Jürg Ulrich

Kamenev: Der gemäßigte Bolschewik

Das kollektive Denken im Umfeld Lenins

264 Seiten | 2006 | EUR 19.80 | sFr 35.10
ISBN 3-89965-206-1

 

Kurztext: Die erste deutschsprachige Biografie eines "gemäßigten" Bolschewiken der ersten Stunde, die einen Einblick in die intellektuellen und politischen Widersprüche der berufsrevolutionären Politikauffassung des Lenin-Kreises liefert.

Inhalt & Leseprobe:

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Lew Borissowitsch Kamenew (1883-1936) war ein Bolschewik der ersten Stunde, lernte schon früh Stalin kennen und wurde enger Mitarbeiter Lenins. Als Mitglied in den Führungsorganen der Partei geriet er Ende der 1920er Jahre als Exponent der linken Opposition in die innerparteilichen Konflikte, verlor seine Partei- und Staatsämter und wurde im ersten Stalinschen Schauprozess 1936 hingerichtet.

Jürg Ulrich zeichnet in dieser ersten deutschsprachigen Biografie anhand des revolutionären Journalismus und der Publizistik Kamenews dessen politisches Leben nach. Mit Rückgriff auf die wissenssoziologische Arbeit von Ludwik Fleck über die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv von 1935 ordnet er das politische Denken und Handeln Kamenews in die charakteristische intellektuelle Haltung der Berufsrevolutionäre des Lenin-Kreises ein, die für sich als "esoterisches" Kernkollektiv ein ausgeprägtes Avantgardebewusstein in Anspruch nahmen.

Über die Phasen der Illegalität, der Regierungsübernahme, des Leninkults und der Auseinandersetzungen über "linke" und "rechte" Abweichungen beim Aufbau des Sozialismus sowie durch ihren "weltgeschichtlichen" Anspruch geriet dieser Politiktypus in fatale Problemlagen und z.T. selbstzerstörerische Widersprüche, denen auch Kamenew zum Opfer fiel. Dennoch bewahrte Kamenew sich durch seinen Kampf gegen die Todesstrafe, für die Legalität anderer Parteien und für ein konstitutionelles politisches Regime beim Aufbau des Sozialismus eine moralische Autorität. Jürg Ulrichs Biografie macht das Leben dieses "gemäßigten Bolschewiken" über den engen Kreis weniger Spezialisten hinaus allen an der Geschichte des Sozialismus, seinen Widersprüchen und Niederlagen Interessierten bekannt.

Der Autor:
Jürg Ulrich, emeritierter Professor für Neuropathologie am Universitätsspital Basel/Schweiz, veröffentlichte u.a. über den Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck.

Leseprobe 1

Geleitwort


Am 9. Oktober 1932 wurde Lev Borisovic Kamenev (1883-1936) vor das Präsidium der Zentralen Kontrollkommission der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) zitiert. Die Leitung warf ihm – ebenso wie Grigorij Evseeviè Zinov’ev (1883-1936) – vor, Dokumente der "parteifeindlichen" und "konspirativen" Gruppe "Bund der Marxisten-Leninisten" um Martem’jan Nikitiè Rjutin (1890-1937) gekannt, aber nicht gemeldet zu haben: das Schreiben "An alle Mitglieder der Partei" und die theoretische Plattform "Stalin und die Krise der proletarischen Diktatur". Sein Schweigen sei ein Bruch der Bedingungen, unter denen er nach seinem Parteiausschluss Ende 1927 ein halbes Jahr später wieder aufgenommen worden war.

Kamenev erwiderte auf diese Vorwürfe, er sei davon ausgegangen, die zuständigen Parteigremien hätten die Dokumente gekannt. Ernsthaft könne ihm niemand vorwerfen, gegen die Partei zu arbeiten. Die Anschuldigungen dienten nur dazu, einen Vorwand zu finden, ihn erneut auszuschließen. Zu diesem Zweck, so fragte er, "werden Sie darüber richten, dass ich entweder nicht in der Partei arbeiten will oder dass ich in der Partei arbeiten will oder dass ich der Konterrevolution helfen will, dass ich ein Terrorist bin, dass ich für einen Aufstand bin, oder der Teufel weiß, was los ist? Ist das wirklich die Grundlage für einen Ausschluss? Ich meine, dies ist unerhört und nie dagewesen." Kamenev betonte, dass er keine politische Verbindung zu irgendeinem Oppositionellen habe. "Und Sie wissen, dass ich kein solcher Typ Mensch bin zu sitzen und zu schweigen, wenn ich den Wunsch hätte, gegen (die Partei) aufzutreten." Er fuhr fort: "Ich erkenne den Fehler an, nicht die OGPU [die Geheimpolizei] angerufen zu haben. Nun gut, vielleicht hätte ich die OGPU anrufen müssen" – jetzt diene dies dazu, ihn aus der Partei auszuschließen.[1]

Aus diesen Worten spricht die Fassungslosigkeit eines Kommunisten darüber, wie weit es in der Partei gekommen war und in welcher Weise hier ein Tribunal über ihn veranstaltet wurde. Welche Wandlung war eingetreten gegenüber den Zeiten der Oktoberrevolution 1917, als sich Kamenev und Zinov’ev öffentlich gegen den von Lenin geforderten Aufstand stellten, sich nicht durchsetzen konnten und dennoch weiterhin höchste Parteifunktionen ausüben konnten: Kamenev seit 1918 als Vorsitzender des Moskauer Sowjets, Zinov’ev im gleichen Amt des Petrograder Sowjets und dann sogar als Vorsitzender des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationalen. Wenige Jahre nach dem "Fall Rjutin" blieb es nicht bei einem Parteiausschluss. Wegen angeblicher "terroristischer Verschwörung" wurde Kamenev am 25. August 1936 erschossen.

