Emilija Mitrovic (Hrsg.)

Prostitution und Frauenhandel

Die Rechte von Sexarbeiterinnen stärken!
Ausbeutung und Gewalt in Europa bekämpfen!

160 Seiten | 2006 | EUR 12.80 | sFr 23.20
ISBN 3-89965-191-X 1

Titel nicht lieferbar!

 

Kurztext: Was die Boulevardpresse in einen Topf wirft – "Prostitution = Frauenhandel = Zwangsprostitution" – wird in diesem Buch differenziert und parteilich aus der Sicht der betroffenen Frauen und Männer diskutiert.


Seit 2002 gilt in Deutschland das neue Prostitutionsgesetz, welches die rechtliche und soziale Situation der freiwillig tätigen Prostituierten verbessern soll. Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung heißt es: "Die Strafvorschriften gegen die sexuelle Ausbeutung von Menschenhandelsopfern, namentlich durch so genannte Freier, sind auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu novellieren. ... Das Prostitutionsgesetz wird anhand der Begleitforschung überprüft und gegebenenfalls novelliert."

Konservative Kräfte machen deutlich, dass sie unter dem Vorwand der Bekämpfung des Frauenhandels die Rechte der Prostituierten wieder einschränken wollen.

Aus gewerkschaftlicher Sicht hat sich die arbeitsrechtliche Praxis im Bereich der sexuellen Dienstleistungen noch nicht wesentlich verändert. Eine gewerkschaftliche Organisierung von Sexarbeiterinnen kommt bislang nur vereinzelt vor. Das Gesetz ist aber ein erster wichtiger Schritt gegen die gesellschaftliche Doppelmoral. Deshalb muss das Prostitutionsgesetz in Deutschland erhalten bleiben und im Interesse der Prostituierten weiterentwickelt werden.

Wer den Menschenhandel bekämpfen will muss - neben der polizeilichen Verfolgung - Maßnahmen zum Schutz der Opfer ergreifen. Eine Verbesserung der Zeuginnenschutzprogramme ist ebenso dringend erforderlich wie der Ausbau des Netzes von Betreuungsstellen für die Opfer von Menschenhandel. Ein Bleiberecht für die Zeuginnen in Menschenhandelsprozessen, wie in Italien, sollte in der Gesetzgebung aller Länder Europas verankert werden.

Gründe genug für den ver.di Fachbereich "Besondere Dienstleistungen" und die Friedrich-Ebert-Stiftung, auf einer internationalen Konferenz Anfang Dezember 2005 in Berlin, die Situation von "Frauenhandel und Prostitution in Europa" zu bilanzieren und gewerkschaftliche Positionen abzustecken. Die zentralen Beiträge dieser Konferenz sind in diesem Buch dokumentiert.

 

Die Herausgeberin:

Emilija Mitrovic arbeitet als Dozentin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg und im Projekt Arbeitsplatz Prostitution bei ver.di.

Leseprobe 1

Vorwort

Seit vier Jahren ist in Deutschland das Prostitutionsgesetz in Kraft. Ver.di hat sich mit der international beachteten Studie und Konferenz "Arbeitsplatz Prostitution" dahingehend engagiert, dass gewerkschaftliche Aktivitäten im Bereich der Prostitution darauf abzielen, die Rechte der Frauen im Prostitutionsgewerbe zu sichern, um sie vor Ausbeutung und Gewalt in dieser Branche zu schützen. Gleichzeitig haben gesellschaftliche Initiativen und die Beschlüsse auf dem letzten Gewerkschaftstag verdeutlicht, dass ein verstärktes Bemühen im Kampf gegen den Frauenhandel und die Zwangsprostitution notwendig ist und auf der Tagesordnung steht. Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde eine Konferenzagenda konzipiert, die das, was die Boulevardpresse in einen Topf wirft "Prostitution = Frauenhandel = Zwangsprostitution" differenziert und parteilich aus der Sicht der betroffenen Frauen und Männer thematisierte. Unterstützung fanden wir bei unseren KooperationspartnerInnen aus Wissenschaft und Forschung, aus europäischen Gremien und Nicht-Regierungsorganisationen, aus politischen Initiativen und der Praxis der Hurenbewegung.[1] Mit der Veröffentlichung der Vorträge in diesem Buch möchten wir die Ergebnisse der Konferenz einem breiteren Publikum zugänglich machen. Wir bedanken uns bei den AutorInnen und allen KooperationspartnerInnen, die das Zustandekommen sowohl der Tagung als auch des Buches erst möglich gemacht haben. Hamburg und Berlin im April 2006
Emilija Mitrovic / Judith Schwethelm

