weiteren Beitrag zur Erinnerung an jene leistet, die ihr Leben nicht für "Führer, Volk und Vaterland", sondern für die Befreiung von Faschismus und Krieg einsetzten, nicht zuletzt für die Befreiung des eigenen Landes.

Die Ehrenhain-Dokumentation erscheint zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945. Ein aktueller Anlass in mehrfacher Hinsicht.

In absehbarer Zeit wird es keine antifaschistischen Zeitzeugen mehr geben. Wir werden dann ganz auf schriftliche, Bild- und Tondokumente angewiesen sein. Viele – zu viele – konnten uns ihre Erlebnisse nicht vermitteln, sie wurden Opfer des faschistischen Terrors. Ihr Leben, ihren Kampf und ihren gewaltsamen Tod zu dokumentieren, ist ein Anliegen dieses Buches.

Erinnern ist im politischen Raum immer auch auf die Zukunft gerichtet. Je mehr die Geschichte der Nazidiktatur zu Geschichten über Schicksal, menschliches Versagen, unvermittelt hereinbrechende Katastrophen und Untergangstragödien umgeschrieben wird, in denen die Täter und Mitläufer als Opfer der von ihnen mit zu verantwortenden Verhältnisse erscheinen, um so notwendiger wird es, darzustellen, dass es Alternativen zum Mitläufertum, dass es Widerstand gab.

Die Biographien zeigen Menschen, die Familien und Freunde hatten, die wie jede/r andere auch am Leben hingen, Menschen, die Pläne hatten und auf eine bessere Zukunft hofften, für die sie kämpften. Sie waren Männer und Frauen, die Position bezogen und Verantwortung übernahmen. Sie gehören zum "anderen Deutschland", auf das wir uns beziehen, wenn wir den Jahrestag der Befreiung begehen.

Nicht zuletzt ist die Geschichte des Ehrenhains eng verbunden mit der Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) in Hamburg. Vor allem in der Adenauer-Ära, der Hochzeit des kalten Krieges, waren es ehemals Verfolgte und ihre Angehörigen, die sich gegen alle Versuche wehrten, die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verbannen und sich für würdige Orte des Gedenkens einsetzten. Unsere jährlichen Gedenkveranstaltungen erstarrten niemals zum Ritual, sondern sie bezogen stets aktuelle Auseinandersetzungen ein.

Wir freuen uns, dass unsere Kameradin Ursel Hochmuth, deren Eltern sich im Widerstand engagierten, nunmehr ihre neuen Forschungsergebnisse, zu denen viele erstmals veröffentlichte Fotos, Briefe und andere Dokumente gehören, vorlegen kann. Wir wissen, wie viele Jahre sie an Konzept und Realisierung dieses Projektes gearbeitet hat.

Wir wünschen ihr und uns, dass dieses Werk von möglichst vielen, vor allem jungen Menschen, mit Interesse zur Hand genommen wird, und hoffen, dass es – ebenso wie die inzwischen zum Standardwerk gewordenen Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, die Ursel Hochmuth zusammen mit Gertrud Meyer veröffentlicht hat – zu zahlreichen anderen Dokumentationen anregen möge.

Erinnern für die Zukunft – dass niemals mehr geschehe, was gestern geschah!

VVN-BdA Hamburg, Cornelia Kerth / Peter Badekow


Leseprobe 2

Vorwort


Am 8. September 1946 wurden 27 Urnen unter dem NS-Regime hingerichteter Hamburger Antifaschisten zum Ohlsdorfer Friedhof überführt, nachdem der Senat der Hansestadt sie drei Tage im Rathaus feierlich aufgebahrt hatte. Im Anschluss an eine Massenkundgebung des Komitees ehemaliger politischer Gefangener fanden die Urnen neben Denkmal und Gräbern der Revolutionsgefallenen von 1918-1920 eine analoge und würdige Ruhestätte. Auf Ersuchen von Hinterbliebenen hatte das Komitee die Urnen von Bernhard Bästlein und anderen in Brandenburg enthaupteten Hamburger Widerstandskämpfern heimgeführt, die in Ohlsdorf verscharrte Urne Etkar Andrés sichergestellt und die Gräberanlage als Gedenkstätte des Widerstandes und der Arbeiterbewegung eingeweiht.

In das an der Bergstraße gelegene Gräberfeld wurden am 14. September 1947 nach einer Großkundgebung der VVN Hamburg die Urnen von August Lütgens und zehn weiteren Antifaschisten bestattet. Damals erhielt die Begräbnisstätte den Namen Ehrenhain. Das Garten- und Friedhofsamt ließ dort 1952 Kissensteine setzen, auf denen die Lebensdaten der Toten und – als Symbol für NS-Verfolgung – der Umriss eines Winkels der KZ-Häftlinge eingemeißelt sind. Bis 1959 wurde die Asche von 43 Widerstandskämpfern im Ehrenhain beigesetzt.

Diese Gedenkstätte im Eingangsbereich des Ohldorfer Friedhofs bestand 16 Jahre, als Hamburger Behörden in der Hochzeit des Kalten Krieges die Verlegung des Ehrenhains veranlassten. Gegen die Empfindungen der Hinterbliebenen wurde die Asche der Opfer im April 1962 abermals umgebettet. Angestellte der Friedhofsverwaltung überführten die Urnen vom bisherigen Standort zwischen Revolutionsdenkmal und Cordesallee auf einen mehr als hundert Meter entfernten Platz. Dieser lag zwar noch überwiegend im Quartier L 5, aber nicht mehr unmittelbar an der Bergstraße neben den Gräbern der Revolutionsgefallenen. Anlässlich des Befreiungstages 1962 veranstaltete die VAN[1] dort am 6. Mai eine erste Gedenkfeier.

