Dieter Wolf

Der dialektische Widerspruch im Kapital

Ein Beitrag zur Marxschen Werttheorie

480 Seiten | 2002 | EUR 24.80 | sFr 43.30
ISBN 3-87975-889-1 1

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Dieter Wolf rekonstruiert den dialektischen Widerspruch in der spezifischen Bedeutung, die dieser im »Kapital« als »Triebkraft« der Entwicklung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft besitzt. Was den dialektischen Widerspruch in seiner Auswirkung auf die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft auszeichnet, wird aus dieser selbst und nicht aus der kritisch betrachteten Philosophie Hegels erklärt, für den der dialektische Widerspruch die »Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit« ist. Auf Basis eines inhaltlich verbindlichen Nachvollzugs der ökonomisch-gesellschaftlichen Prozesse, in denen der dialektische Widerspruch zwischen der Gebrauchswert- und der Wertseite der gesellschaftlichen Arbeit gesetzt und gelöst wird, setzt sich Dieter Wolf kritisch mit bekannten Theoretikern (L. Colletti, D. Henrich, H.F. Fulda, M. Theunissen, W. Becker, G. Göhler, P. Furth, H.G. Backhaus, H. Reichelt, E.M. Lange) auseinander. Diese vertreten auf Hegel und Marx bezogen einen »Anwendungsschematismus« und werfen, der Hegelschen Philosophie verpflichtet, Marx eine Reduktion der Dialektik vor. Dieter Wolf tritt dem insbesondere durch Hegels Philosophie genährten Vorurteil entgegen, der dialektische Widerspruch sei auf eine mit rationaler Wissenschaft nicht vereinbaren Weise mystisch spekulativ. Der Autor widerlegt die Bemühungen vieler Theoretiker, den dialektischen Widerspruch als logischen irrationalen Widerspruch zu interpretieren, und weist nach, dass der dialektische Widerspruch im »Kapital« durch und durch rational ist. Der dialektische Widerspruch prägt die Struktur des Systems der gesellschaftlichen Arbeit, die »das entscheidende Vermittlungsglied zwischen Mensch und Natur ist«. Ausführlich wird auf Marx’ Kritik am »Hegelschen Widerspruch« in der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts« eingegangen und erklärt, warum der späte Marx zu einer Wertschätzung des »Hegelschen Widerspruchs« als »Springquelle aller Dialektik« kommt, wobei er an der früher bereits vorgetragenen Kritik festhält und sie weiter vorantreibt.

Ein systematischer Beitrag zum Verständnis der ökonomisch-gesellschaftlichen Kategorien im Marxschen »Kapital« und zum System der gesellschaftlichen Arbeit als dem entscheidenden Vermittlungsglied zwischen Mensch und Natur.

Dieter Wolf ist frei tätiger Wissenschaftler und Softwareentwickler.Tätigkeitsschwerpunkte: Zusammenwirken von biologischer und kultureller Evolution unter besonderer Berücksichtigung der Entstehung menschlichen Bewusstseins.Veröffentlichungen:Hegel und Marx. Zur Bewegungsstruktur des absoluten Geistes und des Kapitals (Hamburg 1979)Hegels Theorie der bürgerlichen Gesellschaft.

 

 

Leseprobe 1

Einleitung

1. Vorbemerkung

Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine Interpretation der ersten drei Kapitel des »Kapital«. Diese wird unter dem Titel des dialektischen Widerspruchs vorgenommen. Der Widerspruch, um den es sich handelt, ist der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert. Dieser Widerspruch soll als »Triebkraft« der Entwicklung der unterschiedlichen Formen des Werts als ebenso vielen gesellschaftlichen Formen der Arbeit nachgewiesen werden. Der Gebrauchswert der Waren ist die Vergegenständlichung der konkret-nützlichen und der Wert der Waren die »Vergegenständlichung« der abstrakt-menschlichen und in dieser Form gesellschaftlich-allgemeinen Arbeit. Bei der Bedeutung des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert wird es folglich auch um die Bedeutung des »Doppelcharakters der Arbeit« als dem »Springpunkt der Kritik der Politischen Ökonomie« [1] gehen. Marx bringt diese Bedeutung des dialektischen Widerspruchs abstrakt und zusammenfassend zum Ausdruck, indem er analog zur Rede vom »Doppelcharakter der Arbeit« als dem »Springpunkt der Kritik der Politischen Ökonomie« den »Hegelschen Widerspruch« die »Springquelle aller Dialektik« [2] nennt. Dies soll hier nicht nur erwähnt werden, um die Bedeutung des Widerspruchs zu unterstreichen, sondern auch, um deutlich zu machen, dass trotz aller erst noch auszuweisenden Berechtigung der Berufung auf Hegel der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert aus der bürgerlichen Gesellschaft selbst und nicht etwa aus Hegels Philosophie zu erklären ist. Was hierunter zu verstehen ist, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