[1] ASTRA, Belgrad; Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi); De roode draad, Holland; Hydra e.V., Berlin; International Commission for Labor Rights, USA; International Union of Sex Workers (IUSW), Great Britain; Kobra e.V., Hannover; Koofra e.V., Hamburg; Koordinationskreis gegen Frauenhandel (KoK), Deutschland; La Strada, Polen; TAMPEP, Italien

Leseprobe 2

Emilija Mitrovic
Die Spitze der Doppelmoral
Der gesellschaftliche Umgang mit Prostitution in Deutschland und die aktuelle Situation in Europa[1] Nach neueren Schätzungen ist der Wirtschaftsfaktor Prostitution in Deutschland durchaus beachtlich. Der Umsatz liegt bei 14,5 Mrd. Euro jährlich. Das entspricht nahezu dem Umsatz der Karstadt Quelle AG mit 15,2 Mrd. oder der MAN AG mit 15,0 Mrd. Euro.[2] Dennoch ist Prostitution – auch nach der Legalisierung im Jahr 2002 – weiterhin ein Tabuthema. Nur an wenigen Universitäten wird das es überhaupt zu Kenntnis genommen, darüber gelehrt oder geforscht. Die Bigotterie und Doppelmoral im Umgang mit Prostitution und den handelnden Subjekten, den Prostituierten, wird nicht nur in der Politik deutlich – wo Krokodilstränen über die Opfer von Frauenhandel vergossen werden, während die gleichen konservativen Kreise die Rechte für Prostituierte wieder zurückschneiden wollen. Sie ist auch im Bereich der Wissenschaften zu erkennen, wo das Thema entweder ignoriert oder immer noch im Sinne devianten Handelns von Seiten der Prostituierten stigmatisiert wird. Eine Ausnahme bildet die jüngste Forschung von Margarete Tjaden-Steinhauer, die die jahrtausend alte Geschichte der Doppelmoral im Umgang mit Prostituierten in ihrer Abhandlung über Ehe und Prostitution als institutionalisierte gesellschaftliche Gewalt gegen Frauen nachweist. Sie stellt die These auf, dass beide Institutionen Ehe und Prostitution – mehr sind als nur eine gesellschaftliche Gepflogenheit, die sich aus Absprachen von Individuen ergibt. "Bei beiden spielen verfestigte gesellschaftliche Gewaltverhältnisse eine zentrale Rolle. Sie stellen Institutionen dar, die – direkt bzw. indirekt – aus patriarchalen Verfügungsgewalten hervorgehen und die auf unterschiedliche Weise ein und demselben Zweck dienen, nämlich der gesellschaftlichen Verfügung über das generative Körpervermögen der Frauen."[3] Reine sexuelle Sinnenlust ist nach Tjaden-Steinhauer – wenn überhaupt – die Domäne der Herren. Gleichberechtigt mit ihnen auf diesem Feld zu agieren, sei Frauen in der Regel bis heute gesellschaftlich verwehrt – den Frauen in der Ehe wie denen in der Prostitution. Den Prostituierten Wollüstigkeit zuzuschreiben, sei nichts anderes als eine Verleumdung, ebenso wie die angebliche sexuelle Triebhaftigkeit ihrer Kunden vor allem ein Vorwand zur Rechtfertigung der Institution ist. Wie die Ehefrau habe die Prostituierte Herren zu dienen – und das seit Jahrtausenden. In Berufung auf J.N. Postgate (1992, 106) stellt sie für die Zeit der mesopotamischen Stadtstaaten 3.000 Jahre v.u.Z. fest, dass Prostitution vorhanden war und öffentlich zur Kenntnis genommen wurde. Im antiken Rom der Kaiserzeit (etwa 100 v.u.Z.) war das Prostitutionswesen mit 46 Bordellen weit verbreitet und staatlich autorisiert. Freie Römerinnen, die der Prostitution nachgingen, mussten sich registrieren lassen, ihnen war die Ausübung der Prostitution grundsätzlich untersagt – sie wurde aber trotzdem geduldet. Dem Staat ging es auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht darum, die Prostitution zu verbieten bzw. zu verhindern, sondern Kontrolle über die Prostituierten (nicht über die Freier) auszuüben und ihre Rechtlosigkeit zu manifestieren.[4] 1807 wurde in Hamburg eine Verordnung erlassen, die Prostitution bedingt tolerierte. Der Grundgedanke dieses Reglements war es, polizeilich konzessionierte und überwachte Bordelle zuzulassen, um der "wilden" Prostitution, die sich über weite Gebiete der Stadt ausbreitete, entgegenzuwirken. Mit der Verabschiedung des Hudwalcker Reglements von 1834 wurde die gesellschaftlich verachtete Stellung der Prostituierten manifestiert und die gesundheitliche Zwangsuntersuchung im Kampf gegen die immense Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten bis in die bürgerlichen Schichten verordnet. In 30 Paragraphen werden die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Prostituierten bis in kleinste Detail reglementiert und in § 1 einführend moralisch bewertet: "Zuvörderst sollen alle Bordellwirte, Wirtinnen und eingezeichneten Mädchen stets eingedenk sein, dass ihr an sich schändliches und verwerfliches Gewerbe nur geduldet, nicht aber