Um für den Bestand der Begräbnisstätte Sorge zu tragen, beschlossen Angehörige und Kampfgefährten der Toten, ein Kuratorium Ehrenhain zu gründen. Auf der Zusammenkunft am 26. Juni 1962 konstituierten sie sich als Mitgliederversammlung, verabschiedeten eine Satzung, wählten Katharina Jacob zur Vorsitzenden und Charlotte Groß zur Schriftführerin. Dem Kuratorium ging es um die Pflege und Ausgestaltung des Ehrenhains, Überführung der Asche ermordeter Widerstandskämpfer zu dieser Stätte, Unterstützung Hinterbliebener bei der rechtlichen Sicherung der Gräber, Unterrichtung der Öffentlichkeit über die Widerstandsbewegung gegen den Faschismus.

Der Ehrenhain am neuen Platz war nur für Eingeweihte als Gedenkstätte zu erkennen. Anfang 1967 gab das Kuratorium ein vierseitiges Gedenkblatt heraus, das die Entwicklung der Begräbnisstätte skizzierte und ein Konzept zur Neugestaltung des schlichten Gräberfeldes vorstellte. Die Geschlossenheit der Anlage sollte betont und an der Stirnseite ein Denkmal, eine Wand aus Theumarer Schiefer errichtet werden, die eine Inschrift nach dem Wort des tschechischen Widerstandskämpfers Julius Fuèik "Menschen, wir hatten Euch lieb – Seid wachsam" trägt. Für den Eingangsbereich war vorgesehen, eine Bronzefigur des Bildhauers Richard Steffen aufzustellen sowie einen Portalstein mit der Aufschrift "Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer". Nach Anregungen der Angehörigen hatte der Architekt und 2. Kuratoriumsvorsitzende Carlheinz Rebstock diesen Entwurf entwickelt, den auch das Friedhofsamt begrüßte. Für die Realisierung des Projektes gab es vom Hamburger Senat keine Unterstützung. Die dafür notwenigen Mittel wurden durch Sammlungen des Kuratoriums und der VAN Hamburg aufgebracht. In einer Gedächtnisfeier am 7. Mai 1968 konnte das Kuratorium die neugestaltete Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben.[2]

Bei der Überführung weiterer Urnen von Opfern aus dem Hamburger Widerstand erfuhr das Kuratorium Unterstützung durch das Garten- und Friedhofsamt, zuerst von Oberbaurat Claus Ballenthin und später durch Amtsinspektor Rudolf Möller, der nach dem 1965 verabschiedeten Gräbergesetz für Anlagen der Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft zuständig war. Als im Juni 1977 die Steffensche Statue aus dem Ehrenhain entwendet, die Bronzebuchstaben der beiden Inschriften zerstört und Hakenkreuze hinterlassen wurden, engagierten sich nicht nur Kuratorium und VAN, sondern auch das Friedhofsamt für die Wiederherstellung der Gedenkstätte in ihrer vorherigen Gestalt.

Seit den 1970er Jahren gibt es eine Reihe Kurzvorstellungen des Ehrenhains in einschlägigen Publikationen, so von Hans-Günther Freitag,[3] Gerrit Marsen,[4] Herbert Diercks,[5] Helmut Schoenfeld,[6] Detlef Garbe und Jens Michelsen.[7] Die Gedenkstätte war ab 1979 Station bei den Alternativen Stadtrundfahrten des Landesjugendringes zu Orten des Naziterrors und Widerstandes in Hamburg.[8] Der Landesverband im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge bezieht anlässlich des Volkstrauertages die Stätte der Widerstandskämpfer in geraden Kalenderjahren in seine Ohlsdorfer Gedenkfahrten ein. Angehörige der Toten sowie Mitglieder und Freunde der VVN-BdA Hamburg treffen sich jedes Jahr im Mai und im September im Ehrenhain.

Von 1946 bis 1982 erhielten auf dem alten und auf dem neuen Platz des Urnenfeldes 55 Männer und Frauen eine Grabstätte,[9] im April 2005 kommt ein 56. Widerstandskämpfer hinzu: Ernst Stender. Diese Menschen sind ein kleiner, repräsentativer Teil aus dem langen Zug der unter dem Hakenkreuz verfolgten und ermordeten Hamburger Antifaschistinnen und Antifaschisten.[10] Zwei von ihnen waren im Ausland geboren: der Pole Eduard Olejniczak und der Österreicher Franz Händler. Die Mehrzahl der Opfer stammte aus proletarischem Elterhaus, gehörte selbst der Arbeiterschaft an und hatte sich der organisierten Arbeiterbewegung angeschlossen, nach dem Ersten Weltkrieg überwiegend der kommunistischen. Sieben wurden Abgeordnete der KPD: Walter Bunge in der Gemeindevertretung Rahlstedt, Etkar André, Bernhard Bästlein, Erich Hoffmann, Franz Jacob und Hans Westermann in der Hamburgischen Bürgerschaft, Gustav Bruhn im Preußischen Landtag und Bernhard Bästlein im Deutschen Reichstag. Wie die meisten dieser Abgeordneten gerieten auch andere im Ehrenhain ruhende Kommunisten mehrmals in die Fänge der Gestapo.

Die Schicksale der Toten können Zeugnis ablegen für eine zwölfjährige Kontinuität des Arbeiterwiderstandes gegen Faschismus und Krieg. Gleichzeitig zeigen sie die Vielfältigkeit oppositionellen Verhaltens, die von individuellem Protest über Desertion aus der Wehrmacht bis hin zum organisierten Widerstand reicht.

Diese Menschen standen mit ihren Gefährten in verschiedenen Zeiten und Orten an Brennpunkten des Kampfes und des Leidens. So demonstrierten sie 1932 gegen den Großaufmarsch von SA und SS in Altona, gingen 1936 als Freiwillige in die bedrohte spanische Republik, waren Gefangene in den KZ Fuhlsbüttel, Sachsenhausen, Dachau, Auschwitz und Neuengamme, gehörten 1939 zu den Opfern der SS-Provokationen an der polnischen Grenze. Während des Krieges leisteten sie Widerstand in Deutschland, Dänemark und Frankreich, wurden als politisch Vorbestrafte in das so genannte Bewährungsbataillon 999 eingezogen, schlossen sich der Bewegung "Freies Deutschland", an,[11] wurden als Gefangene 1945 in den Untergang des Naziregimes hineingerissen, beteiligten sich an der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.