2. Zweifache Einschränkung der Rede vom »Hegelschen Widerspruch als der Springquelle aller Dialektik«

Die Frage, warum Marx vom »Hegelschen Widerspruch« sagt, er sei die »Springquelle aller Dialektik«, lässt sich überhaupt erst beantworten, wenn bereits erklärt worden ist, warum und auf welche Weise der die gesellschaftliche Arbeit in ihrer historischen Spezifik kennzeichnende Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert die »Triebkraft« der Entwicklung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit ist. Um von vornherein der Vorstellung einer aus der Kantianisierung, Hegelianisierung usw. des »Kapital« bestehenden Anwendung bereits vorhandener Widerspruchskonzeptionen zu begegnen, soll die zitierte Stelle über den »Hegelschen Widerspruch« auf zweifache Weise eingeschränkt werden: 1. Zunächst soll davon abgesehen werden, dass Marx vom »Hegelschen Widerspruch« redet, so dass auch davon abgesehen wird, warum und in welcher Weise der Widerspruch für Hegel als »die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit« [3] und als das »Prinzip aller Selbstbewegung« [4] die »Springquelle« der Dialektik des ewig sich in die Natur und den endlichen Geist entäußernden und ewig zu sich zurückkehrenden absoluten Geistes ist. Bei allen grundlegenden Unterschieden zwischen dem Widerspruch im Kapital und dem Widerspruch im Lebensprozess des absoluten Geistes gibt es Gemeinsamkeiten, die Marx veranlasst haben, dem »Hegelschen Widerspruch« die Bedeutung einer »Springquelle aller Dialektik« zu geben. Mit dem Hinweis auf den »Hegelschen Widerspruch« soll es in dieser Einleitung vor allem um eine Kritik an der in der Literatur weit verbreiteten These gehen, Marx habe die Hegelsche Philosophie, insbesondere die Hegelsche Widerspruchskonzeption auf die bürgerliche Gesellschaft angewandt. Inhaltlich ausführlicher wird der »Hegelsche Widerspruch« dann behandelt, wenn die Widerspruchskonzeption des jungen mit derjenigen des späten Marx verglichen wird. Erst nachdem Marx mit dem Begreifen und Darstellen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert seine einseitige Auffassung des dialektischen Widerspruchs als einem »wirklichen Gegensatz« überwunden hat, war er in der Lage, der Komplexität des »Hegelschen Widerspruchs« gerecht zu werden. Es wird zu klären sein, warum der späte Marx zu einer Wertschätzung des »Hegelschen Widerspruchs« als der »Springquelle aller Dialektik« kommt, ohne seine bereits in der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts« vorgetragene Kritik an dem »Hegelschen Widerspruch« preiszugeben. Wenn nicht ausdrücklich auf Hegel eingegangen wird, dann ist in dieser Untersuchung nur vom dialektischen Widerspruch die Rede, der aus dem Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert besteht. Was der dialektische Widerspruch in diesem eingeschränkten Sinne ist, wird inhaltlich verbindlich aus dem erklärt, was er innerhalb ganz bestimmter ökonomisch-gesellschaftlicher Verhältnisse ist, bzw. aus der Art und Weise erklärt, in der er die Entwicklung und die Struktur dieser Verhältnisse bestimmt. Bei dem einfachsten Verhältnis zweier Waren zueinander, bei dem Austausch der einfachen, noch nicht preisbestimmten Waren, dessen Resultat der doppelseitig-polarische Gegensatz von Ware und Geld ist, und schließlich beim Kapital in all seinen Formen, die ihm im Gesamtreproduktionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft anschießen, handelt es sich um unterschiedlich entwickelte ökonomisch-gesellschaftliche Verhältnisse, deren Struktur damit gegeben ist, dass in ihnen der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert ebenso sehr gesetzt wie gelöst ist. Die Behandlung des