erlaubt, oder gar autorisiert oder gut geheißen wird. Noch weniger dürfen sie sich beigehen lassen, zu glauben … als sei ihr Gewerbe, weil eine Abgabe von ihnen erhoben wird, mit anderen erlaubten Gewerben gleichzustellen. Sie sollen stets bedenken, dass diese Abgabe nur zur Bestreitung der notwendigen Kosten ihrer polizeilichen Beaufsichtigung und der Heilung ihrer Krankheiten erhoben wird, die sich die öffentlichen Mädchen durch ihre liederliche Lebensart selbst zuziehen." In § 23 ist festgelegt, dass die Prostituierten selbst die alleinige Verantwortung dafür tragen, wenn sie sich eine Geschlechtskrankheit zuziehen oder diese an ihre Kunden weitergeben: "Alle acht Tage, oder wenn es nötig erscheint, in noch kürzerem Zeitraum, müssen die öffentlichen Mädchen sich ärztlichen Untersuchungen unterwerfen… Kein Mädchen, welches sich an den Geschlechtsteilen krank fühlt oder seine Periode hat, darf einem Manne den Beischlaf gestatten. Ebenso wenig darf derselbe einem venerisch angesteckten oder auch nur solcher Ansteckung verdächtigten Mann erlaubt werden. Die Übertretung dieser Vorschrift zieht mindestens eine achttägige … und unter Umständen eine schwere Gefängnis- oder Zuchthausstrafe nach sich." Über die Untersuchungen wurde vom Ratschirurgen ein Buch geführt, das jedes Mädchen stets bei sich tragen und der Polizei zur Kontrolle vorweisen musste.[5] "In Deutschland nahm die Prostitution einen enormen Aufschwung mit der Industrialisierung ab 1850. Die Schätzungen über die Zahl der sich dauernd prostituierenden Frauen in Deutschland um die Jahrhundertwende lag zwischen 100.000 und 200.000."[6] Die Inanspruchnahme von Prostitution war in allen gesellschaftlichen Schichten anzutreffen, die überwiegende Mehrheit der massenhaft vom Land kommenden Prostituierten jedoch stammte aus der Unterschicht, meist aus besonders schlecht verdienenden Berufsgruppen wie Dienstmädchen, Näherinnen, Kellnerinnen, Ballettmädchen. Das Einkommen dieser Gruppen lag unter dem Existenzminimum. Dienstmädchen waren zusätzlich häufig der sexuellen Ausbeutung durch die Hausherren unterworfen. Demzufolge war das Delikt des Kindermordes weit verbreitet, zum einen weil Dienstmädchen bei Feststellung einer Schwangerschaft in der Regel vom Dienstherren gekündigt wurden, zum anderen weil eine Abtreibung zu teuer und auch oft lebensgefährlich war.[7] August Bebel beschrieb und kritisierte die Doppelmoral der "hohen Herren", die regelmäßig in den Bordellen anzutreffen waren: "Da gehen Minister, hohe Militärs, Volksvertreter, Richter usw. neben den Repräsentanten der Geburts-, Finanz-, Handels- und Industriearistokratie aus und ein, Männer, die am Tag und in der Gesellschaft als Vertreter und Wächter von Moral, Ordnung, Ehe und Familie gar würdevoll einherschreiten ... und an der Spitze der Vereine zu Unterdrückung der Prostitution stehen."[8] Für die neuere Geschichte seit Beginn des 20. Jahrhunderts finden sich viele Quellen – von Regina Schulte in ihren Buch Sperrbezirke 1979 zusammengetragen –, die eine gezielte Kriminalisierung und Stigmatisierung der Prostituierten als staatliche Strategie nachweisen. So wurde 1902 in Berlin eine Polizeivorschrift erlassen, die es den Prostituierten untersagte, eben auf den Straßen und Plätzen tätig zu werden, wo sich die Prostitution gerade am meisten ausbreitete. Dadurch wurden die Orte, an denen Prostitution stattfand, identisch mit kriminalisiertem Raum. Die Polizeivorschriften sollten der Polizei die totale Kontrolle der Prostituierten ermöglichen. Durch Individualisierung und Pathologisierung "wird es der einmal kriminell gewordenen und registrierten Frau fast unmöglich gemacht, eine Existenz außerhalb der Prostitution zu finden."[9] Schulte konstatiert: Die Prostituierte, "die immerhin die Stütze der patriarchalisch monogamen Gesellschaft sein soll"[10] wird kriminalisiert und mit ihr wird jeder, der in engem Zusammenhang zu ihr steht, sei es Pächter, Zuhälter oder Wirtschafter aus der Gesellschaft ausgegrenzt – nur der Kunde nicht. Während des Nationalsozialismus wurden Prostituierte als "gemeinschaftswidrige Elemente" und als "Volksschädlinge" verfolgt und eingesperrt bzw. interniert. Gleichzeitig jedoch versuchte der Staat sich die Dienstleistungen der Prostituierten zunutze zu machen. Der unglaubliche Höhepunkt der Doppelmoral im NS-Staat wurde mit der Einrichtung von Wehrmachtsbordellen in Frankreich und Polen deutlich. Später wurden Bordelle für Fremdarbeiter eingerichtet (dazu wurden Frauen aus den besetzten Gebieten "rekrutiert") und es wurden Bordelle für SS-Mannschaften und Bordelle in Konzentrationslagern für Funktionshäftlinge errichtet, in denen Frauen unter schlimmsten Bedingungen zu Prostitution gezwungen wurden.