Katharina Riege

Einem Traum verpflichtet

Hans Mahle – eine Biographie

472 Seiten | 2003
EUR 25.00 | sFr 43.60
ISBN 3-89965-038-7 1

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Kurztext: Katharina Riege erzählt die Geschichte eines kommunistischen Funktionärs. Seine Stationen hießen Hamburg, Moskau und Berlin: Bruchstellen des 20. Jahrhunderts. Allen Widrigkeiten zum Trotz glaubte er an eine "Sache", schreibt die Autorin, die immer weniger die seine war.

Wolfgang Leonhard erinnert sich: "Mahle gefiel mir vom ersten Augenblick an. Im Unterschied zu anderen Funktionären konnte er noch lachen, fröhlich sein. Neben dem Parteijargon fand er Worte, die von eigenem Denken und Fühlen zeugten. Durch seine Arbeit nicht erstarrt, menschlich nicht verkrampft, reagierte er stets spontan und blieb – wenn auch im vorgegebenen Rahmen der Parteilinie – eigener Initiative und Gedanken fähig."

Ein Mann, abenteuerlustig, individuell und den Menschen zugewandt, versucht im 20. Jahrhundert seine humanistische Überzeugung zu leben: als Kommunist – und bindet sich dabei an eine Partei. Ob im Hamburger Jugendverband oder im antifaschistischen Widerstand, ob als Agitator in den Kriegsgefangenenlagern des Ostens oder im Nationalkomitee Freies Deutschland, ob als ostdeutscher Rundfunkchef, in der Verbannung im Mecklenburgischen oder schließlich als Exponent seiner Partei im Westen der Frontstadt Berlin – die Konflikte im Leben Hans Mahles sind programmiert.

Rezensionen

Menschlich
Die Lebensgeschichte eines Kommunisten Andreas Herbst Heute stehe ich da, wo ich 1921 angefangen habe", sagte Hans Mahle zu Katharina Riege. Er berichtete der Berliner Historikerin über sein bewegtes Leben. Die Autorin begab sich auch in die Archive in Berlin und Moskau und sprach mit Zeitgenossen. Aus dem reichhaltigen Stoff wob sie eine spannungsgeladene und aufwühlende Geschichte. Diese handelt von einem Kommunisten, der die Stürme des 20. Jahrhunderts durchlebte. 1911 als Heinrich Mahlmann geboren, war er 1945 mit der "Gruppe Ulbricht" nach Berlin zurückgekehrt, wurde erster Intendant des neuen Berliner Rundfunks. Wolfgang Leonhard erzählt: "Mahle gefiel mir vom ersten Augenblick an. Im Unterschied zu anderen Funktionären konnte er noch lachen, fröhlich sein. Neben dem Parteijargon fand er Worte, die von eigenem Denken und Fühlen zeugten. Durch seine Arbeit nicht erstarrt, menschlich nicht verkrampft, reagierte er stets spontan und blieb – wenn auch im vorgegebenen Rahmen der Parteilinie – eigener Initiative und Gedanken fähig." Mahle versuchte, jeder ihm anvertrauten Aufgabe gerecht zu werden. 1932 von Hamburg nach Berlin gerufen, um die kommunistische Pionierorganisation zu reorganisieren, schickte man ihn im Oktober 1932 in das "Internationale Kinderbüro" in Moskau. Ein halbes Jahr später kehrte er zu illegaler Arbeit nach Deutschland zurück. 1935 floh er über Paris nach Prag, ein Jahr später in die Sowjetunion, arbeitete bei der Kommunistischen Jugendinternationale und erlebte die "Säuberungen". Er hörte den Widerhall der schweren Stiefel der NKWD-Leute über nächtliche Korridore. Und bangte: Vor welcher Tür werden sie Halt machen? Einer seiner engsten Weggefährten, Gabo Lewin, wurde verhaftet. Er versuchte dessen Frau zu trösten: "Es muss sich ja herausstellen, dass es sich hier um einen Irrtum handelt!" Mahle hatte Glück, "verschwand" nicht in einem Keller des NKWD. Im Juli 1943 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Nationalkomitees "Freies Deutschland" und wurde vom deutschen Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der "Moskau-Kader", wie es einst hieß, gehörte bis September 1947 dem ZK der KPD bzw. dem SED-Parteivorstand an. Im Juli 1951 wird er aber wegen angeblicher "Verletzung der revolutionären Wachsamkeit" und "Kooperation mit dem Klassenfeind" abgeschoben – ins Fernseh-Zentrallaboratorium in Berlin-Adlershof. Als dort am 17. Mai 1952 ein Brand ausbricht, wird Mahle willkürlich die Schuld zugeschoben und man schickt ihn endgültig in die Verbannung: als Verkäufer in einen Landkonsum in Mecklenburg; später wird er Werbeleiter der Konsumgenossenschaft im Kreis Schwerin. 1956 entsinnt man sich seiner wieder, er wird Chefredakteur der "Schweriner Volkszeitung". Schließlich ist es Walter Ulbricht, der ihn von dort zurückbeordert und erklärt: "Deine Aufgabe in der DDR ist beendet." Sprach’s und schickte Mahle nach West-Berlin, um in der "Frontstadt" für die SED zu werben – als Chefredakteur der "Wahrheit". Nach dem Untergang der DDR hat Mahle seine Ideale nicht preisgegeben. 1995, vier Jahre vor seinem Tod, kandidierte er für die PDS in Berlin-Steglitz. Katharina Riege ist für diese einfühlsame Biografie zu danken. (Neues Deutschland 22. /23.11.2003)