dialektischen Widerspruchs von Gebrauchswert und Wert in Form einer Interpretation der ersten drei Kapitel des »Kapital« hat für den Charakter der vorliegenden Untersuchung folgende Bedeutung: Es werden weder allgemeine noch inhaltsleere Vorstellungen über den dialektischen Widerspruch und seine Bedeutung für die materialistische, sich auf die Natur- und Menschengeschichte beziehende Dialektik entwickelt. Ebenso wenig werden aus den unterschiedlichen theoretischen Unternehmungen der Theorie- und Philosophiegeschichte Widerspruchskonzeptionen aufgegriffen und mit den allgemeinen Vorstellungen über den Widerspruch im »Kapital« verglichen, die unter Vernachlässigung ihres Resultatcharakters anhand der Stellen im »Kapital« gewonnen werden, an denen Marx sich mehr oder weniger abstrakt-allgemein über den Widerspruch auslässt. 2. In der hier vorliegenden Untersuchung kann nicht auf die Dialektik als die Wissenschaft von den einzelnen Bereichen der Wirklichkeit und ihren inneren Zusammenhang eingegangen werden. Daher wird auch nicht untersucht, warum für Marx der »Hegelsche Widerspruch« die »Springquelle aller Dialektik« ist. Über den dialektischen Widerspruch in dieser die Natur- und die Menschengeschichte umfassenden Bedeutung etwas Konkretes aussagen zu können, setzt den inhaltlich verbindlichen Nachvollzug des Setzens und Lösens des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert voraus. Dies muss für Marx so sein, weil für ihn die in ihrer historischen Spezifik durch das Setzen und Lösen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert gekennzeichnete gesellschaftliche Arbeit das entscheidende Vermittlungsglied zwischen Mensch und Natur und damit der Ausgang für das Begreifen und Darstellen des inneren Zusammenhangs von Natur- und Menschengeschichte ist. Wenn in der vorliegenden Untersuchung der dialektische Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren behandelt wird, dann geht es erstens nur um die Dialektik eines Bereichs der Wirklichkeit, nämlich der Menschengeschichte, und zweitens um diese auch nur, insofern sie aus dem kapitalistischen Gemeinwesen besteht, und drittens schließlich geht es in der für sich betrachteten Warenzirkulation nur um eine Seite dieses Gemeinwesens – kurz, es geht nur um einen Teilbereich eines Teilbereichs der Wirklichkeit. An einer Stelle [5] im »Kapital« schreibt Marx über den im Austauschprozess der Waren eingeschlossenen Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert, dass die Entwicklung der Ware diesen Widerspruch nicht aufhebt, aber die Form schafft, worin er sich bewegen kann. Marx verallgemeinert dann diesen Sachverhalt so, dass er als Beispiel für die Bewegungsform eines Widerspruchs die Ellipse angeben kann. [6] Hieraus lässt sich schließen, dass Marx an eine Dialektik der Natur denkt, für die der Widerspruch zwischen unterschiedlichen Seiten der Natur ebenso sehr den Charakter einer »Springquelle« besitzt wie der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert für die Dialektik des Kapitals. Welche Bedeutung für die Geschichtlichkeit der Natur sowohl das Setzen und Lösen von Widersprüchen wie auch ihr Entstehen und Vergehen besitzen – für den nur eine Phase der Menschengeschichte kennzeichnenden Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert gilt abstrakt-allgemein betrachtet: Zum einen besitzt er eine hier nicht zu betrachtende, an das Vorhandensein der Warenzirkulation gebundene Bedeutung im historischen Werden des kapitalistischen Gemeinwesens, zum anderen besitzt er für das sich auf seinen eigenen Grundlagen reproduzierende Kapitalverhältnis die in der vorliegenden Untersuchung zu erklärende Bedeutung der »Springquelle« der Dialektik im