Rechte Männer
Eine sozialpsychologische Studie zu Rassismus, Neofaschismus und Gewerkschaften
168 Seiten | 2001
EUR 13.80 | sFr 24.70
ISBN 3-87975-825-5
Der »Standort-Nationalismus« der Neokonservativen hat tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen, die mit dem politischen Hegemoniewechsel zur »Neuen Mitte« keineswegs überwunden sind. Auch unter gesellschaftskritischen Menschen ist immer wieder eine Akzeptanz für nationalistisches Denken und Handeln zu verzeichnen.
So wurden auch die DGB-Gewerkschaften durch eine Infratest / Dimap-Umfrage aus dem Jahr 1998 aufgeschreckt, die nachwies, dass vor allem gewerkschaftlich organisierte Jugendliche häufiger rechtsextreme Parteien wählen als nicht organisierte junge Menschen. Dazu hat der DGB-Bundesvorstand inzwischen einen Schlussbericht (DGB Kommission Rechtsextremismus) und einen ersten Bericht zur Umsetzung des Berichts der Rechtsextremismus-Kommission (April 2001) vorgelegt.
Die Frage, warum Menschen völkisch-national zu denken und zu handeln beginnen, und weshalb sie die ihnen nahegelegten Formen von Identitätsbildung und Rassismus akzeptieren und sich nicht dagegen auflehnen, benötigt neben anderen Forschungen eine ausführliche sozialpsychologische Analyse.
Auf Basis einer »Kritischen Psychologie« werden in diesem Buch Interviews mit Gewerkschaftsmitgliedern und Betriebsräten vorgestellt und ausgewertet, die sich rechten Parteien zugewandt haben. Themenfelder wie Geschlechter- und Machtverhältnisse, Rassismus, Sexismus und Klassengegensätze werden in ihren praktischen Auswirkungen auf männliche Subjekte und deren jeweilige Verarbeitungsformen in den Blick genommen. Darüber hinaus werden Möglichkeiten skizziert, das Thema »Rechtsextremismus« produktiv im gewerkschaftlichen Rahmen zu bearbeiten.
Der Autor:
Klaus Weber ist Professor im Fachgebiet Klinische Psychologie an der Fachhochschule Frankfurt am Main, Fachbereich Sozialarbeit.
Leseprobe 1
Kapitel 1
»Rechte« Gefahr im »linken« Lager - Einleitung
»Die Rätsel unserer Biografie und inneren
Lebensgeschichte lösen sich nur immer zugleich
mit den Rätseln unserer ganzen Epoche und unserer Gesellschaft auf.«
Peter Brückner
Durch die von der Kohl-Regierung initiierte und die rot-grüne Bundesregierung fortgeführte Kampagne zur Sicherung des »Standortes Deutschland« hat sich innerhalb der bundesdeutschen Gewerkschaften und des DGB die Tendenz entwickelt, »deutsche« Arbeitsplätze und Unternehmen vor den Gefahren einer »feindlichen Übernahme« sichern zu wollen bzw. vor der Verlagerung der Produktion ins Ausland zu warnen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren eine breiter werdende Akzeptanz von Gewerkschaftsmitgliedern für völkisches und neofaschistisches Denken und Handeln zu verzeichnen ist. Aufgeschreckt wurden die DGB-Gewerkschaften durch eine Infratest/Dimap-Umfrage im August 1998, die nachwies, dass vor allem gewerkschaftlich organisierte Jugendliche mehr rechtsextreme Parteien wählen als nicht organisierte junge Menschen. Und »das Wählerpotenzial von DVU und Republikanern unter Gewerkschaftsmitgliedern ist - insbesondere in den alten Bundesländern - größer (11%) als bei den Wahlberechtigten insgesamt (8%). Gewerkschaftlich organisierte Frauen neigen mehr zu Rechtsextremismus (10%) als die Durchschnittsfrau (65). Insbesondere Gewerkschafter mit niedriger Bildung sind mit 15% deutlich rechtsradikaler orientiert als der Durchschnitt in dieser Bildungsgruppe mit zehn Prozent.« (Hebauf 2000, S. 9) Der DGB-Bundesvorstand hat erstaunlich schnell auf diese Problematik reagiert und eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Frage nach Gewerkschaftszugehörigkeit und rechtsextremen, rassistischen und neofaschistischen Einstellungen beschäftigen sollte. Dazu ist inzwischen ein Schlussbericht vorgelegt worden (vgl. DGB Bundesvorstand 2000), der sich anhand verschiedener Studien damit beschäftigt, welche gesellschaftlichen und vor allem sozial-ökonomischen Veränderungen die Grundlage für die Orientierung vieler Gewerkschaftsmitglieder nach »rechts«1 sein könnten. Gleichzeitig werden sowohl die Fehler und Mängel gewerkschaftlicher Bildungspolitik als auch neoliberale Zielsetzungen des DGB als Co-Management des Kapitals in den Blick genommen. Die Frage allerdings danach, wie Gewerkschaftsmitglieder und andere gesellschaftskritische Menschen je subjektiv beginnen, völkisch-national zu denken und zu handeln und weshalb sie die ihnen nahegelegten Formen von Identitätsbildung und Rassismus akzeptieren und sich nicht dagegen auflehnen, benötigt eine ausführliche Analyse, welche die subjektiven Veränderungen in Beziehung setzt zu den gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen. Darum soll es in diesem Band gehen.