Leseprobe 1

Vorwort Erstmals stieß ich auf Dokumente aus seiner Feder im Moskauer Komintern-Archiv. Das war Ende 1994. Ich nahm daraufhin Kontakt zu dem damals noch lebenden Hans Mahle (1911-1999) auf, der vor allem als Mitglied der "Gruppe Ulbricht" bekannt geworden war. Im Laufe von zwei Jahren, in denen wir uns regelmäßig trafen, erzählte er mir seine Erinnerungen. Ungewöhnliches widerfuhr ihm. Nicht nur geographisch wurden Grenzen überschritten. Er lebte ein Leben, das Abenteuer geradezu anzog, ein Leben mit abrupten Brüchen, aber auch in einer Kontinuität, die in Kenntnis der Brüche erstaunlich anmutet. Mahles Werdegang vom Hamburger Arbeiterjungen zum kommunistischen Medienmann ist spannungsreich und einzigartig, seine Geisteshaltung aber exemplarisch für ungezählte Menschen, die sich mit Hoffnung und Kreativität an ein sozialistisches Gesellschaftsexperiment wagten und schließlich scheiterten. Taktisches Kalkül und Machtallüren waren ihm fremd. Uneigennützig versuchte er sich bietende Bewegungsräume für ein "höheres" Ziel individuell zu füllen. Menschen wie er brachten Farbe in den Alltag. Er gehörte zu jenen, die in stalinistischen Systemen gelebt haben und ihren Traum von einer humanistischen Gesellschaft trotz aller Widrigkeiten innerhalb der bestehenden Ordnung für durchsetzbar hielten. Dabei machte er Fehler, rieb sich und rieb sich manchmal zu wenig. Doch immer von neuem probierte er es. Als ich dem alten Mann in seiner Steglitzer Wohnung lauschte und mitunter die unglaublichsten Geschichten vernahm, die er mit spitzbübischem Lächeln vortrug, begann ich ihn zu mögen. Doch ein Interviewpartner gibt nie alles über seine Persönlichkeit preis. Neben dem jeweiligen Flair, neuen Sichtweiten, vertiefenden Einblicken in konkrete Lebensumstände, die sich dem Zuhörer vermitteln, wird immer auch ungenau erinnert, vergessen, verdrängt, aus einer bestimmten Interessenlage gewertet. Das hat die Historikerin zu berücksichtigen und mit ihren speziellen Methoden herauszuarbeiten. Ich habe mich bemüht, den neuralgischen Punkten des Lebens von Hans Mahle nachzuspüren, selbst dann, wenn er nicht davon sprach. Es sind die Wechselwirkungen zwischen Individuum und stalinistisch/autoritär geprägten Denkweisen sowie Strukturen, die mir bei einer Jahrhundertbiographie wie der des sympathischen, menschenzugewandten Mahle besonders auf den Nägeln brannten. Außer der selbst erinnerten Vita (Zitate Mahles aus eigenen Interviewtexten: kursiv, ohne Nachweis = Archiv der Autorin; Zitate aus anderen Entstehungszusammenhängen: kursiv, mit Nachweis) standen mir dafür eine überwältigende Anzahl