[11] Nach dem Zweiten Weltkrieg war Prostitution zwar nicht ausdrücklich verboten, aber sie blieb bis zum Jahre 2002 im Bürgerlichen Gesetzbuch als sittenwidrig definiert und der Prostituierten wurden auf diese Weise die bürgerlichen Rechte – wie das einklagen können des vereinbarten Lohnes – verwehrt. Durch eine Reihe von Gesetzen, die sich auf die Förderung der Prostitution sowie die Zuhälterei bezogen, wurde die Ausübung der Prostitution erschwert, behindert und in eine Grauzone zwischen Illegalität und Kriminalisierung gedrängt. Die Tätigkeit der Prostituierten verwehrte den Frauen den Zugang zu einer Kranken- und Sozialversicherung, ihr Einkommen war allerdings steuerpflichtig. Nach der langen Phase der gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung, hat die rot-grüne Regierung eine Gesetzgebung geschaffen, die auf die Gleichstellung der Prostitution mit anderen Arbeitsbereichen abzielt.[12] Das am 1.1.2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz (ProstG) regelt die zivilrechtlichen, arbeits- und sozialrechtlichen Beziehungen zwischen den Prostituierten und deren Kunden und Arbeitgebern. Zusammengefasst ergeben sich aus dem Gesetz folgende Veränderungen:   Prostituierte haben das Recht, in Ausübung ihres Berufes Sozialabgaben abzuführen und entsprechende Leistungen in Anspruch zu nehmen (Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung).   Prostituierte haben die Möglichkeit, Verträge mit ihren ArbeitgeberInnen (Bordell-, Bar- und Clubbesitzer) abzuschließen und haben somit Anspruch auf Arbeitnehmerrechte wie bezahlten Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall etc.   Der Paragraph, der die Förderung oder Begünstigung der Prostitution kriminalisiert, wurde abgeschafft. Somit wird die Bereitstellung von Kondomen und hygienischen Verbesserungen nicht mehr unter Strafe gestellt.   Ein Kunde, der den angemessenen und vorher vereinbarten Preis für die erbrachte Leistung nicht bezahlt, kann jetzt strafrechtlich verfolgt werden. Die Intention des Gesetzgebers war es, die Prostituierten auf sozialer und rechtlicher Ebene besser zu stellen. Doch das neue Gesetz zur Verbesserung der rechtlichen und sozialen Lage von Prostituierten ist ein Kompromiss, der nach langwierigen Debatten zwischen außerparlamentarischen Expertinnen aus Beratungsstellen für Prostituierte und Betroffene auf der einen Seite und den Bundestagfraktionen auf der anderen Seite gefunden wurde. Es bedeutet für die Prostituierten in Deutschland einen ersten Schritt im Sinne der Anerkennung ihrer Tätigkeit und der Garantie ihrer Rechte in sozialen und arbeitsrechtlichen Bereichen. Für MigrantInnen ohne legalen Aufenthaltstatus ist das Gesetz allerdings nicht wirksam. Migration und Sexarbeit Durch die ökonomische und politische Weltstruktur hat die Prostitution heutzutage eine globale Dimension erreicht. Auf der einen Seite nehmen wir eine Feminisierung der Armut wahr und als Konsequenz die Entscheidung vieler Frauen in der Prostitution tätig zu werden. Weltweit gehen hauptsächlich Frauen der Prostitution nach, um sich selbst und ihre Familien zu ernähren. In Brasilien z.B. sollen es eine Million Frauen sein, die von der Sexarbeit leben. Auf der anderen Seite wird von einer FrauenArbeitsMigration gesprochen. Die neuen Weltstrukturen haben massive Migrationsbewegungen verursacht, in denen Prostitution eine Tätigkeit ist, die bewusst während des Migrationsprozesses und im Gastland ausgeübt wird. Es werden heutzutage russische Frauen in Dubai angetroffen sowie Thailänderinnen in Tokio und Brasilianerinnen in Tel Aviv. Diese internationale Dimension der Prostitution ist auch Europa zu beobachten. Laut einer bundesweiten Umfrage von TAMPEP[13] in 2005, bilden in fast allen "alten" EU-Ländern MigrantInnen heutzutage die Mehrheit der gesamten SexarbeiterInnen im Lande. In Österreich und Italien sind es um die 80%. In Deutschland sind es 60%. Die Lage in der diese Frauen in der EU leben und arbeiten ist von Rechtlosigkeit geprägt. Sie ist Folge des begrenzten Zugangs zu einem legalen Migrationsprozess und zum legalen Arbeitsmarkt. Aus dem illegalisierten Aufenthaltstatus ergeben sich direkte Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Frauen:   Sie sind stärker Gewalt und gesundheitlichen Risikosituationen ausgesetzt.   Sie haben weniger Zugang zu Informationen und Beratungsstellen.   