Sinne der »Triebkraft« der Entwicklung der gesellschaftlichen Formen der Arbeit, und drittens besitzt er in allen, sich im Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zusammenfassenden, über seine abstrakte Gestalt der Warenzirkulation hinausgehenden und in Krisen eklatierenden Gestalten die Bedeutung der materiellen Grundlage für die historische Vergänglichkeit bzw. für die praktische Abschaffung des Kapitalverhältnisses. Die Krise erschüttert als »Entschiedenheit wirklicher Gegensätze (und) ... Entzündung zur Entscheidung des Kampfes« [7] solange die bürgerliche Gesellschaft, als dieser Kampf noch nicht die praktische Abschaffung des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert und seiner Bewegungsformen mit sich gebracht hat: »Es handelt sich also nicht um eine Hegelsche ›negative Einheit‹ von zwei Seiten eines Gegensatzes, sondern um die materiell bedingte Vernichtung einer bisherigen materiell bedingten Daseinsweise der Individuen, mit welcher zugleich jener Gegensatz samt seiner Einheit verschwindet.« [8] In den Bewegungsformen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert, welche die Warenzirkulation auszeichnen, ist die Krise nur der Möglichkeit nach eingeschlossen, während sie in den gegenüber der Warenzirkulation weiterentwickelten Bewegungsformen des Widerspruchs, die sämtlichst Bewegungsformen des Kapitals sind, der Wirklichkeit nach eingeschlossen ist. Bleibt der Widerspruch aber z.B. im doppelseitig-polarischen Gegensatz von preisbestimmter Ware und Geld erhalten, dann ist dies nicht nur die Bedingung dafür, dass in ihm die Krise der Möglichkeit nach eingeschlossen ist; vielmehr ist dies zuerst und zugleich auch die Bedingung dafür, dass der Widerspruch weiterhin die »Triebkraft«, die »Springquelle« der Entwicklung der Formen des Werts als ebenso vielen Formen der gesellschaftlichen Arbeit ist. So ist das Kapital die Lösungsbewegung des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert, der in dem gegen die Warenzirkulation verselbständigten Geld enthalten ist und in der Form des Widerspruchs zwischen der Qualität und der Quantität des Geldes erscheint. Wie innerhalb eines jeden Stadiums im Kreislauf des Kapitals der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert erhalten bleibt, so ist er auch im ganzen Kreislauf des Kapitals enthalten, der seine allgemeine, entwickeltste Lösungsbewegung ist. Gibt es nun von den im Stadium der Produktion eingeschlossenen immanenten Widersprüchen aus zu erfassende Gründe dafür, dass die »äußerliche Verselbständigung der innerlich Unselbständigen, weil einander ergänzenden, bis zu einem gewissen Punkt fort(geht)«, [9] dann macht sich sowohl innerhalb eines Stadiums als auch innerhalb des Kreislaufs die Einheit von Gebrauchswert und Wert, von Ware und Geld, von Arbeits- und Verwertungsprozess und schließlich die Einheit aller Stadien selbst »gewaltsam geltend durch eine – Krise«. [10] »Die einzelnen Momente, die sich also in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, anderseits die abstrakteren Formen desselben als wiederkehrend und enthaltend in den konkreteren nachgewiesen werden.« [11] Die Lösungsbewegung des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert besitzt folgenden für das Begreifen der historischen Vergänglichkeit der bürgerlichen Gesellschaft wichtigen Doppelcharakter: Zum einen bleibt der Widerspruch in den Lösungsbewegungen als ebenso vielen Formen, worin er sich bewegt, erhalten; zum anderen ist dies auf die oben angedeutete Weise die Bedingung dafür, dass der Widerspruch in den Krisen eklatiert, die sich gegen die Lösungsbewegung des Widerspruchs selbst bis hin zu ihrer praktischen Abschaffung richten.