Jürg Ulrich hat es unternommen, die Lebensgeschichte dieses "gemäßigten Bolschewiken" nachzuzeichnen und dabei dessen Einstellungen und Verhaltensweisen im Rahmen eines kollektiven Denkens zu interpretieren. Seine Arbeit hat mich fasziniert. Der ehemalige Professor für Neuropathologie war früher in der Sozialistischen Jugend Zürichs aktiv, hat sich immer wieder mit der russischen revolutionären Bewegung beschäftigt und ist nicht zuletzt mit einer für die Jugend geschriebenen Biographie des jungen Leo Trotzki (1879-1940) hervorgetreten.[2] Seit seiner Emeritierung beteiligt sich Jürg Ulrich mit vielen Initiativen an den Aktivitäten im Umfeld des Lehrstuhls für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel und des 2005 gegründeten Basler Freundes- und Förderkreises Osteuropa. Von besonderer Bedeutung ist die von ihm 2005 eingerichtete Stiftung für Sozialgeschichte Osteuropas. Intensiv hat er über mehrere Jahre Kamenevs Leben erforscht, nicht zuletzt durch Archivreisen nach Russland. Es ist ihm ein spannendes und anregendes Werk gelungen, das neues Licht auf die Geschichte der kommunistischen Bewegung in Russland von ihren Anfängen bis zum Stalinismus wirft. Zahlreichen Lesern wird es am Beispiel eines historischen Akteurs den Zugang zum Verständnis des Denkens der Revolutionäre eröffnen, zu ihren Hoffnungen und Zielen, zu Alternativen ihres Handelns, aber auch zu den Gründen ihres Scheiterns.

14. Juli 2006
Heiko Haumann
Professor für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel

[1] "Delo M.N. Rjutina" v sud’be G. E. Zinov’eva i L. B. Kameneva. Oktjabr’ 1932 g, in: Istorièeskij archiv Nr. 1, 2006, S. 64-94, Zitate 78f.
[2] Jürg Ulrich, Trotzki als junger Revolutionär, Mainz 1995.

Leseprobe 2

3. Herkommen und eigener Weg


1883 – 6./18. Juli:[1] Geburt von Lev Borisoviè Rozenfel’d (später Kamenev) in Moskau als Sohn eines Eisenbahntechnikers.
1890 – Umzug der Familie Rozenfel’d nach Landvorovo bei Vilnius (Litauen). Erste Schulbildung und Eintritt ins Gymnasium.
1896 – Umzug der Familie nach Tiflis. Lev Borisoviè hier im "Zweiten Gymnasium".
1901 – Erfolgreicher Abschluss des Gymnasiums. Eintritt in die russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei.
1902 – Beginn eines Studiums der Jurisprudenz in Moskau. Organisator politischer Demonstrationen. Verhaftung für sechs Wochen. Ausschluss von der Universität. Reise nach Paris; Kontakte mit führenden emigrierten russischen Sozialdemokraten.
1903 – Vergebliche Bemühungen um Wiederaufnahme in einer Universität.
1904 – Februar bis Juli: Erneute Gefängnisstrafe; nachher unter polizeilicher Überwachung. Delegierter zum dritten Kongress der russischen sozialdemokratischen Partei in London (12./25. April bis 27. April/10.Mai).
1905 – Unterdrückung einer Straßendemonstration in Petersburg am 9./22. Januar (so genannter Blutsonntag). Kamenev Agitator in verschiedenen südrussischen Städten.

Eine ganz bürgerliche Schule?

Kurzbiographien Kamenevs stützen sich meist auf den Eintrag Muzykas in die Enzyklopädie "Granat" von 1926, der von Kamenev selbst korrigiert und gebilligt wurde.[2] Danach wurde er, Lev Borisoviè Rozenfel’d, am 6./18. Juli 1883 in Moskau geboren. Sein Vater Boris Ivanoviè war damals Lokomotivführer bei der Kursk-Moskau Bahn, wozu ihn eine Ausbildung im Petersburger Technologischen Institut befähigt hatte.[3] Nach 1890 wurde er Leiter einer Nagelfabrik bei Landvorovo in der Nähe von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, das damals zum russischen Reich gehörte. 1896, als Lev Borisoviè bereits einige Jahre das Gymnasium von Vilnius besucht hatte, zog die Familie nach Tiflis um. Der Vater hatte hier die Stelle eines verantwortlichen Leiters der Erdöltransporte durch die transkaukasische Eisenbahn übernommen.[4] Kamenevs Mutter Marija Efimovna war Hauslehrerin, und hatte Kurse im Bestužev-Institut hinter sich.[5]

Diese Angaben vermitteln vordergründig den Eindruck, dem Vater Boris Rozenfel’d sei ein kontinuierlicher Aufstieg vom Lokomotivführer zum Leiter einer Nagelfabrik und schließlich zum Koordinator wichtiger Bahntransporte beschieden gewesen. Nun gehörte die Gegend um Vilnius zum obligatorischen jüdischen Ansiedlungsrayon, in welchen alle Juden aus der Gegend von Moskau um 1890 umzuziehen hatten.[6] Das hing damit zusammen, dass nach der Ermordung des Zaren Alexander II im März 1881 eine allgemeine antisemitische Stimmung entfacht und "den Juden" der Mord zugeschrieben wurde. Demzufolge wurden die jüdischen Rechte allgemein eingeschränkt. Boris Rozenfel’d war also von dieser Anweisung betroffen. Einen Umzug aus der Großstadt Moskau in ein litauisches Schtetl hätte er mit seiner großen Familie wohl kaum freiwillig unternommen. Damit er später nach Tiflis umsiedeln konnte, musste er sich wohl energisch um den dort zur Verfügung stehenden Posten bemühen. Ob ihn dabei neben dem Reiz neuer Verantwortungen auch der Wunsch motivierte, der Atmosphäre des litauischen Schtetls zu entkommen, ist nirgends festgehalten. Es lässt sich immerhin mit Sicherheit sagen, dass die Familie Rozenfel’d sich als jüdisch empfand: Kamenev beantwortete als mächtiger Mann des frühen Sowjetstaates die Frage nach seiner "Narodnost’" (Ethnie) mit "Jude".[7]

Während seiner Gymnasialzeit in Tiflis allerdings muss sich seine Familie als russisch-orthodox verstanden haben, denn Lev besuchte den entsprechenden Religionsunterricht. Wann die Taufe erfolgte, ist nicht herauszufinden. Wahrscheinlich war sie im Interesse der väterlichen Karriere nicht zu vermeiden.

