Samir Amin

Für ein nicht-amerikanisches 21. Jahrhundert

Der in die Jahre gekommene Kapitalismus
Aus dem Französischen von Joachim Wilke

184 Seiten | 2003 | EUR 14.80 | sFr 26.60
ISBN 3-89965-022-0

 

Amins Werk bietet Analysen und Rahmenorientierungen für alternative Anstrengungen, die in ein "nicht amerikanisches 21. Jahrhundert" als Auftakt einer "langen Transition zum Sozialismus" münden können.


Das gegenwärtig die Welt beherrschende System ist nicht ein mehr oder weniger anonymer, autonomer "Markt", der nach rein ökonomischen "Gesetzen" funktionierte. Es ist vielmehr der grob imperialistische, real existierende Kapitalismus, ein ebenso politisches wie ökonomisches System, das v.a. das Hegemoniestreben der Oligopole der USA realisiert. Dieser Führungskraft der Triade USA – EU – Japan haben sich die Spitzen der anderen Glieder fast bedingungslos untergeordnet. So soll einer Ordnung, die keinen nachhaltigen Aufschwung mehr zu erwarten hat, eine Weiterexistenz gesichert werden – nicht zuletzt mit der Gewalt weitaus überlegener Waffen.

Nach Samir Amin ist es höchste Zeit, die in aller Welt anwachsenden, aber noch zersplitterten Gegenströmungen zusammenzuführen. Wege und Mittel zu entsprechenden "Konvergenzen in der Vielfalt" zeichnen sich immer deutlicher ab. Der Blick aus der Dritten Welt lässt Gefahren wie Möglichkeiten für die heutige Menschheit schärfer hervortreten, als sie den manipulierten öffentlichen Meinungen im Norden erscheinen.

Auch die jüngste Schrift von Samir Amin geht aus seiner Arbeit für das Weltforum für Alternativen (FMA) hervor. Letzteres ist der eigentliche Inspirator der sozialen Weltbewegung für eine alternative Globalisierung, die in wenigen Jahren von der bescheidenen Pressekonferenz eines "Anderen Davos" über die Manifestationen in Seattle, Washington, Prag, Göteborg, Genua, zum Europäischen Sozialforum in Florenz und den Weltsozialforen von Porto Alegre geführt hat.

Der ägyptische Ökonom Samir Amin leitet das Afrika-Büro des Dritte-Welt-Forums in Dakar und das Weltforum für Alternativen (FMA). 1997 erschien von ihm bei VSA "Die Zukunft des Weltsystems. Herausforderungen der Globalisierung".

Leseprobe 1

Einleitung


1. Der Neoliberalismus ist angeschlagen. Zwanzig Jahre, in denen er als Sieger posieren konnte und in denen seine Rezepte angewandt wurden, liegen zu Beginn des 21. Jahrhunderts hinter ihm, ebenso die breite öffentliche Zustimmung, die er besonders nach dem Scheitern des Sowjetmythos, der über lange Strecken des Jahrhunderts vermeintlich allein glaubwürdigen Alternative, und dem Verlöschen des Maoismus selbst auf der Linken gefunden hatte. Das alles ist in wenigen Jahren weggebrochen.

Der neubelebte Liberalismus hatte Wohlstand für (fast) alle, Frieden nach dem Kalten Krieg und Demokratie versprochen, und viele hatten ihm geglaubt. Das ist nicht mehr so. Zunehmend wird begriffen, laut gesagt und ringsum verstanden, dass seine Rezepte nur die Akkumulationskrise verschärfen und damit die sozialen Bedingungen für die große Mehrheit der Völker und der arbeitenden Klassen verderben konnten. Die Militarisierung der Weltordnung, die nicht erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001, sondern seit dem Golfkrieg von 1991 auf der Tagesordnung steht, ließ die Friedensverheißungen in Rauch aufgehen. Die Demokratie stagniert hier, schwindet dort, ist überall in Gefahr.