3. Die bürgerliche Gesellschaft und ihre wissenschaftliche (dialektische) Darstellung

Die oben vorgenommene doppelte Einschränkung der Rede vom »Hegelschen Widerspruch als der Springquelle aller Dialektik« soll nun nach der Seite betrachtet werden, nach der sie sich gegen die übliche Manier der Theoretiker richtet, die je nachdem, wie weit ihre Auseinandersetzung mit dem »Kapital« reicht, eine Anwendung von aus der Hegelschen Philosophie stammenden Bewegungsstrukturen auf die gesellschaftliche Arbeit praktizieren. In dem Maße, in dem diese Theoretiker keine ausreichende Einsicht in die Erkenntnis als einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Prozess haben, fehlt ihnen auch die Einsicht in den Zusammenhang, der zwischen dem aus der bürgerlichen Gesellschaft bestehenden Gegenstand und seiner in Form der wissenschaftlichen Darstellung existierenden gedanklichen Reproduktion besteht. »Das Kapital« von Marx befindet sich nicht, wie z.B. Hans Friedrich Fulda glaubt, in einem »Gegensatz«, der »das Verhältnis der Darstellung zum Dargestellten kennzeichnet«. [12] In einen solchen Gegensatz würde eine verkehrte Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft geraten, deren Verfasser den Charakter dieser Darstellung als ideellen Ausdruck der ökonomisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit noch nicht durchschaut hat. Nur dann, wenn ein Theoretiker den Gestaltungen des Scheins an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft verhaftet bleibt, wird sich seine Theorie auch gegen seinen Willen in dem Maße gegen die in ihr dargestellte Wirklichkeit verselbständigen, in dem er keinen Zugang zu dem an der Oberfläche verkehrt erscheinenden inneren Zusammenhang der ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse hat. Ein Unterschied, der die Darstellung und die in ihr dargestellte Wirklichkeit betrifft, versteht sich von selbst, insofern die Darstellung als gedankliche, im Kopf des Autors oder des Lesers seiner Werke sich abspielende Reproduktion der Wirklichkeit nicht diese Wirklichkeit selbst ist. Ein anderer Unterschied ist darin zu sehen, dass eine bestimmte Reihenfolge der Kategorien eingehalten werden muss, die durch die kontemporäre Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt ist. Das, was in der praktischen Realität in einem Nach- und gleichzeitigen Nebeneinander existiert und zusammengehört, wird analytisch in unterschiedliche, auf unterschiedlichen Abstraktionsstufen zu behandelnde Teile auseinander gelegt, so dass die ökonomisch-gesellschaftliche Wirklichkeit als ein Zusammenhang von sowohl sich unterscheidenden als auch wechselseitig sich voraussetzenden und ineinander greifenden Prozessen erklärt werden kann. Die für sich betrachteten Teilprozesse der bürgerlichen Gesellschaft existieren natürlich nicht für sich genommen, sondern als Teilprozesse des Ganzen reell. So existiert die Warenzirkulation reell nur als Moment des kapitalistischen Produktionsprozesses bzw. als sich durchhaltende allgemeine Grundlage der durch Kapital-Zins, Boden-Grundrente, Arbeit-Arbeitslohn in ihrer Struktur charakterisierten Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft. Deren Darstellung als reell existierendem Ganzen hat sich im Interesse einer adäquaten gedanklichen Reproduktion an jene, durch die dialektische Struktur des Ganzen bedingte Reihenfolge der Kategorien zu halten, die nicht bzw. nur ausnahmsweise mit der Reihenfolge der Kategorien identisch ist, wie sie historisch aufeinander folgen. [13] Auch und gerade dieser zweite Unterschied muss berücksichtigt werden, wenn man begreifen will, inwiefern das »Kapital« als gedankliche Reproduktion der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft »das Ideelle« [14] ist, das nichts anderes ist als das »im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle«. [15] Marx stellt im »Kapital« das in einem langwierigen Forschungs- und Darstellungsprozess freigelegte Entwicklungsgesetz der bürgerlichen Gesellschaft dar. So ist z.B. der doppelseitig-polarische Gegensatz von preisbestimmter Ware und Geld