Als Organisator von Erdöltransporten brachte es Boris Rozenfel’d zu hohem Ansehen. Sein Gehalt wird in Akten von 1904 mit 6.000 Rubel angegeben – vermutlich das Jahreseinkommen.[8] Entsprechend sind auch die späteren Polizeiberichte über seinen Sohn äußerst höflich abgefasst.[9]

Der Vater ermöglichte Lev und seinen drei Brüdern Gymnasialausbildung und Studium.[10] Dass die Heimatadresse in Tiflis in verschiedensten Dokumenten bis zum Jahre 1908 immer die gleiche blieb und darin keine Wohnungsnummer angegeben ist, heißt wohl, dass die Familie in einem eigenen Hause lebte – ein weiterer Hinweis auf einen gewissen Wohlstand.

Kamenev hatte drei jüngere Brüder: Alexander, Nikolai und Evgenij, der gelegentlich auch Ivan genannt wurde.[11] Sie waren zwei, fünf und sieben Jahre jünger als Lev.[12] Alexander wurde wie Lev Sozialdemokrat und starb während der Revolution von 1905 an Typhus.[13] Nikolai war Kunstmaler.[14] Stalin ließ 1936 auch seine Familie beseitigen. Kurz nach der Hinrichtung Kamenevs wurde auch er samt seiner Familie gewaltsam beseitigt.[15] Der jüngste war Nationalökonom. Über sein Schicksal konnte ich nichts in Erfahrung bringen.

Der Vater Boris Rozenfel’d wurde 1908 ermordet. Die Hintergründe dieses Verbrechens ließen sich nicht herausfinden.[16] Die Mutter soll 1920 als Gefangene der Weißen Truppen Denikins in Novorossijsk gestorben sein. Sie lebte im Alter nahe Batum. Das dortige Haus hatte sich das Ehepaar noch zu Lebzeiten des Vaters gebaut.[17]

In der Granat-Enzyklopädie wird hervorgehoben, dass sich Lev Borisoviè schon als kleiner Knabe für die Werkzeuge und Werkbänke der Nagelfabrik in Landvorovo interessierte und dabei Spielkameraden aus der Arbeiterklasse fand.[18] Diese Angabe entsprach im Jahre 1926 dem, was man sich damals unter der Kindheit eines Sozialistenführers vorstellte und ist möglicherweise in dieser Kurzbiographie überwertet.

1901 schloss Lev Borisoviè das Gymnasium ab. Ein Entwurf zum Eintrag in die Enzyklopädie "Granat" zeigt, dass er sich als Mittelschüler für die russische Sprache und Humanwissenschaften interessierte. Hingegen sei er beim Religionsunterricht und Kirchenbesuch häufig undiszipliniert gewesen, ja, habe sogar geschwänzt. Lehrer und Geistliche sahen sich deswegen zu Hausbesuchen bei den Eltern genötigt. Der gleiche Entwurf hält auch fest, dass man in den Schulen des Zarenreichs vor allem zu unterwürfigen Beamten erzog. Aufgeweckte Geister wie Lev Borisoviè hätten deshalb Anregung anderswo gesucht. Er verschaffte sich solche in literarischen Gymnasiastenzirkeln, wo er sich mit Pisarev und Dobrol’ubov, zwei sozialkritischen Literaten, auseinandersetzte. Das Interesse der Teilnehmer habe sich von diesen bald auf die Schriften von Marx und Engels verlagert – auch dies eine stereotype Angabe in Biographien russischer Sozialistenführer.[19]

Den nicht veröffentlichten Teilen der Kurzbiographie liegt das Interviewprotokoll eines Lehrers bei. Der Fragende erkundigte sich nach dem Interesse des Schülers für die deutschen idealistischen Philosophen, besonders Fichte und Schelling. Der Befragte wusste darüber nichts, merkte aber an, dass schon der Gymnasiast Lev Rozenfel’d Interesse an Lassalles "Arbeiterprogramm" gezeigt habe.[20] Darin wird Fichte als Inbegriff eines Demokraten gelobt. Demokratisch gesonnen war auch Lev Borisoviè Rozenfel’d, was ihm die Aufnahme in die Moskauer Universität erschweren sollte. Der Enzyklopädieeintrag hält fest, dass sein Eintritt in die Universität nur dank der Unterstützung hochgestellter Beamter möglich war.[21]

Obwohl die Rozenfel’ds offiziell Christen waren, dürften die Mitschüler und viele Freunde der Eltern die Familie als jüdisch empfunden haben. Gelegentliche Bemerkungen waren wohl unvermeidlich. Wahrscheinlich ärgerte sich Lev während seiner Schuljahre darüber und sehnte sich nach einem Zustand, in dem solche Diskriminierungen überwunden würden. Versuchen wir das Denken des Gymnasiasten in der Fleckschen Terminologie zu erfassen, so beschäftigte ihn die "Präidee" einer gerechten Gesellschaft.

Die Angabe, Kamenev habe als Gymnasiast das Arbeiterprogramm Ferdinand Lassalles gelesen, lässt seine Ideenwelt genauer fassen.

Dieses "Arbeiterprogramm" ist der Form nach ein Abriss der historischen Entwicklung von Eigentumsverhältnissen seit dem Mittelalter: Einst war der Grundbesitz das Entscheidende, bestimmte als Einziges die Macht von Familien und Individuen. Mit solchem Besitz gerieten bürgerliche Eigentumsformen von Kaufleuten und Handwerkern in Konflikt. In der Reformation wurde dieser erstmals mit Waffen ausgetragen. Im Anschluss daran erhoben sich die Bauern gegen ihre neuen Herren, die Städte, welche Grundbesitzer geworden waren. Diese Aufstände waren nach Lassalle reaktionär, denn die Bauern verteidigten das traditionelle Grundeigentum gegen das neu aufkommende städtisch-bürgerliche. Bürgerliches Eigentum dagegen wurde erst in der Französischen Revolution vorherrschend. In den Verfassungen von 1789 und 1848 wurde deshalb die politische Macht vom Grundeigentum losgelöst, 1848 vorübergehend auch in Preußen. In Deutschland zeichneten sich 1863 große Unterschiede bürgerlichen Reichtums ab. Kleine Handwerker und Arbeiter hatten oft nicht genug zum Leben. Die preußische Regierung versuchte, die politische Gewalt in den Händen der Vermögenden zu belassen. Dagegen bezogen die Arbeiter Stellung und forderten das allgemeine, gleiche Wahlrecht.[22]

Für Lev Borisoviè Rozenfel’d spielten wohl die Forderungen nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht sowie die Gedanken zum Bauernkrieg eine große Rolle, denn das russische Volk bestand ja vorwiegend aus Bauern. Lassallesche Forderungen aus dem 19. Jahrhundert ließen sich also auf das Russland um 1900 übertragen. Mit dem Studium von Marxschen und Lassalleschen Schriften begann der junge Kamenev am russischen sozialdemokratischen Denken teilzuhaben.

