Falls nicht in der Lieblingsbuchhandlung, sondern bei uns direkt bestellt wird, bitte die Bestellhinweise beachten!

Alle Jahre wieder! Ihr wisst schon ...

Auch in diesem Jahr möchten wir euch in dieser Zeit zur Seite stehen. Raucht schon der Kopf bei der Auswahl des Menüs? Haben sich unerwartet viele Vegetarier*innen angekündigt oder keine/r mehr Lust auf Mousse au chocolat? Dann lohnt sich ein Blick in unsere Kleine Weltküche, ein Kochbuch, das von Alt- und Neu-Hamburger*innen liebevoll zusammengestellt wurde und worin sich garantiert Alternativen zur ollen Gans finden lassen. Gleichzeitig unterstützt mensch mit dem Kauf Flüchtlingsprojekte in Harburg.

Wie jedes Jahr empfehlen wir Bücher aus unserem Hause, an denen wir mitgearbeitet haben oder die uns besonders am Herzen liegen. Desweiteren stellen wir ein zusätzliches Präsent vor, das wir selber gerne hätten oder mit Freuden verschenken würden. Sollte die Wahl auf ein VSA: Buch fallen, denkt daran, eure Lieblingsbuchhandlung zu unterstützen. Selbstverständlich könnt ihr es auch bei uns direkt bestellen. Bestellungen bis zum 15. Dezember treffen noch rechtzeitig zum Heiligabend bei euch ein.

Hier noch ein kleiner Tipp, wenn der Bauch mit Leckereien gefüllt ist und die Bagage anfängt, nölig zu werden: Das Buch über die Filmstadt Hamburg lädt zu einem etwas anderen Stadtspaziergang ein. Auf den Spuren von Kinogeschichten, Stars, Studios und Schauplätzen kann die Elbmetropole einmal neu entdeckt werden. Und vielleicht wird die Wärme eines Kinosaals die Feiertage dann noch besonders schön abrunden.

Wir wünschen allen Freund*innen und Unterstützer*innen eine wundervolle Zeit und ein buntes Fest!

Julia Koppke [Gastbeitrag – ab 1.1.2018: Lektorat | Vertrieb & Werbung]

Die schönste Nebensache der Welt ist bekanntlich der Fußball. Wer die Nase voll hat vom Kommerzrummel rund um den Ball und dem Kapitalismus auf diese Weise ein Stück weit abschwören möchte, verschenkt vielleicht in diesem Jahr den Besuch eines Spiels im traditionsreichen Stadion an der Hamburger Griegstraße mit »Zeckenhügel« und »Meckerecke« bei Altona 93. Das Regionalliga-Team und der Verein, gerade ausgezeichnet mit dem Uwe-Seeler-Preis für seine sehr gute Arbeit im Jugend-Fußball, können Unterstützung gut gebrauchen, und neben dem normalen Spielplan gibt es auch immer wieder Leckerbissen wie Spiele gegen Teams aus der Premier League. »Ehrlicher Fußball aus Altona« statt Geldmaschine – empfehlenswert nicht nur für Hamburger und Hamburgerinnen!

Eine andere Form der Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus bietet das Buch Vom Kapital lernen. Im 150. Jahr nach dem Erscheinen des Hauptwerks von Karl Marx »Das Kapital« zeigen die Autoren die heutige Relevanz von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie auf. Marx’ Grundthese gewinnt neue Aktualität: Wenn nur die Arbeit Wert produziert, aber der Anteil der Arbeit immer weiter gegenüber der Macht von Maschinen und Großrechnern zurückgeht, dann wächst das Problem der Verfügung über den gesellschaftlichen Reichtum. Die nächste technologische Revolution lässt eine neue Welle der Arbeitslosigkeit erwarten; Millionen von Menschen machen sich auf die Wanderschaft – Demagogen nutzen die entstehende Frustration aus und schieben die Schuld auf die Globalisierung und die Einwanderung. Eine lesenswerte Beschäftigung mit Marx’ Aktualität!

