Martin Albert

Soziale Arbeit im Wandel

Professionelle Identität zwischen Ökonomisierung und ethischer Verantwortung

120 Seiten | 2006 | EUR 11.80
ISBN 3-89965-185-5 1

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Kurztext: Eine systematische Untersuchung der weitreichenden Reformen und Umstrukturierungen der Sozialen Arbeit innerhalb der institutionellen Dienstleistungssysteme und kirchlichen Wohlfahrtsverbände und insbesondere der professionellen Identität der Berufsinhaber.


Bei Betrachtung der gegenwärtigen Fachdiskussion um die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit wird zunehmend deutlich, dass mit dem Einzug eines wirtschaftsorientierten Denkens auch ein tiefgreifender und grundlegender Paradigmenwechsel stattfindet. Der Einsatz betriebswirtschaftlicher Techniken im sozialen Berufsbereich ist im vollen Gange, wobei der von öffentlicher Seite geforderte Nachweis der Effizienz von Sozialer Arbeit nur einen Teil des übergeordneten und tiefgreifenden Wandels darstellt.

Martin Albert zeigt in diesem Buch auf, dass ökonomische Konzepte ins Leere laufen, teilweise sogar kontraproduktiv sind, wenn sie lediglich ökonomische Wissensbestände technokratisch auf die soziale Berufspraxis übertragen. Sozialmanagement muss sich mit der kritischen Auseinandersetzung darüber konfrontieren lassen, ob sie eine fundierte Handlungswissenschaft mit eigenen ethischen Grundsätzen für das Handlungsfeld von Sozialer Arbeit darstellt.

Martin Albert, Dr. paed., Diplomsozialarbeiter und Diplompädagoge. Arbeitet seit 14 Jahren im Bereich von Migration und Allgemeiner Sozialer Dienst. Daneben Unterrichtstätigkeiten für Sozialmedizin an Gesundheitsfachschulen. Lehrbeauftragter für Gemeinwesenarbeit an der Ev. Fachhochschule Freiburg und für Methoden Sozialer Arbeit an der Pädagogischen Hochschule Freiburg (E-Mail: Dr.M.Albert@web.de).