Berufswunsch: Revolutionär (1901-1902)

Nach Abschluss des Gymnasiums begann das Studium an der Moskauer juristischen Fakultät. Gleichzeitig trat Lev Borisoviè in die russische sozialdemokratische Partei ein.[23] Die Aufnahme an der Moskauer Universität erfolgte unter erheblichen Schwierigkeiten. Nach seinem eigenen Wunsch und dem seines Vaters hätte Lev Borisoviè Ingenieur werden sollen.[24] Wegen politischer Aktivität am Gymnasium sei aber eine Aufnahme an der Universität nur aufgrund eines speziellen Gesuchs beim Minister für Volksaufklärung möglich gewesen. Dieser habe die Ausbildung zum Ingenieur abgelehnt und nur das Studium zweiter Wahl erlaubt – die Schulung zum Juristen.

Diese Aussagen der Granat-Enzyklopädie von 1926 sind wiederum skeptisch zu betrachten: Zur Zeit, als sie verfasst wurden, war der Ingenieurberuf hoch, der Beruf eines Rechtsanwaltes gering angesehen. In der Zarenzeit umgekehrt: Juden wurde häufig gerade das Jurisprudenzstudium verboten.[25] Möglicherweise hatte also Boris Rozenfel’d sich dafür eingesetzt, dass sein Sohn Jurisprudenz studieren konnte und dass man ihn nicht auf ein technisches Nebengeleise abschob. Nach allem, was wir über die Neigungen des Gymnasiasten wissen, lag ihm die Jurisprudenz besser. Sie steht auch der Politik näher als der Ingenieurberuf.

Um das Verhalten des Studenten Rozenfel’d und seine Entwicklung in Moskau zu verstehen, muss man sich die damalige Empörung innerhalb der russischen Jugend vergegenwärtigen: Die Regierungen Alexanders III. (bis 1894) und seines Nachfolgers Nikolaus II. waren engstirnig und repressiv. Die Rechte der Vertretungsbehörden (Zemstvo, Städteduma) wurden während ihrer Regierungszeit beschränkt, die Universitäten in ihrer Autonomie beschnitten.[26] Eine Regierungsverordnung von 1899 hielt fest, dass politisch unbotsame Studenten militärisch eingezogen werden konnten. Darauf gestützt hatte der Erziehungsminister Bogolepov 183 Studenten der Universität Kiev dieses Schicksal bereitet.[27] Die Studentenschaft geriet besonders infolge solcher militärischer Aufgebote in Wut. Einzelne ließen sich zu Attentaten gegen hochstehende Beamte verleiten. Einer der Studenten erschoss 1901 Bogolepov; ein anderer den Innenminister Sipjagin im April 1902. Neuer Erziehungsminister wurde Vanovskij. Er kam den Studenten etwas entgegen, lockerte Examensvorschriften und erlaubte Studentenversammlungen. Vorlesungsboykotte, Versammlungen und Straßenkundgebungen gingen trotzdem weiter.

Emigrierte Sozialisten, die einige Jahre früher mit der Regierung zusammengeprallt waren, begannen die Unruhen an den Universitäten zu beachten. In der "Iskra" vom 15. Februar 1902 schrieb Lenin, dass die Ereignisse an den Universitäten den Bankrott des Absolutismus anzeigten. Er forderte die "liberale Gesellschaft" auf, die Studenten zu unterstützen und mit diesen zum Sturz der zaristischen Alleinherrschaft beizutragen.[28]

Lev Borisoviè Rozenfel’d bewohnte inmitten dieser empörten Welt ein möbliertes Zimmer. Dieses lag im "lateinischen Quartier" nahe des Arbats, von wo die Unruhen ausgingen.[29] Politische Fragen beschäftigten ihn mehr als fachliche Probleme. Wahrscheinlich nahm er am 9. Februar 1902 an mächtigen Studentendemonstrationen teil.[30] Es gab Verhaftungen. Truppen und Polizei wurden eingesetzt. Ein "Exekutivkomitee der Studenten" bewertete den Erfolg als problematisch, weil es nicht gelungen sei, auch Arbeiter zur Demonstration zu bewegen.[31]

Rozenfel’ds Tätigkeit wird am 13. März 1902 aktenkundig. Für diesen Tag hatte die von Zubatov gegründete Arbeiterbewegung zu einer Demonstration beim Denkmal Alexanders II. aufgerufen.[32] Die durch Zubatov geschaffenen Verbände wollten die Arbeiter von revolutionären auf rein ökonomische Ziele ablenken. Diese Organisation barg für das Regime trotzdem die Gefahr der Isolierung: Der Staat ging mit Lohnkonzessionen vielen Industriellen zu weit, so dass sie Zubatovs "Polizeisozialismus" bekämpften. Zubatov fiel in Ungnade und wurde 1903 abgesetzt.[33] Rozenfel’d rief 1902 seine Mitstudenten auf, sich in der Universität zu versammeln, auf die Straße zu gehen und eine Gegenkundgebung zu veranstalten, die nicht nur Studentenrechte, sondern den Sturz des Zarismus propagieren sollte. Das wurde von der Polizei verhindert und Rozenfel’d verhaftet. Laut Polizeidokumenten waren dem Demonstrationszug nur 30 Studenten gefolgt. Als Hauptorganisator desselben nennen die offiziellen Rapporte einen Kalmogorov, der bedeutend strenger bestraft wurde als Rozenfel’d. Dieser muss schon vorher mit einer Festnahme gerechnet haben; denn er hatte sein Gepäck in möblierten Studentenzimmern von Kollegen versteckt. Trotz dieser Vorkehrungen wurden die Rozenfel’dschen Habseligkeiten von den Beamten gefunden und aufgeschrieben.