Im Ehrenhain ruhen die vier ersten Opfer der Nazijustiz in Deutschland, die am 1. August 1933 in Altona hingerichteten Arbeiter August Lütgens, Walter Möller, Bruno Tesch und Karl Wolff. Sie hatten sich in der Endphase der Weimarer Republik im antinazistischen Abwehrkampf engagiert, ebenso wie dessen Hamburger Organisatoren Fiete Schulze und Etkar André, die Mitte der 30er Jahre enthauptet wurden.

Ihr Exil verlassend, beteiligten sich die Interbrigadisten Kurt von Appen, Erich Hoffmann, Bruno Prieß und Rudolf Stender seit 1936 am Freiheitskampf der spanischen Republik gegen den Putsch Francos und die deutsch-italienische Intervention.

Für Desertion aus der Hitlerwehrmacht entschieden sich die Soldaten Kurt Beusse, Friedrich Dössel, Friedrich Kaefer, August Kähler, Erich Schütt und Heinrich Zimmermann.

Kritischen Äußerungen zum NS-Staat und Hitlerkrieg gegenüber Angehörigen, Nachbarn oder Kollegen folgten Denunziation und Festnahme der parteilosen Antifaschisten Konrad Hoffmann und Heinrich Seifert, des Sozialdemokraten Emil Tiessat sowie der Kommunisten Walter Bunge, Bertus Hoffmann, Oswald Laue und Bruno Meisel, die alle vier schon einmal inhaftiert gewesen waren.

Der nach der Okkupation Dänemarks festgenommene Wilhelm Boller war als Funktionär der Abschnittsleitung Nord der KPD in Kopenhagen aktiv gewesen. Die 1943 in Marseille verhaftete Kommunistin Irene Wosikowski hatte im besetzten Frankreich Aufklärungsarbeit unter Wehrmachtangehörigen geleistet.

Dreizehn von 70 Opfern der während des Krieges aktiven Hamburger Widerstandsorganisation um die kommunistischen Arbeiterführer Bernhard Bästlein, Franz Jacob und Robert Abshagen fanden im Ehrenhain ihre letzte Ruhestätte.

Der Lebensweg dieser Männer und Frauen endete durch Todesurteil des Hanseatischen Oberlandesgerichtes, des "Volksgerichtshofes", von Sondergerichten oder Kriegsgerichten, auf Befehl aus dem Reichsicherheitshauptamt, durch Haft im Konzentrationslager. Die ohne Gerichtsurteil auf polizeilichen Exekutionsbefehl Hingerichteten waren Harry von Bargen, Lisbeth und Gustav Bruhn, Hans Hornberger, Kurt Schill und Erika Etter. Elf der Opfer wurden in den Vorkriegsjahren ermordet, zwei fielen im spanischen Bürgerkrieg, 40 kamen während des Zweiten Weltkrieges ums Leben, drei starben nach dem 8. Mai 1945 an den Folgen der Haft. Ihr durchschnittliches Lebensalter betrug 37 Jahre, der Älteste unter ihnen ist Emil Tiessat, der jüngste Bruno Tesch.

Recherchen zu vorliegender Veröffentlichung setzten nach der Gründung des Kuratoriums Ehrenhain ein. Laut Statut war es eine Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft, zur Erforschung von Leben und Kampf der hier Ruhenden beizutragen. Als eines der Gründungsmitglieder wurde ich mit diesem Vorhaben betraut und begann zusammen mit Charlotte Groß, Gertrud Meyer und Franz Ahrens Schriftstücke und Fotos der Toten zu sammeln sowie Unterlagen zur Geschichte der Gedenkstätte, über Aktivitäten des Kuratoriums, der VVN Hamburg und anderer Organisationen in einer Ehrenhain-Sammlung (ES) aufzubewahren.

Von Anfang an war eine Publikation mit zwei Schwerpunkten vorgesehen. Den Hauptteil sollten die Biografien der Widerstandskämpfer bilden, ein weiterer das Geschehen um den Ehrenhain vor dem Hintergrund der Nachkriegsentwicklung festhalten. Das Projekt wurde mehrmals im Vorstand und auf Mitgliederversammlungen des Kuratoriums beraten, später in der VVN-BdA Hamburg. In den 1960er und 70er Jahren war noch daran gedacht, eine Ehrenhain-Dokumentation mit ausführlichen Biographien zu erarbeiten. Über etwa 20 Personen lagen damals schon Veröffentlichungen vor, aber es sollten alle aus der Anonymität zurückgeholt werden.

In einem ersten Forschungsschritt konnte ich zahlreiche Unterlagen wie Abschiedsbriefe, Erinnerungsberichte oder Interviews, auch einzelne NS-Akten von Angehörigen erhalten, dann auch in Archiven einsehen und besonders im Zentralen Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus in Berlin fündig werden. Im Hinblick auf Gleichbehandlung der zu Biographierenden bestand jedoch lange ein Hindernis. Zu mehreren der im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthaupteten Männer war zunächst nicht mehr als die Daten auf den Grabsteinen[12] bekannt und dass sie aus Hamburg stammten.[13] Inzwischen liegen zwar auch zu ihnen wichtige Informationen vor, jedoch sind große Unterschiede hinsichtlich des Quellenumfangs geblieben. Deshalb entschied ich mich, als ich Ende 2002 mit der Niederschrift des Manuskripts begann, für alle die Kurzform Biogramm zu wählen.