als Resultat einer in der ökonomisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit sich durchsetzenden dialektischen Entwicklung zugleich der Prozess, worin der im Austausch der einfachen, noch nicht preisbestimmten Waren gesetzte Widerspruch zwischen deren Wert und Gebrauchswert gelöst wird. Welcher Stellenwert immer auch dem »Kapital« innerhalb der nicht nur auf die ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse beschränkten materialistischen Dialektik als Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang von Natur, Gesellschaft und Denken zukommt – als Darstellung einer durch dialektische Prozesse (Lösungsbewegungen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert) gekennzeichneten ökonomisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit besitzt es selbst einen dialektischen Charakter. Für Marx ist auch die Dialektik nicht, wie H.F. Fulda behauptet, lediglich »der Titel für eine Methode, den Stoff der bürgerlichen Ökonomie zu behandeln«, so dass sie für Marx nur »wichtig« sei »als Darstellungsmethode«, die sich aus einer bestimmten Art der Erkenntnis ergibt. Fulda behauptet, die Dialektik sei bei »Marx nicht die Eigenbewegung der Gegenstände (Hervorhebung – D. W.), sondern nur die Art, sich das Konkrete anzueignen«. [16] Marx kritisiert an Hegel, dass dieser die Art, sich das Konkrete anzueignen, mit dessen Entstehungsprozess selbst verwechselt. Marx beschränkt aber die Dialektik nicht auf die »Darstellungsmethode«. Der Entstehungsprozess eines Konkreten, wie es die bürgerliche Gesellschaft ist, und das Konkrete selbst, nämlich die auf den historisch entstandenen Grundlagen sich reproduzierende bürgerliche Gesellschaft, besitzen eine dialektische Struktur. Was allerdings bedacht werden muss, ist, dass diese dialektische Struktur nicht unmittelbar in Gedanken reproduziert werden kann. Hierzu ist unter Berücksichtigung von dem, was oben über die Reihenfolge der Kategorien gesagt worden ist, allgemein gesehen die von Marx in der »Einleitung zu den Grundrissen« beschriebene Prozedur erforderlich, auf Basis des in der Forschung geklärten Zusammenhangs zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten vom Letzteren aus zum Ersteren aufzusteigen. Das Denken, um adäquater ideeller Ausdruck der Wirklichkeit zu sein, hat eine systematische Organisation der Kategorien vorzunehmen, die, abgesehen von der ungeheuren Komplexität, aufgrund der realen Verkehrungsprozesse geradezu der Organisation entgegengesetzt ist, wie sie auf der unmittelbar widergespiegelten Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft gegeben ist. [1] Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23, Berlin 1968, S. 56 (im Folgenden zitiert als: Das Kapital, MEW 23).
[2] Ebd., S. 623, Fn. 41.
[3] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II, in: G.W.F. Hegel, Werke in 20 Bänden, Bd. 6, Theorie Werkausgabe, Frankfurt/Main 1969, S. 75 (im Folgenden zitiert als: Hegel, Wissenschaft der Logik II, Bd. 6).
[4] Ebd., S. 76.
[5] Vgl. Das Kapital, MEW 23, a.a.O., S. 118. 6 Vgl. ebd., S. 118f.
[7] Karl Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts, in: MEW, Bd. 1, Berlin 1970, S. 293 (im Folgenden zitiert als: Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1).
[8] Karl Marx, Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, Berlin 1962, S. 229 (im Folgenden zitiert als: Die Deutsche Ideologie, MEW 3).
[9] Das Kapital, MEW 23, a.a.O., S. 127f.
[10] Ebd., S. 128.
[11] Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, 2. Teil, in: MEW, Bd. 26.2, Berlin 1967, S. 510 f. (im Folgenden zitiert als: Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2)
[12] Hans Friedrich Fulda, Dialektik als Darstellungsmethode im »Kapital« von Marx, in: ajatus, Heft 37, Helsinki 1978, S. 197.
[13] Vgl. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) 1857–1858, Berlin 1953, S. 26 f., insbesondere S. 28 (im Folgenden zitiert als: Karl Marx, Grundrisse).
[14] Das Kapital, MEW 23, a.a.O., S. 27.
[15] Ebd.
[16] H.F. Fulda, Dialektik als Darstellungsmethode ..., a.a.O., S. 182.