In einem protokollierten Verhör verhielt sich Lev Borisoviè geschickt. Das Flugblatt der studentischen Organisation habe er zu sich genommen, weil es im Inneren der Universität verteilt wurde und er sich für alle studentischen Belange interessiere.[34] Trotzdem wurde er "administrativ" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Entlassung erfolgte aber schon nach etwa sechs Wochen. Er hatte sich nun bis auf weiteres in Tiflis aufzuhalten.[35]

Die Schilderungen in der Granat-Enzyklopädie und die Dokumente, die sich heute noch im Fonds 323 des ehemaligen Parteiarchivs befinden, vermitteln Einblicke in die Gedankenwelt des später führenden Bolschewiken. Ein Artikel im "Bulletin des studentischen Exekutivkomitees der Stadt Moskau" vom 27. April 1902, den er möglicherweise selbst verfasst und aus dem Gefängnis geschmuggelt hatte, sei hier referiert: In der Bewegung habe sich etwas grundsätzlich verändert. Die Studenten sähen jetzt ein, dass es nicht ausreiche, für ihre eigenen Freiheiten zu kämpfen, sondern dass es gelte, den Sturz der zaristischen Selbstherrschaft ins Auge zu fassen und sich auch auf andere Schichten der Gesellschaft zu stützen, besonders auf die Arbeiter. Aus dem Artikel geht auch hervor, dass die Studenten des Komitees die Zubatov-Bewegung als Polizeiorganisation durchschauten.[36]

Obwohl unbeholfen geschrieben, bezeugen diese Hauptgedanken eine allgemeine politische Perspektive des Autors. Sie fallen zusammen mit solchen der "Iskra", wie sie Lenin in der Ausgabe vom 15. Februar geäußert hatte. Kontakte der Moskauer Studenten mit der "Iskra" sind zwar erst ab 1904 dokumentiert. Die gleichlautenden Gedankengänge und die genaue Kenntnis der "Iskra" über die Moskauer Vorgänge von 1902 lassen aber einen früheren Beginn vermuten.

Nach der Entlassung Rozenfel’ds aus dem Gefängnis verschaffte ihm sein Vater in Tiflis eine bezahlte Kontoristenstelle bei der transkaukasischen Eisenbahn.[37] Dank dem Eifer der Geheimpolizei kennen wir heute einen Teil seiner damaligen Korrespondenz. Ein mit "L" unterschriebener Brief vom 29. Juli 1902 an einen nach Sibirien Verbannten wurde kopiert und steht zur Verfügung. Einem Dank an den Adressaten, dass er über das Befinden und die politische Entwicklung der "Sibiriaken" berichtet habe, folgt die Mitteilung, der Autor beabsichtige, am 1. Juli (1902) nach Paris zu reisen. Von dort werde er wieder schreiben. Die Moskauer Studenten hätten für die Verbannten Geld gesammelt. Er erwähnt auch eine gedruckte Broschüre, die er aus London erhalten habe.[38]

Von Tiflis aus kontaktierte Lev Rozenfel’d radikale Kräfte und spielte eine führende Rolle im Rat der Landsmannschaften (Sovet zemljacestv). Entgegen den polizeilichen Weisungen fuhr er nach Petersburg, trat dort mit revolutionären Studentengruppen in Verbindung und verfasste Aufrufe und Proklamationen.[39]

Man weiß auch aus anderer Quelle, dass er in der zweiten Hälfte des Jahres 1902 erstmals nach Westeuropa reiste.[40] Er kam hier mit der Pariser Gruppe der "Iskra"-Sozialisten zusammen und soll für diese Zeitung auch Skizzen über die studentische Bewegung in Moskau verfasst haben. Er kam dabei mit Lindov-Litajcev zusammen,[41] der ein wichtiges Mitglied der sozialdemokratischen Emigration war, und für "Zarja", "Vperëd" und "Proletarij" über politische Vorgänge in Frankreich schrieb. Dabei verglich er die französischen Ereignisse mit der erhofften kommenden Revolution in Russland.[42] Kamenev traf also in Paris einen langjährigen Mitarbeiter des "Iskra"-Kreises, in dem bereits Lenin die treibende Kraft war. Später traf er Lenin persönlich, welcher auf Wunsch der Studentenschaft Vorlesungen hielt. Es handelte sich wahrscheinlich um dieselben Veranstaltungen, welche Trotzki in seiner Autobiographie erwähnt.[43]

Obwohl sie sich gegenseitig siezten, war der Umgang unter den sozialdemokratischen russischen Emigranten freundschaftlich. So stellte Kamenev Trotzki in Paris schöne Schuhe für einen Theaterbesuch zur Verfügung, wozu Lenin angeregt hatte.[44] Die politischen Diskussionen drehten sich vor allem um die Organisation der Partei. Der jüdische sozialdemokratische "Bund" war die Vereinigung mit der größten Mitgliederzahl.[45] Lev Borisoviè lernte auf Versammlungen derselben seine spätere Frau Ol’ga Davidovna Bronstejnova (siehe Foto) kennen.[46] Wahrscheinlich besuchte er während dieses ersten Auslandsaufenthalts auch seinen Bruder Alexander in Genf.[47]

Eine scheinbar unbedeutende Episode aus dieser Zeit ärgerte Kamenev dermaßen, dass er sie noch Jahre später in seiner Kurzbiographie erwähnen ließ: Julij Cederbaum (der spätere Führer der Menschewiki Martov) besuchte "die russischen Kolonien in deutschen Städten", wozu er den Reisepass Lev Rozenfel’ds benutzte.[48] Es dürfte sich um eine auf Überredung gegründete Hilfeleistung an einen erfahrenen Genossen gehandelt haben, bei der sich der jüngere überrumpelt fühlte. Angesichts der späteren politischen Gegnerschaft der beiden muss man sich fragen, in welchem Ausmaße solche unpolitischen Vorkommnisse langfristige politische Orientierungen prägen können.