Die Texte enthalten allgemeine Angaben zu den Personen, versuchen ihrer Entwicklung nachzugehen und zu skizzieren, wie sie sich gegen das Naziregime engagierten, mit diesem in Konflikt gerieten und ums Leben gebracht wurden. Bei Todesurteilen wird, soweit bekannt, der vorsitzende Richter namentlich genannt. Betroffene Familienangehörige und Kampfgefährten sind einbezogen.

Für die Nachkriegszeit wird festgehalten, wenn – wie im Falle der Opfer aus den Blutsonntagsprozessen oder Fiete Schulzes – deren juristische Rehabilitierung bei bundesdeutschen Gerichten erstritten werden musste. Nach diesen Männern und Frauen in Hamburg benannte Straßen werden angeführt. Hier sei erwähnt, dass einigen von ihnen auch Stolpersteine für Opfer des Naziregimes[14] gewidmet sind.

Den Biogrammen folgen Briefe aus der Haft, aus dem Exil oder anderen Orten und Abschiedsbriefe. Wo bislang keine persönlichen Aufzeichnungen vorliegen, wird auf Erinnerungen anderer an jene Toten zurückgegriffen. Bei der Wiedergabe solcher Texte wurden Zeichensetzung und Rechtschreibung heutigen Regeln behutsam angeglichen. Die eingesehenen Quellen sind in den Fußnoten zur jeweiligen Person zu finden. Gleichfalls ist dort die Herkunft der Fotos angeführt, wenn sie nicht aus Privatbesitz, sondern aus Archiven stammen.

Der Titel "Niemand und nichts wird vergessen" ist einem Brief Fiete Schulzes entlehnt, den er 1935 nach dem Todesurteil an seine Mutter richtete.

Für die Bereitstellung von Quellenmaterial und hilfreiche Hinweise danke ich zahlreichen Institutionen und Personen, unter ihnen vor allem den Angehörigen und Freunden der im Ehrenhain ruhenden Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus. Mein besonderer Dank gilt:

Manja Abshagen †, Franz Ahrens †, Gerda Ahrens †, Amt für Wiedergutmachung Hamburg, Arno von Appen, Robert von Appen † , Peter Badekow, Paula Bähre †, Johanna Bästlein †, Christine von Bargen jun., Harry von Bargen jun., Hein von Bargen †, Mia von Bargen †, Ruth Barriff, Hartwig Baumbach, Walter Bennies †, Martha Berg-André †, Walter Boller †, Heike von Borstel, Jacques Breuer, Fritz Bringmann, Heinrich Bruhn †, Bundesarchiv Berlin, Bundesarchiv/Zentralnachweisstelle Aachen, Anna Bunge †, Edith Burgard, Christiane Chodinski, Herbert Diercks, Grete Drögemüller †, Helmut Fleischhauer, Angelika Flottmann, Förderverein Ohlsdorfer Friedhof e.V., Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg (vormals Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg), Roger Fridman †, Detlef Garbe, Wilma Giffey, Willi Gerns, Otto Gröllmann †, Charlotte Groß †, Elfriede Günther †, Markus Gunkel, Emmi Haase †, Hamburger Friedhöfe AöR (vormals Garten- und Friedhofsamt/Hauptfriedhof Ohlsdorf), Josef Händler †, Anne Harden, Elly Heins †, Helmut Heins †, Walter Hochmuth †, Elsa Hoffmann †, Heinz Hollmann †, Grete Hornberger †, Katharina Jacob †, Katharina Jacob jun., Agnes Jensen, Luise John, Heidrun Junge, Erna Kähler †, Inge Kammertöns, Cornelia Kerth, Antje Kosemund, Gert Krützfeldt, Kuratorium "Gedenkstätte Ernst Thälmann" e.V., KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Inge Lammel, Landesarchiv Schleswig-Holstein, Dr. Detlev Landgrebe, Rudolf Lindau sen. †, Ellen Mahler †, Dr. Holger Martens, Klaus Martin †, Margit Martinsen, Rolf-Fredrik Matthaei, Erna Mayer, Anna Meisel †, Gertrud Meyer †, Hans-Joachim Meyer, Gerda Meyer-Hornberger, Hannelore Miofsky, Lisbeth Möller †, Annemarie Müller, Luise Muhs, Harry Naujoks †, Martha Naujoks †, Solveig Nestler, Christa Peters, Margot Pikarski, Michal Pozywilek †, Marie Prieß †, Carlheinz Rebstock †, Herta Rebstock, Barbara Reimann, Kati von der Reith †, Elke Reuter, Wolfgang Runge, Wilma Scharrer, Peter Schenzer, Léon Schirmann †, Ingrid Schleede, Gesa Schneider, Ulrich Schneider, Helmut Schoenfeld, Walter Schönfeld jun., Günther Schwarberg, Hans Schwarz †, Marta Schwarz, Anita Sellenschloh †, René Senenko, Wolfram Siede, Emma Sieverts †, Lotte Sittenfeld, Ulla Suhling, Lisa Sukowski, Staatsarchiv Hamburg, Helmut Stein †, Rudolf Stender jun. †, Werner Stender, Ewald Stiefvater, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (vormals Zentrales Parteiarchiv im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED), Albin Stobwasser †, Claus Stukenbrock, Paul Tastesen †, Rüdiger Tittel, Agnes Vogt, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge/Landesverband Hamburg, Dr. Angelika Voss, Ursula Weinhold, Elke Wendt, Ille Wendt †, Jan Wienecke †, Gretel Witt, Kurt Wittenberg, Steffi Wittenberg, Eberhard Wosikowski, Willi-Bredel-Gesellschaft/Geschichtswerkstatt e.V., Ute Wrocklage, Rudolf Wunderlich † und Torsten Zarwel.