z.T. noch nie eingesehener archivalischer Quellen sowie Zeitzeugen aus allen Lebensabschnitten zur Verfügung. Trotzdem lässt sich der Vorsatz, dem Leben eines Menschen gerecht zu werden, höchstens annähernd umsetzen. Immer bleiben auch Geheimnisse, und das ist gut so. Ich danke zuallererst Hans Mahle selbst für das Vertrauen, das er mir schenkte. Ich danke Helga Gotschlich, die mir stets beratend zur Seite stand und mir mit ihrem Institut für zeitgeschichtliche Jugendforschung e.V. (IzJ) den Rücken stärkte. Weiterhin bedanke ich mich bei Kollegin Ulrich von der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR beim Bundesarchiv (SAPMO), die mich über Monate vorzüglich betreute. Nach Moskau geht der Dank an Nina Sokolskaja, die mir den Zugang in die dortigen Archive erleichterte. Ich danke Kollegin Schmidt vom Landesarchiv Berlin, Kollegin Fischer vom Archiv des Konsumverbands e.G., Kollegen Wierichs als Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR und Kollegin Schacher vom Bildarchiv des Deutschen Rundfunkarchivs für Beratung und Bereitstellung von Archivalien. Zu großem Dank bin ich meinen Interviewpartnerinnen und -partnern Dietmar Ahrens, Fred Dörfel, Heinz Grünberg, Heinz Keßler, Gertrud Köhler, Gerhard Oertel, Franz Rump, Irma Gabel-Thälmann und Regina Woermann verpflichtet. Johannes Hardes aus Schwerin erteilte mir spezielle Auskünfte über den Konsumverband in Mecklenburg. Susanne Preiss, Lehrerin am John-Brinkman-Gymnasium in Güstrow, stellte mir eine Schülerarbeit zu den Vorgängen um den 17. Juni 53 in ihrer Stadt zur Verfügung. Sachdienliche Hinweise kamen von meinen Kollegen Elke Scherstjanoi, Mario Keßler und Norbert Podewin. Andreas Herbst unterstützte mit biographischen Daten, Walter Sommermann bei der Anfertigung der Register. Und schließlich half Thomas Ebisch unermüdlich aus, wenn die Computertechnik anders wollte als ihre Nutzerin. All ihnen gilt mein herzlicher Dank. Dieses Buch konnte nur fertig gestellt werden, weil zwei Töchter nicht davon lassen konnten, über Lebensmotivation und Schicksal ihrer Väter nachzudenken. Das Leben des geliebten Menschen verstehen zu wollen, bewog Regina Woermann, das Biographieprojekt ideell und materiell zu unterstützen. Die Autorin hielt trotz schwieriger Bedingungen an ihren Forschungen fest, da sie im Lebensweg Hans Mahles Parallelen zum Weg des eigenen Vaters entdeckte. Beide Männer betrachteten das Bekenntnis zum Kommunismus nicht nur als "verzeihliche Jugendsünde", sondern fanden in ihm auch ihren Lebenskompass. Beide stellten das Wort der Partei über das eigene Leben. Katharina Riege, September 2003