Im Juli 1903 bemühte sich Lev Borisoviè Rozenfel‘d um eine Wiederaufnahme an der Universität Moskau.[49] Im September, kurz nach dem zweiten Kongress der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, zu dem er nicht delegiert war, kehrte er nach Tiflis zurück und wirkte bei einem Streik der Eisenbahner als Agitator mit.[50] Das war vielleicht der Grund, weshalb seine Anwesenheit in Moskau um die Jahreswende 1903/1904 bei der Geheimpolizei Nervosität auslöste: Vom 25. November 1903 bis zum 14. Februar 1904 ließ sie jeden Besucher registrieren. Der Agent kannte alle mit Namen, muss also selbst in den revolutionären Studentenkreisen verkehrt haben.[51] Auch der Text einer Postkarte an Aleksej Rozenfel’d in Carouge bei Genf wurde genau festgehalten. Darin stand, es sei aufgefallen, dass "nächtliche Spaziergänge stattgefunden hätten" (also eine nächtliche polizeiliche Überwachung durchgeführt wurde, J.U.).[52] Am 22. Februar 1904 verhaftete die Polizei Kamenev zum zweiten Mal und inhaftierte ihn im Moskauer Bezirksgefängnis. Er nutzte diesen Gefängnisaufenthalt zum Verfassen einer kritischen Analyse der neuen (jetzt menschewistischen) "Iskra". Diese Schrift habe unter den politischen Gefangenen zirkuliert, sei aber nicht mehr auffindbar.[53] Lev Borisoviè Rozenfel’d, der für seine politische Tätigkeit jetzt das Pseudonym Kamenev[54] angenommen hatte, wurde am 15. Juli 1904 aus dem Gefängnis entlassen, blieb aber unter besonderer polizeilicher Überwachung.

Im Vergleich zum Jahre 1902 hatte das Ausmaß polizeilicher Observierung gegenüber dem 21-jährigen zugenommen. Die Gefängnisstrafe wurde von sechs Wochen auf fünf Monate verlängert. Das lag wohl hauptsächlich an seinen Beziehungen zu den revolutionären Sozialisten der Emigration.[55] Die Entlassung erfolgte dank einer Kaution von tausend Rubel, welche seine Mutter hinterlegte. Weil er bei konformem Verhalten noch Student gewesen wäre, zahlte ihm sein Vater weiterhin monatlich 35 Rubel für den Lebensunterhalt.[56]

Die Nervosität der staatlichen Organe des Zarenreichs war allgemein gewachsen. Während 1902 nur wenige Studenten überwacht wurden, legte die Polizei am 7. Mai 1904 dem Rektor der Universität Moskau eine Liste von 70 Studenten vor, die "im Zusammenhang mit dem 22. April" als entlassen zu betrachten seien – darunter auch Lev Borisoviè Rozenfel’d.[57] Man empfahl Überwachung oder Relegation.[58] Ursache des vermehrten Misstrauens waren die verschärften sozialen Spannungen infolge einer 1902 beginnenden Wirtschaftskrise und des Krieges gegen Japan. Es kam zu Pogromen und Streiks.

Die Behörden beabsichtigten, Lev Rozenfel’d in den Militärdienst einzuziehen.[59] Die Gendarmerie von Moskau und die Militärbehörden von Tiflis stellten aber fest, dass er eine Strafe abzubüßen habe. Er dürfe diese daher nicht in Militärdienst umwandeln, sei aber nachher für längere Zeit auch nicht von seinen militärischen Verpflichtungen zu entlasten. Infolge seines Ausschlusses aus der Universität könne er keine Schonung mehr beanspruchen. Der Plan, Kamenev für militärische Dienstleistungen während des Krieges einzuziehen, stand möglicherweise im Zusammenhang mit einem Artikel, den er über die "Kriegskampagne der Iskra" (voennaja kampanija iskry) verfasst hatte, der auch Lenin aufgefallen war. Aus nicht bekannten Gründen wurde Kamenev schließlich doch nicht zum Militär eingezogen. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis hatte er sich in Kaluga oder in Tiflis aufzuhalten, was in einem besonderen Passierschein festgehalten war.[60] Vergeblich waren seine Gesuche, das Studium in Jurev (Dorpad, Estland) oder in Moskau fortsetzen zu dürfen. Die von den Rektoren angefragten Ämter stellten fest, es bestehe von ihrer Seite kein Verbot – nur habe der Rektor die Verantwortung für diesen sozialistischen Revolutionär selbst zu übernehmen.[61] Immerhin gaben die Bemühungen um einen Studienplatz den Vorwand zu Reisen in die Universitätsstädte, wo Kamenev Gleichgesinnten die Gründung bolschewistisch orientierter sozialdemokratischer Parteisektionen empfahl. Rozenfel’d regte dabei an, sie sollten einen dritten Parteikongress verlangen.[62] Diese Konferenz fand tatsächlich 1904 in London statt. Die Angabe, dass er sich um eine Studienmöglichkeit bemühe, ermöglichte ihm so, als Verbindungsmann zwischen Paris, Genf und russischen Städten zu wirken.[63]

1905 bereiste er Petersburg, Kursk, Orël, Charkov, Jekaterinoslav, Voronež und Rostov am Don. Beim Ausbruch der großen Streiks im Oktober, die dem Zaren das "Manifest vom 17. Oktober" abnötigten, in dem er versprach, eine Verfassung ausarbeiten zu lassen, befand er sich gerade in Minsk. Er reiste sofort nach St. Petersburg.[64] Anhand der dort publizierten Artikel können die politischen Ansichten des 22-jährigen erfasst werden.