Richard Detje [Lektorat | Redaktion Sozialismus | WISSENTransfer]

Von einem Jahr im Leben der Gesine Cresspahl vor nunmehr 50 Jahren, auf dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges und explosiver Erschütterungen der US-amerikanischen Gesellschaft, kulminierend u.a. in der Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy, berichtet Uwe Johnson in Jahrestage: vom 21. August 1967 bis zum Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen in Prag am 20. August 1968 – mit Rückblicken auf den Faschismus und DDR-Aufbau in Mecklenburg (und damit einen Zeitraum von 80 Jahren umfassend). Je nach »Geschmack« kann man die »Jahrestage« lesen, hören oder sehen (verfilmt in der Regie von Margarethe von Trotta). Suhrkamp hat all das im Angebot. Eine exzellente Kommentierung kann online bei der Johnson-Forschungsstelle an der Uni Rostock parallel gelesen werden.

Die Bilanz des durch die russische Revolution 1917 geprägten Jahrhunderts scheint zunächst bar jeder vorwärtsweisenden Perspektive zu sein: »Das Bewusstsein vom Eintritt in eine Periode des Interregnums, die durch den Niedergang der alten Ordnung bestimmt ist, verbindet sich nicht mit der Erfahrung des Aufschwungs neuer revolutionärer Bewegungen, die sich als sozialistisch oder kommunistisch bezeichnen.« Doch nicht Dystopie, sondern »Epochenschwelle« lautet Frank Deppes Zeitdiagnose in seinem Buch 1917 | 2017. Revolution & Gegenrevolution. Geprägt ist diese selbstverständlich durch die sich zuspitzenden Widersprüche des globalen Gegenwartskapitalismus, aber auch durch Protest- und Demokratiebewegungen, aus denen neue politische Lernprozesse einschließlich einer strategische Neuverständigung über Bedingungen und Verläufe sozialer Transformation entstehen können. Damit die neuen Kämpfe nicht in alten Kostümen und Kampfformationen ausgetragen werden, ist es wichtig zu verstehen, woran die »Leitrevolution« des Oktober 1917 so grausam-gründlich gescheitert ist. Deshalb dieses Buch zur Empfehlung (nicht ohne an das Opus Magnum des Autors: Das Politische Denken im 20. Jahrhundert zu erinnern).

Katrin Reimann [Lektorat | Vertrieb & Werbung]

Obwohl eine der wirkungsmächtigsten Ideologien des 20. Jahrhunderts, ist er kaum erforscht. Reden wir also vom ANTI!KOMMUNISMUS. Das tun, herausgegeben von der jour fixe initiative berlin, Michael Brie, Klaus Holz, Margot Kamphausen & Elfriede Müller & Krunoslav Stojakovic, Michael Koltan und Enzo Traverso. Der Antikommunismus versucht ideologisch wie praktisch die Idee des Kommunismus aus den Köpfen der Sklav*innen, Lohnarbeiter*innen, prekär Beschäftigten, Intellektuellen, Sozialhilfeempfänger*innen, Unangepassten und global »Überflüssigen« zu vertreiben. Bekämpft wird die Idee der Gestaltung von solidarischer Gesellschaft überhaupt, die Gleichheit im Allgemeinen und die Gleichheit von Geschlechtern im Besonderen. In seiner blutigen Geschichte verbündete sich der Antikommunismus nicht zuletzt mit dem Antisemitismus gegen den Klassenkampf. Wie diese unheilige Allianz sich seit dem 19. Jahrhundert zu einem der konstantesten und wirkungsmächtigsten Feindbilder synthetisierte, ist eine der Schlüsselfragen. Weitere schließen sich an: Was passiert mit einer Gesellschaft, deren jahrzehntelange kohärente Ideologie von einem auf den anderen Tag verloren geht, weil ihr Feindbild sich auflöst? Verschwindet diese Ideologie einfach oder dienen ihre Strukturelemente neuen und anderen Feindbildern, die es ermöglichen, das Regime der Angst aufrechtzuerhalten?