Leseprobe 1

Vorwort

Martin Albert stellt an das Ende seines Buches das "Prinzip Hoffnung". Er knüpft damit an das epochale Werk des Philosophen Ernst Bloch an, für den die Praxis einen zentralen Knoten- oder Vermittlungspunkt jeglichen Geschehnisses bildet. So ist der Titel "Soziale Arbeit im Wandel. Professionelle Identität zwischen Ökonomisierung und ethischer Verantwortung" nur sinnvoll vor dem Hintergrund der gegebenen und sich abzeichnenden Praxis der Sozialen Arbeit zu diskutieren. Der Spannungsbogen zwischen Ökonomie einerseits und ethischer Verantwortung andererseits steht im Zentrum einer Schrift, die getragen ist von der langjährigen Erfahrung eines engagierten Sozialarbeiters im Felde kirchlicher Wohlfahrtspflege und zugleich aus dem nicht minder reichen Fundus eines wissenschaftlich profilierten Mannes der Sozialarbeitswissenschaft schöpft. Albert, der seinen Weg immer wieder aus der Praxis über die Theorie in die Praxis und von dort aus wieder in die Theorie gegangen ist, stellt sich dem Diskurs, indem er eingangs sieben Thesen aufstellt, die den viel diskutierten Widerspruch zwischen Ökonomisierung und ethischer Verantwortung Sozialer Arbeit aufzulösen scheinen. Der Begriff der Ökonomisierung dient seit dem Ausgang des letzten Jahrhunderts insbesondere den KritikerInnen einer vermeintlich neuen Orientierung in einem alten Beruf als die Chiffre, mit der all das benannt werden soll, was in komplexen Reorganisationsprozessen jenen Einrichtungen und Organisationen übergestülpt zu werden droht, die vermeintlich jenseits der bösen Macht und Gier des großen Geldes angesiedelt waren: Öffentliche Verwaltung, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und die vielen kleinen freien Träger der Sozialen Arbeit. Durch die Übernahme betriebswirtschaftlichen Kalküls sollen Effektivität und Effizienz erreicht, die Qualität öffentlicher Dienstleistung verbessert und letztlich die Kosten gesenkt werden. Was in Güter produzierenden Unternehmen der profitorientierten Wirtschaftsunternehmen erfolgreich zu gelingen scheint, mag den Dienstleistungsunternehmen des Sozialbereichs nicht minder nützlich sein, prognostizieren die ReformerInnen der so genannten Neuen Steuerung. Was einst von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) für die Verwaltungsspitzen und Gremien von Städten, Gemeinden und Kreisen konzipiert worden ist, hat sich inzwischen weitgehend auch in der Organisation der Sozialen Arbeit niedergeschlagen. Spätestens über das Kontraktmanagement mit ZuschussgeberInnen werden wesentliche Eckpfeiler dieser Verwaltungsreform zur unbedingten Essenz einer öffentlich geförderten sozialen Dienstleistung erhoben. Dabei lesen sich die Prinzipien des neuen Steuerungsmodells keineswegs unattraktiv. Da ist von "Steuern statt Rudern" die Rede und gegen eine "Ergebnisorientierung" und mehr "Eigenverantwortlichkeit statt Hierarchie" mag kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben. Spätestens bei den Begriffen der Markt- und der Kundenorientierung scheiden sich freilich die Geister. Mit guten Argumenten werden Unterschiede und Unvereinbarkeit zwischen der Welt der Wirtschaft und der Welt des Sozialen herausgearbeitet. Während die irreführende Bezeichnung "Produkt" nahezu kritiklos übernommen und Arbeitshandlungen treu und brav in Produktbeschreibungen aufgelistet werden, gibt es jede Menge Fachleute, die sich der kritischen Destillierung des Begriffes "Kunde" hingeben. Interessanterweise beklagen nicht selten jene Kolleginnen und Kollegen diese Zielgruppenumschreibung, die ihrerseits hemmungslos den antiquierten KlientInnenbegriff im Munde führen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das Fachlexikon der Sozialen Arbeit, das vom "Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge" (sic!) herausgegeben wird, von der Verwendung dieses Terminus abriet. Verweist er doch auf die antiken Herrschaftsverhältnisse im alten Rom, wo die besitzlosen und hörigen Untertanen des Patrons so bezeichnet wurden. Ist da der Kundenbegriff, abgesehen von diversen Situationen, wo er