Täterkonstruktionen
Wer klare Antworten erwartet, muss sich seine Fragestellungen gut überlegen. Denn zu viele gesellschaftliche Phänomene, die uns beunruhigen, scheinen kurze Zeit nach ihrem Auftreten bzw. ihrer öffentlichen Diskussion vorschnell erklärt und damit auch verschwunden zu sein. JournalistInnen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und Intellektuelle teilen sich die öffentlichen Sprach-Räume, in denen sie dafür sorgen, dass die Vorstellung von einem demokratischen Staat Deutschland in den Köpfen erhalten bleibt und zeigen die Grenzen auf, innerhalb derer Menschen zu denken, zu fühlen und zu handeln haben, um als gute, normale Staatsbürger zu gelten. Bezogen auf rassistisch motivierte Anschläge gegen ArbeitsmigrantInnen und Flüchtlinge werden in den letzten Jahrzehnten vor allem die TäterInnen in den Mittelpunkt des Diskurses gestellt und es beginnt die eilige Suche nach den Ursachen und Hintergründen für deren abweichendes Verhalten. Meist steht am Tag der Tat bereits durch Erklärungen der Ermittlungsbehörden fest, dass es sich um Einzeltäter handelt, die Fragen spitzen sich auf die familiäre Herkunft des Einzeltäters zu und richten sich vor allem auf seine Biografie. Die Behauptung der staatlichen Organe in Fällen rassistischer Anschläge gegen Menschen, es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt, wird meist ohne irgendwelche vorausgegangenen Ermittlungen aufgestellt. Sie wird in der Regel erst nach Wochen oder Monaten widerrufen und auch nur dann, wenn private oder journalistische Recherchen das Gegenteil ergeben haben.
Was die öffentliche und mediale Nachbereitung rassistischer und neofaschistischer Taten betrifft, werden zur Erklärung von Tätermotiven vor allem PsychologInnen und PädagogInnen aktiv bzw. aktiviert. Die Reaktion auf den Brandanschlag von Mölln (Schleswig-Holstein) verdeutlicht diesen Vorgang exemplarisch: Am 23. November 1992 verbrennen die türkischen Mädchen Yeli Arslan und Ayshe Yilmaz und die türkische Frau Bahide Arslan bei lebendigem Leibe. Kurz vorher erklärt Generalbundesanwalt von Stahl: »Die Anschläge haben mit Rechtsterrorismus nichts zu tun. Der Rechtsterrorismus ist keine aktuelle Gefährdung. Die Anschläge sind spontane Aktionen von aufgeputschten, fehlgeleiteten Jugendlichen, werden aber nicht von Organisationen verübt« (zitiert nach Schmidt 1993, S.231). Von Januar bis zum 22. November 1992 hatte es bereits 500 Brandanschläge gegen Flüchtlinge und andere nichtdeutsche Einwohner der BRD gegeben. Die Ermittlungsbehörden bezeichnen die mutmaßlichen Mörder Michael Peters (25) und Lars Christiansen (19) trotzdem als Einzeltäter, die spontan gehandelt haben sollen. Gegen Peters wurde bereits wegen Beteiligung an anderen Brandanschlägen ermittelt und von der Staatsanwaltschaft ein dringender Tatverdacht festgestellt. Die Politiker äußern, sie seien empört und betroffen. Das Ansehen Deutschlands in der Welt werde durch solche Anschläge beschädigt. Bundeskanzler Kohl bringt die Anschläge mit der hohen Kriminalitätsrate in Zusammenhang und erklärt, dass er an den Trauerfeiern nicht teilnehme, da er »Beileidstourismus« ablehne. Der SPIEGEL beginnt die nun einsetzende Erklärungswelle für die Taten mit dem Hinweis auf das Alter der Täter: »Auch der bislang brutalste Anschlag geht wohl auf das Konto von jungen Leuten. Kein Zweifel: Die neue Gewalt von rechts ist vor allem von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden.« (zitiert nach ebd., S. 214) Jugendliche und ihre psychosoziale Situation werden nun ins Visier genommen. So gibt der Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann im SPIEGEL zum Besten, Jugendliche könnten »sich verbal nicht so toll artikulieren [und ihr] eigentlicher Antrieb ist eine tiefsitzende Verunsicherung«. (ebd., S. 215) Der Psychotherapeut Julian Bielicki weiß in einem kurz nach dem Anschlag erscheinenden Buch über rechtsextreme Gewalttäter zu berichten: »Typisch für rechtsextreme Gewalttäter sind z.B. die schwachen Väter der beiden Attentäter aus Mölln: Der Vater von Lars Christiansen war aufgrund eines Rückenleidens als Beamter berufsunfähig geworden. Wenn der Vater von Lars ihn von der rechten Ideologie abbringen wollte, hat Lars ›die Ohren auf Durchzug gestellt‹. Es hätte Lars mehr geholfen, wenn sein Vater sich rechtzeitig bei ihm mehr Respekt verschafft hätte.« (Bielicki 1993, S. 72) Der Psychologieprofessor Reinhard Tausch deutet die rassistischen Übergriffe als naturgegebene menschliche Überlastungsreaktion: »Die Aufnahme von Hunderttausenden Einwanderern führt naturgemäß zu deutlichen Stressreaktionen bei denjenigen, die in der Nähe großer Gruppen von Einwanderern wohnen. Diese Stressreaktionen als Ausländerhass zu bezeichnen bedeutet, die Realität nicht wahrzunehmen.« (zitiert nach Schmidt 1993, S. 231) Die Psychologen machen also ihre Arbeit. Sie deuten ökonomische, soziale und gesellschaftliche Phänomene als individuelle Reaktionen auf biografische, familiäre oder und andere belastende Situationen und verlieren gerade damit den Zusammenhang aus den Augen, den es zu erklären gilt. Doch die Individualisierung rassistischer Taten hat zwei Funktionen: Einerseits werden die Täter als Opfer einer Lebensgeschichte dargestellt, die ihnen keinen anderen Ausweg gelassen habe als letztendlich ihre Frustrationen an gesellschaftlich Schwächeren abzureagieren. Die Täter werden damit als nicht für ihr Handeln Verantwortliche konstruiert. Andererseits wird eine politische Tat psychologisiert und damit dem Nachdenken über politische und gesellschaftliche Zusammenhänge entzogen. Therapie für die Täter dient nun allen als gute Lösung und stellt die gesellschaftliche Normalität, die Rassismus und Neofaschismus tagtäglich produziert, nicht weiter in Frage.
Subjekt und Gesellschaft
Die vorliegende Arbeit versucht im Gegensatz zu dieser Art psychologischer Herangehensweise methodisch und inhaltlich sich auf andere Weise dem Zusammenhang von Gesellschaft und Subjekt zu nähern: Menschliche Handlungsweisen werden zwar als Aktivitäten verstanden, deren Formen und Inhalte durch gesellschaftliche Bedingungen vorgegeben sind. Allerdings ist das Spezifische am Menschen, dass er die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen er lebt und handelt, im Alltag reproduziert und damit auch verändert. Das Alltägliche ist es, das das Leben der Menschen auszeichnet: »Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere« (Marx/Engels, 1983, S. 28) stellen Marx und Engels fest, um fortzufahren, dass die »Produktion des materiellen Lebens selbst (die) Grundbedingung aller Geschichte« (ebd.) ist. Diese je eigene und gemeinsame Geschichte des gesellschaftlichen Menschen kann jedoch nur in einer Psychologie erforscht und repräsentiert werden, die zuerst diesen Alltag in seiner Vielfalt und seiner geschichtlichen Gewordenheit wahrnimmt und die aktive Positionierung der Subjekte darin als Erkenntnisaufgabe anerkennt. Alltagsforschung braucht keine Psychologie, die die »Erfahrungen von Menschen zwar mitformt und reguliert, nicht aber wirklich von ihnen ausgeht«. (Haug 1994, S. 161) Im Gegenteil: Benötigt wird eine Psychologie, die mit subjektbezogenen Methoden den Menschen in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und durch die Erforschung der unmittelbar gegebenen Welt deren Begrenzungen und Hindernisse ebenso verstehen kann wie ihre entfremdeten Formen der Überwindung. Wenn die verschiedenen Wirklichkeiten der subjektiven Lebenswelten und die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse jemals in einer Psychologie zur Sprache kommen sollen, dann muss deren Subjektbegriff »die