Funktionärinnen aus Gewerkschaften, Politik und Wissenschaft erzählen, »wie die Auseinandersetzung mit der geschlechtsspezifischen Diskriminierung in ihr Leben trat oder besser: in ihr Leben getragen wurde«, schreibt Herausgeber Jörg Meyer zum Band arbeiten & feminismus. Christiane Benner sammelte schon früh Erfahrungen mit ungerechten Bewertungssystemen, als Vorsitzende der Auszubildendenvertretung darüber hinaus mit sexualisierten Übergriffen. Als Feministin bezeichnet sich die zweite Vorsitzende der IG Metall nicht. Sie versteht sich als »frauen- und gleichberechtigungsbewegt«. Für Katja Kipping von der Linkspartei ist eine Vier-in-einem-Perspektive, die Frigga Haug 2008 vorstellte (Lohnarbeit, Reproduktion, politisches Engagement, eigene Reproduktion und Weiterbildung), »nicht zu haben, wenn Menschen acht oder zehn Stunden am Tag erwerbsarbeiten müssen«. Um kürzere Arbeitszeiten für alle Beschäftigten zu erreichen, braucht es eine breite gesellschaftliche und gewerkschaftliche Bewegung. Die in diesem Buch zu Wort kommenden Frauen – die in Positionen gelangten, die immer noch häufig von Männern bekleidet werden – kämpfen seit Jahren für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen. Der Kampf ist längst nicht vorbei – und er muss von allen Geschlechtern gemeinsam geführt werden!

Gerd Siebecke [Lektorat | Herstellung | Redaktion Sozialismus]

Realisierbare Rezepte zur Behebung von Alltagssorgen sind keine besonders ausgeprägte Stärke von Linken, die oft und gern lieber über Grundsätzliches streiten. Dass das nicht so sein muss, macht das Buch Widerstand lohnt sich! von Karl Lauschke (in Zusammenarbeit mit Peter Sörgel und Eike Hemmer) deutlich. Das Bremer Hüttenwerk der Klöckner AG ist einer der wenigen Großbetriebe, in denen ein linker Betriebsrat über Jahrzehnte die Interessen der Beschäftigten konfliktreich vertrat und zugleich dank realitätsnaher Vorschläge gemeinsam mit der Belegschaft und der IG Metall auch den Werksvorstand und den Bremer Senat für Aktionen gewinnen konnte, um den Erhalt des Werkes und seiner Arbeitsplätze zu sichern. Bürgermeister Klaus Wedemeier (SPD) z.B. wehrte sich 1993 couragiert gegen dreiste Übernahmeversuche seitens der Konzerspitzen von Thyssen & Krupp und hielt ihnen vor laufenden Kameras entgegen: »Wenn die Kollegen die Hütte besetzen, glauben Sie nicht, dass wir dann die Polizei holen, sondern wir bringen Kaffee und Kuchen.«

Da von Kaffee und Kuchen die Rede ist: Rezepte hat auch der Meisterkoch von der »Wielandshöhe« Vincent Klink wieder anzubieten – diesmal gegen Liebeskummer. Auch er empfiehlt Aktion: »Kochen zwingt uns zur Aktion, und wenn man sich schon nach jemandem verzehrt und daran vorerst nichts ändern kann, dann sollte man wenigstens etwas verzehren, das man bekommen kann. Und das vielleicht so gut schmeckt, dass man sogar neue Kräfte sammelt.« Der Überlegung, vor allem zu schlürfende Gerichte hielten eine gewisse Schmerzlinderung bereit, kann gefolgt werden. Sein ultimatives Grundrezept gegen Herzschmerz aller Art, der simple »Spezial-Reisbrei à la Vincent Klink«, ist ein leckerer Risotto der süßen Sorte: »Ah, Leute! Ich schwörs’s: Alle Malaisen, Seelenschleudertraumata und sonstige Sorgen verflüchtigen sich.« Das Rezept kann in der Tat mit Leichtigkeit Anspruch auf den Titel Weltkulturerbe erheben – und auch die anderen fünf in dem schmalen Bändchen sind selbst ohne Sorgen vorbehaltlos zu empfehlen.