nun einmal gar nicht passt (z.B. im Strafvollzug), wirklich so viel schlechter? Albert will sich mit dem "New Public Management" jedenfalls nicht so recht anfreunden, zumal er dessen Adaption im Rahmen der Kirchen kritisch beäugt. Er folgert sogar, dass die Dynamik bzw. die Beschleunigung der ökonomischen Entwicklung die unterschiedlichen Ebenen der Wohlfahrtsverbände zu überfordern scheint. Er zitiert den katholischen Sozialethiker Friedhelm Hengsbach, der die Gefahr sieht, dass die kirchliche Wohlfahrtspflege im Dilemma zwischen "Barmherzigkeit und Kalkulation" ihre Identität verliert. Von hier aus wird der Bogen zur Ethik als gedachtem Korrektiv zur Ökonomisierung geschlagen. Die Ethik beschäftigt sich – seit ihren Anfängen unter Aristoteles – damit, was gutes oder schlechtes Handeln ausmacht. Sie fragt nach den Voraussetzungen gelingenden Lebens – als Person, in der Gruppe und als Teil der Gesellschaft. Wenn also Ethik sagt, wie der Mensch handeln soll und wie nicht, liegt es durchaus nahe, hier auch für die unter Druck geratene Soziale Arbeit eine Handlungsorientierung zu suchen. Inzwischen gibt es freilich eine Vielzahl von Ethiken (u.a. eine Wirtschaftsethik) mit unterschiedlichen Methoden und Denkansätzen, sodass bereits ein erster Blick in diesen erwünschten Hort der Weisheit ernüchtern muss. Hengsbach, der es wissen sollte, warnt davor. Schließlich gerate eine gesinnungs- und verantwortungsethische Argumentation allzu schnell in die systemimmanenten Stromschnellen der Ökonomik, wo sie an dem scheinbaren "Faktum der Vernunft" zu zerschellen drohe. Denn längst würde das wirtschaftlich Vernünftige mit dem moralisch Gebotenen gleichgesetzt. Eben dieses Phänomen, die Unterordnung weiter Bereiche der Gesellschaft unter das Primat der Ökonomik, steht im Zentrum der Sorge um die Ökonomisierung Sozialer Arbeit. Genannt wird u.a. die Befürchtung, dass die Bedürfnisse und Lebensinteressen der Benachteiligten und Schwachen, der Armen und der dem Produktionsprozess nicht unmittelbar dienlichen Randgruppen dem ökonomischen Kalkül nicht standhalten können. Albert mutmaßt darüber hinaus, dass die Ökonomie für die soziale Ungleichheit der Gesellschaft zumindest unterschwellig von manchen KritikerInnen verantwortlich gemacht würde. Eine Reihe von Widerständen und Einwänden würden deshalb bestehen bleiben, zumal der Prozess der Umstrukturierung noch im vollen Gange sei. Insbesondere drohe eine Identitätskrise der Profession Sozialarbeit, die mit erneuter Unsicherheit und Risiken einherginge. Er verweist auf die zunehmende Professionalisierung des Sozialmanagements, von dem er erwartet, einerseits über das geforderte wirtschaftliche Knowhow zu verfügen und andererseits durch eine ethische Verwurzelung in der Menschenrechtsprofession Sozialarbeit auch den sozialen Bedarfen der Zielgruppen gerecht zu werden. Da insbesondere das Management sozialer Dienstleistungsunternehmen unter dem Druck betriebswirtschaftlicher Einflussnahme steht und die stagnierenden bzw. gekürzten Sozialetats der Kommunen in Zeiten der Haushaltshaltskonsolidierung wenig Handlungsspielräume für sozialreformerisches Agieren lassen, stehen auch hier zunächst Fragezeichen. Es zeigen sich neue und alte Dilemmata, die insbesondere die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen an der Basis aushalten müssen. In Anlehnung an Bronfenbrenners ökosoziales Mehrebenenmodell zeigt Albert die sich hieraus ergebenden Schwierigkeiten auf allen Handlungsebenen des Sozialmanagements auf. Besonders interessant ist der Verweis auf die Mikroebene, wo die subjektive Wahrnehmung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die Lebensinteressen sowie die Lebenswelt der Adressaten und Adressatinnen den Ausschlag geben. In der Praxis, hier auf dieser unteren Ebene entscheidet sich für ihn, ob Ethik ein ernst zu nehmender Bestandteil von Sozialmanagement und Führung ist. An dieser Stelle hätte man sich auch folgenden Verweis auf die 2. Feuerbachthese von Karl Marx vorstellen können: "In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d.h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen." Das