Inhalt:

Einleitung

Teil 1
Zur gesellschaftlichen Bedeutung der abstrakt-menschlichen Arbeit in nicht-kapitalistischen und in kapitalistischen Gemeinwesen


Kapitel 1
Zur gesellschaftlichen Bedeutung der abstrakt-menschlichen Arbeit in allen Gemeinwesen, unabhängig von ihrer historischen Form

1. Vorbemerkung
2. Die abstrakt-menschliche Arbeit als allgemeine Eigenschaft der konkret-nützlichen Arbeiten
3. Zur Bedeutung der abstrakt-menschlichen Arbeit in allen Gesellschaftszuständen, unabhängig von deren historisch-spezifischer Form
Kapitel 2
Zur gesellschaftlichen Bedeutung der abstrakt-menschlichen Arbeit in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen

1. Die proportionelle Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen
2. Unterschiedliche Formen, in denen sich die proportionelle Verteilung der Gesamtarbeit durchsetzt
3. Die Beziehung der konkret-nützlichen Arbeiten als abstrakt-menschliche Arbeit aufeinander in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen
4. Die konkret-nützlichen Arbeiten sind in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen zugleich Arbeiten in spezifisch-gesellschaftlicher Form
Kapitel 3
Zur gesellschaftlichen Bedeutung der abstrakt-menschlichen Arbeit in kapitalistischen Gemeinwesen

1. Vorbemerkung
2. Der Austausch der Arbeitsprodukte als gesellschaftlicher Zusammenhang, worin die abstrakt-menschliche Arbeit als spezifisch-gesellschaftliche Form der einzelnen Arbeiten erzeugt wird
3. Die qualitative und quantitative Seite der proportionellen Verteilung im Austausch der Arbeitsprodukte
4. Der Austausch der Arbeitsprodukte als ein gesellschaftlicher Zusammenhang, worin das Verhalten der Menschen zueinander gegenständlich vermittelt ist
5. Die Bedeutungslosigkeit des Austauschs in nicht-kapitalistischen Gemeinwesen
6. Überleitung zu der Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren

Teil 2
Die Wertform als Lösungsbewegung des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert


Kapitel 1
Die unterschiedlichen Gegenständlichkeiten von Gebrauchswert und Wert

1. Vorbemerkung
2. Die Gegenständlichkeit des Gebrauchswerts
3. Die Gegenständlichkeit des Werts
Kapitel 2
Die »innere notwendige Zusammengehörigkeit« und die »gleichgültige selbständige Existenz gegeneinander« als »Grundlagen« des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert

1. Die innere notwendige Zusammengehörigkeit von Gebrauchswert und Wert als die eine der beiden Grundlagen ihres Widerspruchs
2. Die Verselbständigung des Werts gegenüber dem Gebrauchswert als Grundlage des in der Ware enthaltenen Widerspruchs
3. Die Grundlagen des Widerspruchs bleiben in seiner Lösungsbewegung erhalten
Exkurs:
Die Wertform und die »dialektische Methode«. Eine Kritik an Hans-Georg Backhaus
Kapitel 3
Ware und Wertform als Einheiten der Gegensätze von Gebrauchswert und Wert

1. Die Ware als Einheit von Gegensätzen
2. Unterschiedliche Weisen, in denen die Ware eine Einheit ist
Exkurs:
Kritik Hegelianisierender Auffassungen von der Einheit des Gegensatzes von Gebrauchswert und Wert
Exkurs:
Die »einfache, einzelne oder zufällige Wertform« und die beiden Pole des Wertausdrucks: »relative Wertform und Äquivalentform«. Eine Kritik an Ernst Michael Lange
Kapitel 4
Zur Entwicklung der Wertform

1. Die einfache Wertform als Keimform aller Wertformen
2. Der Mangel der einfachen Wertform und ihr Übergehen in eine entwickeltere Form
3. Der Übergang von der entfalteten zur allgemeinen Wertform
4. Die Entwicklung der allgemeinen Wertform im ersten Kapitel unter Verweis auf den im zweiten Kapitel dargestellten Austausch als ihrem wirklichen Entstehungsprozess
Kapitel 5
Die unterschiedliche Betrachtung der Ware als widersprüchliche Einheit von Gebrauchswert und Wert auf den Darstellungsebenen des ersten und zweiten Kapitels des »Kapital«