[1] In Russland blieb der alte julianische Kalender bis Februar 1918 gültig. Diesem entsprechend war das Jahr etwas länger, als den astronomischen Gegebenheiten entsprach. Deshalb hinkte das russische Jahr im 19. Jahrhundert dem westlichen Kalender um 12 Tage, im 20. Jahrhundert um 13 Tage nach. Für Revolutionäre, die zeitweise außerhalb Russlands lebten, konnten deshalb Ereignisse mit zwei unterschiedlichen Daten umschrieben werden. In diesem Buch werden beide angegeben.
[2] Muzyka, F., Kamenev, Lev Borisoviè, 1926, in: Dejateli SSR i revoljucionnogo dvizenija Rossij, Granat, Moskau 1989, S. 427-430. Šelestov, D., L.B. Kamenev 1883-1936, in: Vozvrascenye imena, Izdatel’stvo Agenstva pecati Novosti, Moskau 1989, S. 213-233. Aksjutin, J.B., Kamenev, Lev Borisoviè, in: Politièeskie Dejateli Rossii 1917, Hrsg. P.V. Volobuev, Naucnoe Izdatel’stvo "Bol’saja Rossiskaja Enzyklopedija", Moskau 1993, S. 131-136. Donkov, I.P., Strichi k politièeskomu portrety: Lev Borisoviè Kamenev, in: Voprossy Istorii KPSS, (4, Aprel’) 1990, S. 90-105. (RCChIDNI 323/1/1/47)
[3] RCChIDNI Fonds 323/Op. 1/Dok. 7. (Ruski Center Chranenija i izuèenija Dokumentov Novejšej Istorii = russisches Zentrum zur Aufbewahrung von Dokumenten und zur Erforschung neuerer Geschichte. Es handelt sich um das ehemalige Parteiarchiv.)
[4] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.; RCChIDNI Fonds 323/Verz. 1/Dok. 7/Blatt 12.
[5] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[6] Haumann, H., Geschichte Russlands, München/Zürich 1996, S. 398. Haumann, H., Geschichte der Ostjuden, München 1998, S. 86.
[7] Ab 1902, als Kamenev wiederholt von der Polizei verhört wurde, gab er als Volkszugehörigkeit (Narodnost’) immer "russisch" an, was nach damaligem russischen Verständnis für einen Juden nicht zutraf; (RCChIDNI 323/1/1/19-20, 323/1/1/47, 323/1/1/121).
[8] Ein Rubel war damals etwa zwei Euro wert. Dessen Kaufkraft dürfte rund die zehnfache der heutigen gewesen sein (Rf. Siskin).
[9] RCChIDNI 323/1/1/98.
[10] RCChIDNI 323/1/1/19.
[11] RCChIDNI 323/1/1/19 und 121.
[12] RCChIDNI 323/1/1/121. Merridale, C., The making of a moderate bolshevik: An introduction to L.B. Kamenev’s political biography, in: Soviet history 1917-1953. Essays in honour of R.W. Davies, Hrsg. Maureen Perrie/Julian Cooper/E.A. Rees, London 1995, S. 22-41.
[13] Merridale, The making of a moderate bolshevik…, a.a.O.
[14] Paramanova, N.B./Finogenova, S.P., Raboty L.B. Kameneva v Fondach biblioteki Rossiskoj Akademii nauk, "Bilbliotka Akademia nauk", St. Petersburg 1992, S. 3-5; RCChIDNI 323/1/7/19 und 34.
[15] Šelestov, L.B. Kamenev 1883-1936…, a.a.O.
[16] Refs. aus GARF (Gosudarstvenij Archiv Russkoj Federacii = staatliches Archiv der russischen Föderation); RCChIDNI, Okt. 1998; Merridale, The making of a moderate bolshevik…, a.a.O., S. 302, Fußnote 15.
[17] RCChIDNI 323/1/7/36.
[18] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[19] RCChIDNI 323/1/7/11, 12, 13, 14.
[20] Lassalle, F., Arbeiterprogramm. über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes, 1863, in: Ferdinand Lassalle, Ausgewählte Reden und Schriften 1849-1864, Hrsg. Hans Jürgen Friederici, Berlin 1991, S. 137-172.
[21] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[22] Hier referiert nach: Lassalle, Arbeiterprogramm..., a.a.O.
[23] Donkov, Strichi k politièeskomu portrety: Lev Borisoviè Kamenev, a.a.O. Nach dieser Arbeit erfolgte der Parteieintritt bereits 1901; RCChIDNI 323/1/122, 323/1/13; Stenograficeskij otcet, in Odinaddtsatyj c-ezd rossjskoj kommunicestkoj partii (bol’ševikov), Moskau 1922: Izdatel’skoe otdelenie C.K.R.K.P. Im Protokoll des 11. Parteikongresses der Bolschewiki (1922), dem eine Liste der Teilnehmer mit dem Jahr ihres Parteieintrittes beigegeben ist, wird im Gegensatz zu der von Donkov verfassten Kurzbiographie als Beitrittsjahr 1902 angegeben.
[24] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[25] Haumann, Geschichte Russlands, a.a.O., S. 397.
[26] Ebd., S.380ff. Löwe, H.-D., Alexander III., in: Lexikon der Geschichte Russlands, Hrsg. H.-J. Torke, München 1985, S. 27-29. Pipes, R., The Russian Revolution, 1899-1919, London 1990.
[27] Pipes, The Russian Revolution…, a.a.O., S. 8.
[28] Lenin, W.I., Anzeichen des Bankrotts, in: LSW, Bd. V, S. 72-79 (urspr. in der Iskra 1902).
[29] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[30] Lenin, Anzeichen..., a.a.O., Chronologie des Herausgebers, S. 604.
[31] RCChIDNI 323/1/1/22.
[32] Zubatov, Sergej (1864-1917) war Leiter der Moskauer Geheimpolizei. Als solcher versuchte er regimetreue Gewerkschaften aufzubauen. Dass sich seine Gefolgschaft zu organisierten Straßenmanifestationen beim Denkmal Alexanders II. traf, war wohl kein Zufall.
[33] Löwe, H.-D., Polizeisozialismus, in: Lexikon der Geschichte Russlands, a.a.O., S. 501-502.
[34] RCChIDNI 323/1/1/19-20 und 33.
[35] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.; RCChIDNI 323/1/1/14-17,33, 85-87.
[36] RCChIDNI 323/1/128; RCChIDNI 323/1/1/21-24.
[37] RCChIDNI 323/1/1/31.
[38] RCChIDNI 323/1/1/32. Möglicherweise handelte es sich um Lenins Schrift "Was tun?", die kurz vorher publiziert wurde.
[39] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[40] Ebd. Siehe Trotzkis Aussage in :The Case of Léon Trotsky, Coyoacan/Mexiko 1937, New York 1968.
[41] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[42] Kamenev, J., Sotsial’demokratièeskaja Izdanija, Ukazatel’ sotsialdemokratièeskoj literatury russkom jazyke 1883-1905 gg., 1913, Pariz’: N. Vitemberg.
[43] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.; Trotzki, L., Mein Leben, Frankfurt/M 1990, S.134.
[44] Merridale, The making of a moderate bolshevik…, a.a.O., S. 22-41.
[45] Minczeles, H., Histoire générale du Bund. 1995, Paris: Editions Austral.
[46] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.; Paramanova/Finogenova, Raboty L.B. Kameneva…, a.a.O.
[47] RCChIDNI 323/1/1 und 313/1/7/33. Es handelt sich bei diesen Dokumenten um Teile eines Entwurfs Muzykas zum hier oft zitierten Lexikoneintrag. Danach hätte dieser Besuch erst 1903 stattgefunden. Nimmt man dies an, so müsste Kamenev mindestens zwei mal nach Genf gereist sein. Im dortigen Staatsarchiv ist dies nicht festgehalten (Auskunft vom 3.12.1998).
[48] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[49] RCChIDNI 313/1/1/137ff.
[50] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[51] RCChIDNI 323/1/1/55-60.
[52] RCChIDNI 323/1/1/52 und 62.
[53] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[54] Kamen ist das russische Wort für Stein. Es ist denkbar, dass Rozenfel’d durch dieses Pseudonym seine Härte hervorheben wollte. Der Familienname Kamenev kommt aber in Russland gelegentlich vor (ähnlich wie im deutschen Sprachgebiet Steiner).
[55] RCChIDNI 323/1/1/52.
[56] RCChIDNI 323/1/1/142-143, 147. Zum Wert des Rubels siehe oben Fußnote 8.
[57] RCChIDNI 323/1/1/64.
[58] Vgl. RCChIDNI 323/1/110 mit 323/1/1/63.
[59] RCChIDNI 323/1/1/48 , 65, 141 und 144.
[60] RCChIDNI 323/1/1/66.
[61] RCChIDNI 323/1/1/66,67 und 127-128.
[62] Trotzki, L., Stalin. Eine Biographie, Bd. 1, (geschr. 1940), Reinbek/Hamburg 1971, S. 76.
[63] Muzyka, Kamenev…, a.a.O.
[64] Ebd.