historische Gewordenheit des Menschen implizieren, ohne die Spannung zwischen Determination und Freiheit einseitig aufzulösen«. (Weber, 1996, S. 15) Das bedeutet gleichzeitig, die objektive Gegebenheit von gesellschaftlichen Verhältnissen, Strukturen und Institutionen nicht als unveränderbare Bedingung menschlicher Lebensführung zu denken, sondern als von Menschen geschaffene und zu verändernde Bedingungen. Die unter diesen Bedingungen handelnden Subjekte sind aber ebenfalls als aktiv und passiv gleichzeitig zu denken: Handelnd verändern sie die Verhältnisse und damit sich selbst und gleichzeitig erleiden sie diese. Es gilt demnach den Widerspruch auszuhalten, »die gesellschaftlichen Verhältnisse als von Menschen produzierte und die realen Menschen darin als Ensemble dieser Verhältnisse zu denken«. (Weber, 1999, S. 347) Aus dieser theoretischen Anordnung wird deutlich, dass menschliche Praxis und die Theoretisierung dieser Praxis keinesfalls - wie in üblichen psychologischen Denkweisen vorausgesetzt - auseinanderfallen müssen. »Eine Alternative dazu ist allerdings erst denk- und entwi-ckelbar, wenn sich Psychologen als Wissenschaftler verstehen würden, die zur Selbstaufklärung der Menschen im Sinne ihrer Befreiung beitragen und nicht als Agenten einer Einordnungs- und Normalisierungsstrategie.« (Keupp / Weber 2001, S. 675)
Exkurs 1
Im Mittelpunkt einer subjektwissenschaftlich fundierten Psychologie, die diesen Namen verdient, steht gerade nicht die Vorstellung, menschliche Handlungen wären dadurch zu verstehen, »dass sie sich von innen nach außen erklären«. (Haug 1987, S. 100) Zum einen geht eine solche Konstruktion davon aus, dass es so etwas wie ein Innen, einen Wesenskern, eine Substanz im Subjekt gibt, die aufgrund welcher Prägungen auch immer eine relative Stabilität und Statik aufweist und in der Alltagssprache als Charakter oder Mentalität bezeichnet wird. Zum anderen werden durch diese Denkweise gerade die Fragen negiert, die eine Sozialpsychologie zum Gegenstand hat: »Wie entsteht gesellschaftliche Ordnung und wie verankert sie sich in den Subjekten? Wie wird ein Subjekt im jeweiligen gesellschaftlichen Lebenszusammenhang handlungsfähig? Aber auch: Welche kultur- und gesellschaftsspezifischen Zurichtungen des Subjekts sind unter spezifischen historischen Bedingungen jeweils erforderlich?« (Keupp 1994, S. 13) Aus der Perspektive des Individuums formuliert ist der sozialpsychologische Untersuchungsgegenstand also die Frage danach, »was von den Verhältnissen, von Gesellschaft, von den Einzelnen wie wahrgenommen, mit Bedeutung versehen und ins eigene Leben eingebaut wird«. (Haug 1999, S. 66) Das bedeutet freilich, dass das wissenschaftliche Instrumentarium für solche Fragestellungen nicht auf die banalen Techniken der akademischen psychologischen Forschung beschränkt bleiben darf und Interdisziplinarität geradezu gefordert ist. Auf der Suche nach dem spezifischen Einbau von Männern in neofaschistische bzw. »rechte« Gruppierungen in der aktuellen gesellschaftlichen Situation ist das Studium anderer wissenschaftlicher Disziplinen unerlässlich. Neben so naheliegenden Feldern wie der Soziologie, der Politologie und der Geschichtswissenschaft sind linguistische und diskursanalytische Studien ebenso nützlich wie die Beschäftigung mit psychologischen Ansätzen, die innerhalb der Universität immer noch und immer mehr totgeschwiegen werden. Es mag zudem verwundern, dass in einer wissenschaftlichen Arbeit, die nicht der vergleichenden Literaturwissenschaft entspringt, viele literarische Vergleiche und Bilder zu Rate gezogen werden. Doch auch und gerade in der literarischen Bearbeitung gesellschaftlicher Realität zeigen sich oft Möglichkeiten von Erkenntnis, die einen die ausgetretenen Pfade wissenschaftlicher Tätigkeit erkennen und daraus ausscheren lassen.