Nicht zuletzt danke ich Benno Wormbs für die sorgfältige Texterfassung, Klaus Drobisch und Ilse Jacob für die Durchsicht des Manuskripts, Klaus Bostelmann für das Scannen von Ehrenhain-Fotos, Susan und Martin Ertel für begleitende Diskussionen. Dem Landesvorstand der VVN-BdA danke ich für solidarische Unterstützung bei der Realisierung des Projekts, Marion Fisch für ihr konstruktives Lektorat und gute Zusammenarbeit beim Entwickeln des Layoutkonzeptes, Heike Schoop für Korrekturen und Registererstellung.

Leserinnen und Lesern sei im voraus für Ergänzungen, Fotos und Hinweise gedankt.

Hamburg, den 30. Januar 2005, Ursel Hochmuth

[1] Vereinigte Arbeitsgemeinschaft der Naziverfolgten, gegründet 1958 nach dem Verbot der VVN Hamburg im Jahre 1951. Seit 1979: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA Hamburg).
[2] Fiete Schulze oder Das dritte Urteil. Bearbeitet von Ursel Hochmuth. Hrsg. VAN Hamburg. Hamburg 1971, S. 75
[3] Von Mönckeberg bis Hagenbeck, Wegweiser zu denkwürdigen Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Hamburg 1973, S. 169
[4] Illustrierter Stadtführer zu den Stätten der Hamburger Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandes. Hrsg.: VAN Hamburg. Frankfurt/M. 1975
[5] Ohlsdorfer Friedhof – Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand. Hrsg.: Willi-Bredel-Gesellschaft. Hamburg 1992, S. 34ff.
[6] Der Friedhof Ohlsdorf. Gräber, Geschichte, Gedenkstätten. Hamburg 2000, S. 135
[7] Gedenkstätten in Hamburg. Ein Wegweiser zu Stätten der Erinnerung an die Jahre 1933-1945. Hrsg.:KZ-Gedenkstättte Neuengamme und Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Hamburg 2003, S. 55
[8] Alternative Stadtrundfahrten. Naziterror und Widerstand in Hamburg. Hrsg.: Landesjugendring Hamburg e.V. in Zusammenarbeit mit der VVN-BdA Hamburg e.V.; Hamburg 1980
[9] Einige von ihnen erhielten ein symbolisches Grab, darunter die drei Frauen im Ehrenhain: Lisbeth Bruhn, Erika Etter und Irene Wosikowski.
[10] In der von der VAN 1968 herausgegebenen "Totenliste Hamburger Widerstandskämpfer und Verfolgter 1933-1945" werden die Namen von 1774 Opfern genannt; weiter wird angeführt, dass bis März 1947 in Hamburg 12119 Männer und Frauen als politische Gegner des Nazireiches anerkannt worden sind. In dem vom Staatsarchiv Hamburg 1995 veröffentlichten Gedenkbuch "Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus" gibt Jürgen Sielemann deren ermittelte Zahl mit 8877 an.
[11] Sie orientierten sich an den politischen Zielen des im Juli 1943 bei Moskau von deutschen Kommunisten und Kriegsgefangenen gegründeten Nationalkomitees "Freies Deutschland", wie es deutsche Antifaschisten dann auch in anderen Ländern Europas sowie in den USA und Lateinamerika taten.
[12] Bei den Recherchen stellte sich heraus, dass Lebensdaten einiger der 1946 beigesetzten Opfer damals auf den Grabsteinen fehlerhaft eingraviert wurden, und so müssen die Todesdaten von Wilhelm Boller, Eduard Olejniczak, Walter Tiessat, Heinrich Zimmermann und das Geburtsdatum von Bertus Hoffmann noch den neuen Forschungsergebnissen angeglichen werden.
[13] Hier half die Zentralleitung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR, als sie mir 1983 Kopien von Sterbeurkunden in Brandenburg hingerichteter Hamburger zur Verfügung stellte.
[14] Seit den 1990er Jahren verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig bundesweit vor früheren Wohnhäusern 10x10 cm große "Stolpersteine" mit dem Namen und Todesstätten von Opfern des Faschismus, darunter bislang mehr als 900 in Hamburg. Aus der Personengruppe "Widerstandskämpfer im Ehrenhain" erhielten bisher Bernhard Bästlein, Erika Etter, Hans Hornberger, Karl Kock, August Lütgens, Walter Möller, Willhelm Stein, Bruno Tesch und Karl Wolff einen Stolperstein.


Leseprobe 3

Irene Wosikowski
9.2.1910–27.10.1944


Stenotypistin, geb. in Danzig als Tochter des Drehers Wilhelm Wosikowski und der Kindergärtnerin Alice, geb. Ludwig.


Foto: BA-SAPMO/Bildarchiv

Wächst mit ihrem Bruder Eberhard in einem sozialdemokratischen Elternhaus heran. Der Vater wird nach dem Streik auf einer Danziger Werft erwerbslos und zieht 1911 mit seiner Familie nach Kiel. Nach Beginn des Krieges eingezogen, fällt er im Herbst 1914 in Frankreich. Alice Wosikowski übersiedelt 1921 mit ihren Kindern nach Hamburg, schließt sich der KPD an, wird Leiterin der Frauenabteilung in der KPD-Bezirksleitung Wasserkante und 1927 Abgeordnete der Bürgerschaft. Irene Wosikowski verlässt 1924 die Volksschule Kantstraße 6 und besucht zwei Jahre die Staatliche Handelsschule für Mädchen. Findet 1926 Arbeit als Stenotypistin in einer Exportfirma, seit 1928 in der sowjetischen Handelsvertretung in Hamburg. Tritt als 14-Jährige in den KJVD ein. Als sie später in der Weidenstraße wohnt, wird sie Funktionärin der Barmbeker Jugendgruppe, beteiligt sich an politischen Schulungen in der Grander Mühle, unternimmt mit ihren Freunden im Sommer 1927 eine Wanderung durch den Schwarzwald, ist 1928 Delegierte beim 3. Reichsjugendtag des KJVD in Chemnitz. Übersiedelt 1930 nach Berlin, arbeitet in der sowjetischen Handelsvertretung und politisch in der KPD, nach 1933 als technische Kraft und Kurierin im illegalen Parteiapparat.