will vor allem heißen, dass die vielen Diskussionen um die so genannte Ökonomisierung der Sozialen Arbeit sich vor allem daran messen lassen sollten, inwieweit sie der Praxis dieser Profession realiter nützlich und hilfreich sind, um die ganz konkreten Bedarfe und Forderungen der Zielgruppe vor dem Hintergrund der Menschenrechte durchzusetzen zu helfen. Vielleicht stellen sich dann die Fragen nach der Geltung und Berechtigung ökonomischer Prinzipien und Techniken ein wenig anders, als dies vielerorts zu lesen ist. Übersehen wird ohnedies, dass Soziale Arbeit und Ökonomie keineswegs aus völlig verschiedenen Welten kommen. In ihren Ursprüngen am Ende des 19. Jahrhunderts lagen ihre Wurzeln durchaus beieinander. Und wenn Ökonomik ebenso wie die Ökologie sich an ihrem Wortstamm orientiert, der vom griechischen "Oikos" (das Haus) abgeleitet ist, dann bedeutet sie nichts anderes als die Lehre vom "Haushalten", also vom Umgang mit knappen Mitteln. Und musste nicht Soziale Arbeit schon immer mit sehr begrenzten Ressourcen auskommen? Oder sind die Hilfesuchenden nicht gerade dadurch als solche gekennzeichnet, dass sie über keine hinreichenden Mittel verfügen? Eine Brücke könnte die Definition von George Bernhard Shaw sein, der Ökonomie als die Kunst bezeichnet, "das Beste aus dem Leben zu machen". Von hier bis zur Ethik eines Aristoteles, dem es um das gute, gelingende individuelle Leben ging, ist es nicht mehr sehr weit. Wie Albert aber zu Recht feststellt, gibt es in der allgemeinen Ethik nicht mehr die absoluten Handlungsmuster, die als Grundregeln guten Handelns immer und überall angewendet werden könnten. Notwendig ist eine Professionsethik, die sich an den jeweiligen Erfordernissen oder den Anforderungen der konkreten Praxis orientiert. Dieses kann kein Einzelner für alle definieren. Vielmehr muss sie Resultat der kommunikativen Verständigung und der gemeinschaftlichen Vergewisserung dieser Profession selber sein. Eine solchermaßen gemeinsam entwickelte Ethik orientiert sich methodisch an der von Apel und Habermas proklamierten Diskursethik. Sie unterliegt allein dem Zwang der Argumentation und entbehrt jeglicher Bevormundung. Im Prinzip darf dabei niemand ausgeschlossen oder benachteiligt sein. Nur die Argumente dürfen gelten. Und die Schlussfolgerungen sind stets das Ergebnis einer zwanglosen gemeinsamen Übereinstimmung. Ein auf diese Weise zustande gekommener Konsens braucht nicht mehr den Argwohn zu fürchten, diese oder jene Disziplin betreibe die Kolonialisierung der eigenen Community. Ökonomie, die Wissenschaft der Sozialen Arbeit und ein Sozialmanagement, das sich als ein ›soziales‹ versteht, können auf dieser Diskursebene zueinander finden und sich wechselseitig nützlich sein. Dass in unseren Tagen vor dem Hintergrund des weltweit schier unaufhaltsamen Siegeszuges des Neoliberalismus dabei eher Gefühle der Angst denn der Hoffnung aufsteigen, ist allzu verständlich. Doch nach Jean-Paul Sartre ist besonders die Furcht "ein Zustand, der den Menschen aufhebt". Von daher soll unter Rückgriff auf das eingangs erwähnte Bloch’sche Prinzip Hoffnung der Spur gefolgt werden, wonach weder die Wissenschaft fertig und abgeschlossen ist noch der Welt- und Geschichtsprozess seine Vollendung gefunden haben. Bloch und Sartre sind entschiedene Vertreter eines Möglichkeitsdenkens, das sich gegen Absolutheit und Dogmatismus im Denken wendet. Wörtlich schreibt Bloch gegen Ende seines Werkes, "so ist die Hoffnung mit Plan und mit Anschluss ans Fällig-Mögliche doch das Stärkste wie Beste, was es gibt. Und wenn auch Hoffnung den Horizont nur übersteigt, während erst Erkenntnis des Realen mittels der Praxis ihn auf solide Weise verschiebt, so ist es doch sie wieder allein, welche das anfeuernde und tröstende Weltverständnis, zu dem sie leitet, zugleich als das solideste und tendenzhaft-konkreteste gewinnen lässt. Zweifellos, der Trost dieses Weltverständnisses muß angestrengt mitgebildet werden." (Bloch, S. 1617f.) Prof. Dr. Günter Rausch
Freiburg im Breisgau