Björn Radke [Redaktion Sozialismus]

Karl Marx in Hamburg ist kein Romantitel. Es ist eine Spurensuche. Denn Marx war mindestens fünf Mal in der Hansestadt – und das zu nicht ganz unwichtigen Anlässen. So weist Jürgen Bönig nach, dass nur dank Marx’ 3. Aufenthalt sein Hauptwerk »Das Kapital« überhaupt erscheinen konnte. Er brauchte einen Verleger wie Otto Meissner, der eine wichtige Rolle für die republikanische Tradition spielte. Bis heute haben es die Stadtoberen allerdings gemieden, sich zu Marx und denjenigen zu bekennen, die die Veröffentlichung dieses Jahrhundertwerks möglich gemacht haben. Vermutlich waren diese BürgerInnen unerschrockener als die heutigen. Die »Karl-Marx-Stadt Hamburg« (Abendblatt) könnte stolz darauf sein, dass hier vor 150 Jahren ein gewichtiges Buch erschienen ist, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hat. Deshalb gehört »Karl Marx in Hamburg« auf den Gabentisch.

Wer Eugen Ruges »Roman einer Familie« »In Zeiten des abnehmenden Lichts« gelesen hat, findet in Regina Scheers Machandel einen anderen Zugang zum selben Problem. Das Buch ist schon 2014 erschienen und jetzt auch als Taschenbuch erhältlich. Die Autorin spannt in ihrem beeindruckenden Roman den Bogen von den 1930er Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollten, von Erstarrung und Enttäuschung, von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 1980er Jahre und von zerplatzten Lebensträumen. Hätte schon am »Tag der deutschen Einheit« auf die Gabentische gehört!

Marion Fisch [Lektorat | Herstellung | Redaktion Sozialismus]

Ähnlich verlässlich wie die Weihnachtstage erscheinen seit mehreren Jahren neue Bücher von Gine Elsner. Hat sie in ihrem Berufsleben für eine soziale Arbeitsmedizin gestritten, so widmet sie sich nun der Geschichte ihres Fachs: »Denn nur die Erinnerung kann davor bewahren, dass ein Abgleiten in eine Medizin, die wie die NS-Medizin alles Soziale zunichtemacht, erneut geschieht.« Das ist auch die Maxime ihres neuesten Werkes über drei jüdische Sozialhygieniker aus Frankfurt am Main, Ludwig Ascher, Wilhelm Hanauer und Ernst Simonson: Verfolgt, vertrieben und vergessen. Zugleich ist ein solches Geschenk ein gehaltvoller Einstieg in das 50jährige Wiederkehren von »1968«, denn, wie Norbert Jachertz über die Autorin schrieb: »Tatsächlich hat sie viel von einer typischen 68erin, nicht nur das Geburtsdatum, Jahrgang 1943, sondern auch die Einstellung, mit der die 68er über Jahre das politische Klima in Westdeutschland beeinflusst haben: das ›Hinterfragen‹, das Infragestellen von Autoritäten, das Graben in brauner Vergangenheit.«

Wie sich »Länder und Nationen und Gemeinschaften an ihre Vergangenheit erinnern und dabei unangenehme Erinnerungen oft vergraben« – das ist wiederum das Thema eines Autors, der mir ohne die Auszeichnung mit dem höchsten Literaturpreis in diesem Herbst womöglich unbekannt geblieben wäre. Nun habe ich von ihm bislang nur den Roman Was vom Tage übrig blieb kennengelernt, empfehle ihn aber gerne weiter. Kazuo Ishiguros (besonders im englischen Original mit Genuss zu lesende) Geschichte eines Butlers beginnt als etwas verschroben wirkender Einblick in den südenglischen Landadel, führt unversehens in die Untiefen britischer Appeasementpolitik zwischen den Weltkriegen und entfaltet noch dazu die Tragik einer Erzählerfigur, die über der Loyalität zum Dienstherrn das eigene Leben vergisst… Oder wie es der Guardian sagt: »In unserem digitalen Zeitalter erinnert der Nobelpreis für Kazuo Ishiguro daran, dass es immer noch Romane sind, in denen die größten Fragen gestellt werden.«