Emigriert Anfang 1934 über die CSR in die Sowjetunion. Besucht unter dem Decknamen "Helga Ruhler" zwei Jahre die Leninschule der Kommunistischen Internationale in Moskau. Geht 1937 nach Paris, leitet eine KPD-Gruppe, führt das entbehrungsreiche Leben einer Emigrantin.[1] Wird 1938 Stenotypistin bei der Wochenzeitung "Deutsche Volkszeitung", arbeitet beim Versand des KPD-Organs in europäische Länder und in die USA. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Frankreich wird sie mit ihren Genossinnen Thea Saefkow und Luise Kraushaar festgenommen und in das Internierungslager Gurs eingeliefert. Nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand im Juni 1940 gelingt den Frauen die Flucht. Irene wird auf dem Weg nach Marseille bei einer Kontrolle abermals verhaftet und bis Januar 1941 im Lager Bompard festgehalten. Geht dann nach Marseille, muss sich regelmäßig bei der Vichy-Polizei melden. Sie weiß nicht, dass das RSHA ihren Namen und den Decknamen "Erna" auf die Sonderfahndungsliste "UdSSR" gesetzt hat und die Gestapo sie auch in der Sowjetunion sucht.[2]

Irene schließt sich unter dem Namen "Helga" der KPD-Gruppe mit Fritz Fugmann an, die u.a. Kontakte zu Spanienkämpfern in französischen Internierungslagern unterhält und für die Übermittlung von Esspaketen sorgt. Als die Wehrmacht im November 1942 auch Südfrankreich besetzt hat, beschließt die Gruppe, Aufklärungsarbeit unter deutschen Soldaten zu leisten und die Zeitung "Soldat am Mittelmeer" herauszugeben.

Nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad zieht Irene in ein illegales Quartier um, erhält falsche Papiere auf die Namen Marie-Louise Durand und Poulette Monier. Zusammen mit ihrer Freundin Thea Saefkow schließt sie Bekanntschaften mit deutschen Soldaten, führt Gespräche über den Kriegsverlauf und gibt an einige illegale Flugschriften weiter. Im Juni 1943 lernt sie den Matrosen Hermann Frischalowski aus Cuxhaven kennen, zu dem sie Vertrauen fasst, der sie aber bald bei der Sicherheitspolizei denunziert. Der Provokateur trifft sich weiter mit der Widerstandskämpferin, bittet sie um illegale Schriften und ermöglicht der Gestapo am 26. Juli 1943 ihre Festnahme. Erst nach "verschärfter Vernehmung" gibt sie ihre Identität preis, nicht aber Namen ihrer Mitstreiter. Die grauenhaften Folterungen im Marseiller Gestapohauptquartier[3] und Gegenüberstellungen mit französischen Patriotinnen, die ihr den Ehrennamen "la femme allemande" geben, werden auch ihren deutschen Genossen bekannt, die jede Nachricht über Irene sammeln und weiter leiten.[4]

Im Herbst 1943 Überführung ins Pariser Gefängnis Fresnes und schließlich nach Deutschland ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Bei der Gestapo erfolgen erneut schwere Verhöre durch Kriminalsekretär Heinrich Teege. Ihre Mutter, die selbst Haftjahre in den KZ Fuhlsbüttel, Moringen und Ravensbrück hinter sich hat, erhält im März 1944 Post von der Tochter mit der Nachricht, dass sie wieder in Hamburg sei und die Gestapo Besuchserlaubnis erteilt habe. Von dem kurzen Gespräch im Ziviljustizgebäude überliefert Alice Wosikowsi Irenes Wort: "Mutter, wenn man Dir sagt, ich hätte ein Geständnis abgelegt, glaube es nicht, ich bleibe unserer Sache treu."[5] Teege stellt an die Mutter das Ansinnen, sie könne den Kopf der Tochter retten, wenn sie für die Gestapo arbeite; Alice Wosikowski lehnt ab.[6] Irene verabschiedet sich von mitgefangenen Kameradinnen am 20. April 1944.[7] Sie kommt in gerichtliche Untersuchungshaft, zunächst in Hamburg und in Cottbus,[8] schließlich im Frauengefängnis Barnimstraße Berlin. Anklage wegen "VzH", "Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung", Zeuge der Anklage: Heinrich Teege. Urteil des VGH unter Vorsitz von Dr. Freisler am 13. September 1944: Todesstrafe.[9] Enthauptung in Berlin-Plötzensee[10] im Alter von 34 Jahren.

Anfang 1948 stellt Alice Wosikowski beim Landgericht Stade Strafanzeige gegen Frischalowski und Teege. Der Oberstaatsanwalt antwortet im März 1948, dass das Verfahren eingestellt sei, weil der Angeschuldigte Frischalowski "die Tatbestandsmerkmale eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit ... nicht erfüllt" habe und die Einlassung des Beschuldigten Teege, "er habe die Vernehmung kurz und sachlich durchgeführt, nicht widerlegt werden" könne.[11]

Auf Antrag ihres Bruders erhält Irene Wosikowski im Juni 1982 ein symbolisches Grab im Ehrenhain.