Inhalt:

Vorwort
Kapitel 1:
Kindheit in Hamburg (1911-1931)

Der beste Kuchen seines Lebens
Unter dem Eindruck Sowjetrusslands
In blauem Kittel mit rotem Halstuch
"Arbeiterkinder schlagen sich nicht"
"Etwas Höheres" soll er werden
Kein Augenblick des Wankens
Valentinskamp
Schulkampf
Signale aus Moskau
Kapitel 2:
Funktionär des KJVD (Dezember 1931-1935)

Ein Organisator empfiehlt sich
Im Moskauer Kinderbüro – Repräsentant auf verlorenem Posten
Illegale Rückkehr
Im Untergrund
Oberinstrukteur in Mitteldeutschland
Von Berlin-Brandenburg ins Ruhrgebiet
Umdenken
Verrat und Solidarität
Prag
Kapitel 3:
Wo Hoffnung stirbt: Moskau (1936-1941)

Reise nach Moskau
Über Sibirien zu den Nomaden bis zur Krim
Verunsicherung
Jugendredakteur am Moskauer Rundfunk
Danach war alles anders. Wirkungen des Hitler-Stalin-Paktes
Kapitel 4:
Für ein freies Deutschland (1941-1945)

Nach dem Überfall
Hass
Zug ins Ungewisse
Zwischen "verbotener Stadt" und Komintern-Zentrale
Im Kriegsgefangenenlager Nr. 99
Der "Sturmadler"
Vom Ringen um jeden Einzelnen
Ljunowo – dem Lebenstraum ganz nahe
Kommunistischer Jugendverband oder Einheitsjugend
Kader fürs Land
Kapitel 5:
Der Rundfunkpionier (1945-1952)

Mitglied der "Gruppe Ulbricht"
"Es hieß, der Rundfunk sei tolerant"
  Es begann mit den Nationalhymnen der Siegermächte
  Hoffnungsträger "Berliner Rundfunk"
  Die Zensur
"Er wurde für sie zu einer übermäßig akzeptablen Figur" (Mulin)
  Einzug der Westalliierten
  Antifaschistisch-demokratisches Radio unter Druck
  Weggelobt
Generalintendant im Kalten Krieg
  Mit demokratischen Vorsätzen
  Rundfunkstudio Grünau
  Im Stalinisierungssog
  Krieg im Äther
  Von "englischer Krankheit" und fehlender "revolutionärer Wachsamkeit"
  Kontakte ins "befreundete" Ausland
  Der Sturz
Der Fernsehaktivist
Kapitel 6:
Ungewohnte Wege übers Land (1952-1959)

Zwischenspiel
Der Mann fürs Politische
Mahles 17. Juni
Aufruhr gegen Rinderoffenställe
Am Rande der Legalität. Kommissarischer Konsum-Chef in Gera
Balanceakt an der Spitze der "Schweriner Volkszeitung"
Kapitel 7:
Im politischen Ränkespiel: Westberlin (1959-1999)

"Deine Aufgabe in der DDR ist beendet" (Ulbricht)
Eine neue Führungsmannschaft für Westberlin
Erste Schritte auf unbekanntem Terrain
Das Informationsblatt "Die Wahrheit"
Ein kapitalistisches Großunternehmen für sozialistische Propaganda entsteht
Im Umfeld der Mauer
Sackgasse
Zwischen Hoffen und Stagnation
Mit der APO
Angekommen in Westberlin
Die Ära Honecker wirft ihre Schatten
"Klarheit" gegen Selbstbetrug
"Heute stehe ich da, wo ich 1921 angefangen habe"
Anhang
Quellen- und Literaturverzeichnis
  Archivalische Quellen: Bestandsübersicht
  Literaturverzeichnis (Auswahl)
  Ungedruckte Literatur
Personenverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis

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