Leseprobe 3



Inhalt:

Geleitwort
von Heiko Haumann (Leseprobe)

Vorwort

1. Wer war denn Kamenev?

2. Marxismus – eine Wissenschaft?

"Was tun?" – Lenin zur Organisation der russischen Sozialdemokraten
Parallelen zur naturwissenschaftlichen Forschung

3. Herkommen und eigener Weg (Leseprobe)

Eine ganz bürgerliche Schule?
Berufswunsch: Revolutionär (1901-1902)

4. Revolutionärer Journalismus 1905

Die erste russische Revolution
"1905" und die Sozialdemokratie anhand der Schriften Lenins
Kamenev im Sturm von 1905
Eine rätselhafte Publikationspause

5. Besiegt? Emigration 1908-1913

Zusammenbruch sozialdemokratischer Hoffnungen
Alltagsleben in der Emigration
Kollektives Denken in der Emigration
Politische Anliegen Kamenevs
Revolutionäre Strategie
Rolle des parlamentarischen Betriebs
Die Regierung Stolypin
Terror?
Die gegenseitigen Beziehungen der sozialistischen Parteien
Innerhalb der Sozialdemokratie
Beziehungen zu den Sozialrevolutionären (SR)
Philosophie und Revolution
Die internationale Bedeutung des Sozialismus
Vermittler zur Sozialistischen Internationalen
Kriegsgefahr und Sozialdemokratie
Zum Lernen in der Emigration

6. Führer der Bolschewiki 1914-1917

Die Petersburger "Pravda"
Aufbruch der Massen
Die Sozialdemokraten in der Vierten Duma
Der Anfang des Ersten Weltkriegs
Verbannung
Rückfahrt nach Petrograd
Wieder in der Hauptstadt
Kamenevs Aufgaben
Die ersten Artikel Kamenevs in der "Pravda" von 1917

7. Im Jahre Eins der russischen Revolution

Lenins "Aprilthesen"
Bis zum Juli
Der Rückschlag im Juli
Den Aufstand wagen?
Koalition? Verfassunggebende Versammlung?
Die Verhandlungen in Brest-Litovsk
Kamenevs Mission in England
In finnischer Gefangenschaft
Der "gemäßigte Bolschewik"
In Moskau
Der Anfang des russischen Bürgerkriegs
Leben in der neuen Hauptstadt

8. Die Not des Bürgerkriegs

Zum Verlauf der Ereignisse bis 1920
Citoyen im Bürgerkrieg
Vermittler
Umgang mit aufständischen Bauern
Krieg gegen Polen
Frühe oppositionelle Strömungen
Die Sackgasse des "Kriegskommunismus"
Theoretiker im Bürgerkrieg

9. Endlich Frieden? Nach dem Bürgerkrieg an der Seite Lenins (1921-1922)

Die Lage nach dem Bürgerkrieg
Bauernaufstände und Hungersnot (1921)
Der Prozess gegen die Sozialrevolutionäre (SR)
Das Monopol des Außenhandels
Dem sterbenden Lenin ausgesetzt
Die Selbständigkeit Georgiens

10. Kamenev und der Leninkult

Herausgeber Leninscher Schriften
Gesuchter Abglanz

11. "Trotzkismus oder Leninismus?" (1923-1925)

"Die Lehren des Oktober"
Kamenevs Erwiderung
Niederlage von internationaler Bedeutung
Russischer Hintergrund
Krise unter führenden Bolschewiki

12. Opposition – die Vorgänge in der kommunistischen Partei Russlands 1925-1927

Zur Wahrnehmung der Opposition in Europa und den USA
Die Sicht der Opposition
Kamenevs Rolle in der Opposition
Im Innern der Partei
Leningrader Opposition
Vereinigte Opposition
Gleichheit
Wirtschaftliches
Preobraženskijs "Neue Ökonomik"
Internationalismus
Die Feiern zum zehnjährigen Jubiläum der Revolution
Kamenevs Denken als Spiegel der Opposition

13. "Eine politische Leiche" (1928-1934)

Zur Lage der Sowjetunion 1928-1932
Die Beziehungen zu Partei und Opposition
Loyal der Idee oder loyal der Partei gegenüber?
Lavieren
Verleger und Schriftsteller

14. Die Höllenfahrt (1. Dezember 1934-25. August 1936)

Unerwartetes Attentat in Leningrad
Kamenev und der Mord an Kirov
Der Prozess zum Fall des "Moskauer Zentrums"
Der so genannte Kreml-Prozess
Der Schauprozess gegen das "antisowjetische vereinigte trotzkistisch-sinowjewsche Zentrum" (Erster Moskauer Prozess)
Der innere Zusammenhang der verschiedenen Prozesse
Zur Revision der Prozesse
Das Umfeld der Moskauer Prozesse

15. Rückblick und Folgerungen

Anhang: Einige der letzten politischen Äußerungen Lenins

Aus der letzten politischen Rede Lenins
Das so genannte Testament Lenins
Fortsetzung der Aufzeichnungen
Ergänzung zum Brief vom 24. Dezember 1922

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