Sie verzichten aus Angst vor Abschiebung und anderen Repressalien darauf, Anzeige gegen Täter zu erstatten. Es sind die immer restriktiver und repressiver werdenden europäischen Migrationsgesetze, die bewirken, dass Frauen so genannte dritte Personen brauchen, um in den Migrationsprozess einzusteigen. Dies macht sie zu einer leichten Beute für von Abhängigkeit und Ausbeutung geprägten Verhältnissen und im schlimmsten Fall für den Frauenhandel. Diese restriktiven und repressiven Maßnahmen resultieren unter anderem daraus, dass in der EU heutzutage, Sexarbeit mit Frauenhandel, Zwangsverhältnisse mit illegaler Migration gleichgesetzt werden. SexarbeiterInnen werden lediglich als Opfer gesehen. Sexarbeit wird meistens mit der organisierten Kriminalität und dem Schutz der Grenzen zusammengebracht. Beides sollte aber getrennt behandelt werden: Ja, Frauenhandel ist eine Verletzung der Menschenrechte und soll bekämpft werden. Sexarbeit hingegen, ist Arbeit. Es ist eine Aktivität die weltweit, von Frauen, Männern, Transvestiten und Transsexuellen, in deren Heimat sowie während des Migrationsprozesses, ausgeübt wird. Prostitutionsgesetze in Europa Einige Beispiele der Gesetzgebung bezüglich Prostitution in Europa sollen die Situation dokumentieren:[14]   Finnland: Es ist illegal für SexarbeiterInnen in Gruppen zu arbeiten, da eine Frau aus dieser Gruppe als Zuhälterin angezeigt werden kann.   Frankreich: Seit März 2003 gibt es ein neues Gesetz, dass passives Werben auf der Straße strafbar macht und mit bis zu zwei Monaten Freiheitsstrafe und einem Bußgeld in Höhe von 3.750 Euro belegt.   Griechenland: Prostitution ist legal und SexarbeiterInnen müssen sich anmelden. Eine Sexarbeiterin kann aber nicht heiraten. Falls sie es tut, verliert sie ihre Lizenz.   Großbritannien: SexarbeiterInnen, die auf der Strasse arbeiten, werden verfolgt und die "anti-sozialen Verhaltensregeln" werden dazu benutzt, SexarbeiterInnen in ihrer Bewegungsfreiheit zu begrenzen.   Italien: Ein Gesetzesentwurf sieht vor Prostitution zu reglementieren, indem ihre Ausübung in der Öffentlichkeit verboten sein soll. Prostitution soll nur in privaten Gebäuden stattfinden. Wenn aber eine Sexarbeiterin und ein Freier z.B. auf der Strasse erwischt werden, können beide mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten und Bußgeldern bestraft werden.   Niederlande: Prostitution ist zwar legalisiert, doch bekommen migrierte SexarbeiterInnen als einzige Gruppe der ArbeitnehmerInnen keine Arbeitsgenehmigung, die es ihnen erlaubt, ihren Beruf legal auszuüben. Konsequenzen aus der EU-Osterweiterung Es ist für BürgerInnen der neuen EU-Staaten viel leichter geworden sich in den europäischen Ländern als Selbstständige zu etablieren. Diejenigen, die in der Sexindustrie tätig sein möchten, müssen das nicht angeben. Sie müssen sich beim Einwohnermeldeamt anmelden, bestätigen, dass sie als Selbstständige in Deutschland arbeiten möchten, über 600 Euro im Monat verdienen werden und über eine Krankenversicherung verfügen. Und sie müssen sich eine Steuernummer beim Finanzamt holen. Damit erhält die Person eine unbefristete Freizügigkeitsbescheinigung und kann selbstständig und legal arbeiten. Insofern hat die EU-Osterweiterung wesentliche Veränderungen mit sich gebracht: Die Anzahl von Frauen aus den neuen EU-Ländern in der Westlichen Sexindustrie ist enorm gestiegen. In Deutschland z.B. trifft man vermehrt Frauen aus Polen und den Baltischen Ländern an, in den Niederlanden Frauen aus Ungarn. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Frage der Quantität, sondern auch um eine der Qualität: Durch die Visumsfreiheit und die Grenznähe ist die Mobilität dieser Gruppe größer geworden.[15] Aus diesen Ausführungen ergeben sich drei Empfehlungen, die von der Europäischen Konferenz über Sexarbeit, Menschenrechte und Migration in Brüssel im Oktober 2005 erarbeitet und im Europäischen Parlament vorgetragen wurden:   Die EU sollte eine Menschenrechtsprüfung aller Richtlinien gegen Menschenhandel- und Migration integrieren, um die Rechte von migrierten SexarbeiterInnen und vom Menschenhandel betroffenen Personen zu schützen.   Um ihre Menschenrechte zu schützen, insbesondere den Anspruch auf einen Rechtsbeistand, soll die EU migrierte SexarbeiterInnen und vom Menschenhandel betroffene Personen mit angemessenen Aufenthaltsgenehmigungen ausstatten.   Migrierte SexarbeiterInnen und vom Menschenhandel betroffene Personen sollen ungeachtet ihres Aufenthaltsstatus staatliche Unterstützung bekommen, um ihre Menschenrechte schützen zu können. Diese Unterstützung schließt Unterkunft, Bildung, berufliche Ausbildung, psychosoziale Dienste und Rechtsbeihilfe mit ein.