Die Thesen, die ich im Weiteren entwickeln werde, bezwecken in der Hauptsache keine Erläuterung dieser Fakten, die die haltlosen Versprechungen des Liberalismus dementieren. Es geht um mehr, um die Eröffnung der Debatte über die Zukunft des kapitalistischen Weltsystems. Sind jene Fakten nur "vorübergehende" Erscheinungen, wie es die unbedingten Anhänger eines Kapitalismus behaupten, der nach den Schrecknissen einer schwierigen Übergangsphase in eine neue Expansions- und Prosperitätsperiode münden soll? Oder sind sie vielmehr, wie ich meine, Kennzeichen der Altersschwäche dieses Systems, sodass dessen Überwindung um des Überlebens der Menschheit willen zum dringenden Gebot wird?

2. Die folgenden Analysen beruhen auf einer Theorie des Kapitalismus, seiner globalen Dimension und generell der Dynamik der Transformation der Gesellschaften, an deren vier Kernsätze zu erinnern ist:
– Zentrale Bedeutung hat die ökonomische Entfremdung als Merkmal des Kapitalismus. Dieser steht damit im Kontrast zu den vorangegangenen Gesellschaften wie auch zu einer möglichen postkapitalistischen Gesellschaft. Unter dieser Entfremdung verstehe ich die Tatsache, dass das Mittel (die Wirtschaft im Allgemeinen, die kapitalistische Akkumulation im Besonderen), zum Selbstzweck geworden ist, dass es die Gesamtheit der gesellschaftlichen Lebensprozesse dominiert und sich dieser als außenstehende objektive Gewalt aufzwingt.
– Zentrale Bedeutung hat zudem die Polarisierung als Produkt der Globalisierung des Kapitalismus. Darunter verstehe ich die ständige Vertiefung der Kluft zwischen den materiellen Entwicklungsniveaus der Zentren und der Peripherien des kapitalistischen Weltsystems. Das ist insofern eine neue Erscheinung in der Menschheitsgeschichte, als diese Kluft in zwei Jahrhunderten größere Ausmaße angenommen hat als je zuvor in der Geschichte. Diese Erscheinung gilt es unbedingt durch den allmählichen Aufbau einer für alle Völker besseren postkapitalistischen Gesellschaft zu beseitigen.
– Zentral ist ferner ein Begriff vom Kapitalismus, der diesen nicht auf einen "verallgemeinerten Markt" reduziert, sondern das Wesen des Kapitalismus gerade jenseits des Marktes ansiedelt, in der Macht. Eine Kapitalismusanalyse, die sich auf gesellschaftliche Verhältnisse und eine Politik bezieht, die genau diese den Markt überschreitenden Mächte zum Ausdruck bringt, wird von der dominanten Vulgärökonomie ersetzt durch die Theorie eines imaginären Systems, worin "ökonomische Gesetze" (der "Markt") herrschen und im Selbstlauf einem "optimalen Gleichgewicht" zustreben sollen. Im real existierenden Kapitalismus sind Klassenkämpfe, Politik, Staat und Logiken der Kapitalakkumulation untrennbar miteinander verbunden. Der Kapitalismus ist seiner Natur nach ein Regime, dessen sukzessive Gleichgewichtsstörungen von jenseits des Marktes stattfindenden sozialen und politischen Konfrontationen herrühren. Die vulgärökonomischen Konzepte des Liberalismus – z.B. zur "Deregulierung" der Märkte – sind wirklichkeitsfremd. Die angeblich "deregulierten" Märkte werden von außerhalb des Marktes stehenden Monopolgewalten reguliert.
– Von zentraler Bedeutung ist schließlich die, wie ich sie nenne, "Unterdeterminiertheit" der Geschichte: Jedes Gesellschaftssystem (also auch der Kapitalismus) ist geschichtlich, er hat einen Anfang und ein Ende; aber die Natur des nachfolgenden Systems, das die Widersprüche seines Vorläufers überwindet, wird nicht von objektiven Gesetzen bestimmt, die wie äußere Gewalten zwingend auf die gesellschaftlichen Entscheidungen einwirken. Die dem niedergehenden System eigenen Widersprüche (hier jene des globalisierten Kapitalismus und speziell die seiner für ihn kennzeichnenden Polarisierung) können auf unterschiedliche Art überwunden werden. Das ergibt sich aus der Autonomie der Logiken, denen die unterschiedlichen Instanzen des Gesellschaftslebens folgen (Politik und Macht; Kultur; Ideologie und soziales Wertesystem als Ausdrucksform der Legitimität; Ökonomie). Diese Logiken können auf unterschiedliche Weise einander angepasst werden, um dem Gesamtsystem einen gewissen Zusammenhalt zu geben, sodass stets das Beste ebenso wie das Schlimmste möglich bleibt. Damit behält die Menschheit die Verantwortung für ihren Werdegang.

