Alles bewältigt, nichts begriffen!
Nationalsozialismus im Unterricht
344 Seiten | 2007
EUR 15.80 | sFr 28.30
ISBN 978-3-89965-217-8
Kurztext: Der Faschismus war ein Unrechtsregime und Hitler ein Verbrecher; die Demokratie dagegen hat nicht nur nichts mit dem Faschismus gemein, sie ist ein Bollwerk gegen ihn. So etwas lernt man seit über 60 Jahren in deutschen Schulen.
- Leseprobe:
VSA_Gutte_Huisken_Alles_Bewaeltigt.pdf68 K
Aber gelernt wird heute auch, dass man immer noch »den Anfängen wehren« muss, dass mit Millionen Arbeitslosen Weimarer Verhältnisse einreißen können und dass deshalb die demokratischen Volksparteien rechtzeitig den rechtsradikalen Wählern eine politische Heimat anbieten müssen.
Das wirft Fragen auf: Ist die Demokratie nun der Hort der Freiheit und allein schon deswegen das antifaschistische System? Oder ist sie auch nur eine Form von bürgerlicher Herrschaft, die rechtsradikales Gedankengut und (neo-)faschistische Gruppierungen als politische Alternative immer wieder selbst hervorbringt? Dann aber wäre es nichts mit dem behaupteten unversöhnlichen Gegensatz zwischen Demokratie und Faschismus und alle deutschen Schulbücher hätten Unrecht.
Rolf Gutte und Freerk Huisken untersuchen ein halbes Jahrhundert antifaschistische Erziehung. Ihr Resümee lautet: "Glaubt den Schulbüchern kein Wort!"
Die Autoren:
Rolf Gutte, Dr. phil. (geb. 1926), Erziehungswissenschaftler in der Lehrerbildung. Letzte Publikation: Lehrer – ein Beruf auf dem Prüfstand, Reinbek 1994.
Freerk Huisken, Prof. Dr. phil. (geb. 1941), bis 2006 Hochschullehrer an der Uni Bremen für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Letzte Publikation: Über die Unregierbarkeit des Schulvolks. Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw. Hamburg 2007
Rezensionen
Antifaschismus - hüben und drüben
"Verordneter Antifaschismus" – so eine weithin gültige Sprachregelung, die inzwischen auch von ehemaligen Antifa-Aktivisten geteilt wird – soll in der DDR geherrscht haben. Immerhin, könnte man meinen, dann ist er wenigstens auf dem Verordnungswege in die Welt gekommen. Vielleicht besser als gar nichts? Aber mit solchen Einwänden macht man bei den neuesten Vergangenheitsbewältigern, die das DDR-Unrecht gnadenlos verfolgen und denen die ehrenwerten Abteilungen der SED-Ideologie ein besonderes Ärgernis bereiten, keine Schnitte...
Zur Abwechslung einmal eine andere Frage: Was herrschte eigentlich in der alten BRD? Gähnendes Schweigen, freiheitlich verordneter oder spontan von unten gewachsener Antifaschismus? Die Antwort ist banal: Auch wenn die Sache hier nicht unbedingt so hieß (und weniger geschätzt war), wurde doch in diese Richtung kräftig verordnet und administriert. Wer es genauer wissen will, kann in der umfassenden Untersuchung nachschlagen, die die beiden Erziehungswissenschaftler Rolf Gutte und Freerk Huisken der "antifaschistischen Erziehung", Marke BRD, gewidmet haben.
Hauptgegenstand der Analyse sind die westdeutschen Bildungsziele und -materialien, die nicht einfach dem pädagogischen Ermessen anheimgestellt sind, sondern die Grundlage abgeben, auf der der Schulunterricht sich dann ums entsprechende Geschichtsbild bemüht – nicht viel anders als in der DDR, wo sich auch die Pädagogen mit unmotivierten Schülern, vergeßlichen Zeitzeugen und hohen politischen Zielsetzungen herumschlagen mußten.
Der Titel des Buchs "Alles bewältigt, nichts begriffen!" verrät bereits das Ergebnis der Bilanz. Der systematische Durchgang der Autoren durch das gesammelte, für Schulzwecke aufbereitete Wissen über den Nationalsozialismus – gleichzeitig ein Kompendium der populären Auffassungen – führt zu einem vernichtenden Ergebnis: Antifaschistische Erziehung habe nicht die Erklärung und damit die Kritik des faschistischen Herrschaftssystems zum Ziel (gehabt), sondern das Programm "Vergangenheitsbewältigung". Unter diesem Titel habe der Verliererstaat des Zweiten Weltkriegs seine politische Moral gepflegt und als Ausweis seiner demokratischen Läuterung auf dem langen, inzwischen beendeten Weg zur "Normalisierung" nach außen und innen vorgetragen. Entsprechend dieser staatspolitischen Vorgabe sei ein Auftrag an die Pädagogik ergangen; so habe diese "nicht aufgeklärte Faschismuskritiker, sondern deutsche Nationaldemokraten hervorgebracht."
Wer eine solche Form des durchgeführten Systemvergleich ablehnt (weil er ihn schon von vornherein entschieden hat), wird das Buch natürlich als skandalös empfinden. Und der wird auch nicht durch das kritische Kapitel über die DDR ("Antifaschismus als Sozialismusersatz") zufriedengestellt. Wer sich mit der Banalität vom verordneten Geschichtsbild nicht abspeisen läßt, wird hier vielleicht einige aufschlußreiche Erkenntnisse finden.
Lothar Zurek in "Ossietzky"