Joachim Bischoff [Lektorat | Redaktion Sozialismus]

Biographien und Interpretationen zu Marx sind zahlreich und es kommen immer neu hinzu. Auch im Jubiläumsjahr nimmt diese Flut kein Ende. Thomas Steinfeld, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Italien, hat Karl Marx vor dessen 200. Geburtstag (am 5. Mai 2018) noch einmal gelesen. Der Herr der Gespenster setzt sich in Form kurzer Essays mit den »Gedanken des Karl Marx« auseinander. »Der Untertitel des ›Kapitals‹ lautet ›Kritik der politischen Ökonomie‹, und das Buch ist auch so gemeint: als grundsätzliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen, die durch die Ökonomie bestimmt werden. ›Politische Ökonomie‹ bedeutet, dass die Wirtschaft als etwas Gewolltes und mit staatlicher Macht durchgesetztes zu begreifen sei. Diese Sichtweise ist das Gegenteil einer Wirtschaftswissenschaft, die sich vor allem mit der Beschreibung und Analyse vorhandener Verhältnisse beschäftigt, ohne nach Ursachen und Zusammenhängen zu fragen, und so als ›Glaubenslehre unserer Tage‹ erscheint.« Bei Steinfeld ist daher von Ware, Geld und Kapital sowie von der Mystifikation und Entfremdung gesellschaftlicher Verhältnisse die Rede. Ich teile die vorgestellte Interpretation vielfach nicht, trotzdem hebt sich diese Sammlung von Essays deutlich von der sonstigen Flut ab. Das Studium der Schriften von Karl Marx kann sie nicht ersetzen und gegen das Übermaß an Sekundärliteratur hilft nur, zu den Originalschriften zurückzugehen und selbst zu denken.

Wer das Marx’sche ökonomische Denken begreifen will, muss also »Das Kapital« studieren. Aber schon der von ihm selbst publizierte Band, erst recht die Manuskript gebliebenen Teile bieten den LeserInnen keine leichte Kost. Marx wollte den ersten Band umarbeiten. Welches Resultat das gebracht hätte, weiß niemand und es kann auch nicht im Nachhinein »rekonstruiert« werden. Es gibt allenfalls die zweite deutsche und die französische Ausgabe, in der Marx »manches Neue zugesetzt und vieles wesentlich besser dargestellt« hatte. Was Marx nicht mehr schaffen konnte, hat nun Thomas Kuczynski in der von ihm herausgegebenen Neuen Textausgabe des Ersten Bands von Das Kapital übernommen. Sie basiert auf dem Vergleich aller von Marx und Engels edierten Ausgaben und Übersetzungen. Der Vorzug der Ausgabe ist ihre Lesefreundlichkeit, weil am Text Interessierte beim Studium nicht durch früher notwendiges Nachschlagen im Anhang aufgehalten werden.

Bernhard Müller [Lektorat | Buchhaltung | Redaktion Sozialismus]

Die Mord- und Attentatsserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) an Menschen vor allem türkischer und griechischer Herkunft hält die Republik in Atem. Wird mit dem Abschluss des Prozesses gegen Beate Zschäpe und andere Rechtsfrieden einkehren? Und die jahrelange Verwandlung der Opfer-Familien in Kriminelle gesühnt? Realistisch ist dies nicht. Denn die Ergebnisse aller Untersuchungsausschüsse machen deutlich, dass es sich nicht um isolierte Täter handelt. Sondern – so Hajo Funke in seinem hochaktuellen Buch Sicherheitsrisiko Verfassungsschutz – das »NSU-Trio« war Teil eines neonazistischen Netzwerks in Deutschland – mit teils aktiver Beteiligung von V-Leuten, dem Geheimdienst und zu einem geringen Teil auch der Polizei. Funke zeigt zudem, dass diese Form von Staatsversagen hierzulande eine unzureichend aufgeklärte Geschichte hat – von der Ermordung Siegfried ­Bubacks im April 1977, über das Oktoberfestattentat 1980 und die Mordserie des NSU bis hin zum Attentat von Anis Amri am 19. Dezember 2016 auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Daraus folgt seine Forderung nach Konsequenzen: Umbau der Sicherheitsarchitektur und Auflösung des Inlandsgeheimdienstes und nicht zuletzt seiner V-Leute, um Schaden am Sicherheitswohl der Bürgerinnen und Bürger – und nicht nur am Staatswohl oder an der Staatsräson – abzuwenden.