[1] Vortrag an der Universität in Pueblo/Mexiko im Februar 2006
[2] Vgl. Aufklärung und Kritik, Erlangen, 2/2003
[3] Tjaden-Steinhauer, Margarete (2005): Gesellschaftliche Gewalt Gegen Frauen: Ehe und Prostitution, Berlin.
[4] Vgl. Mitrovic, Emilija (2004): Zum gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution in Deutschland, in: Odierna/Berendt (Hrsg.): Von den Kinderschuhen der Gemeinwesenarbeit zur sozialen Stadt, Frankfurt.
[5] Vgl. Mitrovic, Emilija (1989): Prostitution als Frauenarbeit, in: Nicht nur Galionsfigur, Hamburg.
[6] Deutelmoser/Ebert (1982) in: Jörg Berlin: Das andere Hamburg, Köln.
[7] Vgl. ebd. und Bebel, August (1879): Die Frau und der Sozialismus, Zürich-Hottingen.
[8] Bebel, August (1879): Die Frau und der Sozialismus, Zürich-Hottingen.
[9] Schulte, Regina (1979): Sperrbezirke: Tugendhaftigkeit und Prostitution in der bürgerlichen Welt, Frankfurt a.M., S. 203.
[10] Ebd., S. 47.
[11] Paul, Christa (1994): Zwangsprostitution, Berlin.
[12] Drucksache im Bundestag 14/5958
[13] Europäisches Projekt (in Deutschland von Amnesty for Women getragen)
[14] The Declaration of the Rights of Sex Workers in Europe, October 2005, Brussels, Belgium
[15] Vgl. TAMPEP (2004): Final Report Germany, Hamburg.