Neben der Lektüre literarischer Werke ist die Arbeit am Thema »Faschismus und Neofaschismus« immer begleitet worden von einer Freude am Lernen, das sich selbst in Frage stellt. Max Horkheimer hat den von mir durchlaufenen Prozess in der Frankfurter Immatrikulationsfeier im Mai 1953 in die schönen Sätze gekleidet: »Fassen Sie die Erkenntnisse, die Ihnen geboten werden, nicht als etwas Fertiges, dinghaft Festes auf, das man bloß zu behalten und wiederzugeben braucht, sondern als etwas, das nur Sinn hat im Verhältnis zu Ihrer eigenen geistigen Tätigkeit. Lernen Sie es, die gedankliche Welt, die sich Ihnen öffnet, nicht als eine Summe von Daten anzusehen, sondern als einen Prozess, in dem Material und lebendige Reflexion sich durchdringen, und den Sie unablässig selbstständig nachvollziehen müssen. Ich meine damit, dass Sie der Ihnen gebotenen Sache zugleich sich selbst überlassen und Ihre eigene autonome Vernunft ins Spiel bringen sollen. Dieses Verhalten im Lernen, in dem Liebe und Besonnenheit sich vereinigen, kommt unmittelbar jener Elastizität des Geistes zugute, die es heute zu erneuern gilt.« (Horkheimer 1992, S. 22)
»Rechte« Kollegen
Die großen Männer in ihren beschriebenen
Jahren
Von denen die Erde sieben hat
Die großen beschriebenen Männer waren
Ursprünglich jeder ein unbeschriebenes Blatt
Ihre Mütter haben ihnen das Brot gezeigt
Und sie haben es gegessen wie wir
Die goldenen Hüte haben sie beschützt
Die Regenwässer waren ihnen willkommen
In ihnen hatten viele Faustschläge Platz
Mit ihnen fing das Gras viel an
Die großen Männer in ihren beschriebenen
Zeiten waren
Ohne Erwartung und Widerstand
Bert Brecht, 1982a, Die großen Männer
Dass Männer Gegenstand dieser Untersuchungen sind, ist einfach zu erklären: Mehrheitlich geben in konservativ-völkischen Gruppierungen Männer den Ton an, und mein Zugang zu männlichen Interviewpartnern war schon deshalb einfacher, weil ich selbst einer bin. Zudem kannte ich aus meiner gewerkschaftspolitischen Tätigkeit viele Kollegen, die gleichzeitig in ihrer Einzelgewerkschaft politisch aktiv waren und Sympathien für nationalistische und völkische Ideen hegten. Es geht in dieser Arbeit nicht um die Differenz zwischen Frauen und Männern in Hinblick auf ihre Praxis in »rechten« Gruppierungen oder ihre Sympathie für das »rechte Lager«, sondern um die Frage, wie Männer in solchen Bewegungen, Parteien und Gruppen leben und handeln und welche Bilder und Konstruktionen von sich, von anderen und von der Welt ihnen dies ermöglichen. Was Bert Brecht über die »großen« Männer sagt (Brecht 1982a, S. 153), gilt ebenso für die kleinen. Mein Interesse richtet sich weniger auf einen Jörg Haider, Jean Marie Le Pen, die aktiven bundesdeutschen Neofaschisten Christian Worch und Manfred Röder oder andere Größen des völkisch-nationalen Lagers, vielmehr galt und gilt die Aufmerksamkeit jenen, die ich in Zusammenhang mit meiner gewerkschaftspolitischen Tätigkeit kennengelernt habe, die aber ansonsten unbeschriebene Blätter sind. Gerade ihre Normalität, die Tatsache, dass sie - wie Brecht es formuliert - das Brot essen wie alle anderen Männer und auch kaum weniger trinken als diese, macht sie interessant. Gleichzeitig ist ihre Normalität aber auch das, was mich beängstigt. An und mit ihnen als Gegenstand meiner Forschung will ich erklären, in welcher Weise die bundesdeutsche Gesellschaft strukturiert sein muss, damit sich Männer im völkisch-nationalen Lager wohlfühlen. Es geht nicht darum nachzuweisen, ob und wie der Einzelne neurotisch oder psychotisch ist, sondern wie die gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen funktionieren müssen, damit Überzeugungen und Haltungen entstehen können, die allem Deutschen den Vorrang geben. »Ich glaube, ich bin von Natur aus bös, und die Anlage ist nicht anstrengend, aber die Ausführung« (Bernhard 1993), spöttelte der Schriftsteller Thomas Bernhard in einem Interview und trifft damit den von mir erforschten Sachverhalt präzise: Die Ausführung »böser« Taten ist nicht Sache der persönlichen Anlage, sondern der gesellschaftlichen Verhältnisse, die es erlauben und nahelegen, diese Taten zu begehen oder zu unterstützen. Gleichzeitig neben ihrer Mitgliedschaft oder ihren Sympathien für eine nationalistische Partei völkischer Grundlage sind die befragten Männer alle »Kollegen«, d.h. Mitglieder von Einzelgewerkschaften, die für sich den Anspruch haben, als demokratische Organisationen von Arbeitnehmern betrachtet zu werden. Diese Auswahl meiner Interviewpartner trägt der Erkenntnis Rechnung, dass es sich bei den modernen Rassismen und völkisch-nationalen Bewegungen »nicht um die Ränder der Gesellschaft, sondern um einen populären Extremismus der Mitte« (Bielefeld 1992, S. 8) handelt. Gleichwohl ist dieser Zusammenhang immer auch umstritten. Gerade kritischen KollegInnen aus Wissenschaft wie Gewerkschaften war es im ersten Moment unmöglich, völkisch-nationale Gesinnung und gewerkschaftliches Engagement zusammenzudenken. Diese Unmöglichkeit möglich zu machen, versuchen die Ausführungen in den folgenden Kapiteln.
Handwerkszeug
Mein Handwerkszeug dazu bestand aus einer uneinheitlichen theoretisch-praktischen Anordnung: Nach der Durchführung meiner Interviews mit sechs Kollegen aus Bayern, deren Alter zwischen 27 und 60 Jahren lag, hatte ich das notwendige empirische Material. Mit dreien der Männer führte ich nach einem Jahr ein Zweitgespräch zur Klärung offener Fragen oder textimmanenter Widersprüche, die sich aus meiner Kurzanalyse der Ersttexte ergaben. Fast zwei Jahre ließ ich die zu einem Buch gebundenen Texte liegen, las meist in Urlauben in ihnen, wertete einige mit FreundInnen nach verschiedenen Gesichtspunkten aus und legte auch die Protokolle der Auswertungen wieder zur Seite. Erst diese zeitliche Distanz zu den Interviewsituationen ließ es zu, erneut das Material zu sichten und daran zu arbeiten. Was vor mir lag, waren Texte von Männern, die über ihr Leben sprachen, Konstruktionen ihrer selbst zu Fragen, die ich stellte: Fragen zu Familienverhältnissen, zum Arbeitsleben, zum öffentlichen Auftreten in Vereinen oder Parteien, zur Vergangenheit, zur Zukunft, zu Enttäuschungen und zu Hoffnungen. Mein theoretisches »Rüstzeug« bestand vorwiegend aus einer Mischung ideologietheoretischer Arbeiten um das Projekt von Wolfgang Fritz Haug (vgl. W.F. Haug 1993), mit deren begrifflich präzisen Bestimmungen ich mich an die den subjektiven Konstruktionen zugrundeliegenden gesellschaftlichen Widersprüche herantastete. Einige Prisen Psycho- und kritische Diskursanalyse (Jäger 1993) machten das Schreiben zu einem Genuss in Hinblick auf unerwartete Antworten, die ich mir nun selber geben konnte. Angelehnt an die Forschungen von Klaus Ottomeyer und die theoretischen Grundannahmen der Kritischen Psychologie habe ich es bewusst nicht vermieden, mich als Forschersubjekt hinter klugen Erkenntnissen zu verstecken. Meine Wahrnehmungen, Empfindungen und Standpunkte sind Teil des Forschungsprozesses gewesen und damit zu reflektierten Anteilen dieser Arbeit geworden. Die Reaktion der LeserInnen wird zeigen, ob sie dies ein gelungener Ansatz ist, parteiliche Subjektforschung an sogenannten Gegnern praktizieren zu können.