Kritisch blickt auch die Schriftstellerin Arundhati Roy auf ihre, die indische Gesellschaft. Nach ihrem 1997 veröffentlichten ersten Roman »Der Gott der kleinen Dinge« erschien jetzt Das Ministerium des äußersten Glücks. Sie greift darin Themen auf, mit denen sie sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten als politische Aktivistin, Essayistin und Globalisierungskritikerin auseinandergesetzt hat: die Rolle Indiens im Kaschmir-Konflikt, Menschenrechtsverletzungen und die Brutalität des Kastenwesens, Umweltverschmutzung und entfesselter Kapitalismus, die tägliche Gewalt gegen Christen, Moslems und »Unberührbare«, die ein zunehmend fanatischer Hinduismus entfacht. In dem gut 500 Seiten umfassenden Roman lässt die Autorin einen Reigen erstaunlicher Protagonisten auftreten, die sie nüchtern und in all ihrer Widersprüchlichkeit, aber immer liebevoll und mit feinem Humor schildert. Es entsteht ein Kaleidoskop des zeitgenössischen indischen Alltags. Kunstvoll verknüpft sie verschiedene Erzählstränge. Manche Wege ihrer Figuren kreuzen sich im Vorbeigehen, andere verbinden sich auf überraschende Weise zu einem neuen Ganzen. Die Grundmelodie ist nüchtern, wechselt gelegentlich ins märchenhafte und schildert in farbiger Sprache die bittersten Schicksale und den gnadenlosen Kampf im Kaschmir. Der Roman ist keine leichte Kost, die Vielzahl der Charaktere ist manchmal verwirrend, ihre Motive bleiben oft lange verborgen. Dennoch ist er gut zu lesen, verliert seine Spannung nicht und bietet eine Zuammenschau der politischen Entwicklung in den letzten 20 Jahren aus indischer Sicht.

Klaus Schneider [Lektorat | Buchhaltung | Redaktion Sozialismus]

Meine Laufbahn als Kaffeetrinker hat eigentlich erst hier im Verlag begonnen. Mit der Zeit steigen selbstverständlich auch die Ansprüche und irgendwann können dann auch Geschmacksnuancen unterschieden werden, soll heißen: Man weiß Qualität zu schätzen (ebenso wie fairen und ökologischen Handel!). Deshalb empfehle ich als Geschenktipp in diesem Jahr die Eigenröstungen von el rojito, einem in Hamburg ansässigen Verein, der seit mittlerweile 30 Jahren solidarisch und fair Handel mit Kaffee betreibt. Der Verein arbeitet gemeinsam mit den Kleinproduzent_innen und Kooperativen zusammen, die die Kleinbauern in Lateinamerika organisieren. Die in drei verschiedenen Röstgraden behandelte Eigenröstung entfaltet einen ausagesprochen bekömmlichen Geschmack. Dass dieser mit einer tollen Vereinsphilosophie einhergeht, macht das ganze Paket natürlich dann perfekt. Der Verein bringt es auf seiner Website schön auf den Punkt: »Wir wollen also mit unserem Kaffeehandel keine Entwicklungshilfe betreiben, sondern wir wollen mit dem Handel nichts weniger als den Kapitalismus überwinden.«