Brief an Alice Wosikowski nach dem Todesurteil[12]

Frauenstrafgefängnis
Berlin NO 18, den 17. September 1944
Barnimstaße 10

Meine liebe Mutter!
Ich bin sehr traurig, daß Du zu allem Unglück, welches Du bereits in Deinem Leben erfahren mußtest, nun auch noch diesen Schmerz erfährst. Was kann ich Dir da nur Tröstendes sagen? Daß in diesem Kriege schon so viele ihr Leben lassen mußten? Und ich wünsche mit aller Kraft, daß Eberhard Dir erhalten bleibt und seine Kinder Dir Freude und Ablenkung geben werden und Ersatz für Dein Kind, das Du jetzt vielleicht bald verlieren wirst. Es ist bitter, daß jetzt soviel mißliche Umstände zusammenfallen, daß ich nichts mehr von Dir hörte u. wir uns vielleicht auch nicht wieder sehen werden. Dieser Gedanke an Dich, liebe Mutter, die ich über alles lieb habe, ist mir überhaupt der schmerzlichste. Sonst trage ich mein Schicksal mit Fassung, wie Du es ja nicht anders von mir erwartest, und hege die leise Hoffnung, daß das Schlimmste eventuell noch abgewandt werden kann. Und diese Hoffnung sollst Du auch nicht verlieren, liebe Mutter. — Nun wünsche ich Dir alles Gute und hoffe, daß es Dir auch unter den augenblicklichen Umständen nicht zu schlecht geht und Du alles gut überstehst, daß Du für all Dein jetziges Leid später noch einmal ein Entgelt erhältst. Ich umarme Dich von ganzem Herzen und küsse Dich recht innig, meine liebe Mutter,
Deine Irene

Berichte / Briefe: Erklärung Alice Wosikowski, 13.1.1948: HVZ 1.9.1948; Fritz Fränken an Eberhard Wosikowski, 17.2.1964; Lya Kralik an Eberhard Wosikowski, 3.3.1964; Lya Kralik, Eidesstattliche Erklärung, 6.3.1964; Eberhard Wosikowski an Friedhofsverwaltung Ohlsdorf, 18.2.1982; Rudi Homes an Katharina Jacob, 23.6.1982; Katharina Jacob, Ansprache im Ehrenhain, 26.6.1982; Eberhard Wosikowski an Vf’n, 30.6.1982; Paul Evert an Katharina Jacob, 26.1.1985; Karl Brundig an VVN-BdA Hamburg, 1.7.1989; Gespräch Vf’n mit Lotte Sittenfeld, 31.5.2003; Bernhard Röhl, Sie blieb standhaft bis zum Ende, in: taz, 24.12.2004
Literatur: Auf Freislers Spuren; Berlin-Plötzensee; Deutsche Kommunisten; Deutsche Widerstandskämpfer; Die Erinnerung darf nicht sterben; Erkämpft das Menschenrecht; Die erste Reihe; "La femme allemande"; Frauen im Widerstand; "Mutter, ich bleibe unserer Sache treu"; Nacht über Hamburg; Paris, Nimes und Marseille; Sonderfahndungsliste UdSSR; Stadt der toten Frauen; Streiflichter; Das Verbrechen an Irene Wosikowski; Zwanzig Frauen

[1] Lya Kralik erklärt 1964, dass "die französischen Behörden ihr zwar als politischer Emigrantin Asylrecht gewährten, aber jede Arbeitserlaubnis versagten. Sie bekam zeitweilig materielle Unterstützung durch die Liga für Menschenrechte und durch das Rothschild-Komitee." Fritz Fränken berichtet 1964: Irene "wohnte von den spärlichen Komiteegroschen in einem Emigranten-Hotel ... in für Menschen unwürdigen Verhältnissen. Ihre Hauptmahlzeit war nur das Mittagessen in der Emigrantenküche".
[2] Sonderfahndungsliste UdSSR, S. 203; s.a. Die Erinnerung darf nicht sterben, S. 93f.
[3] Lex Ende, ein Pariser Mitstreiter Irenes, der später Thea Saefkow, einen diensttuenden französischen Polizisten und eine französische Mitgefangene befragte, berichtet 1948: "Mit Ketten um die Handfesseln wurde sie vermittels eines Flaschenzuges an einer Wand hochgezogen, so dass sie sich gerade noch mit den Fußspitzen auf die Erde stützen konnte. So ließ man sie ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser 48 Stunden lang im grellen Licht einer Jupiterlampe hängen. Als man sie abnahm, war Irene ohnmächtig ... (Sie wurde) ins Vernehmungszimmer geschleppt und einem vierstündigen Kreuzverhör unterzogen." (Das Verbrechen an Irene Wosikowski, S. 1096f.)
[4] Auf Freislers Spuren, S. 972ff.; Erinnerungsberichte: "La femme allemande" (Fritz Fugmann), S. 207ff., und "Paris, Nimes und Marseille" (Luise Kraushaar), S. 591ff.
[5] HVZ, 1.9.1948
[6] Erklärung von Alice Wosikowski, 13.1.1948
[7] Lotte Sittenfeld (damals Becher), die im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in der Zelle neben Irene Wosikwski gelegen hatte, berichtet 2003, dass sie sie zum letzten Mal im Keller des Gestapogebäudes sah. Mehrere Schutzhäftlinge, die nicht miteinander sprechen durften, warteten dort auf ihre Vorführung. Als Irene aufgerufen wurde, sagte sie dem wachhabenden Gestapomann mit lauter Stimme: "Irene Wosikowski meldet sich ab – für immer!" Barbara Reimann-Dollwetzel, die am selben Tag auf Transport nach Ravensbrück ging, überlieferte das Datum (Gespräch Vf’n mit Barbara Reimann, 28.7.2004)
[8] Im UG Hamburg konnte Irene die Mutter und ihren Bruder Eberhard sprechen (Brief vom 23.5.1944 an Alice Wosikowski). Im Frauenzuchthaus Cottbus sieht sie noch einmal ihre Mutter und schreibt ihr dazu am 24.7.1944: "Am schönsten war doch Dein Besuch vor 14 Tagen. Damit hatte ich nämlich wirklich nicht gerechnet, dass Du solch weiten Weg wegen der 1/2 Stunde Sprechzeit machst."
[9] Urteil VHG 1. Senat (BA-SAPMO, NJ-1920)
[10] Die Leichen der Hingerichteten wurden in der Regel dem Anatomisch-biologischen Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin zur Verfügung gestellt, von diesem abgeholt und verbrannt (Berlin-Plötzensee, S. 37f.).
[11] Auf Freislers Spuren, S. 972ff.; HVZ 1.9.1948
[12] Kopie, erh. 1982 von Eberhard Wosikowski (ebenso andere angeführte Briefe seiner Schwester)