Faschisierung
»In der aktuellen Situation [kann] mit guten Gründen eine Faschisierung, gar Re-Nazifizierung der deutschen Gesellschaft konstatiert werden« (Tolmein 1994, S. 49); die Aufzählung von Anschlägen auf MigrantInnen, behinderte Menschen, AntifaschistInnen, Juden und deren Einrichtungen zeigt nur die Oberfläche, unter der gesamtgesellschaftliche Prozesse wirksam sind. Oliver Tolmein zieht aus der These von der Faschisierung der bundesdeutschen Gesellschaft zwei Schlüsse: »Gerade um das Bedrohliche des Prozesses, mit dem wir augenblicklich konfrontiert sind, zu verstehen, müssen wir uns der Besonderheiten des Nationalsozialismus bewusst sein - und das heißt vor allem, dass die Untersuchung ihren Ausgang bei der Behandlung der unmittelbar gefährdeten Gruppen nehmen muss und nicht bei den objektiven ökonomischen Faktoren.« (ebd.) Dass die Forschung über Faschisierungstendenzen auf dem Wissen um den deutschen Faschismus basieren muss, ist eine selbstverständliche Tatsache. Wieso jedoch sollen nur die gefährdeten Gruppen im Zentrum einer solchen Untersuchung stehen? Es ist doch so, dass es beispielsweise den Antisemiten egal ist, ob und wie Juden leben. Sie konstruieren sich ihre Juden so, wie sie sie haben wollen: »Es hat sich tatsächlich gezeigt, dass der Antisemitismus in judenreinen Gegenden nicht weniger Chancen hat als selbst in Hollywood.« (Horkheimer/Adorno 1980, S.180) Die von Tolmein konstatierten Gruppen sind, wie Robert Miles feststellt, vor allem in den Köpfen der Täter imaginierte Gruppen. Ob Behinderte, Juden, Ausländer, emanzipierte Frauen, die »Tatsachen biologischer Differenzierungen [sind] zweitrangig im Vergleich mit den Bedeutungen, die ihnen und gar den fiktiven biologischen Differenzierungen zugewiesen werden.« (Miles 1991, S. 94) Die zumeist von staatlicher Seite betriebene Aus- und Einschließungspraxis dieser Gruppen wird noch verdoppelt, wenn ihre Existenz als naturgegeben vorausgesetzt und nicht selbst als Produkt gesellschaftlicher Organisation gesehen wird. Diese gesellschaftliche Herstellung von Opfergruppen gilt es ebenso zu bekämpfen wie die Täter, die den Menschen, die sie diesen Gruppen zuordnen, ans Leben wollen. So kann bspw. Otto Schilys Weigerung, flüchtende Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren als Jugendliche anzuerkennen und sie somit der Abschiebung preiszugeben, als Mosaik der bundesdeutschen Faschisierung gesehen werden. Allerdings ist die Verwendung des Faschisierungsbegriffs nur »denkbar im Sinne einer sensiblen Suchbewegung: einerseits um politische Projekte wahrzunehmen, die gewaltförmige und repressive Lösungen gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche propagieren und durchsetzen. Andererseits um die Aufmerksamkeit auf staatliche und institutionelle Dispositive zu lenken, welche zur Unterwerfung oder Unterstellung der Subjekte im Rahmen dieser gewaltförmigen Organisierung der Gesellschaft beitragen. Das Changieren zwischen einem Gerade-Noch demokratischer Regelung und dem Noch-Nicht faschistischer Politik macht gerade die Spezifik des Faschisierungsbegriffs: mit ihm können Entwicklungen und Prozesse dort analysiert werden, wo es noch keinen Faschismus gibt.« (Weber 1999a, S. 146)
Fast alle Studien über den sogenannten Rechtsextremismus scheitern daran, dass die Ergebnisse die anfänglich von den Wissenschaftlern erdachten Thesen bestätigen. Sie beruhigen die Mehrheit der Bevölkerung, weil sie versichern, dass die meisten Menschen auf der richtigen Seite und die anderen auf der falschen stehen. Solche Forschung mag gut bezahlt sein, doch ihren Gegenstand, bei dem es sich um Menschen in gesellschaftlichen Verhältnissen handelt, wird sie nicht ansatzweise erfassen können. (vgl. Creydt 1994) Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer stellt mit seinen Projekten die zentrale bundesdeutsche Einrichtung einer solchen Legitimationsforschung dar. Seine Theorien und Anleitungen für den Umgang mit dem Phänomen »Rechtsextremismus« werden im Umkreis des DGB und der SPD gefördert. Auf einer von seinem Team initiierten Tagung der Bielefelder Universität mit dem Titel »Gesellschaftliche Reaktionen auf Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rechtsextremismus« im Oktober 1993 war auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor als Referent eingeladen. Er sollte die Frage beantworten, »ob der Politik die gewaltlosen Mittel ausgehen, um Gewaltkonflikte zu verhindern.« (Tagungsdokumentation 1994, S. 41) Ein halbes Jahr später war Schnoor nicht willens, die Mitverantwortung eines rechtsextremen V-Mannes für die Solinger Morde an türkischen MigrantInnen offen zu legen. Heitmeyer, der ansonsten nach jedem Anschlag auf die Fehler der AntifaschistInnen und die Probleme der Täter hinweist, blieb zu diesem Vorgang stumm.