Der Kapitalismus hat die Produktivkräfte unvergleichlich schneller und stärker entwickelt als je zuvor. Aber zugleich hat er die Kluft zwischen ihrer möglichen Nutzung und ihrem tatsächlichen Gebrauch so vertieft wie kein System zuvor. Vom Stand der wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse her ließen sich heute die materiellen Probleme der ganzen Menschheit lösen. Doch nach der Logik, die das Mittel (das Profitgesetz, die Akkumulation) zum Selbstzweck erhob, wurden eine noch nie dagewesene ungeheure Vergeudung dieses Potentials betrieben und äußerst ungleiche Zugänge zu seinen Wohltaten eröffnet. Bis zum 19. Jahrhundert war der Abstand zwischen dem Entwicklungspotential, das dem Wissensstand entsprach, und dem realisierten Entwicklungsniveau unerheblich. Das ist kein Anlass zu Nostalgie: Der Kapitalismus war eine notwendige Voraussetzung für das Erreichen des heutigen Entwicklungspotentials. Aber jetzt ist seine Zeit insofern abgelaufen, als die Umsetzung seiner Logik nur noch Vergeudung und Ungleichheit produziert. Damit wird das von Marx formulierte "Gesetz der Verelendung" durch die kapitalistische Akkumulation seit zwei Jahrhunderten im Weltmaßstab von Tag zu Tag krasser bekräftigt. Kein Wunder also, dass just in dem Moment, da der Kapitalismus als Sieger auf der ganzen Linie erscheint, der "Kampf gegen die Armut" in der Rhetorik der herrschenden Apparate zur unumgänglichen Pflicht avanciert.

Solche Vergeudung und Ungleichheit bilden die Kehrseite der Medaille, den Stoff des "Schwarzbuchs des Kapitalismus". Sie haben uns daran zu erinnern, dass der Kapitalismus nur eine Parenthese in der Geschichte ist, nicht aber ihr Ende; dass er, wird er nicht überwunden durch den Aufbau eines Systems, das der weltweiten Polarisierung und der ökonomischen Entfremdung ein Ende setzt, nur zur Selbstvernichtung der Menschheit führen kann.

3. Wie wurde diese Überwindung im 20. Jahrhundert aufgefasst, und welche Lehren wären daraus zu ziehen, um die sich abzeichnende Herausforderung für das 21. Jahrhundert zu definieren? Das ist der eigentliche Gegenstand dieser Studie.

Nach dem derzeit herrschenden "Zeitgeist" war das 20. Jahrhundert seit 1917 (für die Ex-UdSSR) und 1945 (für einen Großteil der Dritten Welt und in gewissem Maße sogar für die entwickelten Zentren) katastrophal, denn die politischen Gewalten hätten mit ihrem systematischen Interventionismus der allein selig machenden, weil unabhängig von historischen Veränderungen den Erfordernissen der menschlichen Natur entsprechenden Logik des Kapitalismus zuwider gehandelt. Mit dem Abschied von diesen Illusionen und der Rückkehr zur vollständigen Erfüllung des "Marktgesetzes", das im 19. Jahrhundert geherrscht haben soll, habe die Geschichte einen Schritt nach vorn getan. Diese "Rückkehr zur Belle Epoque", die im Folgenden analysiert wird, ist Ausdruck der vom Zeitgeist inspirierten Sicht auf die Geschichte.

Meine These wird genau in die Gegenrichtung weisen. In ihrer Lesart erscheint das 20. Jahrhundert als Zeitraum eines ersten Anlaufs zur Erwiderung auf die Herausforderung der Entwicklung, genauer gesagt, der Unterentwicklung. Wenngleich ein Vulgärausdruck, bezeichnet dieses Wort doch eine Realität: den zunehmenden Kontrast zwischen Zentren und Peripherien, den die weltweite Expansion des Kapitalismus beinhaltet. Ohne die Vielfalt der zaghaften bis radikalen Erwiderungen auf diese Herausforderung unzulässig reduzieren zu wollen, behaupte ich, dass sie alle einer Perspektive des "Aufholens" folgten, d.h. an der Peripherie reproduzieren wollten, was im Zentrum realisiert worden war. Insofern stellten diese Zielsetzungen und Strategien im 20. Jahrhundert den Kapitalismus in seinem Kern – der ökonomischen Entfremdung – nicht in Frage.