Unsere Zeiten sind sichtbar geprägt von Populisten und der Verbreitung von massenhaften Fake News. Komplizierte Sachverhalte werden auf bierdeckelgroße Vereinfachungen reduziert, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun haben. Umso mehr fühlen sich die »Qualitätsblätter« berufen, sich der Aufklärung zu verpflichten und den Diskurs zu versachlichen. Und hier kommt Benedikt Martinis Buch Manipulation oder Information? ins Spiel, das dem Kommunikationsdesign eine Rolle zuschanzen möchte, die sich der Aufklärung und Aufrüttelung der Gesellschaft verpflichtet fühlt – fernab von Werbung, glitzernder Warenwelt und verkaufsförderlicher PR. Martini gibt einen kurzweiligen Einstieg in die Welt des Kommunikationsdesigns und gibt anschaulich die Methoden der massenmedialen und gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit wieder. Besonders schön: Am Ende zeigt der Autor praktische Beispiele für ein allgemein verständliches Grafikdesign, das ökonomische Mythen dekonstruiert und einen Rahmen für aufgeklärte Diskurse schafft, die abseits eingeschliffener Wahrnehmungs- und Deutungsschablonen funktionieren. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit.

Christoph Lieber [Redaktion Sozialismus]

Die russische Revolution von 1917 blieb eine »unvollendete«, wie einer ihrer besten Historiker, Isaac Deutscher, anlässlich ihres 50. Jahrestages schrieb. Auch 100 Jahre nach der Oktoberrevolution steht die Frage noch immer, warum sie unvollendet blieb. Darauf gibt Bini Adamczak in ihrem neuesten Buch Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman eine originelle Antwort. Adamczak ist eine der wenigen, die sich der Herausforderung von Eventualgeschichte stellt: »Revolutionen sind Öffnungen der Geschichte« – und die Bolschewiki haben drei mögliche Auswege aus den Sackgassen der Oktoberrevolution nicht genutzt: Die Fixierung auf die Weltrevolution als (Selbst-)Zweck führte zu verhängnisvollen Unaufmerksamkeiten gegenüber den Mitteln der eigenen russischen Revolution; in der Agrarfrage wäre ein »konstruktiver Sozialismus« möglich gewesen, der bestehende gemeinschaftliche Strukturen nicht zerschlägt, sondern emanzipatorisch transformiert; schließlich: »Ein Bündnis von Anarchistinnen, Linken Sozialrevolutionärinnen und gemäßigten Bolschewiki, in das auch Rechte Sozialrevolutionäre sowie Menschewiki wie Bundistinnen eingebunden worden wären, hätte den Bürgerkrieg abschwächen und die Revolution der Räte gegen den leninistischen Autoritarismus retten können.« Eine emanzipatorische Linke heute ist aufgefordert, eine Politik der Verbindung, der Verknüpfung und der Versammlung zu stärken.

Unvollendet blieb auch Karl Marx’ Hauptwerk »Das Kapital«. So dominierte dessen »artistisches Ganzes« die Rezeptionsgeschichte und rückte die Formen der Mehrwertproduktion und der Kapitalakkumulation ins Zentrum. Aber wie Marx schon im Vorwort hervorhob, ist der Kapitalismus ein höchst wandlungsfähiger und flexibler Organismus und die Revolutionierung der Kritik der politischen Ökonomie besteht gerade darin, das komplexe innere Bewegungsgesetz des gesamten gesellschaftlichen Organismus zu enthüllen. Das erfordert, auch die Kehrseite der Produktion, die Verteilung der Einkommen und die Ausdifferenzierung des Mehrwerts in Profit, Zins und Grundrente sowie ihre Auswirkungen auf die Klassenstrukturen zu entschlüsseln. Dazu liefert Stephan Krüger in Soziale Ungleichheit – dem 5. Band seiner »Kritik der politischen Ökonomie und Kapitalismusanalyse«einen unverzichtbaren Baustein: mit der Analyse marktbestimmter Umverteilungen über den Kredit und privater Vermögensbildung sowie politisch bestimmter Umverteilungsprozesse über den Sozialstaat; mit der Untersuchung des Einflusses von Grundrente und Immobilienpreisen sowie schließlich mit einer Präzisierung der Klassen- und Sozialstruktur im Gegenwartskapitalismus.

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