Inhalt:

Geleitwort der Herausgeberin (Leseprobe)

Vorwort (Leseprobe)

Biogramme und Briefe

Robert Abshagen
Etkar André
Kurt von Appen (Butz)
Richard Bähre
Bernhard Bästlein
Harry (Harder) von Bargen
Albert Bennies
Kurt Beusse
Wilhelm Boller
Elisabeth (Lisbeth) Bruhn, geb. Holz
Gustav Bruhn
Walter Bunge
Friedrich Dössel
Erika Etter, geb. Schulz
Werner Etter
Hans (Johannes) Görtz
Claudius Gosau
Franz Händler (Bucki)
Erich Heins
Bertus Hoffmann
Erich Hoffmann (Vatti)
Konrad Hoffmann
Hans Hornberger
Gustav Hüsing
Franz Jacob
Friedrich Kaefer
August Kähler
Karl Kock
Oswald Laue
Rudi (Rudolf) Lindau
August Lütgens
Otto Marquardt
Bruno Meisel
Walter Möller
Eduard Olejniczak
Otto Peters
Bruno Prieß
Heinz Prieß
Walter Reber
Karl Schaar
Kurt Schill
Erich Schütt (Ele)
Fiete (Fritz) Schulze
Heinrich Seifert
Hermann Spreckels
Wilhelm Stein
Ernst Stender
Rudolf Stender
Willy Szczepanski
Bruno Tesch
Emil Tiessat
Kurt Vorpahl
Hans Westermann
Karl Wolff
Irene Wosikowski (Leseprobe)
Heinrich Zimmermann

Chronik zur Geschichte des Ehrenhains

1. Ehemals Verfolgte organisieren sich
Hamburger Häftlingsausschuss · Komitee ehemaliger politischer Gefangener · Erste öffentliche Versammlungen nach Kriegsende · Urne des unbekannten Buchenwalder Konzentrationärs · Heimführung von Urnen aus Brandenburg · Urne Etkar Andrés sichergestellt 1946

2. Eine Begräbnisstätte für ermordete Widerstandskämpfer
Platz neben Gräbern und Denkmal der Revolutionsgefallenen · Aufbahrung der Urnen im Hamburger Rathaus · Gedenkkundgebungen in Ohlsdorf und Bestattungen im Ehrenhain 1946 sowie 1947 · Erste Interzonale Konferenz der VVN

3. Ehrenmal und Ehrenhain
Ehrenmal-Wettbewerb des Senats · Entwürfe Heinz Jürgen Ruscheweyhs · Grundsteinlegung 1948 · Kalter Krieg · Die Urne aus Buchenwald · Zwei Einweihungsfeiern 1949 · Verbot der VVN Hamburg 1951 · Freie Beratungsstelle · Kissensteine für den Ehrenhain · Gründung der VAN 1958

4. Asche der Toten abermals umgebettet
Veränderungen von Ohlsdorfer Gedenkanlagen 1961 · Verlegungsplanung für den Ehrenhain · Angehörige und Weggefährten gegen Umbettung · Verhandlungen der VAN mit dem Friedhofsamt · Ehrenhain am zweiten Standort April 1962

5. Gründung des Kuratoriums Ehrenhain
Mitgliederversammlung, Statut und Wahl des Vorstandes Juni 1962 · Verhandlungen des Kuratoriums mit dem Friedhofsamt · Beratungen, Veranstaltungen, Rundbriefe

6. Umgestaltung der Gedenkstätte
Überlegungen im Kuratorium und im Friedhofsamt · Plastik "Der Redner" von Richard Steffen · Entwurf "Ehrenhain" von Carlheinz Rebstock · Spendenaktion und Solidarität · Übergabe der neugestalteten Gedenkstätte 1968

7. Neue Grabstätten im Ehrenhain und Veranstaltungen
Umbettungen, symbolische Gräber und Gedenkfeiern · Meeting für die Männer und Frauen der Bästlein-Organisation und zwei Anträge an den Senat 1964 · Gösta von Uexküll: "Gedanken zum deutschen Widerstand"

8. Vergebliche und offene Anträge
Gesuche auf Umbettung in den Ehrenhain für Otto Mende, Hans Köpke, Ernst Mittelbach, Oskar Voss, Richard Heller, Hein Bretschneider, Hermann Fischer, Bernhard Struss, Magda und Paul Thürey, Franz Bobzien, Rudolf Klug und Hans Christoffers (1962 bis 2003)

9. Raub der Bronzefigur und Hakenkreuz im Ehrenhain
Hauptversammlung des Kuratoriums Ehrenhain 1975 · Steffens-Statue abgesägt und in einem Harburger Fleet versenkt 1977 · Wiederherstellung der Gedenkstätte · Unterstützung vom Friedhofsamt

10. Erinnern fürs Heute und Morgen
Veranstaltungen des Kuratoriums und der VVN in den 1980er Jahren · Grabsteinlegung für Irene Wosikowski · 40. Jahrestag der Befreiung und des Friedens · Frauen des Internationalen Ravensbrück-Komitees im Ehrenhain · Generationswechsel an der Spitze der VVN-BdA Hamburg 1989

11. Menschen – Seid wachsam
VVN in turbulenter Phase · Erinnerungsarbeit in den 1990er Jahren und seit 2000 · Geschichtspolitische Aktivitäten der VVN, anderer Hamburger Antifa-Gemeinschaften und Institutionen · Ehrenhain-Treffen im September 2004

Verzeichnisse

Literatur
Abkürzungen
Personenregister

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