Nun ist nicht zu übersehen, dass die radikalen Experimente, die aus den sozialistischen Revolutionen in Russland und China hervorgingen, in dem Willen unternommen wurden, die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse aufzuheben. Dieser Wille verlor sich jedoch nach und nach angesichts der Erfordernisse des Aufholens, die ihnen vom Erbe des peripheren Kapitalismus aufgenötigt wurden.

Das Blatt dieser mehr oder weniger radikalen Lösungsversuche für das Problem der Entwicklung ist heute umgeschlagen. Als sie an ihre historischen Grenzen stießen, vermochten sie nicht, über sich selbst hinaus zu wachsen und weiter zu gehen. Deshalb sind sie zusammengebrochen, was eine vorübergehende, aber verheerende Restauration der kapitalistischen Illusionen gestattete. Somit steht die Menschheit heute vor noch gewaltigeren Problemen als vor fünfzig oder hundert Jahren. Sie wird folglich im 21. Jahrhundert radikaler auf die Herausforderung zu erwidern haben als im 20. Jahrhundert, das heißt, sie muss energischer und konsequenter auf eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte in den Peripherien des Systems und zugleich auf die Überwindung der Gesamtlogik der kapitalistischen Steuerung der Gesellschaft abzielen, noch dazu in einer unter mehreren Aspekten neuen Welt. Natur und Tragweite dieser Aspekte werden wir noch zu präzisieren versuchen. Das 21. Jahrhundert kann kein restauriertes 19. Jahrhundert sein, es muss über das 20. Jahrhundert hinausgehen. In diesem Sinn wird die Frage der Entwicklung im 21. Jahrhundert noch stärker in den Mittelpunkt rücken als im 20. Jahrhundert.

Es wurde sicher bereits deutlich, dass unser Entwicklungskonzept kein Synonym für "Aufholen" ist. Entwicklung ist für mich ein kapitalismuskritisches Konzept. Es setzt ein anderes Gesellschaftsprojekt voraus als den Kapitalismus und definiert ein doppeltes Ziel: Befreiung der Menschheit von der ökonomischen Entfremdung; Beseitigung des Erbes der Polarisierung im Weltmaßstab. Dieses Gesellschaftsprojekt kann also nur universal sein; es muss – freilich nach und nach – Sache der ganzen Menschheit werden, in den Zentren wie in den Peripherien. Konnte das "Aufholen" eine notfalls mit Eigenmitteln, aus eigenem Willen betriebene Strategie der betroffenen Völker (der Peripherie) werden, so verlangt die Annäherung an das beschriebene Doppelziel der Entwicklung notwendigerweise die aktive, vereinte Beteiligung der Völker aller Regionen des Erdballs. Dazu nötigen obendrein die zunehmend globalen Dimensionen vieler, wenn nicht aller Probleme nachdrücklicher als je.


Inhalt:

Einleitung (Leseprobe)

I. Die politische Ökonomie des 20. Jahrhunderts

II. Werkzeuge für Analyse und Aktion

III. Die Neuformierung des Kapitalismus

IV. Der neue kollektive Imperialismus der Triade

V. Die Militarisierung des neuen kollektiven Imperialismus

VI. Der altersschwache Kapitalismus und das neue Weltchaos

VII. Grundlagen für ein nicht-amerikanisches 21. Jahrhundert

Anhänge

1. Die Herausforderungen der Moderne
2. Imaginärer Kapitalismus und real existierender Kapitalismus
3. Die destruktiven Dimensionen der kapitalistischen Akkumulation
4. Das Paradigma der Entwicklung
5. Kulturalismus, Ethnizismus, kulturelle Widerstände
6. Der politische Islam
7. Vielfalt des Erbes und Vielfalt der Zukunftsentwürfe

Literatur

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