Leseprobe 2

Einleitung

Bei Betrachtung der gegenwärtigen Fachdiskussion um die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit wird zunehmend deutlich, dass mit dem Einzug eines wirtschaftsorientierten Denkens auch ein tiefgreifender und grundlegender Paradigmenwechsel stattfindet. Der Einsatz betriebswirtschaftlicher Techniken im sozialen Berufsbereich ist in vollem Gange, wobei der von öffentlicher Seite geforderte Nachweis der Effizienz von Sozialer Arbeit nur einen Teil des übergeordneten und tiefgreifenden Wandels darstellt. Der Ökonomisierungsprozess führt zu weitreichenden Reformen und Umstrukturierungen innerhalb der institutionellen sozialen Dienstleistungssysteme und betrifft damit sämtliche Bereiche Sozialer Arbeit. Nicht nur staatliche Träger, sondern auch die Wohlfahrtsverbände sind immer mehr gefordert, ihre Leistungen zu beschreiben bzw. zu dokumentieren und damit nachprüfbar zu gestalten. Dadurch entsteht auch ein neues Denken in Bezug auf eine betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse, was Sozialer Arbeit lange Zeit nicht nur fremd war, sondern gegenwärtig auch ihre beruflichen Identitäten, Prinzipien und ethischen Wertvorstellungen ins Wanken bringt. Die "BWL-isierung" Sozialer Arbeit (vgl. Schmidt-Grunert 1996) als neues Paradigma hat zur Folge, dass die Berufsinhalte und Zielsetzungen einer rationelleren Denkweise unterzogen werden und führt zu einer allgemeinen Verunsicherung in den bisherigen Berufsstrukturen. Die neuen Herausforderungen, die sowohl von der Gesellschaft als auch vom Staat an die Soziale Arbeit gestellt werden, bleiben somit nicht ohne Auswirkungen auf die berufliche Identität der BerufsinhaberInnen. Probleme entzünden sich bereits an Begrifflichkeiten, so zum Beispiel, ob Soziale Arbeit auf einem "freien" Markt ihre Leistung anbietet oder ob das Klientel als "Kunde/Kundin" betrachtet werden kann. Die vorliegende Arbeit versucht den scheinbaren Widerspruch zwischen Ökonomisierung und ethischer Verantwortung unter Einbeziehung der historischen, professionellen, milieubedingten Aspekte von Sozialer Arbeit zu beschreiben. In gewisser Weise geht es um die Tiefenwirkung des Ökonomieparadigmas auf die Objekt- und Subjektebene. Hierbei sollen einleitend folgende Thesen aufgestellt werden, die den komplexen Zusammenhang in Bezug auf die Thematik aufzeigen. These 1:
Die Ökonomie ist gegenwärtig der zentrale gesellschaftliche Fokus und hat zwischenzeitlich alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst. Der Aspekt des Materiellen bewirkt einen tiefgreifenden Wertewandel und verändert alle gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Systeme. These 2:
Diesem Trend können sich die (kirchlichen) Wohlfahrtsverbände nicht entziehen. Deren Soziale Arbeit unterliegt verstärkt einem Rationalitätsanspruch in Bezug auf Dokumentation, Kontrolle, Effizienz und Kostendruck. These 3:
Die Ökonomisierungsprozesse folgen in der Regel dem Konzept der so genannten Neuen Steuerung. These 4:
Der äußere Druck zur Ökonomisierung im Berufsfeld Sozialer Arbeit verursacht eine latente ethische Identitätskrise der professionellen BerufsinhaberInnen. These 5:
Die Ökonomisierung verändert als Wert- und Handlungssystem die personellen, klientInnenbezogenen und methodischen Hierarchien innerhalb der Sozialen Arbeit. Daraus ergeben sich sowohl Tendenzen zur Professionalisierung als auch zur Deprofessionalisierung des sozialen Berufsbereiches. These 6:
Eine professionelle und berufsethische Grundlage für Sozialmanagement als Teil der Sozialarbeitswissenschaft befindet sich erst im Aufbau. Die professionelle Identität von Sozialmanagement steht in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis zur Sozialen Arbeit. These 7:
Ethisch bedingte Entscheidungsprozesse erscheinen in ihrer Umsetzung nur sinnvoll, wenn SozialmanagerInnen tatsächlich ethische Verantwortung übernehmen. Ethik als diskursiver Prozess kann nur gelingen, wenn der professionellen Sozialarbeit Beteiligungsstrukturen und eine Autonomie des beruflichen Handelns zugestanden werden. Diese Thesen bilden den strukturellen Rahmen für die vorliegende Arbeit. Auch wenn nicht immer explizit darauf zurückgegriffen wird, so bilden sie die Grundannahmen, welche Auswirkungen die Ökonomisierung auf den Sozialen Bereich hat. Die Einbeziehung von Ethik und Ökonomie in die Themenstellung und deren Bedeutung für die professionelle Identität von Sozialarbeit gestaltet sich vielschichtig und äußerst komplex, insofern weist die wissenschaftliche Vorgehensweise bewusst einen deskriptiven, hermeneutischen und interpretierenden Charakter auf. Die Arbeit fühlt sich in diesem Zusammenhang einem wissenschaftlichen Verständnis verpflichtet, demzufolge es eine "objektive" Wahrheit in Bezug auf das Thema nicht geben kann. Der Erkenntnisgewinn besteht vielmehr darin, die berufliche Realität im sozialen Bereich aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beschreiben und zu interpretieren. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass sich die Professionalisierung der Sozialen Arbeit weiterentwickelt. Die Ökonomisierung wurde im Laufe der 1990er Jahre zu einem zentralen handlungsleitenden Paradigma von Staat und Gesellschaft. Kapitel 1 versucht diesen Entwicklungsprozess und seine komplexen Auswirkungen nachzuvollziehen. Die Ökonomie erfasst nicht nur die staatlichen Verwaltungsorgane und Sozialsysteme, sondern beeinflusst tiefgreifend die zentralen Werte der Gesellschaft und wirkt hinein bis in die konkrete Lebenswelt des Individuums. Neoliberale Wirtschaftstheorien forcieren ein neues Staatsverständnis, nach dessen Vorstellung sich staatliche Dienstleistungssysteme auf ihre Kernaufgaben zurückziehen sollen. Die wesentliche Umsetzung dieser Ideen basiert auf dem Konzept der so genannten Neuen Steuerung. Unter dem öffentlichen Druck in Bezug auf die defizitäre Finanzlage geht es hier um einen internen Reformprozess und eine Neuausrichtung sozialer Leistungen. Diesen Reformansätzen können sich die Wohlfahrtsverbände nicht entziehen. Ausgehend von der enormen ökonomischen Bedeutung der freien Wohlfahrtsverbände wird in Kapitel 1 herausgearbeitet, welche strukturellen, personellen und ökonomischen Defizite derartige Organisationen aufweisen. Mit der Forderung, sich dem freien (Wirtschafts-)Markt zu öffnen, ist auch das traditionelle Subsidiaritätsprinzip ins Wanken gekommen. Das neue ökonomische Denken beeinflusst zunehmend die Entscheidungsbereiche in Bezug auf Effizienz und Kostensenkung. Das Konzept der "Neuen Steuerung" findet hier in vielfältigen und recht unterschiedlichen Reformansätzen seinen Niederschlag. Dahinter verbergen sich aber auch eine Reihe von Widersprüchen und Unsicherheiten, die das traditionelle ethische Verständnis, insbesondere der kirchlichen Wohlfahrtsverbände, ins Wanken bringen. Diese Widersprüche spiegeln sich im Verhältnis von Sozialer Arbeit, Ökonomie und Ethik wider. In Kapitel 2 werden die Grundlagen des berufsethischen Verständnisses im historischen Kontext aufgezeigt. Der Einzug des Ökonomischen in den sozialen Berufsbereich ist nicht unumstritten. Aus diesem Grund werden exemplarisch unterschiedliche Positionen von BefürworterInnen und KritikerInnen herausgearbeitet. In dem Für und Wider des Ökonomischen im sozialen Bereich werden von beiden Seiten ethische Argumente angeführt. Besonders umstritten bleibt, ob die Hinwendung zur Ökonomie nun die Professionalisierung der beruflichen Sozialarbeit fördert oder eher im Gegenteil einen Rückschritt in der Professionalisierung bedeutet. Gerade die SkeptikerInnen verweisen auf das spezifische Eigenverständnis von Ethik in der Sozialarbeit und seine unterstützende (Anwalts-)Funktion gegenüber sozial benachteiligten Menschen. Kapitel 3 versucht die Widersprüche, die sich aus den unterschiedlichen Grundanliegen von Ökonomie und Ethik ergeben, auf die professionelle Identität von SozialarbeiterInnen zu übertragen. Basierend auf den Berufswahlmotiven und Persönlichkeitsmerkmalen von SozialarbeiterInnen werden diese Unsicherheiten in der konkreten Berufspraxis dargestellt. Der komplexe Zusammenhang wird erst nachvollziehbar, wenn die Auswirkungen auf der Ebene der beruflichen Organisation, der Ebene des methodischen Handelns und auf der Verhaltensebene deutlich werden. Die Verunsicherung der professionellen Identität wird auch dadurch verstärkt, dass die Ökonomisierung neue Hierarchien in Bezug auf die methodischen Ansätze, die Arbeitsvergütung und die KlientInnengruppen der Sozialen Arbeit schafft. Die Entwicklung der Subdisziplin Sozialmanagement verläuft parallel zum Einzug des Ökonomischen in die sozialen Berufsfelder. Dabei unterliegt auch die professionelle Identität von SozialmanagerInnen Verunsicherungen und Widersprüchlichkeiten, wie dies in Kapitel 4 herausgearbeitet wird. Sozialmanagement und die Basis der professionellen Sozialarbeit stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. In Bezug auf die verschiedenen Handlungsebenen von SozialmanagerInnen wird ein Fragenkatalog erstellt, der ethische Aspekte einbezieht. Auf dieser Grundlage können konkrete Entscheidungssituationen auf ethische Merkmale hin überprüft werden. Daran knüpft auch die Forderung, fundierte professionelle berufsethische Standards für den Bereich des Sozialmanagements zu entwickeln. Dabei wird es für die Zukunft von entscheidender Bedeutung sein, ob sich Sozialmanagement als eine Teildisziplin der Sozialarbeitswissenschaft versteht. Die Ökonomisierungstendenzen und ihre Auswirkungen auf die Organisationsstrukturen und die professionelle Identität der BerufsinhaberInnen werden insbesondere am Beispiel der kirchlichen Wohlfahrtsverbände dargestellt, da diese in personeller Hinsicht den größten Anteil der Sozialen Arbeit in Deutschland stellen. Das Spannungsfeld von ökonomischer Veränderung und ethischer Verantwortung zeigt sich mit seinen Widersprüchlichkeiten besonders im kirchlich geprägten Rahmen, zumal für diesen Bereich eine Reihe von entsprechenden Erfahrungswerten vorliegen. Die Ausführungen sind jedoch auch auf andere Berufsfelder von Sozialer Arbeit, zum Beispiel auf die freien, privaten und staatlichen Träger, übertragbar. Bestimmte Widersprüche, die sich aus dem Prozess der Ökonomisierung ergeben, dürften in derartigen Berufsbereichen teilweise sogar noch stärker hervortreten. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass der Begriff "Soziale Arbeit" vorrangig die Praxis der Bereiche von Sozialarbeit und Sozialpädagogik umfasst (vgl. Mühlum et al. 1997). In Bezug auf die Berufsbezeichnung "SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen" wurde die vereinfachte Form "SozialarbeiterInnen" bevorzugt. Bei der Erstellung dieser Arbeit wurde versucht, geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden.