Eindeutige Antworten und Rezepte für den Umgang mit »rechten« und nationalistisch argumentierenden Kollegen bzw. politischen Gegnern sind in dieser Arbeit kaum zu finden; das zu bearbeitende Feld ist voller Fallstricke, Widersprüche und Ambivalenzen. Die Suchbewegungen zu Faschisierungstendenzen der BRD erstrecken sich von meiner eigenen familiären Verstrickung in das Thema (Kapitel 2) über eine exemplarische Falldarstellung eines »rechten« Kollegen (Kapitel 3) in die Gebiete des Völkisch-Nationalen (Kapitel 4) sowie der Geschlechter- und Machtverhältnisse (Kapitel 5, 6 und 7). Eine Einschätzung des Zusammenhangs zwischen neoliberaler Entwicklung und der veränderten Lebensweise der Subjekte (Kapitel 8) schließt den Band vor der Frage nach unseren Handlungsmöglichkeiten in Betrieben und Gewerkschaften (Kapitel 9) ab. Die drei entscheidenden Unterdrückungsverhältnisse Rassismus, Sexismus und Klassengegensätze werden dabei in ihrer praktischen Auswirkung auf die männlichen Subjekte und deren jeweilige Verarbeitungsweise in den Blick genommen. Dabei ist es mein Bemühen, in der unübersichtlichen Landschaft des Themas zumindest Aussichtspunkte zu finden, die es erleichtern, die notwendigen Fragen deutlicher formulieren zu können. Die Antworten darauf werden praktische Veränderungen sein müssen, für die es kein Rezept gibt. Wenn es stimmt, dass »alles wirklich Brauchbare in Aushilfen besteht« (Negt/Kluge 1981, S. 1283), so wäre es schön, wenn die LeserInnen diese Arbeit als Aushilfe bezeichnen würden und sie als Anregung nutzen, um mit anderen gemeinsam die notwendigen Schritte zu gehen, die es braucht, um die Bedingungen unseres Lebens wieder selbst in die Hände bekommen zu können.
Inhalt:
Kapitel 1:
»Rechte« Gefahr im »linken« Lager – Einleitung
Täterkonstruktionen
Subjekt und Gesellschaft
Exkurs 1
»Rechte« Kollegen
Handwerkszeug
Faschisierung
Kapitel 2:
Biografische Muster
Diaspora-Erfahrungen
Mussnazis, Zwangsarbeit und Dachau - Erinnerungspolitik nach 1945Die Familie
Die »roten« Großväter
Abwehrkämpfe – psychisch
Wahrsagen
Kapitel 3:
Der »rechte« Kollege – eine Einzelfallstudie
Hilfe und Macht
Narziss und Vollmund
Mangel
Macht
Überlagerungen
Kapitel 4:
Der Standort Deutschland und die »Anderen«
Exkurs 2
Fremde und WIR
Praktische Annäherung
Kapitel 5:
Geschlechterverhältnisse
Männerbünde
Bollwerke
Problemlose Konkurrenz
Abtreibender Mann
Skin-Interview
Die Mutter
Die Regisseurin
Freundinnen
Unmögliche Einzige
Kapitel 6:
Macht und Ohnmacht – Regulierungsverhältnisse des Politischen
Exkurs 3
Auftritt des Zauberers
Machtlose Herrscher
Saubermänner
Kapitel 7:
Angst und Lust – Schwule als Bedrohungsfaktor
Widersprechende Antworten
Vernichtung und Lust
Kapitel 8:
Die Welt kann nicht bleiben wie sie ist
Die Liebe zu den Kirschbäumen – Feuerbachthesen
Die Veränderung der Welt
Sanfter Neoliberalismus
Solidarisch-ökologische Vergesellschaftung
Faschisierung als Beispiel
Die Weltfremdheit akademischer Psychologie
Kapitel 9:
Was tun? Neofaschismus und Gewerkschaften
Konkurrenz, Selbstbestimmung und Toleranz
Handlungsfelder
Alternative 1 (kurzfristig)
Alternative 2 (mittelfristig)
Alternative 3 (langfristig)
Dank
Literatur