Kapitel 6
Zum Verhältnis von dialektischem und logischem Widerspruch. Eine Kritik an Gerhard Göhler

1. Vorbemerkung
2. Der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren ist kein »logischer Widerspruch«
3. Göhlers Ersetzung der Gleichsetzung der Waren als Werte durch das von ihm auf mystische Weise begriffene Sich-Darstellen des Werts einer Ware im Gebrauchswert einer anderen Ware
4. Die »Differenzierung« der Gebrauchswerte in »Bedürfnisbefriedigung und Darstellung des Werts« als die Leistung der Wertformen für die »Ausdifferenzierung der Austauschstruktur«
5. Die Entstehung des »logischen Widerspruchs« durch die mittels der Wertform und ihrer Umkehrung vorgenommene »Ausdifferenzierung der Austauschstruktur«

Teil 3
Der Warenfetisch und der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert


Kapitel 1
Die Ausgangssituation des Austauschs und der Warenfetisch

1. Die Ausgangssituation des Austauschs als einfachstes praktisch-gesellschaftliches Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft
2. Der Gebrauchswert und der Inhalt der Wertbestimmungen sind den Warenbesitzern bewusst gegeben
3. Was den Warenbesitzern vom Wert bewusst gegeben ist und was nicht
4. Der Warenfetisch als »falscher Schein« oder »prosaisch reelle Mystifikation«
Kapitel 2
Der Warenfetisch und der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert. Eine Kritik an Lucio Colletti und Hans Friedrich Fulda

1. Kritik an Lucio Colletti
2. Kritik an Hans Friedrich Fulda

Teil 4
Der doppelseitig-polarische Gegensatz von Ware und Geld als Bewegungsform des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert


Kapitel 1
Die Ausgangssituation des Austauschs und der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren

Kapitel 2
Der doppelseitig-polarische Gegensatz von Ware und Geld als Bewegungsform des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren

1. Die Ausgangssituation der Warenzirkulation
2. Die preisbestimmte Ware als Einheit von Gebrauchswert und Wert
3. Das Geld als Einheit von Gebrauchswert und Wert
4. Der doppelseitig-polarische Gegensatz von Ware und Geld als gesellschaftliche Totalität
5. Die Entfaltung und Vermittlung des Gegensatzes von Gebrauchswert und Wert

Teil 5
Der Begriff des Widerspruchs im »Kapital« und in der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts«. Eine Kritik an Hans Friedrich Fulda und Peter Furth


Kapitel 1
Marx’ Auffassung vom »wirklichen Gegensatz« und von der »Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens« in der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts«

Kapitel 2
Der Widerspruch zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Waren als »Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens«, welche den Charakter »eines wirklichen Gegensatzes« besitzt

1. Vorbemerkung
2. Gebrauchswert und Wert als »Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens«
3. Das Verhältnis von Gebrauchswert und Wert als ein »wirklicher Gegensatz«
4. Die Vermittlung von Gebrauchswert und Wert in der Lösungsbewegung ihres Widerspruchs
Kapitel 3
Der »wesentliche Widerspruch« und der »Widerspruch der Erscheinung«

1. Die Bewegungsformen des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert und die »Krise«
2. Betrachtung der Bewegungsform des Widerspruchs zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert unter dem Aspekt des »wesentlichen Widerspruchs« und des »Widerspruchs der Erscheinung«. Eine Kritik an Peter Furth

Anhang
Zur »unmittelbaren und vermittelten Gesellschaftlichkeit der Arbeit«.
Eine Kritik an Michael Theunissen und Ernst Michael Lange


1. Vorbemerkung
2. »Unmittelbarkeit«, »Fremdbeziehung« und »entfremdende Fremdbeziehung«: Theunissens Deutung der historisch-spezifischen Form der gesellschaftlichen Vermittlung bei Marx als »Orientierung an der Norm einer Unmittelbarkeit«
3. E.M. Langes »Mediatisierungsverbot« und die Kritik der Politischen Ökonomie. Karl Marx als »Moralapostel«
4. Theunissens Kritik an Marx’ Religionskritik
Literatur
Schriften von Marx und Engels
Schriften anderer Autoren

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