Leseprobe 3



Inhalt:

Vorwort (Leseprobe)
Emilija Mitrovic
Die Spitze der Doppelmoral (Leseprobe)
Der gesellschaftliche Umgang mit Prostitution in Deutschland und die aktuelle Situation in Europa
Judith Schwethelm
Prostitution als soziale Realität
Dorothea Müller
Gewerkschaften und Prostitution
Karl Hermann Tjaden
In der Verachtung, die der Prostituierten entgegengebracht wird, spiegelt sich die gesellschaftliche Verachtung gegenüber der Frau im Allgemeinen
Begünstigt das Prostitutionsgesetz in Deutschland den Frauenhandel oder trägt es zum Kampf gegen kriminelle Strukturen, Gewalt und Ausbeutung der Prostituierten bei?
Podiumsdiskussion
Bärbel Heide Uhl
Zur aktuellen Situation des Menschenhandels in Europa
Ashwini Sukthankar
Prostitution, Frauenhandel und Politik
Eine Analyse der Verflechtungen
Petra Timmerman
Prostituierte organisieren sich
Ryszard Majewski
Kommunikative Bilder
Prostitution und Frauenhandel in einzelnen europäischen Ländern
Polen: Abolitionismus (Stana Buchowska)
Modell Schweden: Strafe für Freier (Emilija Mitrovic)
Die Niederlande – Regulierung der Sexindustrie: Wer will uns da an die Wäsche? (Petra Timmerman)
Italien: Pflichten, aber keine Rechte (Pia Covre)
Vereinigtes Königreich: Sexarbeit und Gewerkschaftliches Engagement (Ana Lopez)
Serbien: Prostitution und Menschenhandel (Aleskandra Jovanovic)
Anhang
ver.di: Die Rechte von Prostituierten stärken! Frauenhandel bekämpfen!
Muster-Arbeitsvertrag im Bereich sexueller Dienstleistungen
Das "Dortmunder Modell"
The Declaration of the Rights of Sex Workers in Europe
Sex Workers in Europe – Manifesto
Recommendations of the European Conference on Sex Work, Human Rights, Labour and Migration Brussels 2005

Autorenreferenz

Stana Buchowska, La Strada (Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel), Polen Pia Covre, Comitato per i Dritti Civili delle Prostitute/TAMPEP, Italien Aleksandra Jovanovic, ASTRA (Anti-Sex-Trafficking-Action), Serbien Ana Lopes, International Union of Sexworkers (IUSW), Großbritannien Emilija Mitrovic, Projekt "Arbeitsplatz Prostitution" des ver.di-Bundesvorstandes, Dozentin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg Dorothea Müller, Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes, Leiterin des Fachbereichs "Besondere Dienstleistungen", Berlin Judith Schwethelm, Dipl.-Pol., Referentin im Referat Westliche Industrieländer der Friedrich-Ebert-Stiftung Ashwini Sukthankar, International Commission for Labor Rights, New York Petra Timmerman, Committee of the Rights of Sex Workers in Europe (ICRSE), Niederlande Karl Hermann Tjaden, Prof. Dr., Bundesvorstandsmitglied des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) Bärbel Uhl, ExpertInnenkommission der EU gegen Menschenhandel, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig

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