Leseprobe 3



Inhalt:

Vorwort von Günter Rausch (Leseprobe)
Einleitung (Leseprobe)
1. Der Wertewandel im Zeichen der Ökonomie und seine Auswirkungen auf Gesellschaft, Staat und Individuum
1.1 Die Ökonomisierung als neues Leitparadigma
1.2 Der Einfluss der Ökonomisierung auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse
1.3 Ethisch relevante Auswirkungen der Ökonomisierung
1.4 Die Auswirkungen der Ökonomisierung auf staatliche Verwaltungssysteme: Das Konzept und die Elemente der "Neuen Steuerung"
2. Kirchliche Wohlfahrtsverbände zwischen traditionellem Selbstverständnis und ökonomischen Veränderungsprozessen
2.1 Religion und Kirche im gesellschaftlichen Wandel
2.2 Die ökonomische Bedeutung der kirchlichen Wohlfahrtsverbände
2.3 Das Subsidiaritätsprinzip zwischen Bewahrung und Veränderung
2.4 Änderung rechtlicher Rahmenbedingungen
2.5 Zur Kritik an den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden
2.6 Fazit
3. Soziale Arbeit im Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Ökonomie
3.1 Handlungsleitende Paradigmen der Profession Sozialarbeit
3.2 Grundlagen der Ethik
3.3 Wirtschaftstheorien und ethische Fragestellungen im Wandel der Zeit
3.4 Sozialarbeit und Ethik im Zeichen der Ökonomie
3.5 Fazit: Ökonomische Defizite im Rahmen der berufsethischen Prinzipien
4. Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit im Widerstreit unterschiedlicher Positionen
4.1 Zwischen Zweckrationalität und ethischen Idealen
4.2 Positive Auswirkungen der Ökonomisierung auf die Soziale Arbeit
4.3 Negative Auswirkungen der Ökonomisierung auf die Soziale Arbeit
4.4 Die Folgen des Ökonomisierungsdrucks auf die Profession
4.5 Resümee
5. Die Auswirkungen der Ökonomisierung auf die professionelle Identität von Sozialarbeit
5.1 Definition von professioneller Identität
5.2 Einflussfaktoren auf die professionelle Identität
5.3 Die Auswirkungen der Ökonomisierung auf die professionelle Identität
5.4 Rollenkonflikte in der Sozialen Arbeit
6. Konzeptionelle Überlegungen zur Einbeziehung ethischer Standards im Sozialmanagementbereich
6.1 Sozialmanagement als Vermittlungsinstanz zwischen Ethik und Ökonomie
6.2 Ethische Kompetenzentwicklung von SozialmanagerInnen
6.3 Reflexive Ethik als zirkulärer Prozess
6.4 Ethische Entscheidungen unter Einbeziehung der unterschiedlichen Handlungsebenen
7. Schlussbemerkung
Literatur

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